Gründung der Universität

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Eine richtige Universität gibt es in Hamburg erst seit 1919. Bis dahin hatte sich Hamburg die Kosten einer solchen Bildungsstätte stets ersparen können. Es gab immer wieder Institutionen, die Vorstufen einer Universität darstellten, beispielsweise das akademische Gymnasium, das im 17. Jahrhundert gegründet worden war, oder das Johanneum, das als Elite-Gymnasium auf die höheren Unterrichtsstätten vorbereitete, doch leisteten sie nicht im mindesten das, was andere Städte (z.B. Rostock, Göttingen oder Tübingen) anzubieten hatten.

Das Kolonialinstitut

1908 gab es die erste Verbesserung. Wie schon andere europäische Länder, so wollte auch Deutschland die Welt mit Kolonien beglücken und strebte mit Macht danach, jedes freie, noch nicht besetzte Stück Land als deutsche Kolonie zu brandmarken. Das „Reichskolonialinstitut" sah es mit fortschreitender Entwicklung für notwendig an, die in den Kolonien eingesetzten Beamten und Zivilisten mit entsprechendem Wissen auszustatten und regte die Gründung eines eigenen „Kolonialinstituts" an. Man unterrichtete Völkerkunde, ausländisches Recht, vermittelte Sprachkenntnisse, landwirtschaftliches Grundwissen oder geologisch-geographische Orientierungshilfen.

Hamburg, als Hafenstadt im direktesten Kontakt nach Übersee, besaß eine Anzahl unabhängiger wissenschaftlicher Anstalten, die als Zuträger des Kolonialinstituts dienen konnten. Mit dem Hamburgischen Gesetz vom 6. April 1908 wurde die Errichtung dieses Instituts beschlossen. Zwar waren in erster Linie die wissenschaftlichen Institute gefordert, die im direkten überseeischen Bezug standen (Museum für Völkerkunde, Mineralisch-Geologisches Institut, Zoologisches Museum, Institut für angewandte Botanik und das Institut für Schiffs- und Tropenkrankheiten), doch war auch die Sternwarte gefragt.


Übungen zur Routenaufnahme in der Umgebung der Sternwarte im Rahmen der Vorlesungen K. Graffs am Kolonialinstitut

Besonders den frisch zu entsendenden Erkundungsexpeditionen fehlte es an ausreichenden Orientierungskenntnissen. Aus Mangel an Karten standen Kolonialbeamte, Kaufleute, Pflanzer und nicht zu vergessen das Militär, im weiten Ostafrika mitunter recht einsam da, und die „Wilden" antworteten nicht. Anfangs Schorr und dann auch Graff hielten deshalb regelmäßige Vorlesungen zur Astronavigation ab und ließen Übungen zur Routensuche durchführen. Zum Lernen des Umgangs mit Sextanten, Kompaß und anderen Hilfsmitteln wurden die Studenten mehrfach in die Umgebung der Sternwarte geschickt. Dort wurden Kirchtürme gepeilt, Schritte gezählt und Routenpläne angefertigt. Unbekanntes Terrain wurde auf dem Priwall in Lübeck-Travemünde erkundet.

Gelegentlich kam es auch vor, so bei der „Ostafrika-Expedition der Hamburger Geographischen Gesellschaft", daß deren afrikanische Meßergebnisse zu Graff nach Hamburg geschickt wurden, damit der brauchbare Koordinaten daraus ableitete.

Initiative für eine Hamburgische Universität

Schon vor der Errichtung des Kolonialinstituts gab es Gespräche zur Planung einer Hamburger Universität. So im Februar 1903 als Schorr zu einem solchen Treffen in die Patriotische Gesellschaft gebeten wurde. Während man die Entwicklung des Kolonialinstituts abwartete, ruhten die Universitätspläne weitestgehend. 1910 wurden sie wieder aktiviert, da die Wissenschaft in Hamburg doch zu einseitig gelehrt wurde. Bei der Bewilligung neuer Professoren für das Kolonialinstitut formulierte die Bürgerschaft den Wunsch, „daß das Kolonialinstitut, mit dem Vorlesungswesen verbunden, zu einer selbständigen Anstalt ausgebildet werde". Die Oberschulbehörde befragte deshalb auch die Sternwarte erneut, wie sie sich die Beteiligung an einer Universität vorstellen könnte. Nach Schorrs Ansicht bestanden kaum nennenswerte Hinderungsgründe. Im Einzelnen empfahl er:

1) Ich selbst übernehme als Ordinarius die Hauptvorlesungen über sphärische, praktische und theoretische Astronomie und Instrumentenkunde.

2) Der Observator der Sternwarte, Dr. Schwassmann, würde zum ausserordentlichen Professor ernannt, und würde die Vorlesung über Astrophysik übernehmen.

3) Die Observatoren Dr. Graff und Dr. Dolberg würden als Privatdozenten zugelassen und erhielten je einen Lehrauftrag; der erstere für Geographische Ortsbestimmungen und Vermessungskunde (hauptsächlich für die Übungen bei der kolonialen Fakultät), der letztere für theoretische Astronomie und Mechanik des Himmels."

Wenn man ihm darüberhinaus noch eine Entlastung beim Sternwarten-Verwaltungsgeschäft, per Direktionsassistent, zugestehen würde, sei die Sternwarte zufrieden. Diese allerdings wollte die Oberschulbehörde nicht zugestehen, was harsche Reaktionen Schorrs zur Folge hatte.

Dennoch konnte die Oberschulbehörde im Mai 1911 eine „Denkschrift betreffend weiteren Ausbau des Kolonialinstituts und des Allgemeinen Vorlesungswesens zu einer selbständigen Anstalt" vorlegen. Sie erwartete, daß zur Debatte vor der Bürgerschaft auch eine Stellungnahme der Professoren, vertreten durch den „Professorenkonvent der wissenschaftlichen Anstalten" und den „Professorenrat des Hamburgischen Kolonialinstituts" vorzuliegen habe. Die beiden jeweiligen Vorsitzenden (Marcks und Rathgen) hatten bei der Erstellung der Erwiderung jedoch schwerlich die Sternwarte im Kopf, wollten eher
etwas pathetisch die Situation der Forschungsbetriebe überzeichnen, um den Schaffungsdruck für eine Universität zu erhöhen.

Die in ihren Anfängen von Privaten geschaffenen Wissenschaftlichen Anstalten als ältester in Betracht kommender Bestandteil sind aus praktischen Aufgaben herausgewachsen und haben sich zu Forschungsinstituten entwickelt. Allein es fehlt ihnen an Möglichkeiten, die Ergebnisse ihrer Arbeit zur Kenntnis zu bringen....

Die Wissenschaftlichen Anstalten bedürfen also zu ihrer vollen Wirksamkeit einer ausgedehnten eigenen Unterrichtstätigkeit....

Die Schaffung des Kolonialinstituts ist von grundsätzlicher Bedeutung für die weitere Entwicklung der Wissenschaftlichen Anstalten gewesen...

Es handelt sich um die dauernde Erhaltung oder den Untergang der bisher geschaffenen Einrichtungen."

So hatte Schorr die Sternwarte noch nie betrachtet. Sie hatte ja auch gerade erst in Bergedorf das neue großzügige Gelände bezogen und begann zum kraftvollen astronomischen Aufschwung anzusetzen. Und die Professoren-Erklärung behauptete, nur die paar Stunden Orientierungslauf um die Sternwarte und einige Vorlesungsstunden an einer neuen Universität könnten das Institut noch retten. Dies mochte für einige andere Hamburger Institute wohl stimmen, aber für die Sternwarte?

Ich sehe mich gezwungen gegen solche Ausführungen Protest zu erheben."

Schorr war böse!

Was die Sternwarte im besonderen betrifft, so ist für sie die ... gegebene Darstellung ihrer Stellung und Entwicklung in der Vergangenheit und Gegenwart unrichtig und, soweit sich die Prophezeihung auf die Zukunft bezieht, ist sie, ich muß es aus voller Überzeugung sagen, erst recht unzutreffend. ...

Jetzt, wo alle Bedingungen für eine dauernde erfolgreiche wissenschaftliche Forschung auf allen Hauptgebieten der astronomischen Wissenschaft gegeben sind, da soll das Prognostikon für unsere Anstalt lauten:

sie ist auf die Dauer nicht lebensfähig, sie ist dem Untergang geweiht, wenn jetzt die beantragte Universität in Hamburg nicht errichtet wird.

Nein, das können Sie von mir nicht verlangen, dass ich einen solchen (Entwurf) teile oder gar vertrete. Ich muß daher eine Beteiligung meinerseits an der vorliegenden Erklärung ablehnen."

Die „Universitätsfrage" war also voll entbrannt.

In dieser Situation faßte ein Aufsatz des Hamburger Professors Passarge die Diskussion mit schlagkräftigen Argumenten zusammen.

Passarge stellte 5 einfache Fragen:

1. Ist das Öffentliche Vorlesungswesen reformbedürftig? Hierauf kann die Antwort nur lauten: Nein. Die Vorlesungen sind zahlreich - fast zu zahlreich, - besucht und befriedigen in hohem Maße die Bedürfnisse der Hamburger.

2. Ist das Kolonialinstitut reformbedürftig? Die Antwort lautet kurz und bündig: Ja. Die Zahl der Hörer steht in keinem Verhältnis zu dem Aufwand an Lehrmitteln. Die Scharen der Kaufleute sind ausgeblieben, die wenigen Beamten, die das Reichskolonialinstitut entsendet, sind der Grundstock; nach ihren Bedürfnissen richtet sich der ganze Unterricht. Das sind unhaltbare Zustände.

3. Sind die wissenschaftlichen Anstalten lebensfähige Gebilde? Wenn man darunter die Sternwarte, das Zoologische, Botanische, Mineralogisch-geologische Institut, das Museum für Völkerkunde und Hamburgische Geschichte, das chemische und physikalische Staatslaboratorium, sowie das Tropenhygienische Institut versteht, so muß die Antwort unbedingt Ja lauten. Sie haben, um sich entwickeln zu können, weder das Kolonialinstitut, noch das Öffentliche Vorlesungswesen, noch eine Universität notwendig. Es sind bereits Forschungsinstitute.

4. Sind die Seminare lebensfähige Gebilde? Die Frage kann nicht ohne weiteres mit ja oder nein beantwortet werden. ...

5. Die Unzufriedenheit der Professoren ist eine nicht wegzuleugnende Tatsache und für das wissenschaftliche Leben Hamburgs eine Gefahr. ...

Fassen wir die Ergebnisse kurz zusammen!

Reorganisation hat notwendig das Kolonialinstitut und wünschenswert ist die Beseitigung der berechtigten Klagen der Professoren. Beides hat aber zu erfolgen in der Weise, daß die Bedürfnisse Hamburgs, sodann aber auch die Interessen unseres ganzen deutschen Vaterlandes in erster Linie zu berücksichtigen sind."

Passarges Ergebnis lautete: Es sollte eine Universität gegründet werden, die einerseits ein breites Ausbildungsangebot bereitstellte (die Interessen Hamburgs) und andererseits die Kolonialisierungsabsichten des Deutschen Reiches berücksichtigte. Ferner sollten die bereits existierenden und wissenschaftlich produktiven Forschungsinstitute, wie die Sternwarte, zwar in das Lehrangebot integriert werden, der eigenständige Status sollte aber nicht verloren gehen.


Titelseite der Schrift Prof. Passarges zur „Universitätsfrage", Juni 1913

Diese Reformpläne des Hamburgischen höheren Unterrichtswesens fand anfangs genausoviel Pro- als auch Kontrastimmen. Die Hamburger Handelskammer wandte sich als eine der ersten Organisationen gegen diese Pläne. Es lägen keine Bedürfnisse vor, und eine Universität sei mit den „Eigenarten Hamburgs nicht vereinbar". Die Hauptgründe der Ablehnung waren allerdings die für Hamburg typischen Ablehnungsgründe: Es entstünden zu hohe Kosten, und das Leitmotiv des Kolonialinstituts, Ausbildung für Kaufleute und Kolonialisierungsbeamte anzubieten (sprich Absatzmärkte und Rohstoffquellen erschließen) könnte bei einer Universität „verkümmern".

Mit diesen Gegenpositionen setzten auch die Diskussionen vor der Hamburger Bürgerschaft im Oktober 1913 ein. Wie schon bei der Gründung der Sternwarte war ein leidenschaftlicher Verfechter der Universitätsidee der Senator v. Melle. Und wie schon damals setzte entschiedener Widerstand bei den Abgeordneten ein. An die Spitze setzte sich der Senatspräsident des Hanseatischen Oberlandesgerichts, Dr. Dücker, dessen Einwendung von mehreren Abgeordneten, u.a. der SPD, unterstützt wurde.

Hamburg wird eine Universität auch mit ideellen Werten bezahlen müssen. Es handelt sich um die Errichtung eines dem Einfluß des Bürgertums entzogenen Sonderorganismus, der mit werbender Kraft das allgemeine Interesse von den besonderen Aufgaben Hamburgs abziehen, fortgesetzte Mittel für sich beanspruchen wird, die für die Erfüllung dieser Aufgaben nötiger wären, und auch den Drang der begabtesten Jugend zur Mitarbeit an dieser Aufgabe ablenken wird. ...

Es ist weit besser, wenn unsere begabte Jugend im freien Wettbewerb der Kräfte regt, um Deutschlands Größe über See zu stärken und durch eigenen Wohlstand des Landes zu heben, als wenn sie im Übermaß sich an die Wissenschaft drängt und in ihrem Dienst verkümmert, weil materielle Sorgen sie bedrücken."

Die Diskussion um die Universität zog sich auch über die Kriegsjahre des ersten Weltkrieges hin.

Im Januar 1916 lag schließlich eine Fassung zur Vereinigung des Kolonialinstituts mit dem „allgemeinen Vorlesungswesen" vor.

Wesentlichster Punkt, der die Sternwarte betraf, war

§ 10

Die Wissenschaftlichen Anstalten und Seminare gehören in ihrer Lehr- und Forschungstätigkeit zur Hochschule.

Bemerkung zu § 10

Die Mitglieder des Professorenrates haben alle wissenschaftlichen Anstalten und Seminare als zu ihrer Gemeinschaft gehörig anzusehen. Sie sind berechtigt, sie nach Vereinbarung mit dem Direktor zu wissenschaftlichen Zwecken zu benutzen

Damit wäre es, kaum daß die neue Sternwarte in Bergedorf entstanden war, mit ihrer Selbständigkeit vorbei gewesen. Das konnte Schorr nicht akzeptieren. Er ließ dem Professoren-Konvent folgende Erklärung für das Protokoll zukommen:

Schorr erklärt, dass er gegen die Vorlage stimme, da er nach wie vor der Ansicht sei, dass die Neuordnung in der beabsichtigten Form nicht zu einer wirklich gedeihlichen Entwicklung der hiesigen wissenschaftlichen Einrichtung führen werde, umsomehr als das Kolonialinstitut, für welches nach dem Kriege ganz neue Aufgaben und eine gute Entwicklung zu erwarten seien, durch die Vorlage vernichtet werden."

So wurde Schorr langsam aber sicher zum Gegner einer neuen Universität. Er, wie viele andere, waren der Meinung, nach dem Friedensschluß würde Deutschland mit neuen Kolonien aus dem Krieg gestärkt hervorgehen. Dann gäbe es neue Anforderungen im verstärktem Umfang an das Kolonialinstitut, und dieses wiederum täte auch dem Hamburgischen Wissenschaftsbetrieb gut. Die wissenschaftlichen Anstalten in Hamburg sollten nach Schorrs Meinung neben dem Kolonialinstitut zu einem lockeren Wissenschaftsverbund zusammengefaßt werden. In einem Brief an Prof. Ludolf Bauer in Eppendorf, der 1917 einen ähnlichen Aufruf an die Hamburgische Gelehrtenschaft veröffentlichte, schrieb Schorr:

Ich möchte das Niveau, der hier zu schaffenden wissenschaftlichen Organisationen wesentlich höher stellen: freie wissenschaftliche Tätigkeit, ungebunden von allen einschränkenden und zeitraubenden Verpflichtungen soll ihre Aufgabe sein. Also ähnlich so, wie bei den Forschungs-Instituten der Kaiser-Wilhelm Gesellschaft20, nur mit dem Unterschiede, dass eben geringere Mittel zur Verfügung stehen."

Da kaum noch die notwendige Unterstützung für eine Universitätsgründung zu bekommen war, wenn schon die Professorenschaft im großen Maße dagegen arbeitete, war die absehbare Folge die Ablehnung der Senatsvorlage in der Bürgerschaft.

Doch die Diskussion um eine Novellierung des Hochschulwesens in Hamburg war dadurch keineswegs beendet. Bereits im Juni 1917 wurde ein neuer Ausschuß eingesetzt. Die Leitsätze dieses Beirates waren zwar moderater gegenüber den wissenschaftlichen Forschungsanstalten formuliert und die Universität wurde als Lösung verworfen, doch nach Schorrs Geschmack waren auch diese Forderungen nicht. Er wollte seine Hamburgische Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Daran änderten auch Gutachten wie die eines Juristen aus Leipzig nichts, der in der Universität eine über Jahrhunderte herausgebildete Kulturerrungenschaft sah, „die wir uns nicht durch Rückbildungen verkümmern lassen wollen".

Neue (kaum veränderte) Organisationspläne im November 1917, dieses Mal von Prof. Bauer, erzeugten neue Erklärungen des Professorenkonvents, und wie üblich wurden sie von Schorr abgelehnt - nur noch dreizeilig und ohne Begründung.

Ende des Krieges - Ende des Kolonialinstituts

Das Ende des Ersten Weltkrieges 1918 besiegelt die kurze Zeit des deutschen Kolonialimperiums. Zwangsläufig bedeutete diese Wende natürlich auch, daß die Grundvoraussetzungen für das Hamburger Kolonialinstitut weggefallen waren. Sehr schnell schwenkten nun die Gegner einer Hamburger Universität auf diese neuen Bedingungen um, denn nur mit einer Hamburger Hochschule konnte der Lehrbetrieb in der Zukunft aufrecht erhalten werden.

Bereits im Januar 1919 war ein provisorischer Lehrbetrieb eingerichtet, der unter dem Titel „Hamburgische Universitätskurse" abgehalten wurde. Auch Schorr beteiligte sich mit „Astronomischen Übungen (nach Verabredung)" an dem Kursangebot. Die Studenten hatten allerdings nicht allzuviel von diesen Kursen, denn eine Anrechnung auf ihren Studienplan mochte das preußische Kulturministerium nur in Ausnahmefällen gewähren - der Kurs mußte also ohnehin wiederholt werden.

Dennoch, so schnell sich ein provisorischer Betrieb verwirklichen ließ, eine abschließende Beratung vor der Bürgerschaft konnte in den wirtschaftlich schwer gezeichneten Nachkriegsjahren nicht erreicht werden. Die „Sozialisten und Demokraten", die nun mehrheitlich in der Bürgerschaft saßen, konnten lediglich ein „Vorläufiges Gesetz über die Hamburgische Universität und Volkshochschule" im April 1919 durchsetzen. Ein endgültiges Hochschulgesetz wurde erst 1921 verwirklicht.

Am 7. April 1919 traten die Professoren des Professorenkonvents der Wissenschaftlichen Anstalten und der Professorenrat des Kolonialinstituts im Hörsaal C des neuen Universitätsgebäudes zur „Konstituierung der Hamburgischen Universität" zusammen.

Doch wer glaubte, es herrschte nun Einvernehmen über den weiteren Kurs zur endgültigen Ratifizierung des Hochschulgesetzes, der sah sich getäuscht. Während die Sozialdemokraten eine demokratische Kontrolle der neuen Universität wünschten, wurde gerade diese Forderung von den Konservativen als Angriff auf die freie Forschung und Lehre heftig kritisiert.

Eine Forderung der Sozialdemokraten war vor allem die Gründung einer Hochschulbehörde als Aufsichtsgremium der Universität. Dr. Knack erläuterte den Gesetzentwurf der SPD:

... Es ist dann weiter dieser Hochschulbehörde das Recht gegeben worden, bei Berufungen auf die Lehrstühle der Universität mitzureden, und das ist wohl einer der hauptsächlichsten Angriffspunkte. Uns ist dieser Punkt außerordentlich wichtig deshalb, weil wir glauben, daß, wenn eine Bevölkerung ein solch kostspieliges Institut, wie die Universität, finanziell stützt, sie auch das Recht hat, zu wissen, welche Personen in die verantwortlichen Stellen zur Erziehung unserer Jugend in die Universität kommen. ... Leider Gottes ist es in Deutschland möglich gewesen, daß im Volke der Vorwurf des Cliquenwesens bei der Universität herrschte, und es ist klar, daß die Möglichkeit dieses Vorwurfs in Hamburg verhindert werden muß dadurch, daß bei uns ein Zustand geschaffen wird, durch den die Bevölkerung durch die Beauftragten in der Behörde mit Einblick bekommt, wie auf der hiesigen Universität die Professoren auf die Lehrstühle berufen werden."

Ein anderer Punkt der Kritik war die Mitbeteiligung der Studentenschaft im Universitätsbetrieb. Die SPD forderte eine studentische Selbstverwaltung und die Beteiligung der Studenten im Universitätssenat. Doch die organisierte Studentenschaft gehörte damals in Hamburg überwiegend dem deutschnationalen Flügel an und ließ verkünden, daß sie selbst keine Beteiligung im Universitätssenat wünschte. Sie schloß sich damit selbst aus dem demokratischen Prozeß aus. Der Wortführer der konservativen Professoren, Prof. H. Winkler, formulierte dies so:

Der Universitäts-Senat hat ... unter dem Vorsitz des Rektors die innere Leitung und die Entscheidung in allen gesamten Angelegenheiten der Universität. Es ist ohne weiteres klar, daß er diese Aufgabe nur dann erfüllen kann, wenn seine Mitglieder über die dazu nötige Erfahrung verfügen und den erforderlichen Überblick über die akademischen Verhältnisse haben. Weitaus die Mehrzahl der Studenten ist in ihrem Urteil genügend reif, um anzuerkennen, daß diese Erfahrung und dieser Überblick bei Studenten nicht vorhanden sind und nicht vorhanden sein können, und es ist daher durchaus verständlich, daß die Studentenschaft selbst nicht wünscht, studentische Vertreter als vollberechtigte Mitglieder im akademischen Senat zu haben."

Bis zur abschließenden Beratung des neuen Hamburger Hochschulgesetzes am 28. Januar 1921 gelang es dem rechten Flügel der Bürgerschaft tatsächlich, diesen Punkt in eine passive Beratungsfunktion umzuformulieren. Doch dies war auch alles, und so wurde das Hochschulgesetz inklusive der Hochschulbehörde beschlossen - übrigens nicht ohne Zwischenfälle, denn über die Lesung des Gesetzes berichteten die Hamburger Nachrichten:

Die Drahtverhaue und Panzerwagen vor dem Rathause sind wieder fort; frei, gleich und brüderlich kann die Bürgerschaft das Hochschulgesetz zum zweiten male lesen."

Die neue Regelung sah nun folgendermaßen aus: An der Spitze steht die Hochschulbehörde, der Mitglieder des Senats, der Bürgerschaft, Vertreter verschiedener Stiftungen, der Rektor der Universität und ein Vertreter der Wissenschaftlichen Anstalten angehören. Die Hochschulbehörde kontrolliert drei Bereiche, die Universität, die Wissenschaftlichen Anstalten und die Volkshochschule.

Die Universität wurde zunächst mit vier Fakultäten gegründet: Rechts- und Staatswissenschaften, Medizin, Philosophie und die Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät. An der Spitze der Universität steht der Rektor, der von der Vollversammlung gewählt wird. Die Vollversammlung wiederum ist aus Vertretern der Fakultäten und des Universitätssenats, bestehend aus dem Rektor und Abgesandten des Lehrkörpers. An der Spitze der Fakultäten steht jeweils ein Dekan. Die Studenten besaßen kaum noch Rechte.

Die Wissenschaftlichen Anstalten sind nahezu unversehrt erhalten geblieben. Zu ihnen gehörte auch die Sternwarte.

Die Wissenschaftlichen Anstalten waren:

  • Die Staats- und Universitätsbibliothek
  • Das Weltwirtschaftsarchiv
  • Das Museum für Völkerkunde
  • Das Museum für Hamburgische Geschichte
  • Die Kunsthalle
  • Das Museum für Kunst und Gewerbe
  • Die Sternwarte
  • Das Physikalische Staatsinstitut
  • Das Chemische Staatsinstitut
  • Das Mineralogisch-Geologische Staatsinstitut
  • Das Zoologische Staatsinstitut und Zoologische Museum
  • Die beiden Botanischen Staatsinstitute

Der Mißbrauch der Mehrheit

Die Verabschiedung des Gesetzes ließ allerdings, wie zu erwarten, das rechte Lager und die Professoren und Dozenten lautstark aufheulen.

„Das Universitätsgesetz verabschiedet.

Ein Diktat von Demokraten, Kommunisten und Sozialdemokraten.

Der Anfang vom Ende"

titulierte der Hamburgische Correspondent und beklagte:

Aber gegen jenen Mißbrauch der Mehrheit kämpfen Götter selbst vergebens."

Eine Erklärung folgte der nächsten, auch aus akademischen Kreisen. Beispielsweise die des „Bundes Deutscher Akademiker zu Hamburg" vom 15. März 1921:

Wir erklären hiermit ausdrücklich, daß wir in den Bestimmungen über die Hochschulbehörde eine schwere Gefährdung der Lehr- und Forschungsfreiheit und damit eine ernste Bedrohung des Ansehens der Universität sehen. Wir beugen uns dem Gesetz, weil wir seine Rechtsgültigkeit nicht bestreiten können, aber wir werden nicht aufhören, seine Änderung zu fordern, und wir werden mit allen Mitteln, die uns die Verfassung bietet, dahin streben, diese Änderung herbeizuführen."

Mitunterzeichner dieser Erklärung war Richard Schorr, Direktor der Hamburger Sternwarte.

Und Hamburgs Professoren begannen sofort mit Gegenmaßnahmen. Sie schreckten auch nicht vor Angriffen unter der Gürtellinie zurück. Prof. Passarge, 1913 ein Verfechter der Reformierungsabsichten des Kolonialinstituts, schrieb schon im Februar 1921, einen Monat nach Verabschiedung des Hochschulgesetzes, einen Artikel über die „Reformbedürftigkeit des Berufungswesens an der Universität":, in dem er schimpfte:

Viel ist über diese Frage geschrieben worden. Viele Klagen sind geführt worden namentlich von solchen „Fachleuten", die von den Verhältnissen keine Ahnung haben; oder von Unzufriedenen deren wissenschaftliche Leistungen anderen nicht den gleichen Respekt abnötigen, wie ihnen selbst. ...

Herr Krause und Herr Roß sind beide sozialdemokratische Volksschullehrer. Ob eine solche Vorbildung sie geeignet macht, einer Universität die Verfassung zu geben und die ungemein schwierigen wissenschaftlichen Fragen und Bedürfnisse eines solchen komplizierten Organismus zu übersehen, mag der Leser beurteilen. Herr Krause war obendrein Redakteur einer sozialdemokratischen Zeitung. Ob er als Parteipolitiker die Fähigkeit erworben hat, in strenger Sachlichkeit das Für und Wider abzuwägen ... das mag auch der Leser beurteilen. ...

Herr Dr. Knack ... ist von einer so engen Gebundenheit seines Vorstellungsvermögens, von solchem unwissenschaftlichen Fanatismus, solcher kritiklosen Befangenheit durch parteipolitische Ideen, daß er kein geeigneter Führer des Hochschulausschusses gewesen ist."

Doch alle Klagen bis hin zu Hilferufen an die Reichsregierung in Berlin halfen nichts. Die Professoren hatten diese Kröte zu schlucken. Gegen die Demokratisierungsabsichten liefen die Professoren zehn Jahre Sturm. Kaum mehr als 10 Jahre später klatschten die Professoren begeistert Beifall, als ihnen 1933 in der Nazi-Zeit jegliche Entscheidungsbefugnis abgenommen wurde.