In der Verbannung

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Die Teilnehmer der Hamburger Sonnenfinsternisexpedition auf die Krim wurden vom Beginn des Ersten Weltkrieges überrascht. Richard Schorr gelang es zwar für viele die Heimreise zu bewirken, doch für vier Personen, Schulz und Gosch aus Hamburg und Kühl und Zurhellen aus München, begann eine harte Strapaze, denn sie galten, auch ohne daß sie einen militärischen Einsatz ausgeführt hatten, sofort als Kriegsgefangene. So wurden sie in die Nähe des kleinen Wolgaortes Jenotajewsk geschickt und erhielten den Befehl, sich dort bei der Polizei zu melden. Paul Schmidt schrieb später einen Bericht über die kaum vorstellbaren Bedingungen:

 

Nach etwa neun Tagen erreichten wir Jenotajewsk. Besonders die letzten Reisetage waren recht beschwerlich. Bei sehr schlechtem Wetter und großer Kälte und Schneesturm mußten wir einigemal die Wolga und deren Delta auf unbeschreiblich primitiven Fähren übersetzen. Das Hinüberziehen des Floßes erforderte große Kraftanstrengungen. Da durch den Sturm ein beträchtlicher Wellengang verursacht wurde und das Zugtau mit einer glatten Eiskruste überzogen war, mußten alle Personen tüchtig mit anfassen, um an das andere Ufer zu gelangen. Bei diesem Übersetzen ereignete sich der Fall, daß sich plötzlich das drüben verankerte Zugtau aus dem Erdboden löste und das Floß einige hundert Meter stromabwärts getrieben wurde; glücklicherweise hängte sich der Anker kurz vor dem Flusse wieder fest, und so erreichten wir das andere Ufer. Die Nächte verblieben wir in Fischerhütten und schliefen auf dem Fußboden. Wir erreichten Jenotajewsk zu Fuß und meldeten uns bei der Polizei. Hier erfuhren wir die Bestimmungen über unsere Gefangenschaft. Den Ort durften wir nicht verlassen und mußten uns jeden zweiten Tag melden, später jeden Tag. Nachdem der Gouverneur aus deutscher Zivilgefangenschaft zurückgekehrt war, kamen noch eine ganze Reihe Verschärfungen für uns Zivilgefangene z.B. Arbeitsverbot, Briefbeförderung, Deutschsprechen usw."

„In Jenotajewsk hatten wir bald Wohnung gefunden. Ich wohnte mit fünf anderen Bekannten, die ich bereits von Odessa her kannte, in einem kleinen Holzhäuschen, welches jedoch vollständig leer war, alles nötige Gerät, wie Tisch, Bänke, Betten und Küchengerät, mußten wir erst anschaffen. Die Wirtschaft incl. Kochen besorgten wir abwechselnd selbst. Irgendeine Beschäftigung zu erlangen, war ausgeschlossen, jede Möglichkeit Geld zu verdienen, wurde durch ein Arbeitsverbot verhindert. Nach und nach waren in Jenotajewsk aus verschieden Städten Westrußlands etwa 200 deutsche und österreichische Untertanen angekommen. Darunter war etwa die Hälfte mittellos, viele hatten auch ihre Frauen und Kinder mit hier. Da auch die Mittellosen durch die russischen Behörden keine Unterstützung bekamen, wurden sie durch die übrigen Zivilgefangenen durchgehalten. Einige Tage vor Weihnachten kam in Jenotajewsk der erste Transport ostpreußischer Bevölkerung und einige Wochen später noch zwei weitere Transporte an. Im ersten waren hauptsächlich Knaben von acht Jahren bis Männer zu 88 Jahren, etwa 50 Personen, die zwei nächsten Transporte bestanden in der Hauptsache aus Frauen und Kindern, vom viermonatigen Säugling bis zum Greise war alles vertreten. Der zweite Transport zählte gegen 120 und der dritte etwa 80 Personen, die meisten krank und halb erfroren und verhungert. Der Zustand dieser Menschen war fürchterlich, sie hatten als Nahrung fast nur Schwarzbrot und Wasser erhalten, und das noch in unzureichender Menge. Viele waren infolge der Anstrengungen schon unterwegs gestorben. Einige Frauen hatten den Kinderwagen mitgebracht und ihn die letzten 40 Kilometer bei einer Kälte von 12 bis 15 Grad Reaumur32 über die Steppe geschoben, Säuglinge waren ihren Müttern im Arme erfroren. Außerdem waren sie völlig verlaust und ihre Kleidung unzureichend; die meisten hatten überhaupt nur Holzpantoffeln an den Füßen. Es waren dies nicht nur von Haus aus unbemittelte Leute, sondern zum großen Teil aus guten Verhältnissen, hier waren sie aber vollkommen mittellos. Alles war ihnen bei den häufigen Untersuchungen abgenommen worden, Geld, Uhren, sogar Schuhe und Kleidungsstücke. Fast kein einziger hatte die ihm ehemals gehörenden Sachen am Leibe. Während der langen Reise mußten sie, Männer und Frauen durcheinander, nur auf dem Fußboden in ungeheizten Räumen schlafen.

Die Kinder starben fast alle kurz hintereinander, aber auch einige Erwachsene. Um die Toten kümmerte sich die Polizei ebensowenig wie um die Lebenden."

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