Expedition auf die Insel Cebu der Philippinen
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Die letzte Sonnenfinsternisexpedition der Hamburger Sternwarte vor dem Krieg fand 1929 statt. Sie führte auf die Philippinen-Insel Cebu. Zum ersten Mal entschied sich Schorr, nicht mehr selbst zu reisen, sondern er schickte seine beiden besten Männer, Walter Baade und Bernhard Schmidt. Obwohl die Finsternis erst am 9. Mai eintrat, bestiegen beide bereits am 10. Februar den Hapag-Dampfer Münsterland", der sie auf der Suez-Kanalroute nach Manila bringen sollte. Als das Schiff am 28. März in Manila festmachte, stand schon eine großes Empfangskomitee am Kai: der deutsche Generalkonsul, der Dekan der Universität, der Vorsitzende des Deutschen Klubs", Mitarbeiter des Manila-Observatory und der Shipping Manager" der Firma Behn, Meyer & Co. Besonders der Letztere hatte den Auftrag von seinem Hamburger Chefs bekommen, der Expedition jederzeit so gut es nur irgend ging behilflich zu sein, was er auch tat - ohne ihn hätten die beiden Hamburger einen Großteil mehr Arbeit gehabt. Eines mußte Firma Behn, Meyer & Co sofort beschaffen: War Schorr auf den früheren Reisen ein Freund der Kiste 128 gewesen, so waren Baade und Schmidt Freunde der Rauchwaren und erhielten sogleich eine Kiste mit 200 philippinischen Coronas Alhambra"-Zigarren.
Bernhard Schmidt 1929 auf den Philippinen.
Die 52 Kisten mit Ausrüstungsgegenständen, ca. 10 Tonnen Material, wurde zwei Tage später auf ein Schiff umgeladen und zur Insel Cebu geschafft. Da sich das Observatorium in Manila unter der Leitung von Pater Selga angeboten hatte, zur Unterstützung der Expedition philippinische Kollegen zu bitten, standen bei Ankunft von Baade und Schmidt bereits zwei mögliche Standorte fest: jeweils ein Schulhof der Küstenorte Catmon und Sogod. Catmon fiel gleich aus, da der Schulhof von hohen Bäumen umgeben war und die Expedition an der stark befahrenen Straße hätte aufbauen müssen. Sogod hingegen lag ruhig, und da gerade Ferien waren, stellte die amerikanische Kolonialverwaltung das Gebäude der Expedition zur Verfügung. Die Wahl dieses Ortes stellte sich später als Glückstreffer heraus, denn Catmon lag während der Finsternis unter Wolken.
Zwei Wochen später waren die Instrumente vollständig aufgebaut: Das 20 m-Rohr, eine langbrennweitige Kamera, eine 4 m-Kamera, eine Prismenkamera zur Untersuchung des Koronaspektrums und die Schmidtsche Spiegelanlage, die bereits in Jokkmokk dabei gewesen war.
Das Expeditionscamp auf Cebu, Philippinen, 1929
Unterdessen hatten auch andere Expeditionen ihre Geräte installiert und ein reges Besuchsleben begann. Die US-Naval-Observatory-Gruppe reiste zwar etwas klischeehaft an - sie kamen mit einem Torpedoboot herangerauscht, sonst war aber das Beisammensein freundschaftlich und anregend".
Auch die Philippinen hatten eine Expedition zusammengestellt, die aus Reverend Charles Deppermann und dem Mechaniker Herrera bestand. Ursprünglich wollte diese Gruppe des Manila-Observatoriums knapp 10 km entfernt aufbauen, doch da die Wolken in großen Bänken vorbeizogen, war diese Vorsichtsmaßnahme hinfällig geworden und nach einer Einladung Baades zog der Reverend beglückt zu den Deutschen in die leere Schule. Die Ausrüstung dieser Gruppe war jedoch bei weitem nicht so leistungsfähig wie die der Hamburger Gruppe. Sie bestand aus einer Kamera von 7 m Brennweite, deren Objektiv von Zeiss erst im April eingetroffen war. Die Kamera war allerdings noch nicht ausreichend getestet worden. Der Sockel für das philippinische Instrument konnte darüber hinaus durch die plötzliche Malariaerkrankung des Maurers nicht beendet werden, so daß Hilfe bei Bernhard Schmidt geholt wurde, der eine Konstruktion aus Holz entwarf. Die philippinische Gruppe besaß noch einen kleinen Coelostaten von 10cm Durchmesser, den Schmidt belustigt Lilliput" nannte. Die 4-Meter-Kamera dazu liehen ihnen Baade und Schmidt.

Sonnenfinsternis
in Sogod. Hinten links: Baade, Rechts: Schmidt.
Vom 1. Mai an wurde mit den freiwilligen Helfern nun jeden Tag geübt, eine nicht immer angenehme Arbeit, denn die Temperaturen lagen um 11 Uhr mittags bereits bei über 34°C. Die Generalprobe am 8. Mai verlief zur allgemeinen Zufriedenheit. Am Abend begaben sich Baade und Schmidt in ihre Behelfsdunkelkammer, um die großen Kassetten zu laden. Drinnen staute sich jedoch noch die Hitze des Tages.
| Trotzdem wir mit Rücksicht auf die hohe Temperatur uns eine mit Ventilatoren versehene Dunkelkammer von sehr reichlichen Ausmaßen hergerichtet hatten, war beim Hantieren der großen photographischen Platten die allergrößte Sorgfalt nötig, um zu verhüten, daß der in Strömen rinnende Schweiß nicht auf die photographische Schicht gelangte. Nach 5 stündiger Arbeit war diese letzte Vorbereitung für die Finsternis erledigt." |
Am nächsten Tag trafen die Helfer um 12 Uhr, drei Stunden vor der Totalität, in Sogod ein. In ihrem Gefolge erschienen kurz darauf Vertreter der Behörden und der Presse.
| Der Einzug der Behörden versetzte uns in nicht geringe Schrecken, da vom Gouverneur herab bis zum Dorfschulzen alle die Familie im weitesten Umfange mitgebracht hatten, während der Bischof von Cebu mit seinem gesamten Konsistorium erschien. Alles jedoch wickelte sich glücklich, ohne Behinderung für uns ab." |
Die große Hitze zusammen mit der Feuchte des Meeres zeigten bei der Annäherung an die Totalität unangenehme Eigenschaften, denn wie Baade bereits vermutet hatte, begann die Feuchtigkeit durch die von der beginnenden Finsternis verursachte Temperaturabsenkung zu leichtem Nebel zu kondensieren. Ein dünner Schleier zog vor der Sonne auf.
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Die jetzt folgenden 20 Minuten bis zum Eintritt der Totalität
waren unangenehm. Nicht nur schien der weissliche Schleier dichter zu
werden (bei der veränderten, fahlen Beleuchtung konnte man keine
rechte Klarheit darüber gewinnen), sondern hier und da bildeten sich
dichtere Streifen und Stellen, je mehr und je schneller, je mehr die Totalität
heranrückte und je mehr die Temperatur sank. Immer noch war die Umgebung
der Sonne frei von dichteren Kondensationen. Um 3h, genau der Vorausberechnung
entsprechend, verschwand der letzte Sonnenstrahl und die Sonnenkorona
trat hervor. Zwar leuchtete sie durch den oben erwähnten dünnen
Cirrenschleier, war jedoch in ausdrucksvollster Weise und in vollem Umfange
dem bloßen Auge sichtbar. |

Reverend Deppermann hatte noch schlechtere Ergebnisse als Baade. Seine 7-Meter-Kamera, an der 6 Platten belichtet wurden, lieferte 5 völlig unbrauchbare Platten und eine, auf der der Mond umgekehrt dargestellt wurde, dunkel auf hellem Grund - ein Effekt, der dadurch zustande kam, daß Deppermann keine eigene Dunkelkammer besaß und die Platten in tropischer Hitze fünf Tage stehen ließ. Die damaligen Emulsionen tendierten dann zu solchen Eigenarten. Andererseits hätte auch eine sofortige Entwicklung keine besseren Ergebnisse gebracht, denn es stellte sich später heraus, daß zwei der Objektivlinsen falsch montiert worden waren. Nur einige wenige Bilder der kleinen philippinischen Geräte zeigten mehr oder minder zufriedenstellende Aufnahmen der Sonnenfinsternis.
Von Links: Bernhard Schmidt, Walter Baade, Herrera (?)
Baades kühler Bericht verdeckte die Sorgen und das elende Gefühl beider Astronomen, je weiter sich der Dunstschleier anschickte, allen Aufwand in nur wenigen Minuten zu ruinieren. Am Verschluß des 20 m-Rohres stand Prof. E. Hyde von der Universität der Philippinen, der Baade sehr genau beobachtete und später einen Artikel im Philippine-Magazine veröffentlichte. Besonders das Verhältnis zur draußen stehenden Öffentlichkeit angesichts des zum Heulen elenden Gefühls, die Finsternis zwar zu sehen aber durch die Nebelschwaden nicht arbeiten zu können, hat Hyde in seinem Bericht stark beeindruckt:
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Sie (Baade und Schmidt) waren schon eine Zeit vor uns in Sogod
gewesen als wir ankamen und es war überraschend zu sehen, wie viel
sie in der kurzen Zeit, seitdem sie hier waren, geschafft hatten. Alles
schien vollständig und zufriedenstellend zu sein mit der Ausnahme,
daß die Möglichkeit bestand, daß einer oder beide durch
die übermäßig aufgebrachte Energie zusammenbrechen könnte,
zumal sie beide nicht an die Tropen gewöhnt waren. Ich will nur eine
Begebenheit berichten. Am Tage der Finsternis war das allgemeine Publikum
vom Platz wo die Instrumente standen ausgeschlossen, aber Dr. Baade versprach,
daß alle nach der Finsternis die Erlaubnis erhalten würden,
die Instrumente zu besichtigen. Während die Totalität ablief,
obwohl die Wolken die Sonne schon teilweise erfaßten, führten
wir unser Programm durch. Sobald die Periode vorbei war, kam Dr. Baade
zu mir herüber. Ich fragte ihn nach unseren Erfolgsaussichten. Ruhig
erklärte er mir, daß die spektroskopischen Arbeiten, die er
persönlich durchgeführt hatte wahrscheinlich durch die Wolken
ruiniert seien. Er hoffe jedoch, daß unsere Arbeit (Die Koronaaufnahmen
mit dem 20m-Rohr) teilweise erfolgreich seien. Er bat uns noch bei unseren
Teleskopen zu bleiben, um Fragen der Öffentlichkeit zu beantworten,
ging dann weg um mit besonderen Gästen und Journalisten zu sprechen,
die darauf bestanden, ihn persönlich zu interviewen. Die Monate der
Vorbereitung in Deutschland, die lange Reise, die gewaltige Arbeit des
vergangenen Monats, und all die großen Pläne und Hoffnungen
der Expedition, waren in den letzten fünf Minuten von den Wolken
fortgeblasen worden, aber ich sah kein Zeichen der Gereiztheit, von Ungeduld
oder Verzweiflung während des ganzen Nachmittags. Im gleichen Moment
in dem er feststellte, daß seine Pläne scheiterten, galten
seine ersten Gedanken der Einlösung seines Versprechens an das Publikum,
die Instrumente zu zeigen. Wie er, so zeigte angesichts der Enttäuschung
auch Herr Schmidt die gleiche Tapferkeit. |
Während dieses Nachmittags wurde Baade auch vom Besitzer einer großen amerikanischen Zeitung befragt, ein Interview, über das Baade amüsiert berichtete:
| Als er zum Schluß nach den Kosten unserer Expedition fragte und ich ihm die Summe nannte, schüttelte er ungläubig den Kopf. Erst als ich ihm mein Ehrenwort gab, ließ er sich überzeugen und meinte dann resigniert, dann lassen wir das besser weg, das macht auf den Leser keinen Eindruck." |
An den nächsten Tagen herrschte noch einmal der gewohnte Streß aus Arbeit, Entwicklung der Platten und Vorbereitung der Heimreise. Wegen der großen Hitze wurden nur die großen Platten in einer kühlen kleinen Dunkelkammer eines Fotogeschäftes in Cebu entwickelt, die kleinen sollten lieber erst in Hamburg bearbeitet werden. Zu guter Letzt schlug dann noch einmal das Wetter kräftig zu - keine Sekunde zu früh:
| Am 21. Mai standen unsere Kisten zum Abtransport bereit und am Morgen des 22. Mai wurden sie auf 5 Lastautos nach Cebu zurückbefördert. Kaum war die letzte Kiste trocken ins Lagerhaus geschafft, als ein mit heftigem Sturm verbundener, 3 Tage währender Platzregen einsetzte; wir waren unter die Ausläufer eines in der Nachbarschaft wütenden Taifuns geraten." |

Abkühlung von den Expeditionsaufregungen: Baade badet (rechts)
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1929
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