Mit der Liguria zur Sonnenfinsternis auf dem Atlantik

 

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Die nächste interessante Finsternis sollte am 24. Januar 1925 stattfinden. Die Sichtbarkeit war jedoch zum überwiegenden Teil auf den Nordatlantik beschränkt. Erst im letzten Moment kam Schorr die Idee, sie von einem Schiff aus zu beobachten, nachdem er gelesen hatte, daß die Amerikaner sogar einen Zeppelin einsetzen wollten. Am 9. Januar schrieb er an die HAPAG und an den Norddeutschen Lloyd mit der Bitte, ihm eine kostenlose Passage auf einem ihrer Schnelldampfer „Albert Ballin" oder „München" zu verschaffen, da beide die Totalitätszone kreuzen sollten. Der Norddeutsche Lloyd lehnte gleich ab, es sei denn die Herren von der Sternwarte würden bezahlen. Auch die „Albert Ballin" kam nicht in Frage, da die internationalen Passagierschiffrouten nicht mehr so verliefen, wie sie nach Schorrs Kenntnisstand hätten verlaufen sollen und nur eine deutliche Kursänderung in Betracht käme. Dabei hätte die „Ballin" alle übrigen Dampferlinien kreuzen müssen, ein Risiko, das de HAPAG nicht eingehen wollte. Die HAPAG bot jedoch an, daß der Frachter „Liguria" diese Aufgabe übernehmen könnte. Er würde die Finsterniszone auf der Frachtschiffroute passieren und zudem käme es bei der „Liguria" auch nicht auf jede Minute an. Schorr nahm sofort an und schiffte sich vier Tage später zusammen mit Walter Baade auf der „Liguria" ein.

Die Liguria im Hamburger Hafen

Gleich nach Auslaufen begann sich unangenehmes Wetter zu entwickeln. Dieses Wetter wäre sicherlich nach dem Geschmack des alten Seefahrers Rümker gewesen, Schorr und Baade hatten jedoch ihre Probleme. Schorr berichtete:

 
Die Fahrt des Dampfers zur Totalitätszone ging nur langsam von statten, da von Hamburg ab bis zur Mitte des Kanals (Beachy Head) dauernd sehr dichter Nebel herrschte. Am Morgen des 20. Januar passierten wir die Scilly-Inseln (Bishops Rock) bei mässig bewegter See. In der folgenden Nacht begann aber bei heftigen südwestlichen Winden starker Seegang, sodaß das Schiff heftig stampfte und rollte. Nördlich vorüberziehende Depressionen brachten fast ununterbrochen neue Böen mit Windstärken bis 11 bei meist bedecktem Himmel. Auch am Finsternistage herrschte hohe See und starke Dünung; das Schiff stampfte und rollte und nahm beständig Wasser über Deck und Luken. Das Barometer war in der Nacht bis auf 747 mm gefallen. stieg aber bis zum Mittag wieder auf 762 mm. Es herrschten nordwestliche Winde von der Stärke 7 - 9."

Obwohl die Navigation unter diesen Wetterbedingungen kaum möglich war, lag die „Liguria" am Tag der Sonnenfinsternis nur knapp neben der Zentrallinie der Totalität. Da gelegentlich die Sonne durchkam, war es möglich, die genaue Position mit Hilfe des Sextanten zu bestimmen, und die „Liguria" steuerte direkt in den Zentralbereich der Sonnenfinsternis. Eine Verwendung der großen Teleskope war von vorn herein ausgeschlossen, unter diesen Umständen mußte auch auf die kleineren Fernrohre verzichtet werden - das Schiff schaukelte zu stark. Nur Fotoapparate wurden aufgestellt und Schorr bat die Besatzung, ihre persönlichen Beobachtungen der Korona auf kleine Zetteln zu malen bzw. eigene Beobachtungsprotokolle zu schreiben. Dann tauchte das Schiff in den Kernschatten der Sonnenfinsternis ein:

 

Der Himmel war am Vormittage des Finsternistages vorwiegend trübe, nur zeitweilig kam die Sonne durch, infolgedessen konnte der Eintritt des dunklen Mondes in die Sonnenscheibe selbst nicht genau erfaßt werden. Als die Sonne um 2h22m mittlerer Zeit Greenwich in einer Wolkenlücke sichtbar wurde, war bereits 1/8 der Sonnenscheibe vom Monde bedeckt. Um 3h klarte es plötzlich auf, und als die Totalität herannahte, herrschte vollkommen klarer Himmel, nur tief am Südwesthorizont lag eine flache Wolkenbank von etwa 3° Höhe. Der Dampfer wurde auf langsame Fahrt gebracht und auf unseren Wunsch Öl gelassen, um die Bewegung des Schiffes möglichst zu mildern. Immerhin blieb das starke Rollen des Schiffes bestehen, sodaß kurz vor der Totalität die schwere Voigtländerkamera mit ihrem Stativ umfiel, ohne glücklicherweise ernstlichen Schaden zu erleiden. Die Abnahme der Himmelshelligkeit vollzog sich langsamer als bei den Finsternissen, die ich 1905 und 1923 beobachtet habe. Erst in der letzten Phase nahm die Dunkelheit überraschend schnell zu.

Um 3h32m verschwand der letzte Sonnenstrahl, und für einen Augenblick erschien der rosige Ring der Chromosphäre. Dann trat die Korona in ihrer ganzen Schönheit hervor."

 

3. Ingenieur
1. Offizier
1. Ingenieur
Kapitän
3.Offizier
2. Offizier

Nach der Finsternis sammelte Schorr die vorbereiteten Zettel von der Besatzung wieder ein, mußte aber feststellen, daß die künstlerischen Fähigkeiten der Seeleute doch recht unterschiedlich waren. Abgesehen von den drei großen Strahlen der Korona hatte nur der Kapitän Reissmann die Feinstruktur näherungsweise getroffen, während der Erste Ingenieur und ein anderes Besatzungsmitglied (wahrscheinlich der Erste Offizier) die Finsternis offensichtlich nur sehr flüchtig betrachtet haben und der Zweite Offizier war offenbar von den Hinterlassenschaften einer Möwe inspiriert, als er seine Zeichnungen der Korona zu Papier brachte. In einem Bericht dankte Schorr der Besatzung, wertete die Kunstwerke aber lieber nicht aus.

 
Das Expeditionsteam an Bord der Liguria.
Vorn vor dem Niedergang: Richard Schorr, ganz rechts: Walter Baade.
Von Links: Walter Baade, Kapitän Reissmann, Richard Schorr.

Kaum 20 Minuten nach der Totalität zog die im Südwesten liegende Wolkenbank hoch und bedeckte erneut den ganzen Himmel.

Schorr ließ sogleich einen Funkspruch an seine Frau in Bergedorf absetze:

 
Wieder großen Dusel gehabt - Finsternis prachtvoll - sonst dauernd schlechtes Wetter - mehrmals starke Orkane - deshalb langsam vorwärts - jetzt besser"

Andere Schiffe, die ebenfalls die Totalitätszone kreuzten, hatten kaum etwas sehen können und Schorr hatte offenbar die einzige freie Wolkenlücke des gesamten Ozeans getroffen. Von der Besatzung des Dampfers „Cleveland" erhielt Schorr später Fotografien, die lediglich die eindrucksvolle Wolkenlandschaft zur Zeit der Finsternis zeigten.

 
Aufnahmen von Bord der Cleveland, die weniger Glück mit dem Wetter hatten. Ein Ausschnitt aus der Fotografie zeigt die noch teilverdunkelte Sonne.

Die Weiterfahrt der „Liguria" verlief wie im ersten Teil:

 
Während der nächsten Woche andauernd schlechtes Wetter, grobe entgegenkommende See, hohe Dünung und beständig westliche Winde der Stärke 7 - 11. Den Höhepunkt bildete ein ausserordentlich heftiger Orkan, der am Nachmittag des 29. Januar ganz plötzlich mit Windstärke 12 einsetzte und zwei Stunden unvermindert anhielt. Innerhalb weniger Minuten stieg dabei der Luftdruck von 744 auf 759 mm, eine Druckänderung, die sich deutlich am Trommelfell bemerkbar machte. - Erst mit der Annäherung an die nordamerikanische Küste trat ruhigeres Wetter ein."

Am 7. Februar, gebremst durch starken Nebel, lief die „Liguria" in Philadelphia ein. Am 17. Februar stand auf dem Liniendampfer „Deutschland" der Hapag wiederum freie Passage für die Rückfahrt zur Verfügung. In den Vereinigten Staaten fand Schorr in der Zeitschrift „Scientific Age" den Vorschlag, auf einem Flugzeug einen künstlichen Mond zu montieren, um über den Wolken jederzeit eine Sonnenfinsternis beobachten zu können. Dieser futuristische Vorschlag hat sich glücklicherweise später nicht durchgesetzt.


 

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