Sonnenfinsternis 1914
| Navigation |
Am 21. August 1914 stand wieder eine totale Sonnenfinsternis bevor, deren Sichtbarkeit sich von Nordkanada über Grönland, Mittelschweden, Estland, die Krim, Persien bis nach Pakistan erstreckte. Schorr entschied sich für die Krim, obwohl Mittelschweden wesentlich leichter zu erreichen gewesen wäre und sich bzgl. der Dauer der Finsternis kaum schlechtere Verhältnisse darbot. Nur das Wetter ließ auf der Krim etwas bessere Bedingungen erhoffen.
Die guten Ergebnisse des 20 m-Rohres in Algerien gaben den Anstoß, Gelder für ein noch größeres Instrument zu beantragen. Dieses Gerät, für das ein Coelostat und ein Objektiv (160 mm Öffnung) bei Zeiss in Jena gekauft wurde, hatte eine Brennweite von 40 m und projizierte ebenfalls auf 80·80 cm großen Fotoplatten.
Wiederum bot die Levante-Linie an, die 131 Kisten, zusammen 15 t Gewicht, nach Odessa zu transportieren. Die nun bereits 6 Personen, die an der Expedition teilnahmen (Schorr, Schwassmann, Graff, Thiele sowie der Feinmechaniker Paul Schmidt und der Gehilfe Gosch) brachen am 21. Juli auf dem Landweg nach Odessa auf; den Service der Levante-Linie ließ man außer acht. Mit im Gepäck war natürlich die nun schon legendäre Kiste Nr. 128 mit den bewährten 12 Flaschen Old Scotch Whisky der Destillery von John Dewars im schottischen Perth. Die Kiste wurde bei Henri Caudrey in Hamburg gleich als Expeditionskiste Nr. 128 gepackt und aufs Schiff geliefert.
In Odessa wurde die Fracht entgegengenommen, nicht ohne Schwierigkeiten mit dem örtlichen Zoll. Die Kisten wurden auf ein russisches Schiff umgeladen und auf die Ostseite der Halbinsel Krim, nach Feodosia, gebracht. Von dort waren es noch ca. 30 km zum Expeditions-Standort Starry-Krym westlich von Feodosia. Am 1. August waren die großen Instrumente nahezu aufgebaut, die Zelte standen bereits und es wurde gerade begonnen, die kleinen Instrumente zu montieren. Doch am Morgen des 2. August 1914 sah die Welt plötzlich anders aus - Deutschland hatte Russland den Krieg erklärt. Der 1. Weltkrieg war ausgebrochen und die Hamburger Sonnenfinsternis-Expedition saß in der Falle. Mit der Hamburger Gruppe wurden auch eine Münchner, eine Berliner, eine englische, drei französische und eine argentinische Expedition von den Ereignissen überrascht. Die Teilnehmer, hauptsächlich die der deutschen Gruppen, wurden vor die Wahl gestellt, Russland innerhalb von 24 Stunden zu verlassen oder bis zum Ende des Krieges in Russland zu bleiben. In aller Eile wurden daher die Instrumente in die Kisten zurückgestopft und nach Feodosia geschafft. Dort fand man eine schweizerische Spedition, die die Instrumente bis Kriegsende in Verwahrung nehmen wollte. Ärgerlich war, daß auch die Kiste Nr. 128 eingelagert werden mußte, obwohl bereits zwei der gluckernden Gefäße um ihren Inhalt gebracht worden waren. Um die Tradition nicht zu beflecken, wurde für die verbliebenen 10 Flaschen die graue Kiste 123" als Kriegsgefangenenlager gewählt.
Für das Schiff am 5. August nach Odessa bekam man für alle Expeditionsteilnehmer mit viel Glück noch Decksplätze, auch für die inzwischen dazugestoßenen Münchner und Berliner Expeditionen. Insgesamt bestand die Gruppe nun aus 14 Expeditionsteilnehmern. Als der völlig überfüllte Dampfer in Odessa anlegte, wurden alle deutschen, österreichischen und türkischen Reisenden verhaftet. Die etwa 50 Personen wurden von Polizei umstellt und zu Fuß zur Polizeiwache gebracht. Auf dem etwa einstündigen Weg setzte zu allem Überfluß ein sehr starkes Gewitter ein. Auf den Straßen, die zum Hafen führten, kamen die Wassermassen in Fluten herunter gestürzt und überschwemmten die niedrigen Hafenteile.
| Nach mehrstündigem Warten in verschiedenen Räumen am Hafen wurde eine große Karawane gebildet: Voran ein Rollwagen mit unserem Handgepäck, darauf mehrere Droschken mit den Damen und älteren Herren, hinterher die Schar der Fußgänger, das ganze begleitet von einer Menge Polizisten - so ging es in die Stadt Odessa hinein. Welch ein Jammer, daß keine photographische Platte dieses Bild festgehalten hat. Kaum hatten wir unseren Marsch angetreten, so ging ein Wolkenbruch hernieder, wie ich ihn noch nicht erlebt habe. Im Nu verwandelten sich die steilen Gassen, die von der Stadt zum Hafen hinabführten, in reißende Gießbäche, und schließlich standen wir vor einem See, dessen Durchschreiten unmöglich schien. Allein die Polizei wußte Rat: Ein leerer Rollwagen, der zufällig vorbeikam, beförderte die Fußgänger hinüber, und auch die Droschken fuhren hindurch, wobei das Wasser bis in die Wagen hineinspülte." |
Völlig durchnäßt erreichte der Zug abends das Polizeigebäude, wo die Gruppe bis um 12 Uhr nachts über 7 Stunden eingeschlossen stehen mußte. Danach wurden die Leute freigelassen; die Pässe waren ihnen schon vorher abgenommen worden. Im unsäglich schmierigen Hotel de Paris" fand die Gruppe noch einige Zimmer. Nach 14 Tagen erreichte Schorr immerhin, daß die über 40-jährigen Teilnehmer ausreisen durften, die übrigen mußten in Russland bleiben; in der berechtigten Annahme, sie würden zuhause sofort zum deutschen Militärdienst eingezogen. Probleme entstanden noch bei der Beschaffung von Devisen für die zurückbleibenden Expeditionsmitglieder, denn die deutschen Kreditbriefe wurden in Russland nicht mehr anerkannt. Schorr, gewohnt schnell einflußreiche Bekanntschaften zu schließen, gelang es noch kurz vor Abfahrt des Schiffes nach Rumänien zumindest 1000 Rubel von einem Bankier, der mit einer Hamburger Bank verwandt war, zu beschaffen. Die 14 Astronomen konnten sich zwar völlig frei in Odessa bewegen, standen jedoch in jedem Augenblick unter mißtrauischer Kontrolle von Spitzeln.
| Schorr hatte einen Odessaer Herren zum Essen eingeladen, und wenige Stunden später erschien bei diesem Herren die Polizei, um zu fragen, warum er mit den Deutschen gegessen habe." |
Schorr ließ indess nichts unversucht:
| Bei den unteren und mittleren Behörden, mit denen wir zu tun hatten, machten vorsichtig dargebotene, zum Beispiel unter ein auf dem Schreibtisch liegendes Löschblatt geschobene Geldscheine vorteilhaften Eindruck" |
Die Gruppe der Freigelassenen (sechs Astronomen und vier deutsche Frauen aus Hamburg) wurde am 13. August zunächst per Schiff nach Reni, dem russisch-rumänischen Grenzort, gebracht, wo ihnen erneut die Pässe entzogen wurden. Nach langer Prüfung wurde dann aber doch die Ausreise gestattet und die Gruppe erreichte den rumänischen Hafen Galatz. Da die Bevölkerung dort nicht besonders freundlich auf Deutsche zu sprechen war, war man froh, bald im Zug nach Bukarest zu sitzen. Ab jetzt stand wieder ein eigenes Zugabteil zur Verfügung, nur der Zug brauchte viermal so lange wie üblich. Am 21. August gegen Mittag machte sich eine gedrückte Stimmung im Abteil breit, denn eigentlich hätte man zu dieser Zeit eine Aufnahme nach der anderen belichten wollen. Als der Zug um 1 Uhr 35 am nächsten Bahnhof hielt, wurde die Sonnenfinsternis in Starry-Krym mit verknittertem Humor zur Sonnenfinsternis von Mistelbach" umgetauft. Am 25. August trafen Schorr und Schwassmann wieder in Hamburg ein.
In Odessa waren jetzt noch Graff, Schmidt und Gosch sowie einige Mitglieder der Münchner Expedition. Thiele, der dänischer Staatsbürger war, durfte schon früher ausreisen.
Bei den Verhören in Odessa ist den Expeditionsteilnehmern jedoch ein schwerer Fehler unterlaufen: Sie hatten in voller Ehrlichkeit" den Behörden in Odessa mitgeteilt, daß Schmidt, Gosch sowie die Münchner Kühl und Zurhellen als Reservisten des Landsturmes galten. Schon bald wurde diesen vier mitgeteilt, daß sie wenige Tage darauf ins Innere Rußlands an die Wolga verlegt werden sollten. Graff dagegen durfte wenige Wochen später ausreisen und traf am 4. September in Hamburg ein.
Für die vier Übrigen jedoch begann eine harte Strapaze, denn sie galten, auch ohne daß sie einen militärischen Einsatz ausgeführt hatten, sofort als Kriegsgefangene. So wurden sie in die Nähe des kleinen Wolgaortes Jenotajewsk geschickt und erhielten den Befehl, sich dort bei der Polizei zu melden.
Kurz darauf wurde die Gruppe der Vier in das 40 km entfernte Dorf Bolchuny verlegt. Unter schrecklichen Strapazen verbrachte die Hamburger Gruppe mehr als zwei Monate in den Lagern, dann hatten die Eingaben, die Schorr von Hamburg aus unternahm, Erfolg und sie wurden zur Vorbereitung ihrer Abschiebung nach Astrachan gebracht. Dort beobachteten sie, daß das Leben der verschleppten Wolgadeutschen ungemein schlimmer war, als das, was sie bisher erlebt hatten.
Am 28. Juni wurden die vier Expeditionsteilnehmer nach St. Petersburg gebracht, wo sie zunächst bis zum 16. Juli ins Gefängnis der Stadt gesteckt wurden. Dann erhielt Schmidt die Nachricht, daß er noch am selben Tag nach Ostsibirien gebracht werden sollte. Doch Paul Schmidt hatte Glück - Ernst Schmidt aus Archangelsk hatte Pech, denn ihm galt die Verbannung. 8 Tage später wurde die Expeditionsgruppe nach Finnland abgeschoben und erreichte am 1. August 1915 Hamburg.
|
1914
|
|||