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Vom Erfolg der letzten Reise angespornt, plante Schorr sogleich die nächste Reise zu einer totalen Sonnenfinsternis. Neue Instrumente mußten nun nicht mehr besorgt werden. Die Vorbereitungen zur Sonnenfinsternis am 14. Januar 1907 begannen schon sehr bald nach Schorrs Ankunft in Hamburg. Bei dieser Finsternis lagen die Bereiche, in denen die Totalität beobachtet werden konnte, nicht ganz so günstig, sie lagen größtenteils weit im Inneren des russischen Territoriums. Der Totalitätsstreifen begann beim Schwarzen Meer und führte über Zentralasien bis nach Sibirien. Als Standort der Hamburgischen Expedition wurde die Oasenstadt Dshisak in Turkestan ausgesucht. Diese Stadt liegt am Rande der riesigen Kisil-Kum Wüste, ca. 120 km nordöstlich von Samarkand.

Am 8. Dezember 1906 waren wiederum an die 100 Kisten mit Ausrüstungsgegenständen gepackt und nach Lübeck gebracht worden, von wo die Hanseatische-Dampfschiffs-Gesellschaft sie nach Reval brachte. Aufgrund der guten Erfahrung mit Kiste 128 auf der Algerien-Expedition bekam auch dieses Mal die Firma Caudrey den Auftrag, eine Kiste mit Henry Dewars Old Scotch Whisky Special Liqueur" zu füllen. Ebenso mußten Harder & DeVoss dieses Mal zwei Kisten Proviant packen - man weiß ja nie, was im fernen Asien so alles passieren kann.

Am 13. Dezember traf die Expedition, bestehend aus Schorr, Schwassmann, Graff und Beyermann, in Reval ein. Die Fahrt führte zunächst nach St. Petersburg und zum Observatorium von Pulkowa. Dort rüstete sich gerade eine russische Expedition aus; eine französische Gruppe stieß ebenfalls dazu. Gemeinsam reiste man dann die nächsten 10 Tage über Moskau, Samara, Orenburg nach Taschkent. Dort trennten sich die Expeditionen zu ihren jeweiligen Standorten. Die Hamburger Reisegruppe bestieg den Zug in Richtung Samarkand und fuhr bis zur Station Dshisak. Am 28. Dezember traf man dort ein. In gewohnter Weise wurde bis zum Finsternistag die Ausrüstung aufgestellt und justiert.

Doch dieses Mal machte das Wetter allen Expeditionen in dieser Region einen dicken Strich durch die Rechnung. Alle Mühen des Aufbaus und des Wartens auf eine wolkenlose Stunde während der Finsternis waren vergebens:
| Wie der Draht aus Dshisak meldet, war während der ganzen Dauer der Sonnenfinsternis der Himmel vollständig bedeckt und es herrschte starkes Schneetreiben." |
Der Aufwand nahezu eines viertel Jahres war umsonst - die Vorbereitungen nicht mitgerechnet.
Dabei hatte es zunächst noch sehr gut ausgesehen. Eine russische Zeitung berichtete:
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Bis zum 21. Dezember hatten wir herrliches Frühlingswetter,
die Temperatur erreichte 14 Grad. Auf den Feldern grünte das Gras,
in den Imkereien hörte man das Summen fliegender Bienen. An manchen
Bäumen erschienen schon Knospen. |
Doch die örtliche Kompanie, nur wenige 100 m entfernt, erschien nicht. Einwohner aus Dshisak halfen so gut es ging, den Schaden des Sturms zu begrenzen, das Rundzelt jedoch war nicht zu retten und brach in sich zusammen.
| Die ausländischen Astronomen waren zunächst entmutigt, dann aber, als sie sahen, daß ihr Habe doch gerettet war, hat sich Prof. Schorr wieder eingefunden und Nischewo" [macht nichts] gesagt (das einzige russische Wort, das er kennt)." |
Nach diesen mißglückten Beobachtungen war ein Trost, daß auf der Rückreise ein Besuch der sagenumwobenen Stadt Samarkand an der alten Seidenstraße nach China eingeplant war. Die Stadt mit ihren unzähligen Moscheen, Medressen, orientalischen Plätzen und der allgegenwärtigen Welt des Islam rief im Europa des frühen 20. Jahrhunderts verwirrende, unwirkliche und märchenhafte Phantasien von Karawanen, Derwischen, 1001 Nacht und Dshingis Khan hervor. Noch wenige Jahrzehnte zuvor war es für Europäer gefährlich, in diese Region zu reisen, wollte man nicht den Kopf verlieren. Geschichten aus dem fernen Orient beflügelten ungeahnte Phantasien aus Angst, Vorurteil und Neugier. K.Graff beschrieb in einem Reisebericht seine Eindrücke von Samarkand:
| Hier jenseits der Zitadelle ein Leben und ein Treiben, daß
dem Besucher auch nicht für einen Augenblick das Bewußtsein nimmt,
daß er sich im Orient befindet. Der weiche Lößboden der
ungepflasterten Straße ist durch die Karawanentiere, durch Kamele,
Esel und Pferde, zu einer breiigen Masse zerstampft, durch die unser Wagen
in ziemlich raschem Tempo seinen Weg nimmt, ohne Rücksicht auf die
Insassen, deren Kleidung bald von oben bis unten den Farbencharakter der
Umgebung annimmt. Nötigt uns eine Kamelkarawane oder eine Schar heulender
Derwische für kurze Zeit eine langsamere Fahrtgeschwindigkeit einzuschlagen,
werden uns von den links und rechts daneben liegenden Basarständen
die unglaublichsten Dinge angeboten. Ein listig aussehender alter Sarte,
dem man auf zehn Schritte am Gesicht ablesen kann, daß er wohl noch
nie in seinem Leben mit irgend jemand einen ehrbaren Handel abgeschlossen
hat, bietet uns bunte Stickereien auf schwarzem Sammet, ein anderer seidene
Chalate (Überröcke für Männer und Frauen) an, und da
er sich nicht mit uns verständigen kann, blickt er ganz verliebt bald
uns, bald sein Verkaufsobjekt an und schnalzt voll Begeisterung mit der
Zunge. Ein Dritter hat silberne Ohrringe und Gehänge, ein vierter mit
Türkisen inkrustierte Schnallen und Gürtel zum Verkauf. Von links
wird uns der überall haufenweise aufgestapelte, mit Sesamöl vermischte
grüne Kautabak, von der rechten Sonnenblumenkerne, Mandeln und Pistazien angeboten, und nur von der Wasserpfeife werden wir verschont, mit der ein Mann über die Straßen des Basars wandelt und aus der jeder Vorübergehende nach Hinterlegung eines kleinen Geldstücks einen kräftigen Zug tun kann. " |
In Samarkand hatte um 1430 der Enkel des gefürchteten Herrschers Timur, Ulugh Bek, ein riesiges Observatorium gebaut. Es soll über drei Stockwerke hoch gewesen sein und besaß im Innern einen Quadranten, dessen Radius 40 m betrug.
Als die Hamburger Expedition 1907 Samarkand besichtigte, war gerade der Ort des Observatoriums entdeckt worden und die Ausgrabungen, bei denen bis dahin nur glasierte Kachelreste gefunden worden waren, hatten erst begonnen.
Graff berichtete:
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Als ich selbst nach der Sonnenfinsternis am 14. Januar 1907 in Samarkand weilte, war gerade der Ort der ehemaligen Sternwarte des berühmten Astronomen festgestellt worden, und so folgte ich mit großer Freude der Einladung zweier Fachkollegen, der Astronomen Hanski und Stefanik, um trotz der Kürze der zur Verfügung stehenden Zeit gemeinsam die denkwürdige Stätte zu besuchen. Als wir jedoch nach dem etwa eine Stunde nordöstlich von Samarkand entfernten Platze kamen, wurde uns der Eintritt in die betreffende Gartenanlage, die einer geistlichen mohammedanischen Stiftung (Wakuf) angehören, rundweg verweigert mit der Begründung, daß nach einer Besichtigung der Ruinen diese dann auch sicher von der russischen Regierung beschlagnahmt würden. Alle Versuche, die inzwischen zusammengeströmte Sartenschar durch den Dolmetscher von der Grundlosigkeit dieser Ansicht zu überzeugen, war vergeblich; wir erfuhren schließlich nur, daß an der Stelle der alten Sternwarte noch Spuren einer riesigen Brunnenanlage vorhanden seien, und mußten wohl oder übel unverrichteter Sache heimfahren." |
Kaum drei Jahre später fanden sich bei Ausgrabungen dann tatsächlich noch Reste des großen Quadranten, der im unteren Bereich in den Felsen eingelassen war. Graff hatte den Berichten über die Größe des Quadranten allerdings nicht geglaubt:
| Neben dem Observatorium am Registan wurde noch eine Sternwarte auf dem Tschupan-Ata-Hügel im Nordosten der Stadt gegründet, die angeblich aus einem dreistöckigen Gebäude bestand und zu ihrem Inventar mehrere Armillarsphären und einen ungeheuren Quadranten zählte, dessen Umfang von späteren Schriftstellern mit den Dimensionen der Kuppel der Hagia-Sophia in Konstantinopel verglichen wird. Bei der Sucht nach Übertreibungen in orientalischen Berichten ist es nicht zweifelhaft, daß diese Angaben den Tatsachen kaum entsprechen werden." |
Graff irrte. Die Größe des später ausgegrabenen Quadranten entsprach tatsächlich den überlieferten Maßen.
Über Baku und Tiflis reiste die Expeditionsgruppe nun zurück nach Hamburg.

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1907
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