Heinrich Christian Schumacher

Gründer der Altonaer Sternwarte

 

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Nahezu zeitgleich mit der Hamburger Sternwarte am Millerntor entstand die Altonaer Sternwarte an der Palmaille. So wie in Hamburg die Entstehung mit Johann Georg Repsold, so ist die Altonaer Sternwarte mit Heinrich Christian Schumacher verbunden. Er ist der alleinige Begründer und jahrzehntelange Motor dieses Observatoriums gewesen. Nach ihm übernahmen A.C. Petersen und darauf C.A.F. Peters die Leitung. 1872 wurde die Sternwarte nach Kiel verlegt.

Geboren wurde Schumacher am 3. September 1780 in Bramstedt in Holstein. Sein Vater war dänischer Amtmann und hatte eine frühe Gelegenheit genutzt, seinen siebenjährigen Sohn dem König Friedrich VI. vorzustellen - eine Begebenheit, von der Schumacher im Laufe seines späteren Lebens häufig profitiert hat. 1790 nach dem Tod des Vaters zog seine Mutter mit ihm nach Altona, wo er zur Schule ging. Seinem Studium der Rechtswissenschaften in Kiel und Göttingen folgte eine Anstellung als Hauslehrer in Estland. 1805 wurde er an der Universität von Dorpat als Dozent der Rechte eingestellt. Dorpat war damals schon lange ein bedeutendes astronomisches Zentrum und Schumacher erhielt Gelegenheit, beim Leiter der Sternwarte, Prof. Pfaff, in Mathematik und Astronomie ausgebildet zu werden. Dank der Gunst, die er am dänischen Hof genoß, wurde er 1807 nach Kopenhagen gerufen, um in der dortigen Rentenkammer angestellt zu werden. Der Überfall der englischen Flotte auf Kopenhagen verhinderte es, daß er die Stelle auch antreten konnte. Schumacher erreichte allerdings, daß ihm die Möglichkeit einer Professur für Astronomie in Kopenhagen freigehalten wurde. Übergangsweise begab er sich zurück nach Altona, um abzuwarten. Schumachers astronomische Kenntnisse und Interessen brachten es fast zwangsläufig mit sich, daß er Johann Georg Repsold in Hamburg kennenlernte, woraus sich eine enge Freundschaft entwickelte. Seit 1808 stand Schumacher Repsolds private Sternwarte zur Verfügung.

Nach der Bewilligung eines Stipendiums für astronomische Studien begab sich Schumacher nach Göttingen, wo sein naturwissenschaftliches Idol Carl Friedrich Gauß Leiter der dortigen Sternwarte war. Schumacher vergötterte den nur drei Jahre älteren Gauß. Dieser beteiligte ihn an seinen Beobachtungen und weckte Schumachers Interesse an geodätischen Vermessungen. Nach Ablauf des einjährigen Stipendiums reisten beide über Paris, Bremen (Olbers) und Lilienthal (Schröter und Bessel) nach Altona. Diese Reise brachte Schumacher in Kontakt mit den wichtigsten Astronomen und Mathematikern der Zeit.

C.F. Gauss 1828
F.W. Bessel
W. Olbers

Die Bemühungen Schumachers nach einer Anstellung blieben bis 1810 erfolglos, bis er schließlich doch als außerordentlicher Professor der Astronomie nach Kopenhagen berufen wurde. Das Glück für die spätere Altonaer Sternwarte war, daß der Leiter der Kopenhagener Sternwarte, Bugge, diesen Posten aber allein ausüben wollte und auf Schumacher verzichtete. Schumacher wurde deshalb nahegelegt, sich lieber wieder Urlaub zu nehmen, um Beobachtungen an Repsolds Sternwarte fortzusetzen. Da Repsold sowieso mit der Fertigung astronomischer Geräte mehr und mehr zu tun bekam, war es ihm ganz recht, daß ein Freund mit seinen Instrumenten sinnvoll arbeitete. Schumacher mietete sich deshalb in Repsolds Nähe eine Wohnung, blieb jedoch mit seiner Hauptwohnung in Altona bei seiner Mutter. 1811 beendete die französische Besatzung die gemeinsamen Beobachtungen.
Die guten Kontakte zu Gauß verschafften Schumacher 1813 eine Anstellung als Leiter der Sternwarte in Mannheim, nicht ohne die Auflage, im Falle des Todes von Bugge die Leitung der Sternwarte in Kopenhagen zu übernehmen. Die Mannheimer Sternwarte war sehr stark heruntergekommen, die Instrumente waren vernachlässigt und konnten nur mit großer Mühe wieder gebrauchsfähig gemacht werden. Doch kaum war der Betrieb wieder in Gang gebracht, starb Bugge in Kopenhagen und Schumacher mußte im Juli 1815 zurückreisen.
 
Sternwarte Mannheim

Schumacher fand die Kopenhagener Sternwarte in einem fürchterlichen Zustand vor, „eine der erbärmlichsten Europas". Um im wesentlichen ohne diese Sternwarte auszukommen, erbat sich Schumacher bei dem ihm wohlgesonnenen König Mittel für eine geodätische Vermessung Jütlands von Skagen bis Lauenburg. Die exakte geographische Ortsbestimmung war damals eines der wissenschaftlichen Hauptthemen und erforderte einerseits präzise Meßgeräte und andererseits ausreichende mathematische Kenntnisse, um die durch Gauß und Bessel begründete geodätische Triangulation durchführen zu können. Als die Bewilligung durch den dänischen König wahrscheinlich wurde, gelang es Schumacher, auch Gauß davon zu überzeugen, sich den jütländischen Vermessungen im Süden anzuschließen. Auf diese Weise konnten die dänischen Messungen an das Europäische Netz angeschlossen werden.


Schnitt der Altonaer Sternwarte in Jahn, Practische Astronomie, 1834.
Dies scheint die einzige existierende Abbildung der Anlage zu sein.

Geodäsie

Die geodätischen Messungen wurden so ausgeführt, daß von einem Meßpunkt aus zwei andere Punkte anvisiert und zwischen ihnen der Winkel bestimmt wurde. Diese Punkte waren entweder markante Geländeerhebungen oder Kirchtürme. Von Punkt zu Punkt wurde so ein Netz von Meßpunkten über das zu untersuchende Gebiet gelegt. Wenn für ein so aufgestelltes Dreieck die Länge einer Seite bekannt ist, so lassen sich mit Hilfe der vermessenen Winkel die beiden übrigen Seiten berechnen, die dann wieder Basis der sich anschließenden Dreiecke sein konnten. Die Genauigkeit einer solchen Triangulation steht und fällt daher mit der Präzision, mit der die Grundlinie, die Basis des ersten Dreiecks gemessen werden kann.

Gauß und Schumacher fanden dicht außerhalb Hamburgs, in der Nähe des Dorfes Braack bei Ahrensburg, eine geeignete Strecke, die sowohl für die jütländischen als auch für die anschließenden hannoverschen Dreiecke dienen konnte - die Braacker Basis. Mit dieser Basis konnte nun zwar das Vermessungsnetz über das Land gezogen werden, es fehlte jedoch noch der astronomische Anteil, um den Vermessungspunkten auch eine geographische Koordinate zuweisen zu können. Für mindestens einen Punkt mußte daher die geographische Breite und Länge bestimmt werden. Die Breite wird aus der Polhöhe, der Höhe des Himmelspols über dem Horizont, abgeleitet, und die Länge bestimmt sich aus dem Zeitpunkt, wann ein bekannter Stern den Südmeridian durchläuft.

1821 erreichte Schumacher die Entbindung von seinen dienstlichen Pflichten in Kopenhagen, und ihm wurde gestattet, seine Hauptwohnung in Altona zu beziehen. In Altona war es ihm auch möglich, zum hannoverschen Meßnetz, das C.F. Gauß betreute, engere Kontakte zu pflegen. Schumacher kaufte in der Palmaille ein großes Haus und richtete im ersten Stock nach Süden hinaus ein Arbeitszimmer ein. Von den kleinen Erkern hatte man einen meilenweiten Blick und konnte eine Anzahl von Dreieckspunkten sehen. Im Garten wurde ein kleines Gebäude errichtet, in dem ein Meridiankreis von Reichenbach aufgestellt wurde. Das Instrument montierte Repsold, der es zudem mit einem eigenen, verbesserten Ableseniveau ausrüstete. Dieses Anwesen nannte sich nun "Altonaer Sternwarte".

Das etwas barocke Haus in der Bildmitte war zwischen 1821 und 1873 Sitz der Altonaer Sternwarte. (Staatsarchiv Hamburg)

Der Meridiankreis wurde später zum Nullpunkt des jütländischen geodätischen Vermessungsnetzes. Die Verbindung des Instruments im Garten der Sternwarte mit dem globalen dänischen Netz gelang ein wenig virtuos. Ein erstes geodätisches Dreieck wurde zwischen dem Meridiankreis, einem Messingnagel im Fensterbrett des Arbeitszimmers im Vorderhaus und der Spitze des Hamburger Michels gemessen. Vom Turm des Michels konnten weit entfernte Referenzpunkte, z.B. der Segeberger Kalkberg, angepeilt werden.


Netz der dänischen Gradmessung beim Tode Schumachers

Die Astronomischen Nachrichten

Eines der bedeutendsten Werke Schumachers war eine neue astronomische Fachzeitschrift, die „Astronomischen Nachrichten", die er gründete und herausgab. Im September 1821 verschickte Schumacher folgende Zeilen, die auch im Vorwort des ersten Bandes abgedruckt wurden:

Durch höhere Unterstützung bin ich in den Stand gesetzt, den Astronomen und Mathematikern in diesem Blatte ein Mittel zur schnellen Verbreitung einzelner Beobachtungen und kürzerer Nachrichten, so wie in den Astronomischen Abhandlungen ein Depot für größere Arbeiten anzubieten. Ich lasse die Beiträge der verschiedenen Herrn Verfasser so, wie ich sie von ihnen erhalte, abdrucken; wenn nicht etwa der Druck eine andere Anordnung der Zahlen nöthig macht. Was in englischer, französischer, oder lateinischer Sprache mir zugesandt wird, erscheint im Originale.
Es folgt also, daß ich für nichts, als was von mir selber kommt, verantwortlich bin; und alles dies ist mit S. bezeichnet.
Sobald Stoff genug ist, einen Bogen zu füllen, wird er versandt, ohne sich an bestimmte Perioden zu binden. Ist eine Nachricht von der Art, daß sie schnellere Verbreitung fordert, so wird auch ein halber Bogen versandt.
24 Bogen machen einen Band, zu dem ein besonderer Titel und Umschlag nachgeliefert wird.
Alle Beiträge bitte ich an die Addresse:
Professor Schumacher - Altona bei Hamburg - Palmaille
zu senden
Neue Werke im Fache der Astronomie und Geodäsie werde ich ihrem Inhalte nach anzeigen, sobald sie mir bekannt werden. Altona 1821. September.
Schumacher.
"

Damit war eine der heute ältesten Fachzeitschriften der neuen Form geboren; die Astronomischen Nachrichten existieren bis heute. Vorher hatte es außer Ephemeridensammlungen im Anhang einiger Almanache oder Kalender die Korrespondenz-Zeitschriften wie Zachs Monatliche Correspondenz oder Bodes Jahrbücher gegeben. In ihnen erschienen die Beiträge oft viel zu spät und waren auch nicht mehr zeitgemäß. Schumacher hatte die Gelegenheit gefunden, den dänischen Finanzminister Moesting von dieser neuen Zeitschrift zu überzeugen. Berühmte Astronomen, die zu Schumachers Freunden zählten, veröffentlichten gern in seiner Zeitschrift. Beiträge von Gauß, Bessel, Olbers, Encke, Airy, Herschel und Rümker ließen die Astronomischen Nachrichten schnell zum Sprachrohr der Astronomie werden.

Exil in den eigenen vier Wänden

Im Dezember 1839 starb der dänische König Friedrich VI - Schumachers langjähriger Gönner und Beschützer. Der neue König Christian VIII. war zwar ebenfalls freundlich gegenüber Schumacher eingestellt, doch machten die politischen Verhältnisse bei der Machtübernahme erhebliche Sparmaßnahmen nötig, und es wurde sogar erwogen, Schumacher zurück nach Kopenhagen zu beordern. Dieses alles hatte starken Einfluß auf Schumachers schwächliche Konstitution, so daß er mehrere Arbeiten, darunter auch einige geodätischen Vermessungen, unvollendet liegen lassen mußte. Die meiste Arbeit verschlang ohnehin die Erstellung der Astronomischen Nachrichten.

1844 starb auch Bessel, was Schumachers Lebensmut sehr zusetzte und kurz darauf bereiteten die schleswig-holsteinischen Unabhängigkeitsbestrebungen dem königstreuen Schumacher zusätzliche Schwierigkeiten.

1815 hatte der Wiener Kongress Holstein, aber nicht den Landesteil Schleswig dem Deutschen Bund zugeschlagen, und die Dänen versuchten zunehmend, die Trennung zu erhärten. 1846 hatte Christian VIII. in seinem „Offenen Brief" das Erbfolgerecht abgeändert, so daß 1848 die „Eiderdänen"9 die Macht übernehmen konnten. Zur Abwehr von Trennungsbestrebungen bildete das übrige Schleswig-Holstein in Kiel eine provisorische Regierung, und preußische und hannoversche Truppen marschierten nach Holstein ein. Zwischen 1848 und 1850 brannte zwischen Altona und Fredericia der Deutsch-Dänische Krieg10. Diese Umstände führten dazu, daß vor dem Haus des königstreuen, dänischen beamteten Hofastronomen Schumacher in der Palmaille in Altona militärische Truppen ihr Lager aufschlugen. Seine Freunde konnten immerhin erreichen11, daß er in seinem Haus bleiben durfte und sich privat an den Astronomischen Nachrichten beteiligen konnte. In seinem Alter und bei seiner Kränklichkeit überstand er diese Belastungen jedoch nicht. Schumacher starb am 28. Dezember 1850.

Das Haus stand noch bis 1941 und die Einrichtung erinnerte lange an ihn:

Manches erinnerte an Schumachers Zeit, besonders in den oberen Räumen, wo ein abgeschrägtes Zimmer, dessen blau gestrichene Holztäfelung viele Wandschränke und Schubladen enthielt, einst als Instrumentenkammer für kleinere Geräte, wie Handfernrohre, Sextanten, Prismenkreise, Universale, Theodolite, magnetische Apparate und dergl. gedient hatte. Die drei Fenster des geräumigen Arbeitszimmers gingen nach Süden und boten ehemals einen herrlichen Ausblick auf den Elbstrom und die weite Landschaft des anderen Ufers. Der große Balkon stützte sich auf vier gußeiserne Säulen. Von ihm aus konnte man wegen seiner geringen Standfestigkeit nur an kleinen Instrumenten beobachten."

Die Nachfolge Schumachers übernahm C.A.F. Peters, der seit 1827 als Observator bei Schumacher arbeitete.

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Fortgang auf der Altonaer Sternwarte
   
Freundschaften
   
J.G. Repsold