Freundschaftliche Beziehungen
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Schumacher war der begüterte Gentleman unter den Astronomen Hamburgs und Altonas. Wann immer sich hoher Besuch ansagte, Bessel, Gauß oder Olbers, so wohnten sie bei Schumacher. Bessel, der 1825 einen „Sekundenpendel" von Repsold abholen wollte, zog in das Kellergeschoß der Altonaer Sternwarte. Hier wurde auch das Pendel vorübergehend bis zum Sommer 1828 installiert. Dies war Schumacher sehr recht, denn er hatte die Regelung der dänischen Maaß- und Gewichtssysteme übernommen und wollte eigene Pendelversuche anstellen. Als Ort der Untersuchung war zunächst Kopenhagen gewählt worden, da sich dort aber keine Räumlichkeiten fanden, entschied man sich für das Schloß Güldenstein bei Oldenburg in Holstein. Im Herbst 1829 begann Schumacher zu „pendeln", erkrankte aber bald, so daß er nach Altona zurückkehren mußte. Im nächsten Jahr sollten die Untersuchungen mit einem neuen Reversionspendel von Repsold wiederholt werden, doch daraus wurde nichts, denn im Januar 1830 starb Johann Georg Repsold. Schumacher hat der Tod des Freundes sehr getroffen.

 
Es ist mir, als wenn ich in ein fremdes Land versetzt wäre, wo ich mich noch in nichts finden kann, und auch nicht darin, daß Repsold tot ist, was immer noch mir wie ein Traum erscheint."

Bessel kam im Sommer 1830 noch einmal nach Altona, um Schumacher bei den Pendelarbeiten in Güldenstein zu helfen. Nicht zuletzt durch diese Reise Bessels vertiefte sich die Freundschaft zwischen ihnen. Beide schickten sich häufig Briefe, in denen sie sich auch über ihre intimsten Probleme austauschten. Auch gingen Sendungen wie Wein und Zigarren von Altona nach Königsberg, und Pelze und Hunde kamen von dort zurück.

Im nächsten Jahr konnten die Pendelbeobachtungen abgeschlossen werden und beide nahmen nun die Reduktion der Daten vor, d.h. aus den Messreihen sollte das dänische und das preussische Fuß festgelegt werden. Bessel und Schumacher erhielten nahezu den gleichen Wert und beide schlugen ihren Regierungen vor, einen gemeinsamen Wert zu nehmen, ein Vorschlag, der nicht ohne längere diplomatische Verwicklungen verwirklicht werden konnte.


Carl Friedrich Gauss

Schumachers Absichten, mehrere kurze oder längere Reisen zu unternehmen, wurden meist durch irgendeine Krankheit verhindert, denn er war eine eher zarte Person und sehr anfällig gegen jede Art von Krankheit. Erst 1834 schaffte er es, nach Berlin zu reisen, um auf Vermittlung Humboldts die Vereinigung des dänischen und des preussischen Fußes zu fördern. Auf der Rückreise besuchte er seinen früheren Assistenten Hansen, der seit 1825 Direktor der Sternwarte auf dem Seeberg in Gotha war. Danach führte ihn der Weg nach Göttingen zu seinem so geliebten Gauß. Dort fand er jedoch einen sehr unwirschen Gastgeber vor. Schumacher nahm an, daß der Grund darin bestand, daß kurz vor dem Besuch Gauß' zweite Frau gestorben war. Die Ursache lag jedoch wohl eher darin begründet, daß ihm Gauß vorwarf, nicht schon auf der Hinreise durch Göttingen gekommen zu sein. „Unser Freund ist ein recht großer Egoist", antwortete Bessel, als er von Schumacher über dessen Besuch bei Gauß erfuhr. Bei dem Göttinger Feinmechaniker Friedrich Apel besorgte sich Schumacher übrigens einen „magnetischen Apparat", den er mit nach Altona nahm, um sich damit näher zu beschäftigen. Auch Nyegaard und Petersen durften damit herumexperimentieren. Der Magnetismus begann, sich als neue physikalische Kraft entdecken zu lassen.

Bessel hatte währenddessen in Berlin noch einmal seine Pendelversuche wiederholt, und kam zu dem Ergebnis, daß beide Fußmaße bis auf verschwindend geringe Abweichungen gleich waren. Bessel packte darauf seine Sachen und reiste zurück nach Königsberg, um endlich wieder astronomisch tätig zu sein. Schumacher jedoch glaubte, Bessel würde noch über Altona kommen, um dort noch einmal definitive Vergleiche anzustellen. Bessel hatte jedoch überhaupt keine Lust, seine penibel in Berlin gewonnenen Ergebnisse schon wieder zu verwerfen und lehnte ab. Nach einem hitzig geführten Briefwechsel einigte man sich schließlich, im kommenden Jahr bei der Bestimmung des Ausdehnungskoeffizienten abschließende Besprechungen zu machen. Im Frühjahr 1837, nachdem die notwendigen Apparate fertig waren, traf man sich in Berlin und führte das Programm gütlich zu Ende.

Doch kaum war dieses Problem gelöst, da zogen neue Wolken über der Beziehung zwischen Schumacher und Bessel auf. Eigentlich betraf es eher den Zwist um Nichtigkeiten zwischen Bessel und Encke, doch Schumacher wurde mit hineingezogen. Encke und Bessel waren zwei von Grund auf verschiedene Menschen. Bessel, der arbeitswütige, oft pedantisch und mit höchster Präzision arbeitende, trotzdem lebensfreudige und offene Wissenschaftler, stand dem etwas schwerfälligen manchmal rechthaberischen Encke gegenüber. Encke hat die wissenschaftliche Leistungsfähigkeit Bessels stets respektiert, war allerdings nach Kritik oder Vorhaltungen Bessels mehr und mehr auf Distanz gegangen.

 
Jedenfalls hatte Encke es mit Bessel gründlich verdorben, und das war nicht leicht wieder gutzumachen. - Diese heftige Erregung Bessel's hatte nun Schumacher das Unglück, noch zu steigern, indem er Encke's Erwiderung (Astronomische Nachrichten Nr. 346) drucken ließ, ohne Bessel darum gefragt zu haben, weil er auf Bessel's erster Veröffentlichung zu dieser Sache in seinem Blatte Encke eine Antwort nicht glaubte versagen zu dürfen. Bessel aber faßte seinen Artikel in den A.N. nur als eine Replik auf Encke's Angriff im Jahrbuch auf; er schüttet seinen ganzen Zorn über Schumacher's gebeugtes Haupt aus und beschuldigt ihn, von Encke und dessen Freunden beeinflußt zu sein, wenngleich unbewußt."

Bessel beruhigte sich bald darauf, verweigerte später aber jeden Beitrag für die Astronomischen Nachrichten. Die persönlichen Beziehungen zu Bessel scheinen indes nicht beeinträchtigt worden zu sein, denn Bessel meldete sich und seinen Sohn schon für den nächsten Sommer zu einem längeren Besuch in Altona an.

1844 starb Bessel. Sein Tod hinterließ bei Schumacher eine lang anhaltende Schwermut.

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