Fortgang auf der Altonaer Sternwarte

Die Nachfolger Schumachers

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Als Schumacher 1850 starb, übernahm Adolph Cornelius Petersen die provisorische Leitung der Altonaer Sternwarte. Er wuchs auf dem Bauernhof seiner Eltern in der Nähe Tonderns auf, bis er eine Lehrstelle als Landvermesser erhielt. Ein bei den dänischen Gradmessungen tätiger Offizier machte ihn mit Heinrich Christian Schumacher bekannt, der ihn 1827 als Observator in Altona einstellte.

Die Altonaer Sternwarte, die im wesentlichen Schumachers geodätischen Vermessungsarbeiten gedient hatte, wies für andere astronomische Beobachtungen sehr ungünstige Verhältnisse auf. Als beispielsweise der Merkur am 8. Mai 1845 vor die Sonne zog, hatte schon Schumacher berichtet:

Es sind in den letzten Jahren in der Nähe der Altonaer Sternwarte Fabriken angelegt, deren Steinkohlenrauch, wenn der Wind nicht zufälligerweise diesem Rauche eine für die Beobachtungen unschädliche Richtung giebt, alle Tagbeobachtungen verhindert. Unter diesen Umständen mußte ich meine Fernröhre und Uhren nach dem Landsitze meines Freundes, des Herrn Richard Parish in Nienstedten bringen, wo ich nur, wie überall, von Wolken, aber nicht von Steinkohlenrauch Störungen zu befürchten hatte."

Das Finanz-Departement in Kiel hatte deshalb schon gleich nach dem Tode Schumachers Schließungsabsichten geäußert und bei der Kieler Universität angefragt, was aus den Instrumenten in Altona werden solle und ob nicht Kiel dafür Verwendung habe. Das Kuratorium der Universität in Kiel kam zu einem deutlichen Ergebnis: Die Sternwarte in Altona sei überflüssig, denn Hamburg habe bereits eine. In Kiel dagegen solle ein Lehrstuhl für Astronomie eingerichtet werden, und das Observatorium nach Kiel umziehen. Aus diesen Gründen hielt man es nicht mehr für notwendig, die Stelle des Direktors auszuschreiben und beließ Petersen provisorisch im Amt. Eine allzu schnelle Durchführung des Umzuges war aufgrund der politischen Probleme zwischen Dänemark und Holstein allerdings nicht zu erwarten.

Petersens neue Aufgaben drückten schwer, denn Schumachers Individualismus war kaum zu ersetzen. Nach wie vor kam nahezu jeder durchreisende Astronom für wenige Tage nach Altona, um dort zu wohnen. Schumachers Welterfahrenheit und seine Erfahrung im höfischen Umgang fehlten Petersen. Die meiste Arbeit machte jedoch die Redaktion der Astronomischen Nachrichten, die Petersen zusammen mit Hansen in Gotha (ein früherer Observator der Altonaer Sternwarte) übernommen hatte. Alle Astronomen hatten sich die Vorzüge des vielsprachigen Schumachers zu Nutze gemacht und sandten Manuskripte in Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Dänisch ein. Petersen mußte nun in diesen Sprachen Unterricht nehmen, um Korrektur lesen zu können. Ohne die Hilfe anderer Astronomen wäre diese Arbeit kaum zu schaffen gewesen.

Petersens Aufgabe an der Altonaer Sternwarte bestand auch darin, eine Inventarliste anzulegen. So einfach es klang, um so schwerer war es in der Praxis durchzuführen, denn Schumacher hatte kein Verzeichnis der Geräte angelegt - er besaß ja das königliche Privileg, wonach er alle angeschafften Instrumente wie sein Eigentum benutzen konnte.

Als sich die politischen Reibereien in Schleswig-Holstein etwas legten, konnte der wissenschaftliche Betrieb mit Einschränkungen wieder aufgenommen werden. Allerdings gab es große finanzielle Schwierigkeiten - Petersen mußte 1851 sogar den Hausmeister entlassen.

Eine große Hilfe war Admiral Zahrtmann. Dieser Offizier der dänischen Marine stand immer im engen Kontakt mit der Sternwarte, seit er 1815 Schumacher als Assistent für das dänische Gradmeßprogramm zugeteilt worden war. 1826 war Zahrtmann zum Leiter des königl. Seekarten-Archivs ernannt worden. Nach Altona hatte er immer einen guten Kontakt gepflegt und auf diese Weise seine Frau, die Tochter des einflußreichen „Conferenzrathes" Donner, kennengelernt. Donner war mit Schumacher befreundet - eine Sonnenfinsternisbeobachtung (15. Mai 1836) fand beispielsweise auf Donners Landsitz statt:

Herr Capitain Zahrtmann beobachtete auf dem Landsitze des Herrn. Etatsraths Donner in Neumühlen bei Altona (3" südlich und 4"50 in Zeit westlicher als die Altonaer Sternwarte) den Anfang und das Ende der Finsterniß, und mehrere Eintritte von Flecken."

Als Zahrtmann 1848 zum Marineminister und Vize-Admiral ernannt worden war, zahlten sich solche Beziehungen für die Existenz der Sternwarte aus, denn mittlerweile forderten die „Eiderdänen" im Kieler Parlament die Verlagerung der Altonaer Sternwarte nach Kopenhagen. Petersen schrieb in einem Brief an Hansen, daß die Dänen den Nutzen der Sternwarte bezweifelten:

Admiral Zahrtmann streitet sich etwas mit der sogenannten Eiderdänen-Parthei über ihre Zweckmäßigkeit in den dänischen Zeitungen".

Doch am 15. April 1853 starb Zahrtmann durch einen Schlaganfall und im Februar 1854 starb auch Petersen. Die Zukunftsperspektiven der Altonaer Sternwarte waren erneut auf den Nullpunkt gesunken.

Der Ausverkauf der Altonaer Sternwarte

Die Kommission, die über die Zukunft der Altonaer Sternwarte entschied und deren Vorsitz Zahrtmann übernehmen sollte, konnte unter dem neuen Vorsitzenden von Reedtz erst im August 1853 eigene Vorschläge unterbreiten. Danach sollte die Sternwarte nun doch erhalten bleiben, da es in Dänemark kein vergleichbares Institut gab, das die notwendigen Genauigkeiten für die Vermessungsarbeiten liefern konnte, auch müsse den Astronomischen Nachrichten ein Observatorium zur Verfügung stehen. Im Finanzhaushalt Dänemarks gab es allerdings keine Mittel für zwei Sternwarten, und die eine mußte aus politischen Gründen in Kopenhagen sein. Folglich entschied der König am 23. März 1854, daß die Altonaer Sternwarte übergangsweise erhalten bliebe, die Instrumente jedoch zu verteilen seien. Der Altonaer Mercur berichtete am 23. August 1848:

Wie reichhaltig das Inventar ist, geht daraus hervor, daß die Sternwarte hier die nothwendigen Instrumente behält und außerdem 71 Collis mit zwei Eisenbahnfrachtwagen nach Kiel und Kopenhagen geschickt wurden."

Jeder bekam nun etwas ab: die Kieler Universität erhielt Geräte zum Aufbau eines astronomischen Observatoriums und für eine physikalische Sammlung, Kopenhagen bekam Instrumente für die Sternwarte, die Universität, die polytechnische Schule, die Militärhochschule, den Generalstab, das Marineministerium, die Akademie der Wissenschaft und die Direktion der Gradmessung. Auch der König ging nicht leer aus, er erhielt eine Pendeluhr. Der Ausverkauf der Sternwarte war im vollen Gange. Selbst die Bibliothek, über die Otto Struve aus Pulkowa schrieb,

daß in dieser Sammlung gewissermaßen die Geschichte der Astronomie während des größten Theiles des gegenwärtigen Jahrhunderts vorhanden ist",

wurde an den Berliner Antiquar Ascher zum Verkauf gegeben. Nur ein kleiner Teil konnte später zurückerworben werden.

Ja, selbst die Existenz der Astronomischen Nachrichten, inzwischen zum verbreitetesten Sprachrohr der astronomischen Fachwelt geworden, schien gefährdet. Aus allen Teilen Europas wurden Eingaben geschrieben, dieses Organ nicht eingehen zu lassen.

Da die Sternwarte nun doch noch eine Gnadenfrist bekam und die Existenz der AN zu sichern war, mußte ein neuer Direktor gefunden werden. Die Wahl fiel auf Christian August Friedrich (C.A.F.) Peters aus Hamburg.

Christian August Friedrich Peters

Peters wurde am 7. September 1806 geboren. Sein Vater war Kaufmann, der die mathematischen Neigungen seines Sohnes erkannte und nachdrücklich förderte. Doch die Kontinentalsperre hatte vielen Hamburgern große finanzielle Nöte beschert und der junge Peters erhielt von einem billigen Privatlehrer Unterricht - eine teure höhere Schule konnte sich der Vater nicht leisten. Die Mathematik und die Naturwissenschaften brachte sich Peters größtenteils aus Lehrbüchern selbst bei. Als der Vater sein Geschäft aufgeben mußte, fiel auch dieser karge Unterricht fort. Eine Bekanntschaft mit Johann Georg Repsold im Jahr 1825 verschaffte ihm jedoch 1826 den Kontakt zur Altonaer Sternwarte und er erhielt eine Anstellung bei den Vermessungsarbeiten des Hamburger Territoriums. Auch bei den Berechnungsaufgaben an der Altonaer Sternwarte wurde Peters von Schumacher mit einbezogen. Dieser besorgte ihm schließlich eine Studienmöglichkeit bei Bessel in Königsberg, wo er auch promovierte.

1833 erhielt Peters, als Carl Ludwig Rümker Direktor der neuen Sternwarte am Millerntor wurde, eine Assistentenstelle in Hamburg. Danach arbeitete er unter Struve in St. Petersburg an der neuen Pulkowaer Sternwarte und wurde 1846 zum Professor in Königsberg berufen. 1854 wechselte Peters auf die Stelle des letzten Direktors der Altonaer Sternwarte.


Der Donatische Komet war 1858 in ganz Europa eine prächtige Erscheinung.
Diese Abbildung zeigt den Komet am 20/21. September über Hamburg.
In Altona beobachtete der Observator C.F. Pape den Komet und
registrierte Gasausbrüche entgegen der Schweifrichtung.

Neben der Direktion der Sternwarte und der Vorbereitung des Umzuges mußte auch die Herausgabe der Astronomischen Nachrichten weitergeführt werden. Von den AN erschienen unter seiner Leitung in 25½ Jahren 58 Bände - mehr als in den 29 Jahren unter Schumacher (30 Bände). Die Qualität der Zeitschrift sank jedoch gewaltig. Häufig beschränkte sich Peters darauf, rohe Beobachtungsreihen abzudrucken. Der erste Band unter Peters war fast zur Hälfte mit dem Beobachtungsjournal von Pendelschwingungen in Güldenstein gefüllt. Bei Schumacher waren solche Veröffentlichungen in separate Abhandlungen verbannt worden. Für den Niedergang der AN trug überdies Peters' Abneigung gegen russische Autoren bei. Später überwarf sich Peters auch noch mit anderen deutschen Astronomen, so daß aus dem Schumacherschen unparteiischen und überregionalen Journal ein parteiisches Blatt wurde, dem sich viele Autoren fernhielten und statt dessen in inzwischen vorhandenen Konkurrenzjournalen, z.B. dem Astronomical Journal, veröffentlichten.

1864 war das endgültige Aus für die Altonaer Sternwarte gekommen, denn die deutschen Elbherzogtümer hatten sich von Dänemark losgesagt. Kiel sollte nun der neue Standort einer neuen Sternwarte werden, da dort einerseits die Universität vorhanden war und andererseits die Stadt zum großen Kriegshafen ausgebaut wurde. Die Kriegsmarine legte Wert darauf, daß die Zeitbestimmung möglichst vor Ort geschah. Als neuer Standort der Sternwarte wurde ein Hügel am Rande des Düsternbrooker Gehölzes, ca. 3 km vom Kieler Stadtzentrum entfernt, ins Auge gefaßt. Die Instrumente dieser Sternwarte sollten im wesentlichen die bestehenden Hauptinstrumente aus Altona sein: der Meridiankreis, ein Troughtonscher Vertikalkreis, ein Universalinstrument, ein Repsoldsches Äquatorial und einige kleine Instrumente.

Der Umzug begann mit der Vermessung der exakten Längen- und Breitendifferenz zwischen beiden Orten, damit die geodätischen Nullpunkte, für die der Altonaer Meridiankreis den Fixpunkt darstellte, aktuell blieben und von Kiel aus weitergeführt werden konnten.

1870/71, waren die Vermessungs- und Umzugsvorbereitungen abgeschlossen und Peters übersiedelte mit seiner Familie nach Kiel. Acht Jahre später starb Peters, am 8. Mai 1880. Das Haus der Altonaer Sternwarte an der Palmaille fiel 1941 Bombenangriffen zum Opfer.


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