Ich bin ein Jünger der Finsternis"
Navigation

 

 

So eigenwillig Bernhard Schmidts Leben war, so mysteriös endete es auch. Arno Wachmann, der Kollege Schmidts, berichtete seine Version vom Tode Schmidts:

Sein letztes Werk war eine Spezialoptik... Darüber nahm ihn der Tod die Schleifschalen aus der Hand - am 1. Dezember 1935."

Nach dem Krieg kreiste auf der Sternwarte das Gerücht, Bernhard Schmidt habe Selbstmord verübt, manche vermuteten, er sei dem Alkohol zum Opfer gefallen. Anhand offizieller Papiere starb Schmidt am 1. Dezember 1935 an einer Lungenentzündung im Krankenhaus Friedrichsberg.

Die wahren Hintergründe meint Jaan Kross aus Estland bei seinen Recherchen zu Schmidt erst 1985 herausgefunden zu haben:

„Diese Unterhaltung zwischen Schorr und Schmidt hatte am 21. November stattgefunden. Das heißt, Schmidt war zu dem Zeitpunkt schon ungefähr zehn Tage krank. Vier Tage später, am 25. November, war er dann verrückt geworden. Nach den Daten in Schorrs Brief war er im Observatorium erschienen, hatte er einige Menschen dort beschimpft und war auf jemanden eingedrungen und hatte ihn körperlich bedroht. Er hatte sich seine Kleider vom Leib gerissen und hatte angefangen zu randalieren. Dem Hören-Sagen nach, schreibt Schorr, hatte er dann zwischen dem 22. und dem 25. November mehrere `Biertouren' durch Hamburg unternommen. Paul Schmidt und Gressmann hatten ihn am 25. mittags nach Hause geholt und ins Bett gepackt. Am gleichen Tag, so gegen vier Uhr Nachmittag, war Schorr zu ihm nach Hause gegangen und hatte ihn im Vorzimmer des Gemüsehändlers, auf Socken und mit einer Taschenlampe fuchtelnd und erregte, wirre Reden führend, angetroffen. Schorr war es gelungen, ihn etwas zu beruhigen, ihn zu zwingen, etwas zu essen und Kaffee zu trinken und ihn mit Hilfe des Gemüsehändlers wieder ins Bett zu legen. Am selben Abend war der Gemüsehändler zu Schorr gekommen und hatte sich beklagt, daß Schmidt aufgestanden sei und fortfahre, unvernünftigerweise zu randalieren. Daraufhin hatte Schorr Doktor Eggers angerufen. Der war gekommen, hatte Schmidt untersucht und hatte den Krankenwagen vom St. Georgs-Krankenhaus gerufen. Mit Hilfe von drei Männern hatte man den tobenden Schmidt in den Krankenwagen gebracht und ihn weggefahren.

Am 26. November hatte Schorr das Krankenhaus angerufen und nach Schmidts Zustand gefragt. Man hatte ihm mitgeteilt, daß man Schmidt - seines fortdauernden Erregungszustandes wegen - weiter ins Friedrichsberger Krankenhaus gebracht hatte. Das hieß ins Irrenhaus.

Am 28. schrieb Schorr an den Leiter des Friedrichsberger Krankenhauses, Prof. Ritterhaus, einen Brief. In ihm fragte Schorr nach den Genesungsaussichten von Schmidt, und gleichzeitig schilderte er seinen Charakter, womit er dem Arzt im Hinblick auf den Patienten die notwendige Orientierung geben wollte. Die letzte und in ihrer Art anrührendste Charakteristik, die über Schmidt zu seinen Lebzeiten geäußert worden ist."

Diese Schilderung betraf die Einlieferung Schmidts nach Friedrichsberg. Kross vermutet nun die wahren Todesursachen und fährt in seiner romanhaften Unterhaltung fort:

Und jetzt geschieht das, was ich nicht erwartet hätte:"

„Ach so?! Sie vermuten, daß man Schmidt, als man ihn am 26. November nach Friedrichsberg brachte und er vier Tage später dort an Lungenentzündung gestorben ist - wie die Papiere aussagen -, daß er letztlich etwas mit einem Ereignis im Euthanasieprogramm zu tun hat? Nicht wahr?! Aber, hören Sie, das ist doch absurd! Das Euthanasieprogramm wurde doch nicht vor 1940 durchgeführt, jedenfalls nicht vor 1939. Aber Schmidt starb schon 1935."

Und dennoch sind Sie nicht der Erste," sage ich, „dem solche Assoziationen im Bezug auf Schmidts Tod gekommen sind. Ich habe mit verschiedenen Personen gesprochen. Hier, in Hamburg. Mit einem vierzigjährigem Rechtsanwalt. Mit einem sechzigjährigem Journalisten. Mit einem Geschichtsprofessor in Ihrem Alter. Als sie die Einzelheiten gehört hatten, die ich von Alfred Schulz erfahren hatte, fragten sie alle: hören Sie - womit hat das eigentlich zu tun? Und alle drei dachten ein und dasselbe. Und der Journalist fügte noch hinzu, daß nach Gerüchten Friedrichsberg wenigstens später einer dieser Orte war, wo diese Dinge praktiziert wurden."

Bernhard Schmidt, den die Deutschen solange für deutsch hielten, wie er geniale Geräte konstruierte und der sich selbst immer als Este fühlte - umgekommen an den Folgen des Rassenwahns und der Ausmerzungsphilosophien der Nazis? Hatten Ärzte in Friedrichsberg Bernhard Schmidt, das Aushängeschild der Hamburger Sternwarte, zu Tode toben lassen oder sogar nachgeholfen?


Bernhard Schmidt im Gespräch mit Arno Wachmann im Sommer 1935

Eigene Recherchen zu Jaan Kross' Vermutung haben diese Theorie nicht bestätigen können. Die Krankengeschichte Schmidts bestätigt zwar die Hintergründe der Einlieferung, jedoch gibt es keine Anhaltspunkte für eine Vorform der Euthanasie. Dr. Friedemann Pfäfflin, Mitautor des Buches „Medizinische Wissenschaft im »Dritten Reich«", hat sich die archivierten Unterlagen auch unter Hinzuziehung eines Pathologen noch einmal kritisch vorgenommen und kommt zu einem anderen Schluß:

„Was den Verdacht anlangt, „daß es sich bei diesem Tod auch um eine Vorform des Euthanasie-Programms der Nazis handeln könnte", wäre ich extrem skeptisch. Jedenfalls enthält die Akte dazu keine konkreten Hinweise, die diesen Verdacht begründen könnten, und bisher hat die historische Forschung für ein solches Vorprogramm in Hamburg keine beweiskräftigen Hinweise erbracht. Hamburger Psychiatrie-Patienten wurden überwiegend in der zweiten Phase der sogenannten Euthanasie ums Leben gebracht, in der Regel nach vorheriger Verlegung in auswärtige Anstalten. Daß bereits 1935 Patienten in der Psychiatrie umgebracht worden sein sollen, ist bisher nicht bekannt. ...

Im übrigen war es bei den Akten von psychiatrischen Patienten, die ich gesehen habe und von denen sicher ist, daß sie umgebracht wurden, ganz unüblich, daß anschließend Routinesektionen durchgeführt wurden.

Insgesamt halte ich deshalb aufgrund der Akte, die von J. Kross in seinem biographischen Roman geäußerte Auffassung für, durch die Akten nicht belegt. Im Gegenteil, mir scheint der Befund ausdrücklich dagegen zu sprechen."

Das Euthanasieprogramm scheidet daher als Todesursache aus. Doch scheint Schmidt trotzdem an den Maßnahmen des Krankenhauses gestorben zu sein. Eine damals übliche Behandlungsform sah nämlich die Behandlung im „Dauerbad" vor. Diese Kaltwassertherapie, im November, nachdem Schmidt sich auf einer Zechtour bereits kräftig erkältet hatte, wird die Lungenentzündung, die bereits bei der Aufnahmeuntersuchung im Friedrichsberger Krankenhaus festgestellt wurde und die schließlich zum Tode führte, erheblich verstärkt haben. In dem von Kross bereits erwähnten Brief Schorrs an das Krankenhaus ist die Vorgeschichte erwähnt:

Von Zeit zu Zeit (alle paar Monate) muss er aber, wie er selbst sagt, „zur Erhöhung seines Potentials" gründlich durchsaufen und zwar gewöhnlich nur mit Bier. Bisher ist er dann nach 2-3 Tagen, wenn er seinen Rausch ausgeschlafen hat, wieder durchaus normal und arbeitsfreudig gewesen.

Am 21. ds.Mts., als ich zum letzten Male mit ihm verschiedene Sachen besprach, war er durchaus normal, er klagte jedoch über sehr starke Kopfschmerzen, die er auf eine starke Erkältung bei einer Reise nach Holland zurückführte. Er erhielt an diesem Tage von mir einiges Geld und, wie inzwischen festgestellt wurde, begann er am nächsten Tage mit seiner üblichen Bierreise."

Die Erkältung mag einer der Gründe für den Tod Schmidts gewesen sein. Dr. Pfäfflin bemerkte:

Ungeachtet dessen ist die Annahme sicher nicht verkehrt, daß der Patient bei gleicher Erkrankung unter heutigen Bedingungen in der Psychiatrie die akute Erkrankung überleben würde."

Doch noch ein weiterer Aspekt mag zum Tod Schmidts beigetragen haben. Er, der sich nie einzwängen lassen wollte, für den die geistige und persönliche Freiheit ein Lebensprinzip war, wurde hinter Gitter gestellt, in eine Zwangsjacke gepreßt, wurde im Dauerbad gehalten und man versuchte, seinen Willen zu brechen. Er wehrte sich mit allen ihm noch verfügbaren Kräften. Er schlug um sich, zerriß Bettlaken und Kleidung, spritzte und planschte im Wasser wie wild, während sein Kopf nach wie vor von der Astronomie und der Technik erfüllt war.

Seine letzten Sätze, kühl im Krankenreport vermerkt, sind seine Schreie durch die Krankenhausgänge:

Ich bin ein Jünger der Finsternis"


home
zurück
Glanzzeiten
Index
   
Jugendjahre
   
Bewerbung
   
Gegenwindschiff
   
Genial
   
Nachbesserungen
   
Schmidtspiegel
   
Tod