"Ob Ihr vielleicht für Spiegelteleskope interessieren ?"

 

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Eine der herausragenden Persönlichkeiten in der Geschichte der Hamburger Sternwarte ist Bernhard Schmidt. Er fällt nicht nur aufgrund seiner genialen optischen Fähigkeiten auf, er war auch charakterlich eine bemerkenswerte Figur. Neben seinem Hauptwerk, dem bekannten „Schmidt-Spiegel", steht für Schmidt auch Verschlossenheit, Eigenbrötelei und Individualismus. Er lebte zurückgezogen, war teils weltfremd, teils starrsinnig futuristisch und ihm galt eine freizügige Lebensgestaltung als unabdingbare Existenzgrundlage. Viele Mythen und Gerüchte sind um diesen Sonderling herum entstanden und es ist mitunter nicht leicht, die Wahrheit herauszufiltern.


Bernhard Schmidt als Student in Göteburg um 1898

Eine Lebensbeschreibung unter besonderer Berücksichtigung des eigenwilligen Charakters hat der estländische Autor Jaan Kross in seinem Buch „Schiff im Gegenwind" versucht. Über Schmidt sind überdies eine Vielzahl von Artikeln erschienen, so daß sein Leben hier nicht noch einmal in aller Ausführlichkeit abgehandelt werden soll. Diese Seiten beschränken sich auf einige typische Episoden mit besonderem Gewicht auf seine Bergedorfer Zeit.

Geburtshaus
Nargen

Bernhard Voldemar Schmidt stammte von der estländischen Ostseeinsel Nargen, ca. 20 km nordwestlich von Tallin. Am 30. März 1879 wurde er dort auf dem kleinen Hof seiner Eltern geboren. Von Beginn an war Schmidt an technischen und naturwissenschaftlichen Dingen interessiert. Die Basteleien an einer selbsthergestellten Minibombe (Metallrohr, vollgestopft mit Schießpulver) kosteten ihm im Alter von ungefähr 11 Jahren die rechte Hand. Diese Behinderung hatte ihn im weiteren Verlauf seines Lebens scheinbar wenig gestört, manche behaupten sogar, es habe Schmidt erst den Jetzt-erst-recht-Willen gegeben, der ihn zu seinen späteren Befähigungen geführt hat. So wird berichtet, Schmidt habe sich von seinem Freund, dem Dorfdrogisten, einige Fotoplatten besorgt. Nachdem er sich dann aus einem Flaschenboden eine Linse geschliffen und diese in eine Zigarrenkiste eingebaut hatte, habe er mit dieser einfachen Kamera eine Reihe guter Fotografien gemacht. Damals begann er sich ernsthaft mit der Astronomie zu beschäftigen und sandte gelegentliche Beobachtungsergebnisse und Konstruktionsvorschläge an Zeitschriften. Die Anfangsergebnisse waren dabei mitunter niederschmetternd..

Der Herausgeber der Zeitschrift Astronomische Rundschau gab ihm den Rat nachdem Schmidt offenbar flüssigkeitsgefüllte Gläser als Linsenersatz anbot: „Besser Sie kaufen sich ein ordentliches Objektiv, da schon ein zweizölliges mehr leistet als ihr fünfzölliges."


Frühes Amateurteleskop von Bernhard Schmidt

Nach einem Technikstudium in Göteborg entschloß sich Schmidt bei Dr. Strehl in der Technischen Hochschule von Mittweida in Sachsen seine Optikkenntnisse zu vertiefen, denn Strehl war einer der Spezialisten im Umfeld von Zeiss, Abbe und Schott. Die kleine Stadt Mittweida wurde für die nächsten 25 Jahre Schmidts zweite Heimat. Hier in Sachsen, im Umkreis von Jena, bestanden die besten Möglichkeiten, um die Feinheiten optischer Technologien zu studieren. Viele Technikschulen genossen damals eine Förderung durch die Zeiss-Stiftung.

In der Nähe des Technikums fand Schmidt eine Wohnung und in der Nähe von Brettschneiders Restaurant „Lindengarten" fand er zuerst eine Bretterbude, später eine alte Kegelbahn, wo er seine optischen Experimente durchführen konnte. Diese Hinterhofeinrichtung nannte er bald „optische Werkstatt Bernhard Schmidt".

Schmidts Sternwarte in Mittweida

Ab 1901 fertigte er nicht nur Linsen, sondern auch Spiegel, und seine Amateurfernrohre waren ein begehrtes Produkt. Auf der Wiese gegenüber dem „Lindengarten" entstand Schmidts Beobachtungsstand. Dort testete er seine Fernrohre und Erfindungen. Schmidt war ein guter Beobachter des Himmels. 1901 wurde er u.a. als Mitentdecker der Nova im Perseus genannt. 1904 griff er zum Füllfederhalter, eine Beschäftigung, die er überhaupt nicht mochte, und schrieb an das Astrophysikalische Observatorium in Potsdam:

Erlaube mir die Frage ob Ihr vielleicht für Spiegelteleskope interessieren, ich würde gerne einen Spiegel zu Selbstkosten für die Sternwarte liefern, möchte im eigenen Interesse mal sehen was sich mit einem Spiegel fotografiren lässt, wenn es montirt ist."

Das Astrophysikalische Observatorium war interessiert, denn die beiden Direktoren Vogel und Schwarzschild erkannten schnell Schmidts optische Begabung. Bis 1912 entstanden mehrere Spiegel und Teleskopkonstruktionen.

Potsdam war das größte deutsche Observatorium und besaß ab 1898 zwei Refraktoren mit 80 cm und 50cm Öffnung. Die Mechaniken stammten von A. Repsold & Söhne, die Optik von Steinheil in München. Diese Objektive waren jedoch von äußerst schlechter Qualität und das Observatorium beschloß Korrekturschleifarbeiten zu vergeben. Man stellte Schmidt in Aussicht, das große Objektiv durch ihn korrigieren zu lassen, falls die Arbeiten an der 50 cm-Linse zufriedenstellend ausfielen. Schmidt machte ein günstiges Angebot, bekam den Auftrag und lieferte eine perfekte Korrektur ab. „Aus einem schlechten wurde ein vorzügliches Objektiv" jubelte Schwarzschild. Doch nun wurde der etablierte Optikbetrieb Steinheil in München nervös, denn er fürchtete um den guten Ruf seiner Werkstatt. Steinheil gelang es, den Berliner Landtag, der das Geld zu bewilligen hatte, soweit zu beeinflussen, daß der Auftrag nach München ging. Zugleich brach der erste Weltkrieg aus und die politische Polizei verhaftete Schmidt als feindlichen Ausländer. Nach einer Internierung wurde er nach Mittweida entlassen und unter Polizeiaufsicht gestellt. Schmidt fand in dieser Zeit Ruhe, sich mit einer neuen Teleskopkonstruktion, der Horizontalspiegelanlage, zu beschäftigen. Dieses Instrument lag flach auf dem Boden und das Licht wurde über einen nachgeführten Umlenkspiegel, dem „Uranostat", eingespiegelt. Eine Zeit lang stand dieses Fernrohr sogar im Verdacht der politischen Polizei, Schmidt würde damit Lichtsignale an feindliche russische Flugzeuge übermitteln.


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