Die Rümker Affaire

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Während sich Rümker auf der Rückreise nach London befand, um Instrumente für seine bevorstehenden astronomischen Aufgaben im Parramatta Observatorium in New-South-Wales zu erledigen, waren auch in Hamburg an der neuen Sternwarte größere Veränderungen eingetreten. Im Januar 1828 war der Direktor der Navigationsschule, Daniel Braubach, gestorben und der Hamburger Senat erinnerte sich an Rümker, der 1819/20 bereits einmal Navigationslehrer gewesen war, und wählte ihn am 10. Februar 1828 zum neuen Direktor; in Hamburger Manier, ohne ihn vorher gefragt zu haben. Bis zu Rümkers Ankunft in Hamburg setzte der Senat J.S. Mertz provisorisch als Direktor ein. Im März 1828 wurde Rümker offiziell über seine Wahl unterrichtet, doch kann davon ausgegangen werden, daß dieser Brief ihn nicht vor Oktober 1828 erreichte. Da dieses Angebot aber deutlich schlechter war als die in Aussicht stehende Aufgaben in Australien, Rümker zudem keine Neigung hatte, Neu-Südwales zu verlassen, erhielt der Senat auf diesen Brief keine Antwort.

Die Reise nach England, die Rümker kurz darauf antrat, hatte ganz andere Gründe. Der eine war, daß Geräte zur Messung der geographischen Länge, aus England, wenn in Australien bestellt wurde, nicht unter zwei Jahren Lieferzeit zu bekommen waren. Der andere Grund war der, daß Rümker den Fortgang der Veröffentlichung seiner eigenen Beobachtungen bei der Royal Society selbst in die Hand nehmen wollte.

In australischen Publikationen wurde ihm später vorgeworfen, er habe Australien schnöde den Rücken gekehrt. Doch noch am 22. Dezember 1828 vergrößerte er sein Land um weitere 1000 acres und meldete am 1. Januar 1829, fünf Tage vor seiner Abreise, den Bedarf für weitere 2000 acres zur Viehzucht an.

Am 6.1.1829 schiffte sich Rümker an Bord des Seglers „Ellen" ein. Auf der Überfahrt nach England mag er dem Kapitän wohl unruhige Nächte bereitet haben, denn sein navigatorisches Interesse ließ ihn, wie auf der Hinreise, die Mißweisungen der Kompaßnadel mit seinem eigenen Kompaß ständig überprüfen. Welcher Kapitän ließ sich schon gerne so genau in die Karten sehen? Wie schon auf der Hinreise veröffentlichte Rümker diese Beobachtungen später in den Astronomischen Nachrichten. Ansonsten schien die Fahrt recht angenehm gewesen zu sein, denn in seinem „Schiffsjournal" tauchen inmitten seiner Kursberechnungen urplötzlich mehrere Gedichte auf.

16.April 1829 an Bord der Ellen:

The pacific Sea the Ellen ploughs
with foaming waves curling round her Bows.
whilst from aloft a sacred cross
sends blessings down on us
and with the centaurs pairs in heavens high
iluminates the starry sky"

Stark müssen ihm bei diesen lyrischen Ausflügen auch manche Ereignisse der letzten Jahre bitter durch den Kopf gegangen sein, denn etwas später heißt es in einem Gedicht

„ Grounds I filled and sewed,
others reaped the same,
much toil and labour I bestowed,
to add to others fame"

Die Arbeit, für die sich Rümker aufopferte, diente letztlich zum Nutzen Brisbanes und mancher anderer.

Rümker erreichte England im Mai 1829. Anfangs lief alles nach seinen Vorstellungen. Die Royal Society beschloß auf Empfehlung John Punds, dem „Astronomer Royal", die Veröffentlichungen Rümkers aus öffentlichen Mitteln zu tragen. Sie erschienen als Sonderband der „Philosophical Transactions of the Royal Society" im Jahr 1829.

Sein Anliegen bezüglich der zu erwerbenden Meßtechnik verlief zunächst ebenfalls nach Plan, denn die Anstrengungen, die Instrumentierung von Parramatta aufzubessern wurde weitgehend akzeptiert und Rümker sollte, zum „Colonial-Astronom" befördert, nach Australien zurückkehren. Auch sein Gehalt sollte, nach Absprache mir Sir George Murray, der Earl Bathurst als Kolonialsekretär abgelöst hatte, aufgebessert werden.

Alles lief perfekt, bis, wie sein Sohn später schrieb:

Nach aller Wahrscheinlichkeit hätte mein Vater seine wissenschaftlichen Arbeiten in Neu-Südwales fortgesetzt, wenn er nicht zu dieser Zeit eine Auseinandersetzung mit einem Individuum namens South bekommen hätte."

Dieses „Individuum" war Sir James South, Präsident der Royal Astronomical Society, the „Kings own Astronomer".

Die „Rümker Affäre"

Aus einem Brief, den Mrs. Dunlop am 1. Juni 1828 an ihre Schwester schrieb, läßt sich rekonstruieren, daß auch Sir Thomas Brisbane zum Treffen der Royal Society gefahren war, um vorzuschlagen, daß nicht Rümker sondern James Dunlop der neue Direktor des Parramatta-Observatoriums werden sollte. Dies war der Beginn einer Intrige, die sich hinter dem Rücken Rümkers in England entwickelte, als dieser sich noch in Australien über die neue Stelle freute.

Aus den Protokollen der Royal Society geht nicht hervor, daß über Brisbanes Vorschlag tatsächlich abgestimmt wurde, doch hat er an der Sitzung teilgenommen. Prompt wurde Rümker durch das Konzil der Royal Society am 22. Mai 1828 beschuldigt

Drei Beobachtungsbücher, die im Observatorium unter Brisbanes Leitung gewonnen wurden"

vorenthalten zu haben. Oder deutlicher: Rümker hätte Diebstahl begangen. Gouverneur Darling wurde aufgefordert, diese Bücher sicherzustellen, der sofort zurückschrieb, er habe auf Befragen Rümkers die Auskunft erhalten, daß Rümker bereits eine vollständige Abschrift der Beobachtungen Dunlop gegeben hätte, damit dieser sie Brisbane brächte. Rümker hatte ferner um die Erlaubnis gebeten, die fraglichen Bücher selbst nach London zu bringen, da es seine Zeit nicht erlaube sie zu kopieren, und er die „Originale" als sein privates Eigentum betrachte, da sie mit privaten Notizen in Deutsch versehen seien.

Die Frage der Originale wurde von Brisbane und Rümker völlig unterschiedlich gesehen. Für Brisbane bestanden die Originale aus schwer gebundenen Büchern, die er mit nach Australien gebracht hatte. Rümkers Originale waren kleine Büchlein, in die er neben eigenen Berechnungen und Reduktionen die Ergebnisse der vorangegangenen Nacht aus Beobachtungskladden übertrug. Die „Originale" Rümkers sollten später in Brisbanes „Originale" übertragen werden.


Rümkers "Originale"

Obwohl die Initiative Brisbanes, Dunlop anstelle Rümker nach Australien zu schicken, nicht in den Protokollen der Royal Society vermerkt ist, scheinen private Gespräche ihr übriges getan zu haben, um die Intrige auch nach Australien schwappen zu lassen. Nur wenige Tage nach Rümkers Abreise aus Australien erschienen Meldungen in der Presse Sydneys:

Aus gut unterrichteten Kreisen können wir vermelden, daß Mr. Dunlop, von der Australischen Astronomischen Gemeinde, auf seinem Weg zurück ist, mit der Zusage als Gouvernements-Astronom mit einem Jahresgehalt von 400 £ eingestellt zu werden."

Dies alles war jedoch nur der Anfang der „Affäre".

Rümker schrieb:

Ich war im Begriff nach New-Southwales zurückzukehren, wenn meine Hoffnungen meine Beobachtungen fortzuführen nicht durch den Wunsch getrübt gewesen wären, mit besseren Instrumenten für diesen Zweck versorgt zu sein.

Da ich die Regierung schon lange vorher gebeten hatte, ein Durchgangsinstrument zu besorgen, wie sie von Mr. Troughton gebaut würden und sich im Besitz von Sir James befänden. Dieses wurde mir von Mr. South angeboten, der mir berichtete er hätte 400 £ dafür an Mr. Goombridge gegeben und er beabsichtige nicht der „Verlierer" bei der Sache zu sein. Ich erinnere diese Worte sehr genau; da ich jedoch dumm genug war nicht die wahre Bedeutung zu verstehen, die war, daß er beabsichtige der „Gewinner" zu sein, muß Sir James auf meinen Unwillen gesetzt haben, anzunehmen, daß ein „gestandener Philosoph" keine Instrumente zu Spekulationszwecken kauft. Doch als die Regierung zum Kauf dieser Instrumente einwilligte und mich anwies, darum zu verhandeln, konnte ich nicht umhin mein Erstaunen gegenüber Mr. South auszudrücken, da er den Preis auf 650 £ angehoben hatte."

South gab Rümker noch einen Brief an die Regierung mit, in der erdie Vorzüge seines Instruments pries. Da Rümker die Wertsteigerung des Instrumentes auf maximal 50 £ einschätzte und er sich in ein schmutziges Geschäft hineingezogen fühlte, setzte sich bei ihm erneut seine Abneigung gegenüber höfischem Taktieren durch, die ihm schon den Zwist mit Brisbane beschert hatte.

Bei dem ganzen sah ich ganz deutlich, daß ich in etwas hineingezogen wurde, um ihm bei einer Betrügerei gegenüber der Regierung begünstigend und behilflich zu sein. Ich hätte es vorziehen sollen Mr. South Kreis auf eigene Rechnung mit in meine Hütte hinauszunehmen, als drei Jahre oder länger darauf zu warten, daß mir ein neues Instrument nachgeschickt würde. Da ich mich bei dieser Geschichte jedoch nicht zum Komplizen machen lassen wollte, so behielt ich South' Brief zurück und sandte nur den Rest an den Präsidenten und das Sekretariat der Royal Society, mit dem Ergebnis, daß Mr. South Kreis gestrichen wurde und ein neuer bei Mr. Jones aus Charingcross bestellt wurde, der versprach für 400 £ einen besseren zu machen als Mr. South' wäre, der 650 £ kosten sollte.

Jeder zensierte mich nur in meinem eigen Licht zu stehen - Was gibt es Dir? - Ist es Dein Geld gewesen? - Leben und Leben lassen! - Du wirst nun überhaupt kein Instrument bekommen! - Du wirst Deinen Job verlieren. Wie Dumm von Dir die Position der Regierung zu vertreten, denn die werden die ersten sein, Dich für einen Mann mit Reichtum und Einfluß zu opfern, dessen Förderung Du höflichst hättest annehmen sollen - der allein den Weg in England zu Stellung und Ämtern hätte bahnen können."

Sofort bekam Rümker nun den Einfluß von Sir James South zu spüren. Am 29. Dezember 1829 erschien ein anonymer Brief in der Times, unterzeichnet mit „Honestas" - die Wahrheit.

Dieser Brief, geschrieben von South, schwärzt Rümker vor der Öffentlichkeit an, er habe in seiner Veröffentlichung in den Philosophical Transactions nur sich allein als Autor genannt, den Erbauer und Förderer des Parramatta-Observatoriums, Brisbane, sowie dessen Assistenten Dunlop jedoch verschwiegen.

Rümker versuchte drei Tage später eine Rechtfertigung in der Times. Er gab an, die Tatsache, daß Brisbane der Erbauer und Förderer von Parramatta wäre, sei hinreichend bekannt, so daß er es für nicht notwendig gehalten habe, es noch einmal in der Überschrift seiner Schrift zu wiederholen; im Text sei dieser Umstand jedoch mehrfach erwähnt. Doch obwohl er in diesem Times-Artikel im Nachhinein die Verdienste Sir Thomas' hervorhob, setzte South einen zweiten „Honestas"- Brief nach - mit nahezu den identischen Vorwürfen.

Zur gleichen Zeit wurde nun auch die Geschichte der „Original"-Beobachtungsbücher wieder ausgegraben. Vor der Royal Society wurde er beschuldigt, nur Kopien abgeliefert zu haben, nicht jedoch die Originale der Beobachtungen.

Wieder versuchte er sich zu rechtfertigen wie es zu den Unterschieden zwischen seinen Journalen und den gebundenen Büchern gekommen ist:

Die Arbeit, die sofort erledigt werden mußte, sammelte sich schnell unter meinen Händen, so daß ich anfangs diese Arbeit hinauszögerte und Lücken ließ bis ich mich schließlich so stark im Rückstand sah, daß ich es ganz bleiben ließ, so daß ich bei der Trennung von Sir Thomas froh war, mit dem Versprechen sie zu reduzieren, die Bücher bekam."

Ich hatte selbst keinen Bedarf für diese Bücher, ich hatte ja selbst viel bessere Unterlagen, aber ich wollte die unvollständigen Exemplare nicht in seine Hände zurück geben, deshalb versorgte ich ihn bevor er die Kolonie verließ mit einem vollständigen Satz der Transitbeobachtungen. Dies wurde durch den Angestellten, Mr. Salmon, den ich für diesen Zweck angefordert hatte ausgeführt. Dieser Satz wurde von Sir Thomas 1825 an die Royal Society gesandt, wo gesagt wurde, sie seien nicht auffindbar und 1828 wurde ich durch das Kolonialbüro erneut aufgefordert die gleichen Kopien zu beschaffen. Diese habe ich zu diesen Zweck kopiert und sie persönlich im Juli 1829 dem Unterstaatssekretär übergeben.

Schließlich gab ich im Dezember (1829) dem Präsidenten der Royal Society meine eigenen Manuskripte, da Mr. Richardson, Astronom am Royal Greenwich Observatorium, sie benutzen wollte. Ich war einverstanden sie bis zu meiner Abreise nach New-South Wales in den Händen von Mr. Richardson zu belassen.

Wie groß war jedoch meine Überraschung, als ich kurze Zeit später vom Sekretariat der Royal Society erfuhr, daß Mr. South zum Royal Observatory in Greenwich gegangen war und diese Beobachtungsunterlagen von Mr. Richardson fortgenommen hatte um sie zu Mr. Baily in London zu tragen. Ihr Ziel war es, sie mit den Kopien und den gedruckten Beobachtungen zu vergleichen, in der Hoffnung Unstimmigkeiten zu entdecken um dann eine Manipulation daraus ableiten zu können, wobei sie sich jedoch schmerzlich vertan haben. Ob es jedoch einerseits Illusionen einiger scheinbarer Unstimmigkeiten gewesen sein mögen oder ob es die Hoffnung war etwas zu finden, was sein eigenes schlechtes Gewissen bei anderen vermuten ließ, so verbreitete Mr. South Gerüchte dieser Art, und es geschah auf seine Veranlassung hin, daß Sir Thomas Brisbane am 28. Februar 1830 einen Brief an Sir George Murray schrieb, in dem er auf der Einsetzung eines dreiköpfigen Komitees bestand, das angewiesen werden sollte zu untersuchen, ob die von mir an den Präsidenten der Royal Society ausgelieferten Beobachtungen die Originalbeobachtungen seien, und schlug vor, daß Mr. Francis Baily ein Mitglied des Komitees sein sollte."

Bei einem vertraulichen Gespräch zwischen Rümker und Baily schienen die Widersprüche ausgeräumt zu sein. Einige kleinere Fehler wurden geklärt, solche beispielsweise, wo Rümker offensichtliche Fehlablesungen bei den Messungen sogleich korrigiert in die „Originale" übertrug.

Im Juni 1830 veröffentlichte das Komitee seinen Bericht, in dem zwar Rümkers Aussagen bestätigt wurden, daß die gebundenen „Originale" unvollständig seien, gleichwohl wurde Brisbane zugestanden, er hätte auf deren Vollständigkeit setzen können. Doch obwohl das Komitee Rümker keine direkte Schuld attestieren konnte und viele englische Wissenschaftler für ihn sprachen, entschied die Regierung gegen Rümker und so wurde Dunlop tatsächlich der neue Astronom für Australien. South' Einfluß hatte sich sogar soweit durchgesetzt, daß Rümker wenige Tage darauf, am 18. Juni 1830, ohne weitere Begründung aus den englischen Diensten entlassen wurde.

Rümker hatte mittlerweile genug und war im März 1830 nach Hamburg zurückgekehrt.


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