Ein Blick vom Turm
Friedrich Benzenbergs Fallversuche im Turm des Michels
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Friedrich Benzenberg (1777-1846) war kein Hamburger und hat sich nur kurze Zeit in Hamburg aufgehalten. Trotzdem haben seine wissenschaftlichen Aktivitäten nachhaltigen Eindruck hinterlassen.

Seine ersten Hamburger Arbeiten behandelten korrespondierende Sternschnuppenbeobachtungen. Diese führte er mit Heinrich Wilhelm Brandes durch, der ein Haus in Hamm besaß. Zwei Beobachter ließen sich auf einem Strohlager nieder und beobachteten den Himmel. Beim Auftreten der Sternschnuppe wurde die Zeit notiert und die Position mit einem Winkelmesser abgeschätzt. Die Resultate lagen zwischen einer und 30 deutschen Meilen, die meisten Höhen berechnete er um die 15 deutschen Meilen. Da eine deutsche Meile etwa 7,5 km entsprach, liegt dieser Wert nahe bei den korrekten Werten von 90 bis 110 km Höhe. Der Versuch, daraus die geographische Länge abzuleiten, scheiterte jedoch ebenso wie die vielen Versuche J.T. Reinkes. Zwei korrespondierende Beobachtungen beschäftigten Benzenberg besonders. Bei diesen nämlich glaubte er an Hand der Daten herausrechnen zu können, daß sich die Sternschnuppen von der Erde mit großen Geschwindigkeiten entfernten (Sternschnuppe Nr. 12: Anfang 5,2 Meilen, Ende 12,9 Meilen). Diese Beobachtungen ließen ihn nicht ruhen, bis er 1834 eine Theorie veröffentlichen konnte, wonach Sternschnuppen Steine aus Mondvulkanen seien, die auf die Erde trafen und von ihr wieder abprallten, denn aus der berechneten Größe der Sternschnuppen (Durchmesser 1 - 5 Fuß, einzelne bis zu 100 Fuß Durchmesser) hätte die Erde unter der Last ersticken müssen (Siehe Sternschnuppen).

Während seiner Aufenthalte in Hamburg hatte sich Benzenberg auch immer wieder bei J.G. Repsold nach dessen astronomischem Fortkommen erkundigt. Wiederholt fanden sich Bemerkungen über Repsolds Versuche in den Aufsätzen Benzenbergs z.B. in „Gilberts Annalen", den späteren „Annalen der Physik", oder in Bodes Jahrbüchern. In seiner Schrift zur mißglückten Ableitung der geographische Länge von Hamburg setzte er große Hoffnungen in Repsold:

Da Repsold ein 8 zölliges Passageinstrument gemacht hat, welches die Fehler der Zeitbestimmung bis auf ½ Sek. einschränkt, so hat man Hoffnung, endlich einmal die wahre Länge von Hamburg zu erhalten".

Benzenberg kam nach Hamburg weil er sich mit Fallversuchen beschäftigen wollte. Die Coriolis-Kraft bewirkt, daß Gegenstände nicht exakt entlang einer gedachten Linie in Richtung des Erdzentrums fallen, sondern aufgrund der Erdrotation eine Ablenkung erfahren. Dieses Phänomen wollte Benzenberg ergründen und suchte geeignete hohe Schächte, wo er Bleikugeln fallen lassen konnte. Es war nicht einfach, einen Schacht zu finden, der von Windeinflüssen frei war. Der Hamburger Michel besaß im Turm jedoch eine Eigentümlichkeit, die ihn als idealen Versuchsort prädestinierte: Die Zwischenböden des Turms hatten alle in der Mitte Falltüren. Wenn diese alle geöffnet wurden, stand ein durchgehender Schacht von 110 m Höhe zur Verfügung. Benzenberg schnitt speziell gedrehte und polierte Bleikugeln vom Faden, die nach knapp 5 Sekunden Fall in speziell präparierte Holzbretter einschlugen. Die Einschlagstelle wurde dann vermessen. Fast hätten diese Versuche zu bösen Folgen geführt, denn unten an der Aufschlagstelle schob der Zimmermanngeselle Karstendik immer wieder neue Aufschlagbretter an die angegebene Position. Benzenberg berichtete:

  „Ich ließ die Kugeln ... fallen, und Karstendik war unten, um Acht zu geben, daß niemand über die Stelle ginge, wo die Kugeln hinfielen. Eine der Kugeln fiel so auf die Bretter, daß diese auseinanderflogen, und Karstendik, der dies sieht, geht hin, um sie wieder zusammenzuschieben. - Der Bediente, welcher mir bey diesen Versuchen immer treulich half, sah aber nicht hinunter, weil er gerade einen Faden an einer Kugel befestigte. Ich selbst konnte bey der Beobachtung nicht hinunter sehen und schneide die folgende Kugel los, welche so dicht an Karstendik vorbey fällt, daß sie ihm den Hut und die Perücke abschlägt und etwas an der backe streift.... Als ich hinunter kam, saß er auf einer Todtenbaare, und konnte sich von seiner Alteration noch nicht wieder erholen. Ein Schluck gebranntes Wasser und der Dialog thaten indeß bald ihre gewohnte gute Wirkung."

Die Versuchsergebnisse des Michels waren jedoch nicht befriedigend. So fand Benzenberg zwar eine Ostabweichung, jedoch auch eine Abweichung nach Süden, die kaum erklärlich war und auf die speziellen Bedingungen des Turms zurückgeführt wurde. Benzenberg wiederholte die Versuche deshalb ab 1804 in einem Kohleschacht bei Schlebusch.

Das Ergebnis der Hamburger Untersuchungen veröffentlichte Benzenberg 1804 in einem Buch „Versuche über das Gesetz des Falls, über den Widerstand der Luft und über die Umdrehung der Erde". Das Buch, das im den Professoren Reimarus und Ebeling gewidmet ist, enthält nicht nur die wissenschaftlichen Resultate sondern auch eine zeitgenössische Stadtbeschreibung aus der Höhe der Aussichtsplattform des Michels. Diese soll hier erwähnt werden, weil sie die Lebensbedingungen im damaligen Hamburg sehr plastisch vor Augen führt.

„Man übersieht hier aus den runden Fenstern des Kabinets von einer Höhe von 333 Fuß Hamburg, Altona und die ganze Gegend. Diese Aussicht gehört in der schönen Jahreszeit mit zu den schönsten von Deutschland. An der einen Seite ist der Hafen, mit seinem Walde von Masten und Segelstangen - mit seinem Gewühl der ankommenden und abgehenden Schiffe, und dem Gewimmel der Göllen, Ewer und Leichters, welche ihn nach allen Richtungen durchschneiden, um von den stillliegenden Dreymastern, die Waaren der Erde zu holen oder sie ihnen für ferne Länder zuzuführen - da Hamburg der Stapel des Nordens ist.- Mit dem Hafen übersieht man zugleich die Elbe, die sich hier zwischen Inseln durchwindet, und als Strom von der Breite einer Meile aus ihnen hervortritt. - Gegenüber liegt Haarburg.-

Nach der Landseite hin liegen die beyden Alsterseen, und eine Menge Garten- und Landhäuser. Auf diesen lebt die Familie des reichen Hamburgers, vom Frühjahr bis in den Herbst, indeß er selbst nur den Theil der Woche, in dem keine große Posttage sind, auf ihnen zubringt.- Die Menge dieser Villen, ihre gute Unterhaltung, und der fleißige Anbau der kleinen Parks, die sie umgeben, giebt der Landschaft das Gepräge der Wohlhabenheit, und des Reichthums.-

Jenseits des äußeren Alster-Sees liegt Wandsbeck, mit dem gräßlich Schimmelmann'schen Schloße, auf dessen Thurme Tycho vor 200 Jahren beobachtete.

Zu den Füßen liegt Hamburg mit seinen 120,000 Menschen, und ihrem immer regen Drängen und Treiben.- Wagen mit Pferden bespannt, und wieder andere mit Menschen, - Kutschen und Schiebkarren, - Elegants und ein Leichenzug im altspanischen Costüme, - Marionetten und tanzende Hunde, - Obstbauern aus den Vierlanden in altväterlicher Kleidertracht, mit weiten Hosen und rothen Strümpfen Fischweiber mit Tragehölzern und großen Fischkörben - niedliche Dienstmädchen mit kleinen Körbchen an der Hand. - Drehorgeln und Aduffen, Matrosen und Litzenbrüder - alles im bunten Gewirre.

Die Alster-Bassins, die schönen Wälle und die kleinen Gärtchen zwischen den Häusern der Neustadt, machen den Vorgrund des Gemäldes äußerst freundlich. Altona liegt wie ein großes Dorf dicht vor dem Thor; eine hohe Allee führt dahin, durch welche vor einigen Jahren ein Orkan ging und 10 große Bäume niederwarf. In diesem Orkan soll auch der Thurm ungefähr einen Zoll von seinem senkrechten Stande abgewichen seyn. Hätte der Thurm gerade in dem Strome gelegen, den die Allee traf, so hätte auch er vielleicht eben so der Übermacht des Windes weichen müssen, wie der Thurm in Dülken, der den 21. Febr. 1799 fiel.

Der Fremde, der sich in Hamburg orientiren will, kann dieses nirgends besser, wie auf dem Michaelisthurm.- Man kann lange in einer großen Stadt seyn, ohne sie zu sehen. Man sieht nur Straßen und Häuser, und die verworrene Vorstellung, die dieses giebt, wird erst bey der Übersicht des Ganzen geordnet. Eben so erhält er von der großen Bevölkerung der Altstadt nirgends einen lebhafteren Begriff, als wenn er von hier zwischen die steilen Giebel und Dächer hineinsieht.- Man sieht da Höfe von einzelnen Häusern, die ganz mit kleinen Wohnungen bebaut sind und deren Volksmenge auf 700 Seelen geht."

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