Kapitän Petersens Kochblasentheorie

 

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Capitain Carl Wolfgang Petersen war ein weitgereister Mann, Schiffsbaumeister und Ingenieur. Seit 20 Jahren befuhr er die Meere und 20 Jahre hatte er Zeit gehabt, sich in seiner Kajüte das Funktionsprinzip der Welt zu überlegen. 1879 griff er zur Feder, um das, was er sich überlegt hatte, zu Papier zu bringen und unter dem Titel „Neueste interessante und bedeutungsvolle Entdeckungen des Himmels und der Erde" zu veröffentlichen. Schon die Vorrede verhieß Bedeutungsvolles:

Ein hoher Anspruch! Doch leider waren Kapitän Petersens Forschungsergebnisse etwas zu stark mit kräftigem Seemannsgarn durch'n Tütel gekommen. Heraus kam eine phantastische, in sich scheinbar geschlossene Theorie des Weltalls, die nur einen gravierenden Nachteil besaß: Sie war völlig falsch! Nur Kapitän Petersen wußte dies nicht. Für ihn wurde die Theorie immer wahrer, je länger er darüber nachdachte.

Nun sind solche Irrmeinungen immer einmal wieder in der Geschichte der Astronomie aufgetreten, und kaum einmal ist es wert, darüber zu berichten. Doch auch solche Ideen stellten Erkenntnisprozesse in der Geschichte dar und in der Fachastronomie wurden im Übrigen auch eine Reihe nicht sehr überzeugender Theorien vertreten. So soll Kapitän Petersens Kochblasentheorie hier als Beispiel all derer gelten, deren Phantasie das Universum mit einer völlig neuen Theorie ausstatten konnte, und die den Mut besaßen, diese Ideen im Selbstverlag (andere druckten so etwas nicht) herauszugeben.

Kapitän Petersen vertrat die folgende Theorie, die er mit dem Ende der Welt begann:

„Um eine solche zu erreichen, denke man sich, die Wärme und das Licht der Sonne seien zu Ende gegangen. ... Die Kälte der die Sonne umgebenden Luft (Himmelsfüllung) nimmt schleunigst an Temperatur zu, die Abkühlung der Sterne, welche noch Schwebekraft besitzen, erfolgt, und bewirkt, daß dieselben ... dem Centrum des Himmelsraumes (die zum größten Teils erloschene Sonne) mit grenzenloser Geschwindigkeit zufallen.

Beim Eintreffen der erstarrten fallenden Sterne aus universaler Richtung des Himmels entsteht nun im Centrum ein unendliches Gedränge, worauf krachende Stösse und Reibung erfolgen, die das Weltfeuer wieder von selbst entzünden."

„Nachdem das gewaltige Feuer der Sonne lange Zeit gewüthet, begann das Material der Sterne zu schmelzen und gerieth dasselbe zuletzt in's Kochen. Es erhoben sich die Kochblasen (Sterne) erst einzeln, dann mit zunehmender Temperatur in Mehrzahl, bis endlich bei höchster Kochtemperatur Millionen Sterne, mit Feuerflammen gefüllt und mit glühender Schale (Hülle) versehen, dicht aneinandergereiht, in rasender Geschwindigkeit von der Sonne in den Himmelsraum empor schweben - ein Meisterwerk der Sonne, welches, noch heute am Himmel unter dem Namen „Milchstraße" für uns Erdbewohner ersichtlich, die grösste Bewunderung bei allen Generationen der Erde hervorgerufen hat und noch hervorruft.

Die Temperatur begann indess allmälig zu sinken, und die Zahl der steigenden Sterne abzunehmen, bis endlich nur einzelne, unter denen wir Neptun, Uranus, Saturn, Jupiter, Mars, Erde, Venus und Merkur deutlich erkennen, emporstiegen.

Als die Kochblase (die Erde) aus der Sonne emporstieg, strahlte dieselbe wie die Sonne, jedoch von der Wärme und dem Licht der Sonne weit übertroffen, zeigte der Schattenkreis, der im Himmelsraum sichtbar wurde, die Geburt unserer Erde an. Im Centrum dieses Schattens begann die brennende Hülle der Erde abzukühlen und zwar dadurch, dass die zu dem brennenden Material der Erde herbeieilende Zugluft aus dem kühlen Himmelsraum immer im Schattencentrum dagegenprallte; im Schattencentrum (die erste Pole der Erde) angelangt, strömte die Zugluft, in Zweigen vertheilt, dem Erden-Aequator zu. Durch die erlittene Abkühlung im Schattencentrum schrumpfte das Material der Erde zusammen, wodurch die Erde an ihren Polen die Abplattungen erhielt; irrthümlich meint man freilich, diese Abplattungen seien Folgen der Rotationsgeschwindigkeit. Die Lichthälfte der Erde verblieb durch die Einwirkung der Sonnenwärme die leichtere Halbkugel"

Für Kapitän Petersen war klar: Eine Seite warm, die andere kalt, bedeutete daß sich die Erde aufrichtete - zur Zeit steht sie unter einer Neigung von 23½°. Kalte Zugluft von den Polen, Kapitän Petersen hatte sie bei Walfangreisen in die Arktis und Antarktis zur Genüge genossen, versetzte die Erde zusätzlich in Rotation.

Die Behauptung, dass wir auf einem vollständig massiven Himmelskörper wohnen, dürfte sich sonach als eine verfehlte Anschauung erweisen."

Die Erde war vielmehr

„eine »hohle« mit Feuerflammen gefüllte Kugel, wodurch ihr das Schweben im Himmelsraum verliehen ist."

So um die 40.000 Jahre sei die Erde alt - ungefähr.

Soweit war einiges geklärt, doch woher „zum Wallfisch", stammte der nächtliche Niederschlag?

Schon in meiner Jugend hatte ich grosses Interesse für Alles, was sich an die Natur und das Erdenleben knüpfte; häufig gedachte ich mit grösster Bewunderung des nächtlich fallenden feuchten Niederschlags, welcher immer nach stillen Nächten noch früh Morgens, besonders auf wasserdichten Gegenständen sich vorfindet, ohne durch Wolken am Himmel des Nachts entstanden zu sein.

Erst nach vielen Jahren, in welchen ich als Seefahrer die Erde mehrere Male umschifft und mich später 11 Jahre lang dem Schiffs- und Maschinenbau technisch und praktisch gewidmet habe, tauchte der Gedanke an das Wesen des Niederschlages wieder in mir auf und ich liess diesen Gedanken jetzt nicht wieder ohne Untersuchungen vorübergehen."

Kapitän Petersen führte morgendliche Messungen durch, ein Jahr lang, immer auf Position 55°40'50". Das Ergebnis war: Durchschnittlich 30 Gramm Wasser pro Quadratfuß entließ der Weltenäther auf die Erde. Der Käptn griff zum Bleistift und rechnete:

... demzufolge ist das Gesamtgewicht des in 12 Stunden fallenden Niederschlags circa 143,678,400,000,000 Pfund oder nach Tonsberechnung circa 6,497,946,424 Tons, à 2240 Pfund wiegend."

Angesichts dieser selbst für einen gestandenen Seebären erschütternd großen Zahlen hatte sich Petersen bereits hier verrechnet und mußte seinem Werk eine lange Korrekturliste noch größerer Zahlen beifügen:

Lies 63,874,285,714 statt 6,497,946,424"

usw. Dies tat dem Werk jedoch keinen Abbruch, denn der Käptn hatte noch mehr Zahlen parat:

In meiner Jugend machte ich, wie bereits angedeutet,
mehrere Reisen mit amerikanischen Wallfischfangschiffen auf den Süd- und Nordpol-Eismeeren. Mit Erstaunen starrte ich die kolossalen Eisberge und Felder an, die sich dort vor mir aufthürmten und heutzutage noch im Geiste mir vor Augen schweben, und ich dachte daran, welche kolossalen Dimensionen und riesiges Gesamtgewicht eine vollständige Pol-Eisdecke der Nordpol .. repräsentiren mögen.
"

Heraus mit dem Bleistift und gerechnet:

circa 119,291,648,000,000 Pfund"

Mit diesen gigantischen Zahlen besaß Kapitän Petersen den Beweis für den Grund, daß sich die Erde drehte:

Aus vorstehendem wird ersehen, dass es die Sonne ist, welcher wir zunächst die rotirende Bewegung der Erde verdanken, weil die auf der Erde vorhandenen Feuchtigkeiten durch Sonnenwärme in Dampf verwandelt werden, letzterer aber wieder durch die Kälte des Schattens der Erde zu Feuchtigkeit condensirt wird und auf der Erdoberfläche zu Boden fällt, wodurch zugleich constatirt ist, dass, solange die Erde genügend Vorath an Feuchtigkeit besitzt und von der Sonne erwärmt wird, die Tag und Nacht verursachende rotirende Bewegung der Erde uns Erdbewohnern gesichert ist."

So war das mit der Kochblasentheorie, an der die verbohrte etablierte Wissenschaft kein Gefallen finden wollte.

Schade eigentlich.


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