Die Seewarte

 

Navigation

 

Am 12. März 1874 wurde auf Beschluß des deutschen Bundesrates die „Deutsche Seewarte" gegründet. Aus ihr hat sich später das Deutsche Hydrographische Institut gegründet. Heute heißt diese Institution Bundesamt für Seeschiffahrt und Hydrographie.

Mit zunehmendem Weltverkehr und unter den gestiegenen Anforderungen der Seeschiffahrt war es notwendig geworden eine eigenständige Behörde zu gründen. Im ersten Jahresbericht der Seewarte aus dem Jahr 1878 wurden die Aufgaben folgendermaßen beschrieben:

Die Erforschung der physikalischen Verhältnisse aller durch den Verkehr der Völker berührten Meere und der über denselben lagernden Atmosphäre, die praktische Verwerthung der dadurch gewonnenen Ergebnisse ist zur Entwicklung, zur Förderung und Sicherheit jenes Verkehrs unerlässlich. Damit dieser Grundge
danke fruchtbringend verwerthet werden könne, bedarf die Handelsmarine, welcher der Weltverkehr zur See in erster Linie anvertraut ist, um der ihr gestellten Aufgabe gerecht zu werden, einer wissenschaftlichen Institution, die sich ganz ihren Bedürfnissen mit Bezug auf Literatur, Arbeitsmethode und Instrumente der Navigation zu widmen in der Lage ist.
"

Schon 1865 hatte Georg v. Neumayer auf einer Versammlung deutscher Geographen in Frankfurt angeregt, ein solches Institut zu gründen. Es wurde 1867 auch zum Teil mit der Gründung der Norddeutschen Seewarte durch v. Freeden in Hamburg verwirklicht. Es fehlte jedoch noch die zentrale Vereinigung der Meteorologie, der wissenschaftlichen Untersuchung maritimer Ereignisse und eine Prüfstelle für nautische Geräte in einer einzigen Behörde. Die Entwürfe für eine solche Anstalt wurden ab 1873 intensiv beraten und führten dazu, daß die Seewarte ab 1875 den Betrieb aufnehmen konnte. Die bestehende Norddeutsche Seewarte wurde integriert und das Gesamtsystem der kayserlichen Admiralität unterstellt.

Postkarte mit Ansicht der Seewarte um 1890 - rechts Ausschnittsvergrößerung

Versuche einen geeigneten Direktor zu finden schlugen jedoch fehl und der später so verehrte G. v. Neumayer war eher eine Notlösung:

Die Gewinnung eines Direktors, der sowohl in nautisch-astronomischen und physikalischen Dingen, als auch in der praktischen Seemannschaft erfahren sein musste, bot unter den obwaltenden Verhältnissen die grösste Schwierigkeiten dar.Nach mehreren vergeblichen Versuchen, Gelehrte des In- und Auslandes für die Leitung des neuen Instituts zu gewinnen, sah man sich genöthigt ein Provisorium zu schaffen, während dessen Dauer der Hydrograph der Kayserlichen Admiralität, Professor Dr. Neumayer, die Amtsführung für die Direktion der Seewarte zu übernehmen hatte."

Ein Mann wie Charles Rümker, hätte er denn noch gelebt, wäre sicherlich die ideale Besetzung eines solchen Amtes gewesen.

Georg von Neumayer. Erster Direktor der Deutschen Seewarte.

Die Seewarte wurde in vier Abteilungen untergliedert:

Die letzte dieser Abteilungen besaß einen Sonderstatus, denn sie war der Sternwarte unterstellt. Der Direktor der Sternwarte, George Rümker war folglich in Personalunion auch Vorsteher des Chronometerprüfungsinstituts. Die umfangreichen Prüfungsaufgaben erforderten wesentlich mehr Platz als die Sternwarte bieten konnte, deshalb bezog das Chronometerprüfungsinstitut ein kleines Häuschen im Garten der Sternwarte, in der bisher A. Repsolds Kreisteilmaschine untergebracht hatte. Im Jahr 1878 wurde daran ein Anbau fertiggestellt, der mehrere Extrembedingungen vom Eiskeller bis zum Hitzeraum in verschiedenen Räumen bot.


Das Gebäude des Chronometerprüfungsinstituts im Garten der Hamburger Sternwarte.

Das Hauptgebäude der Seewarte mit dem quadratischen Grundriß wurde auf astronomisch historischem Gelände, auf dem Stintfang, errichtet. G.Neumayer schrieb 1886:

Die kleine Erhöhungen, welche in der Nähe des Elbufers lagen, waren von einem Gehölze, Eichholz genannt, bedeckt. Um das Jahr 1620 wurden dieselben in die Befestigungen der Stadt hineingezogen und waren die diesbezüglichen Arbeiten, welche von einem holländischen Ingenieur, Johann von Valckenburg, ausgeführt wurden, im Jahre 1621 schon vollendet. Das südliche Ende der Elbhöhe (Stintfang) wurde von einer Bastion, die nach Albert von Eitzen die Albertus-Bastion genannt wurde, eingenommen. Über die Erhöhung dieser Bastion über den natürlichen Boden geben noch vorhandene aus früheren Zeiten stammende Pläne und Zeichnungen Aufschluss. ... Als Ende des vorigen Jahrhunderts Seitens des Senates der Freien und Hansestadt Hamburg die Schleifung der Festung beschlossen worden, und im Anfang dieses Jahrhunderts in's Werk gesetzt worden war, trug man auch die Albertus-Bastion ab, gelangte dabei aber nicht bis auf den natürlichen, ``gewachsenen'' Boden. In der Nähe der Stelle, an welcher sich gegenwärtig das Kompass-Observatorium befindet, etwa 18m nach SO davon, errichtete im Jahre 1801 J. Repsold ein kleines astronomisches Observatorium, dessen geographische Breite nach Mitteilungen Schumachers zu 53°32'51"5 N. bestimmt wurde. Herr J.A. Repsold, Enkel des Vorigen, hatte die Güte, der Direktion die genaue Lage des einstigen Observatoriums, auf den Michaelisthurm bezogen mitzutheilen."

Plan der Seewarte (gelb) und der Position J.G. Repsolds erster Sternwarte (rot)

Das 1879 begonnene Gebäude mit der chrakteristischen Bauweise mit den vier Türmen besaß selbst mehrere astronomischen Beobachtungsmöglichkeiten. Auf den Türmen waren verschiedene Meßstationen eingerichtet.

Außerdem besaß die Seewarte mehrere Räume, die im weitesten Sinne auch astronomisch von Interesse waren

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Deutsche Seewarte dem Reichsverkehrsministerium unterstellt und 1934 in die beiden Teile 'Wetterdienst' und 'Nautik und Hydrographie' geteilt. Der Wetterdienst kam zum Reichsluftfahrtministerium; aus ihm ging das jetzige Seewetteramt des Deutschen Wetterdienstes hervor. Die nautischen und hydrographischen Aufgaben, dazu die Aufgabe des Marineobservatoriums Wilhelmshaven sowie des Hydrographischen Dienstes wurden dem 1945 auf Veranlassung britischer Behörden eingerichteten "Deutsches Hydrograhisches Institut" (DHI) zugewiesen. Da das Gebäude am Stintfang im Krieg zerstört wurde, entstand in der Bernhard-Nocht Straße ein Neubau. Später wurde das DHI zur Bundesoberbehörde im Geschäftsbereich des Bundesverkehrsministerium und erhielt 1990 nach Angliederung des Bundesamtes für Schiffsvermessung den Namen "Bundesamt für Seeschiffahrt und Hydrograhie" (BSH). Ihm wurde nach der Wiedervereinigung die Abteilung Hydrographie des Seehydrographischen Dienstes der DDR angegliedert.

Zeitdienst und Chronometerprüfung bei der Seewarte und dem DHI

Am 1. November 1919 übernahm die Seewarte den Zeitdiegnaldienst über Nauen von der Hamburger Sternwarte. Später gab sie zusätzlich Zeitsignale über die Küstenfunkstellen, schließlich über alle Sender des damaligen Reichsrundfunks ab. Astronomisch wurde an über die Jahre wechselnden Durchgangsinstrumenten, die auf wettergeschützten Pfeilern aufgestellt waren, beobachtet. Wegen der Luftangriffe auf Hamburg wurde der Zeit- und Chronometerprüfdienst während des Zweiten Weltkrieges nach Sachsen verlagert, wo aber die vordringlichen Prüftätigkeiten für die Wehrmacht die Einrichtung eines Zeitdienstes nicht mehr zuließen. Dieser wurde von August 1943 bis Anfang April 1945 vom Geodätischen Institut Potsdam, dann bis Kriegsende von der Hamburger Sternwarte wahrgenommen. Infolge der Kriegsereignisse ging für die Seewarte fast die gesamte nach Sachsen verbrachte Ausrüstung verloren, ebenso einige eingemauerten Prüflinge.


Zeitdienst des DHI im Seemannshaus

Der Neuanfang beim DHI begann in zwei Räumen im Gebäude des Großen Refraktors der Sternwarte. Nach vorübergehender Unterbringung im Seemannshaus bezogen "Zeitdienst und Chronometrie" 1955 das Hauptdienstgebäude in der Bernhard-Nocht-Straße. Das DHI verbreitete vom 15. Juli 1950 bis zum 31. Oktober 1986 Zeitsignale über Küstenfunkstellen, vile Jahre auch über einige Rundfunksender und den Langwellensender DCF77, der seit 1973 im Dauerbetrieb, kontrolliert von der Physikalisch Technischen Bundesanstalt in Braunschweig (PTB), u.a. kodierte Signale zur Steuerung von Funkuhren ausstrahlte.

Für die astronomische Zeitbestimmung wurde anfangs ein neues Durchgangsinstrument auf einem der verbliebenen Pfeilern der Seewarte eingesetzt, von 1959 an ein photographisches Zenitteleskop (PZT). Dieses Instrument, in einem eigens dafür eingerichteten Gebäude im Hamburger Stadtpark, lieferte simultan die astronomische Zeit und die astronomisch gewonnene geographische Breite. Es war bis 1986 in Betrieb; ein sehr viel längerer Einsatz wäre nicht sinnvoll gewesen.


Photographisches Zenitteleskop des DHI

Neue Techniken mit Radioteleskopen (Wettzell) und Lasern bei der astronomischen Zeit- und Breitenbestimmung hatten eine unvergleichlich höhere Genauigkeit als die herkömmlichen optischen Instrumente bewiesen und wurden von nun an routinemäßig eingesetzt.

Link

Mechanische Schiffs-Chronometer wurden bis Anfang der 1970'er Jahre beim DHI zur Prüfung eingereicht, dann nach und nach nur noch quartzgesteuerte. Von 1994 an schrieb die Schiffssicherheitsverordnung den deutschen Kauffahrteischiffen nicht mehr vor, ein geprüftes Chronometer an Bord mitzuführen; Satellitennavigationssysteme hatten die astronomische Ortsbestimmung auf See überflüssig werden lassen.

home
zurück
   
 
   
Kessels
   
Krille
   
Knoblich
   
Kittel
   
Bröcking
   
Navigation
   
Instrumente
   
Seewarte