Die Navigationsschule

 

Navigation

 

Die Seefahrt hatte immer ein enges Verhältnis zur Astronomie, denn die Sterne, die Sonne und der Mond zeigten den Weg über die Meere. Kenntnisse der Astronavigation waren ein wichtige Voraussetzung für einen Schiffsführer und eines der Lehrstoffe der späteren Navigationsschulen. Bevor jedoch 1749 die erste staatliche Schule errichtet wurde gab es nur wenige Möglichkeiten, sich mit diesem Stoff vertraut zu machen. Einer der ersten Privatlehrer war Hans Tangermann, „Leffhebber der Mathemat: Ock Schryff- und Reken Mester in Hamburg", der 1655 ein Buch mit dem Titel „Wechwyser tho de Kunst der Seevaert" herausgegeben hatte. In Plattdeutscher Sprache gab er an, welches Wissen ein Steuermann haben mußte:

 

„de Hochmething der Sünne und Sterne, de Misswysinge der Cumpassen, de Längde und Brede, ock was Koers und wo wyt en begehrde Plaets van de ander licht. Im gelyken de wahre Up- unde Underganck der Sünne tho reken, syn Bestyck in de wassende graede Kaert tho setten, und thon lesten ein Journal daraver tho holden"

Tangermann fuhr selbst mehrere Jahre zur See und mußte nach einem Unfall an Land bleiben.

Eine andere Möglichkeit bot sich dem Seemann seit Gründung der Mathematischen Gesellschaft von einem der Mitglieder in der Mathematik und Astronomie unterwiesen zu werden.

Am 1. Oktober 1749 wurde die erste öffentliche Navigationsschule gegründet. Die Gründung war eine Folge der mathematischen Interessen Gerlof Hiddingas, der Mathematik- und Zeichenlehrer am Johanneum war und dessen großes Hobby die Navigation darstellte. Seit 1721 war Hiddinga Mitglied der Mathematischen Gesellschaft. Beides brachte Hiddinga deshalb den Auftrag der Admiralität ein, eine Navigationsschule zu gründen.


Nachricht über J.J. Früchtnichts Navigationsschule, ca. 1766.

Hiddingas Nachfolger wurde J.J. Früchtnicht, der einen kleinen Leitfaden für den nautischen Unterricht herausgab, „De kleine Zeemans Wegwyzer of the Kunst der Stuurlieden", 1755.

Wie notwendig der Unterricht an einer Navigationsschule war, ist in einer Preisschrift von Kapitän C.G.D. Müller aus Stade an die Gesellschaft zur Beförderung der Künste und nützlichen Gewerbe zu lesen. Diese Passage ist in F. Boltes Festschrift zum 150-jährigen Bestehen der Navigationsschule 1899 abgedruckt worden. Darin wird die Laufbahn eines Schiffers, der zunächst als „Kajütenwächter" bei einem bekannten Menschen fährt, anschaulich vorgestellt:

Endlich sucht er, der oft unvernünftigen Behandlung seines Schiffers oder Capitains überdrüssig, nicht allezeit aus Wahl, seine Zuflucht bei der Schiffsarbeit.

So bald er glaubt ein Segel handtieren, einige Stücke des laufenden Zeuges scheeren, im Nothfall ein bisgen Splissen, und knotenschlagen, einen Riemen in einem Boot führen zu können und sich dem Tagel entwachsen fühlt, fährt er als Matrose...

Nach einigen Reisen fasst er den Entschluss, sich den Tiefen der Geheimnisse der Steuermannskunst zu nähern. Sein Lehrmeister, ein Dorfschulmeister, lehrt ihm für einen billigen Preis, nach einer alten sogenannten Schatkamer die ganze Steuermannskunst in einer nicht beträchtlich langen Zeit, während welcher er sich von seinen Reisen erholt. Höchst wahrscheinlich zeigt er ihm einige Geheimnisse, worauf er schwöret, er wisse sie niemand, ausser seinem Lehrmeister, als er. Alles das wird ihm gewöhnlich nicht gelehrt, sondern er wird dazu abgerichtet, bei diesem und jenen Worte eine Handlung vorzunehmen, z.B. eine Zahl aufzusuchen in einer Tafel, sie aufzuschreiben, u.s.w. Mit vieler Mühe, doch gewöhnlich ohne sonderliches Kopfbrechen lernt er endlich was zum alltäglichen gebrauch unumgänglich gehört: Nach einem Koppelbrett die Pinnen einer Wache auf einen Strich bringen, oder gar die Kurse eines ganzen Etmals koppeln; er weiss viel, wenn er es auf einem Koppelblatt thun kan. Noch lernt er aus der Mittagshöhe die Breite finden, auch allenfalls das Alter des Mondes berechnen. Wenn er bis zur Stromkaveling gelangt sein sollte, so ist zehn gegen eins zu wetten, dass er sie für Geheimniss hält.

Er kauft nun allenfalls, wenn ihm nicht vorher ein Vorurtheil gegen Bücher beigebracht ist, ein Besteck Boekje, und verheuert sich auf ein Schiff. Er hat vielleicht Gelegenheit, einen alten Gradbogen, oder Davisquadranten, oder wenn er dem Glück im Schoos sitzt, einen Spiegeloctanten mit Transversalen von 5 zu 5 Minuten, oder gar von 10 zu 10' Minuten getheilt, zu erhalten. Nun geht er in See ..."

Eine gründliche Ausbildung der Schiffsführer war deshalb unbedingt notwendig. Früchtnicht führte die öffentliche Navigationsschule bis zur französischen Besatzungszeit. Parallel dazu gab Brodhagen in den Räumen der Patriotischen Gesellschaft ebenfalls einen Navigationsunterricht. Nach Abzug der Franzosen wurde die Schule wieder eröffnet. Der nun schon sehr betagte Früchtnicht wurde 1817 vom Reinbeker Lehrer J.M. Müller abgelöst. Die Schule wurde in der ehemaligen Bürgerwache am Millerntor eingerichtet. Begleitet wurde die Schule besonders vom Wasserbauer Reinhard Woltman, der neben seinem Buch „Handbuch der Schiffahrtskunde" auch maßgeblich an der Gestaltung der Navigationsschule mitwirkte. Nach dem Tod Müllers im Jahr 1819, war es Woltmann, der sich besonders für Charles Rümker einsetzte. Mit Beginn des Wintersemesters 1819/20 trat Rümker dies Amt an, doch bereits im darauffolgenden Jahr nahm Rümker die Observatorenstelle bei Thomas Brisbane zum Aufbau der Paramatta-Sternwarte in Australien an.

Zum Nachfolger Rümkers wurde auf Empfehlung Woltmans Daniel Braubach gesetzt. Er hatte bis dahin die Navigationsschule in Bremen geleitet. Am 31. Januar 1828 starb jedoch Braubach und die Notwendigkeit einer Lehrerwahl bestand erneut. Woltmans Interesse war es, Rümker aus Australien zurückzuholen und mit der Fürsprache des Senators Westphalen wurde Rümker am 13. Februar 1828 gewählt - ohne daß der je gefragt wurde. Bis zur erwarteten Ankunft Rümkers wurde J.S. Metz vertretungsweise mit dieser Aufgabe betraut.

1830 kam Rümker dann tatsächlich nach Hamburg und wurde 1833 zum gemeinsamen Direktor der neuen Sternwarte und der Navigationsschule ernannt.

1837 starb Woltman und Rümker führt nun das Handbuch der Schiffahrtskunde in weiteren Ausgaben fort. Die Navigationsschule erwarb sich unter Rümker einen überproportional guten Ruf. Bolte schrieb:

Aber nicht nur von Seiten der Steuerleute erfreute sich die Anstalt eines sehr zahlreichen Besuchs, sondern das Ansehen, welches Rümker und seine Schule genoss, war so gross, dass, als im Jahre 1841 die Stadt Papenburg eine städtische Navigationsschule gründen wollte, sie den zur Leitung derselben in Aussicht genommenen Rektor der höheren Bürgerschule daselbst Eylert nicht nur ihm zur Ausbildung übergab,... sondern Rümker auch die Prüfung ihres Lehrers übertrug."


Carl Theodor Niebour, Direktor der Navigationsschule von 1857 bis 1915

1857 gab Rümker die Leitung der Schule und der Sternwarte an C.T.B. Niebour ab.

1869 wurde vom neuen Deutschen Bund einheitliche Anforderungen an die Navigationsausbildung gestellt und der Lehrplan weitete sich beträchtlich aus. Zwar gingen durch die neuen Prüfungsanforderungen die Schülerzahlen zunächst zurück, doch bald schon erreichten sie die alten Zahlen und schon 1877 mußte ein neuer Lehrer eingestellt werden, 1886 noch einmal drei weitere. Die Erweiterung der Kurse für „Seedampfschiffsmaschinisten" im Oktober 1891 ließ die Schule nun endgültig aus den Nähten platzen und noch ein Lehrer mußte eingestellt werden. Seit 1872 befand sich die Schule im Übrigen schon nicht mehr im engen Sternwartenbau sondern zog in eine Etage des Seemannshauses.

Niebour war, möglicherweise durch die anfängliche Nähe zu Sternwarte, auch in seiner Freizeit an astronomischen Dingen interessiert gewesen. In den Astronomischen Nachrichten von 1871 wird über Saturnbeobachtungen berichtet. Am 30. September 1870 stand er zusammen mit dem Observator Pechüle an einem Instrument der Sternwarte:

Herr Director Niebour, Vorsteher der hiesigen Navigationsschule, beobachtete am kleinen Refractor, Pechüle am Äquatoreal."

Bereits für den 19. April 1870 wurde in der Notiz erwähnt, daß W.v. Freeden, Direktor der Seewarte, sich ebenfalls an Saturnbeobachtungen beteiligte.


Offiziere beim 'Sternenschiessen', der Ortsbestimmung mit dem Sextanten.

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