Der Große Schmidtspiegel
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Der Große Schmidtspiegel in Bergedorf. Im Vordergrund das Steuerpult zum
Einstellen der Koordinaten. (um 1955)

Bei den Berufungsverhandlungen mit Walter Baade 1937 hatte der Hamburger Senat zugesagt, ein großes Schmidtteleskop zu finanzieren. Der ausbrechende Krieg verhinderte damals den Bau. Nun, nach dem Krieg, erinnerte Heckmann vorsichtig an die damals zugesagten finanziellen Mittel, ohne jedoch vollen Herzens daran zu glauben, daß im zerbombten Hamburg noch Hoffnung auf dieses Instrument bestand. Um so überraschender war die umgehende Zusage. Bereits in den Etats der Jahre 1949/50 und 1950/51 wurde das notwendige Geld bereitgestellt.

Die mechanischen Teile, von der Montierung bis zum Tubus, sollten in Hamburg bei der Firma Heidenreich&Harbeck entstehen. Zeiss in Jena stellte die optischen Komponenten her. Im September 1950 wurde mit Zeiss der Vertrag unterzeichnet. Zu liefern waren:

Für die Konstruktion der Optik konnte, mit Baades Hilfe, weitestgehend auf die Pläne des Palomar-Schmidts zurückgegriffen werden. Die Gabelmontierung wurde von Heidenreich&Harbecks Chefkonstrukteur Walter Strewinski völlig neu konstruiert.

Heckmann beschrieb diese Neukonstruktion:

Die besondere und neue von Dr. Ing W. Strewinski stammende Idee der Konstruktion wird durch Abb. VII erläutert: Denkt man sich um den Schwerpunkt S aller beweglichen Teile des Instrumentes eine Kugel geschlagen, so wird durch eine (in Gußstahl) am Instrument realisierte Zone dieser Kugel, die auf zwei Öldrucklagern ruht, das Gesamtgewicht im Schwerpunkt unterstützt. Dadurch ist es möglich, die Polachse mikrometrisch genau zu justieren, ohne eine nennenswerte Arbeitsleistung gegen die Schwerkraft. Natürlich muß dann das Südende der Polachse in geeigneter Weise ein über ein verschiebbares Pendelkugellager befestigt sein. Abb. VII zeigt einen schematischen Schnitt durch eines der beiden Öldrucklager: Das Öl wird von unten in die Kammern unter und über einer sich selbsttätig justierenden Bikonkavlinse aus Stahl gepreßt. Es quillt an den Rändern der Linse heraus, wird aber wieder aufgefangen und den Pumpen erneut zugeführt. Sobald die Linsen sich selbst an ihren Ort eingespielt haben, schaltet sich das Öl der unteren Schicht automatisch ab, so daß das Ganze nur noch auf der oberen schwimmt."

Eine Versuchsmontierung wurde noch 1950 im Gebäude des alten Repsoldschen Passageinstrumentes getestet.

Am 23. Oktober 1951 wurde der Grundstein für das neue Gebäude des Großen Schmidtspiegels gelegt. In der Mitte des Sternwartengeländes, im Osten an den Friedhof anschließend, entstand ein dreigeschossiger Rundbau. Im Untergeschoß wurden Arbeitsräume integriert, im ersten Obergeschoß, das zum Teil durch die Montierung belegt war, wurde die Bedampfungsanlage von Leybold untergebracht, das dritte Geschoß war der Kuppelraum. Gleich hinter dem Gebäude - der Grabstein mit Blick zur Sternwarte - findet sich das Grab Bernhard Schmidts.

Im Mai des Jahres 1954 wurde damit begonnen, das Instrument zu montieren. Ende Juni waren diese Arbeiten beendet und im Anschluß daran wurde der Spiegel in der neuen Aluminisierungsanlage belegt. Im November sah das Teleskop sein „erstes Licht".

Doch wie Baade es bereits 1937 vorausgesagt hatte, kam der Schmidtspiegel zu spät und konnte an einem Standort wie in Hamburg nicht mehr mit den einsamen klaren Bergregionen der neu entstehenden Observatorien in Spanien oder Südamerika mithalten. Zwar hielten sich die Hamburger Astronomen wacker und starteten anspruchsvolle Beobachtungsprogramme doch bereits 15 Jahre später wurde das Instrument nach Südspanien verlagert. Dort baute das Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg ein modernes Observatorium unter guten atmosphärischen Bedingungen. 1975 begann der Beobachtungsbetrieb des "Hamburger Schmidt" in einer neuen Kuppel des "Deutsch-Spanisch Astronomischen Zentrums" auf dem Calar Alto.


Der Große Schmidtspiegel in der neuen Kuppel auf dem Calar Alto.

Doch auch hier war die Zeit für große Schmidt-Teleskope mittlerweile gekommen. Im Wesentlichen beobachteten die Hamburger an ihrem ehemaligen Teleskop und betrachteten es eigentlich immer noch ein bischen wie Eigentum. Weniger als ein viertel der Beobachtungszeit fiel an antragstellende Astronomen oder das Max Planckinstitut, hier hauptsächlich der Direktor, Kurt Birkle. Zwischen Staff des Calar Alto und den Hamburger Astronomen entspann sich eine Art kalter Krieg, wenn es um die Justierung dieses empfindlichen Instruments ging.

Ich kann mich 1983 an eine meiner ersten Reisen zum Calar Alto zusammen mit Ulrich Haug erinnern. Gleich zu Beginn der ersten Nacht wurde eine Fokus-Testaufnahme gemacht, entwickelt im in das Gebäude integrierten Dunkelkammer und bei dem ersten durchziehenden Wolkenfeld wurden die Fokuswerte in den Ecklagen der 24x24cm großen Glasplatte verglichen.Das Problem eines Schmidtspiegels ist, daß die Fokalebene im Innern des Teleskops gekrümmt sein muß. Die Glasplatte wird daher mit Hilfe eines Stahrahmens auf die notwendige Form gepresst. Anfangs glaubte ich, das Glas müsse dabei in Tausende von Scherben zerspringen - tat es jedoch nie! Liegt diese Kugelfläche aber gekippt gegen die Idealfläche, dann ist der Fokus überall auf der Fotoplatte verschieden. An drei Stellen dieses Pressrahmens, der Plattenkalotte, konnten kleine Quadratzentimeter große Plättchen mit zehntel oder hundertstel Millimeter Stärke eingeschoben werden. Die Berechnung, wo welches Plättchen eingelegt werden mußte war kompliziert, und erforderte einen der neuen programmierbaren Taschenrechner, den Ulrich Haug besaß. Er rechnete, legte Plättchen ein und trug die Daten in das Hamburger Beobachtungsbuch ein. Dann mußte in einer der nächsten Nächte wieder eine Fokusaufnahme gemacht werden, und geprüft werden, ob sich die Daten verbessert hatten oder ob noch einmal gerechnet werden mußte. Da es zwei Plattenkalotten gab hatte man damit über die ganzen zweieinhalb Wochen Beobachtungszeit zu tun gehabt. Im Hamburger Beobachtungsbuch wuchsen die Daten der Korrekturen unermüdlich und es war bereits recht ordentlich gefüllt.

Im MPI-Beobachtungsbuch gab es solche Korrekturen nicht.

Ein anderes Mal war zu Beginn der Beobachtungswochen die Einschränkung ausgegeben worden: Teleskop arbeitet nur noch +/- eine halbe Stunde um den Meridian sowie bei Zenitdistanzen zwischen 20 und 60 Grad. Überall sonst gäbe es deformierte Bilder. Ulrich Haug wollte sich zunächst selbst ein Bild vom Teleskop machen, legte das Teleskop in die Horizontale, öffnete die Fokusklappe und kletterte behende ins Innere des Tubus. Eine Weile klapperte er darin herum, rief dann aus, "ich habs" und forderte mich auf, mir das anzusehen. So kletterte auch ich in das Innere. Er zeigte auf einen der drei "Invarstäbe", die den Abstand zwischen Hauptspiegel und Fokuswagen immer parallel halten. Diese sind an der Tubusinnenwand über Rutschklampen geführt und unter einer der Klampen waren Rostspuren zu erkennen. Der Invarstab konnte nun nicht mehr frei geführt werden sondern hatte sich dort festgefressen. Wir riefen den diensthabenen Techniker an, der sofort kam, ebenfalls ins Tubusinnere kroch und Polaroidfotos für die Tagestechnik anfertigte, die tags darauf das Problem zufriedenstellend lösen konnte, wenn auch die nächste Generalinspektion eine grundlegenere Prüfung durchführen sollte. Wir konnten wieder arbeiten und die zwei verbleibenden Wochen waren erfolgreich. Einige Monate darauf ging die Inspektion dann ans Werk und stellte weitere Probleme mit den Invarstäben fest, für die nun die Hamburger Astronomen Haug und Schramm verantwortlich gemacht wurden und eine Rüge erhielten.

Probleme dieser Art waren die eine Seite, die andere war, daß umfassende Projekte zur Aufrechterhaltung des Beobachtungsbetriebs am Schmidt nicht recht zu sehen waren. Lediglich zwei Beobachter, nämlich Kohoutek, der die Milchstraße nach Plantarischen Nebeln durchmusterte, und Haug, der nach Quasaren suchte, hatten längerfristige Interessen. Ein Ultimatum des MPI aus dem Jahr 1983 lautete, entweder ein größeres Beobachtungsprojekt oder der Schmidt wird abgeschaltet. Nur Haugs Quasardurchmusterung war für die meisten Sternwartenkollegen interessant genug, daraus ein größeres Projekt zu machen. Doch dazu mußte es automatisiert werden, denn Haug suchte seine Objektivprismenplatten wochenlang mit dem Mikroskop ab, um die verräterisch leicht längeren Quasarspektren zu erkennen.

Dieter Reimers Arbeitsgruppe machte sich daran, die 1983 angeschaffte digitalisierende PDS-Messmaschine an die Computeranlage anzuschließen und über Rechnerprogramme auswerten zu lassen.

Hans Hagen schrieb die Software und das Projekt startete 1987 mit grossem Erfolg. Später wurde es mit dem ESO-Schmidtspiegel auch für die Südhalbkugel fortgesetzt.

Nach Beendigung der Durchmusterung des gesamten nördlichen Himmels mit xxx Platten stellte das Max Planck Institut 2000 den Beobachtungsbetrieb am ehemaligen Großen Hamburger Schmidtspiegel ein.


 

 
   
   
   
   
   
   
   
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