Die Europäische Südsternwarte ESO
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Traditionell lagen alle großen Observatorien auf der Nordhalbkugel der Erde. Zur Beobachtung des südlichen Himmels gab es nur wenige Sternwarten in Argentinien, Chile, Südafrika oder Australien, die nur kleine Instrumente besaßen oder schlecht ausgerüstet waren. Im Süden waren jedoch viele besonders interessante Himmelsregionen sichtbar:


Walter Baade 1956 an „seinem" 1m-Spiegel.
Baade war der Initiator der Europäischen Südsternwarte.

Besonders Walter Baade, der mitlerweile zu den führenden Köpfen der Astronomie zählte, beobachtete vom fernen Amerika, daß in Europa die astronomische Forschung mehr oder weniger brach lag und nur ein internationaler Zusammenschluß die Situation verbessern könnte. Im Frühling 1953 vertrat er auf Vortragsreihen in Europa Ideen für ein gesamteuropäisches Institut zur Beobachtung des südlichen Himmels.

Am Rande einer Konferenz über die galaktische Forschung in Groningen setzten sich mehrere Astronomen (Oort, Baade, Bourgois, Danjon, Lindblad, Oosterhoff, Blaauw und Heckmann) zu einem ersten Gedankenaustausch zusammen. In den folgenden Jahren folgten mehrere enthusiastische Treffen an verschiedenen europäischen Sternwarten: Januar 1954 in Leiden, November 1954 in Paris und einige kleinere Treffen u.a. auch in Bergedorf. Im Oktober 1957 wurde Jaan Oort zum Präsidenten des ESO-Kommitees gewählt. Neben Oort zählte André Danjou aus Paris und Otto Heckmann zu den Gründervätern der ESO. Adriaan Blaauw beschrieb die drei in seinem Buch "ESO's early history" so:

Jaan H. Oort, der als Initiator tief von der Notwendigkeit des Projektes überzeugt war und ständig für die Realisierung kämpfte; André Danjon aus Paris, führender französischer Astronom und ein ebenso starker Unterstützer, der die schwierige Aufgabe besaß ständig die Billigung seiner Regierung zu erhalten; und Otto Heckmann, einer der führenden deutschen Astronomen, Direktor der Hamburger Sternwarte und einer der stärksten Anwälte für dieses Projekt in seinem Land. Er wurde später ESO's erster Direktor."

Heckmann wurde 1962 offiziell zum Direktor gewählt. Zur besseren Koordinierung dieser Arbeit ließ sich Heckmann von seinem Posten als Sternwartendirektor beurlauben, ganz lösen wollte er sich nicht:

... es würde mir als lohnende Aufgabe erscheinen, den Rest meines wissenschaftlichen Lebens dem Aufbau des ESO zu widmen. Da ich aber mit der Universität Hamburg und der Hamburger Sternwarte sehr fest verknüpft bin, so ist die Lösung dieser alten Bindungen schwierig ...


Otto Heckmann 18.3. 1965. Erster Generaldirektor der ESO.

Damit Heckmann beide Ämter ausführen konnte, wurde das Hauptquartier der ESO nach Bergedorf verlegt. Im Ortszentrum, im Iduna-Haus, wurden Büroräume angemietet, in denen Heckmann seine ESO-Aufgaben erledigte, während gleichzeitig die Sternwarte nicht fern war. Dennoch, die Sternwarte profitierte nicht davon. Sie war sogar im Gegenteil oft schlechter über den Status der ESO informiert als andere Institute und konnte folglich kaum an der Gestaltung mitarbeiten.

1969 öffnete das europäische Hochenergiezentrum CERN in Genf mit einer ähnlich übereuropäisch wissenschaftlichen Struktur wie die ESO. Als angeboten wurde, auch die ESO auf dem CERN-Gelände anzusiedeln, war der Standort des Hauptquartiers in Bergedorf nicht mehr haltbar. Dies war zumindest deshalb nicht möglich, weil die Heckmann vertretenden Direktoren der Hamburger Sternwarte sich nicht energisch genug mit dem offiziellen Vorgesetzten Heckmann auseinandersetzten wollten oder konnten. Noch während der Umzugsvorbereitungen war man in München wacher als in Hamburg und hatte großzügig den Bau einer eigenen ESO-Zentrale angeboten. In Garching entstand Mitte der 70'er Jahre eine Wissenschaftsstadt mit mehreren Max-Planck-Instituten. 1975 zogen die letzten Akten von Bergedorf nach München um.
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Eine wichtige Entscheidung bei der ESO, die noch in Heckmanns Bergedorfer Zeit fiel, war die Suche nach dem geeigneten Standort der eigentlichen Sternwarte. Südafrika oder die Chilenische Wüste waren die Favoriten, um die es gelegentlich heftige Dispute gab. Nach einer Vorlesung im Jahr 1959 beispielsweise, bei der nur ein Hörer, Hans-Emil Schuster, anwesend war, und Heckmann sie deshalb abbrach, weil Schuster seine Fragen bei einer Tasse Kaffee auch selbst an Heckmann stellen könne, machte sich Heckmann Luft über seinen Kieler Amtskollegen Unsöld. Der habe Heckmann mitten ins Gesicht gesagt, die Organisation der Südsternwarte würde er wohl schon bekommen, aber jemand finden, der freiwillig nach Chile ginge, das würde Heckmann niemals. Wie es der Zufall wollte, wurde nach Abschluß seiner Assistentenzeit Hans-Emil Schuster Stab-Astronom auf La Silla, in der chilenischen Atacama-Wüste. Er blieb es bis zu seiner Pensionierung 1991.

Heckmann wurde nach dem Krieg aufgrund seiner wissenschaftlichen Tätigkeiten und seines ESO-Engagements mit Ehrungen überschüttet. Trotzdem war Heckmann auch nach dem Krieg durch sein strenges Zepter eine gefürchtete Person. Am 26. Juli 1968 wurde Heckmann vorzeitig emeritiert, um sich voll auf das ESO-Amt zu konzentrieren. Er starb am 13. Mai 1983.

So groß Heckmanns Verdienste um die Errichtung der ESO sind, um so mehr wird ihm von vielen Astronomen der Nachkriegszeit sein mangelhaftes Engagement gegenüber der Sternwarte zur Last gelegt. Die Vernachlässigung dieses Amtes und die schwache Unterstützung des provisorischen Direktors, während Heckmann beurlaubt war, wird von vielen als Grund angesehen, warum die Sternwarte ihre einstige Bedeutung bald verlor. Die Professoren Haffner und Traving konnten während der Vertretungszeit nie eigene Impulse setzen.

Erst 1968, nach Heckmanns Emeritierung, konnte Alfred Behr die Geschäftsführung der Sternwarte unabhängig übernehmen. Doch 1968 begannen auch an der Hamburger Universität die Studentenunruhen und beschnitten die Macht des Direktors auf eine andere Weise.


 

 
   
   
   
   
   
   
   
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