Das Sternwartenduplikat in den Anden

 

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Eduardo Röhl war astronomiebesessen und sein bester Freund, Perez Jimenez, war Diktator in Venezuela. Anfang der 50'er Jahre plante Röhl eine große Sternwarte zu errichten. Die alte Sternwarte von Caracas reichte ihm nicht, er wollte eine moderne, große Anlage, so eine, wie sie in Europa arbeiteten oder besser noch: er wollte eine Kopie der Hamburger Sternwarte mitten in Caracas. Sein Freund Jimenez deckte ihn mit dem nötigen Bargeld ein und so reiste Röhl nach Hamburg.

Jürgen Stock, Student an der Hamburger Sternwarte, war beeindruckt, denn Röhl fuhr mit einem Luxusauto mit Chauffeur vor; im damaligen Nachkriegsdeutschland eine Ungeheuerlichkeit.

Otto Heckmann zeigte Röhl die Sternwarte und überließ ihm einige Duplikate der Zeichnungen von Gebäuden und Instrumenten. Damit begab sich Röhl zu den Askania-Werken in Berlin und Carl Zeiss in Jena. Dort bestellte er Duplikate der vier großen Teleskope, doch nicht so klein wie die in Hamburg sondern 1½ mal so groß. Askania sollte den Doppelrefraktor mit zwei 60 cm Objektiven, den Großen Schmidtspiegel mit einer 1m Korrektionsplatte, den Meridiankreis und ein Passageinstrument bauen. Zeiss bekam den Auftrag für den 1m Spiegel und einen Refraktor mit 12m Brennweite und 65cm-Objektiv. Röhl zahlte sofort in bar und entschwand.


Eduardo Röhl bei der Abnahme des Großen Refraktors (65cm) bei Zeiss 1958.

Das war 1954. Die Fertigung war auf 5 Jahre veranschlagt, doch 1958, als sich Röhl aus anderen Gründen gerade wieder in Deutschland aufhielt, wurde Perez Jimenez gestürzt und Eduardo Röhl durfte nicht mehr nach Venezuela zurück.

Ein Jahr darauf waren die Geräte fertiggestellt und da sie bereits bezahlt waren wurden sie umgehend nach Caracas verschifft.

500 t Material in unzähligen Kisten verpackt stapelten sich im Hafen vor Caracas und wurden ersatzweise der Marine übergeben. Neben den 4 Instrumenten gehörten drei Eisenkuppeln und zwei Hebebühnen zur Lieferung. Vieles wurde erst einmal in der alten Sternwarte von Caracas eingelagert, die großen und sperrigen Teile konnten jedoch dort nicht gelagert werden. Also bauten die Militärs auf dem Gelände der Militärakademie neue Lagerschuppen und stellten die Kisten dort unter. Einen Astronom, der Willens war, eine Sternwarte in Caracas zu errichten, fand sich nicht.


Der CIDA-Schmidt

Schnell war klar, daß ein neues Observatorium in der Großstadt wenig Sinn hatte, nur in den Bergen der Anden gab es aussichtsreiche Plätze, die aber noch nicht erkundet worden waren. Spezialisten für die Standortsuche gab es aber nicht. Eilig wurde eine Kommission eingesetzt, die nach geeigneten Astronomen im Ausland suchte.

Bereits zu dieser Zeit war die ESO in Chile aktiv, um einen eigenen Standort für die neue Europäische Südsternwarte zu suchen. Einer der dort tätigen Astronomen war Jürgen Stock, der sich auch bereit erklärte, einer Expedition in Venezuela zur Seite zu stehen. Sie dauerte von 1960 bis 1962 und in der Nähe der Stadt Merida wurde ein Areal in den Bergen gefunden, ca. 500 km von Caracas entfernt.


Provisorische Montage der drei Kuppeln in Merida

Nun war zwar ein Standort gefunden, doch ein Astronom, der Zusammenbau und die spätere Leitung des Observatoriums leiten sollte, war nicht in Sicht. Erst 1970, als der venezuelanische Forschungsrat (CONICIT) gegründet wurde erinnerte sich dessen erster Präsident an die Geräte im Hafen. Es erging eine Aufforderung an die alte Sternwarte in Caracas, einen Astronomen zu suchen und den Baubeginn zu veranlassen. Den einzigen Astronomen im Ausland, dessen Fähigkeiten man schon einmal in Anspruch genommen hatte, war Jürgen Stock.

Als Stock zum zweiten Mal nach Caracas kam, waren Informationen über die Kisten und deren Inhalt so gut wie nicht mehr vorhanden. Die Askania in Berlin hatte mittlerweile aufgegeben und Zeiss besaß lediglich noch Einzelfertigungspläne, jedoch keine Gesamtkonzeptionen. Auch von den Gebäuden, für die ja bereits Kuppeln und Hebebühnen bereit lagen, existierten keine Baupläne mehr, sondern nur noch Skizzen mit ungenauen Maßen. Selbst die Nummerierungen auf den Teilen, welch zusammengehörten, waren im äquatorialen Klima Venezuelas verrottet.

Stock nam sich einen großen Bauplatz in Caracas und ließ provisorische Gebäudefragmente errichten. Das große Puzzlespiel begann: welches Teil gehört eigentlich wohin? Das war nicht ganz einfach, denn allein die Schmidtspiegelteile wogen zusammen 50 t. Besonders die Hebebühnen waren schwierig auseinanderzuhalten und Stock brauchte mehrere Monate für dieses Ratespiel. Die letzte noch fehlende Kuppel wurde währenddessen in Deutschland nachbestellt. Erst jetzt, Anfang 1972, konnten exakte Zeichnungen der Gebäude angefertigt werden.

Mitte 1972 begannen die Bauarbeiten und 25 schwere Tieflader transportierten das Material nach Merida. Ein venezuelanischer Astronom überwachte die Verladung der Teile und Jürgen Stock nahm sie in Merida in Empfang. Der Transport war eine gigantische Operation, denn Brücken und Strommasten mußten verlegt, verstärkt oder abgeändert werden und die Polizei hatte mit Kontrollen und Sicherheitsaufgaben alle Hände voll zu tun.


Transport der Sternwarte in die venezuelanischen Berge.

Jetzt war die Frage, ob das Puzzle wirklich aufging. Immerhin kamen zwei Techniker von Zeiss herüber, um beim Aufbau zu helfen. Ein langes Teil, ca. 12m lang, konisch zulaufend und mit mehreren Verzweigungen, machte allerdings Probleme. Man vermutete Anfangs, es gehöre zur Hebebühne, doch schließlich blieb es einfach übrig. Der Rest paßte exakt und funktionierte auch. Stock fand auf Anhieb sein altes Arbeitszimmer, das er aus Hamburg kannte, im Gebäude des 1m Spiegels wieder.


CIDA in Venezuela

Das übriggebliebene Teil wurde mitten im Sternwartengelände auf einen Sockel gestellt. Erst mehrere Jahre später, beim Besuch eines Generals auf der Sternwarte, stellte sich heraus, daß es die lange vermißte Mastspitze eines venezuelanischen Zerstörers war. Im Chaos der Kisten war es damals zwischen diesen verschwunden.

1975 wurde die Sternwarte unter dem neuen Namen CIDA (Centro de Investigaciones de Astronomía) als selbstständiges Institut freigestellt. Jürgen Stock blieb bis 1983 der Direktor dieses Observatoriums, das sich bis heute sehr erfolgreich hält.

 
   
   
   
   
   
   
   
Sternwarte Heute

(Fotos: Homepage CIDA. www.cida.ve)