Das Leben im NS-Staat

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Schon bald nach Hitlers Machtergreifung, am 30. Januar 1933, wurde das eher beschauliche wissenschaftliche Leben auf der Sternwarte durch die Nazi-Ideologie verändert. In den Amtsstuben wurden nun mit offizieller Absegnung Propagandaschriften mit Titeln wie „Kampf der Gefahr", „Die kommende Generation klagt an", „Gesunde Eltern - Gesunde Kinder", „Mütter, kämpft für eure Kinder" verkauft. Hitlerschriften mit Titeln wie „Was ihr seid, seid ihr durch mich, und alles was ich bin, bin ich nur durch euch allein" verdrängten die Korrespondenz mit ausländischen Kollegen. Denn für den Umgang mit dem Ausland gab es Richtlinien. 1939 durften in den persönlichen Schriftwechseln in das neutrale Ausland nur noch harmlose Informationen mitgeteilt werden, 1941 wurde der Rundfunkempfang ausländischer Sendungen unter Strafe gestellt. 1942 wurde der Nachrichtenverkehr mit dem feindlichen Ausland untersagt. Ab 1939 gehörten die regelmäßigen Unterweisungen zur Spionageabwehr zu den Pflichtveranstaltungen. Begleitmaterial „Spione, Verräter, Saboteure" gab es im Sternwartensekretariat.

Regelmäßig wurden die Sternwartenmitarbeiter nun zum „Gemeinschaftsempfang" von Hitlers Reden auf Reichsparteitagen oder im Reichstag aufgefordert. Die Aufforderungen gingen nun nicht mehr an „die Kollegen", sondern an „die Gefolgschaft".

Die Gefolgschaft mußte sich auch immer einmal wieder zu Großkundgebungen „zusammenrotten", z.B. zum „Tag der nationalen Erhebung" am 30.1.1936 oder zum 1. Mai, den zum Propagandatag der Nazis umgewandelten „Tag der Arbeit". Großkundgebungen wurden mitunter angeordnet:

Beamten sehen es für ihre Pflicht an, zu dieser Versammlung zu erscheinen, insbesondere erwarte ich die Teilnahme s ä m t l i c h e r Beamten der Besoldungsgruppe 18 an aufwärts"

Wer nicht kam, wurde zum Verhör ins Direktorenzimmer geladen.

Ankündigung in der Sternwarte am 22.11.1939
Zeitungsausschnitt des "Mittagsblatt" vom 5.1.1940.

Selbstverständlich war, daß in regelmäßigen Abständen die Mitarbeiter zu „freiwilligen" Geldspenden an „Tagen der Nationalen Solidarität" herangezogen wurden - mit offenen Spendenlisten, die abzuzeichnen waren. Für das Winterhilfswerk oder für die notleidenden Frontsoldaten.

Als gegen Ende des Krieges die Nazis immer verbissener gegen das Ausland Krieg führten, wurde auch die Versorgungslage immer enger. Seife gab es nur noch bei besonders schmutzigen Arbeiten auf Sonderzulage-Karten. Chemikalien, Stoffe, Holz und Metall - alles wurde knapp. Und die Rüstungsbetriebe brauchten immer mehr Rohstoffe. Es wurde zu Materialspenden aufgerufen. 1940 erhielt die Sternwarte eine Extra-Auszeichnung Görings, weil sie über 200 kg Metallreste in der Sternwarte zusammengeräumt hatte.

Letztendlich war alles verdächtig und alles konnte dem Ausland Informationen liefern. So wurde schließlich auch untersagt, im Todesfall einen Nachruf zu veröffentlichen. Der Feind könnte daraus seine Rückschlüsse ziehen.

Die „Heimatflak"

Im August 1940, als englische Bomber verstärkt über deutschen Städten auftauchten, wurde auf dem Dach des Hauptgebäudes der Sternwarte eine militärische Beobachtungsstelle eingerichtet. In etwa 800 m Entfernung von der Sternwarte hatte sich eine Scheinwerferabteilung niedergelassen, die versuchte, die schwarz gestrichenen englischen Flugzeuge zu enttarnen. Da in unmittelbarer Nähe zu den Scheinwerfern durch das helle Licht kaum noch etwas von Flugzeugen zu sehen war, bezog das Militär das Sternwartendach und erhielt einen kleinen Kometensucher, mit dem der Himmel abgesucht wurde. In der Nähe zum Hauptgebäude sollte eine Baracke errichtet werden, die die Dienststelle der Scheinwerferbatterie (10-20 Personen) aufnehmen sollte. Am 13. September 1940 tauchte der Chef der Batterie im Hauptgebäude auf und beschlagnahmte das Direktorenwohnhaus, denn Schorr wohnte schon seit einiger Zeit in Aumühle und Heckmann war noch nicht berufen. Aller Widerstand von Seiten der Sternwarte blieb fruchtlos. 1941 dehnte sich die Flakstellung um Kraftfahrzeugschuppen und Stellflächen aus, Kohlehalden türmten sich auf den Rasenflächen.

Als Heckmann im Juli 1941 das Direktorenhaus zu beziehen beabsichtigte, wurden auf der großen Wiese der Sternwarte zwei neue Baracken eingerichtet. Von Seiten der Sternwarte wurde das Direktorenhaus während des Barackenbaus schon mehrfach inspiziert. Dieses paßte den Militärs gar nicht. Der Batteriechef schrieb an Heckmann:

Ich bitte Sie ... keine Professionisten in das Gebäude zu schicken. Abgesehen davon, daß diese selbst erscheinen, nehmen sie noch dazu ihre Frauen mit.
Ich sehe mich gezwungen ... das bisher benützte Gebäude als militärisches Sperrgebiet zu erklären.
"

Andererseits beschwerte sich Heckmann 1942, als die Stellung immer noch im Sternwartengelände residierte, über Militärangehörige, die

in Begleitung weiblicher Personen Sonnenbäder nehmen südlich vom Meridiankreis"


In der Nacht vom 26. auf den 27. Juli 1942 setzten die englischen Nachtangriffe verstärkt ein, und auf die Sternwarte fielen über 100 Brandbomben, die ein abstürzender englischer Bomber zur Gewichtsverminderung abgeworfen hatte. Glücklicherweise richteten sie kaum Schaden an - nur ein alter Korbsessel verbrannte im Meridiankreisgebäude. Nun bekam es Heckmann mit der Angst, denn offensichtlich war den Engländern nun klar, daß sich die Flakbefehlsstelle auf dem Sternwartengelände aufhielt.

Sobald aber begründeter Verdacht besteht, daß die Sternwarte zu einem besonders ausgesuchten Ziel wird, ist ihr Bestand natürlich erheblich gefährdet."

Im Juli 1944, nachdem die Sternwarte immer wieder gehofft hatte, die Flakstellung würde von der Sternwarte abziehen, geschah das Gegenteil. Eine weitere Baracke wurde angebaut, weil

im Zuge der Neuorganisation der Heimatflak weibliche Luftwaffenhelfer in die Batterie aufgenommen würden."

Doch auch dieses Aufgebot hatte keine Auswirkungen mehr auf den „Endsieg". Ein Jahr später war die NS-Zeit vorüber und es trat wieder Ruhe ein auf der Sternwarte.

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