Das Ende eines Schmidtspiegels
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In den Kriegsjahren blieb auch Bernhard Schmidts Wunderspiegel nicht verschont. Der von 1934 bis '36 an der Sternwarte angestellte Josef Beller hatte im Januar 1936 zum Marinewaffenamt in Berlin gewechselt. Im Juli 1940, als der Krieg in vollem Gang war, erinnerte er sich an die Leistungsfähigkeit des Spiegels und forderte eine kleine Version des Schmidtteleskops (36 cm Öffnung, 70 cm Brennweite) für Überwachungsaufgaben an der Atlantikküste in Frankreich (Boulogne sur Mer) an. Das Instrument wurde mit speziellen Infrarotfiltern versehen und die Sternwartenwerkstatt fertigte eine zweite Kassette für die Fotoplatten an, damit die Aufnahmen in rascher Folge gemacht werden konnten. Das infrarote Licht durchdringt Dunst sehr viel besser als die anderen Bereiche des optischen Spektrums, so daß mit Hilfe des Infrarot-Schmidtspiegels die nur 40 km entfernte englische Küste sehr viel klarer überwachbar wurde.
Schorr, der sich zu seiner jährlichen Kur in Badgastein aufhielt, stimmte unter der Bedingung zu, daß der Transport und die Montage von Wachmann und einem Mechaniker der Sternwartenwerkstatt überwacht würde. Da keiner der beiden Mechaniker große Lust hatte, diese Aufgabe zu übernehmen, mußte das Los entscheiden - Alfred Schulz verlor und mußte reisen. Am 7. August 1940 holte ein LKW des Oberkommandos der Kriegsmarine (OKM) Teleskop, Montierung, Wachmann und Schulz zum Transport nach Frankreich ab.

Montagearbeiten
am Schmidtspiegel an der Atlantikküste, August 1940.
Zur Überprüfung der Einsatzfähigkeit wurden vor Ort zwei Kontrollaufnahmen gemacht, eine mit einer existierenden kleinen Kamera und eine mit dem Schmidtteleskop. Dabei stellte sich heraus, daß der Verschluß bei der kürzesten Belichtungszeit (1/90 Sekunde) immer noch überbelichtete Platten fabrizierte, während die andere Kamera bei 1/5 Sekunde immer noch unterbelichtete Ergebnisse erzielte. Der Schmidtspiegel kam also hauptsächlich für Dämmerungs- oder Mondscheinbedingungen in Frage. Eine starke Temperaturabhängigkeit der richtigen Brennweiteneinstellung (Fokuslage) machten es dem anzulernenden Militär-Optiker nicht leicht, brauchbare Ergebnisse zu erzielen. Unter den feuchten und salzhaltigen Dunstbedingungen an der Kanalküste begann der Spiegel überdies schon nach wenigen Tagen Trübungserscheinungen zu zeigen.
Zu einer Unterredung über diese Probleme fand die Stabsführung keine Zeit mehr, so daß Wachmann und Schulz die Koffer packten und abreisten. Auf einer Postkarte an Schorr in Badgastein bemerkte Wachmann:
| Es waren ein paar außerordentlich interessante Tage, die wir hier verleben konnten; nur hatten wir Schwierigkeiten über Schwierigkeiten zu überwinden." |
Am 10. September 1940 traf die gesamte Ausrüstung wieder auf der Sternwarte in Bergedorf ein. Der militärische Erfolg der Expedition war offensichtlich gleich Null.
Im Oktober 1940 meldete sich Beller erneut in Bergedorf. Es sollte ein Auftrag an Zeiss vergeben werden, ein Schmidtteleskop mit 45 cm Durchmesser und 65 cm Brennweite zu bauen; eine Kopie des Hamburger Originals. Einsatzort war dieses Mal nicht die Atlantikküste sondern die Ostsee: Swinemünde auf der Insel Usedom, das Artillerieversuchskommando Land. Die Vermutung liegt nahe, daß die Teleskopkonstruktion und dessen Aufgabe in engem Zusammenhang mit der V1- und V2-Raketenproduktion in Peenemünde stand.
Das Teleskop sollte einige Neuerungen erhalten: Es bekam an Stelle der üblichen Aluminium- oder Silberverspiegelung eine Goldschicht und es sollten keine Fotoplatten eingesetzt werden, sondern eine Bildröhre der AEG.
Bevor das neue Teleskop von Zeiss geliefert werden konnte, wurde für Vorarbeiten wiederum der 36 cm-Schmidt aus Bergedorf geliehen. Von der Kriegsmarine war bereits eine eigene Montierung (ein einfaches Drehgestell) in einem kleinen Gebäude aufgestellt worden. Der Raum konnte zur Seeseite geöffnet werden. Die Überwachung der Montage (November 1940) lag diesmal bei Paul Schmidt.
Im Mai 1941 hatte Beller ein neues Anliegen. Wie aus den Akten zu entnehmen war, waren derzeit bei Zeiss zwei identische Spiegel für Schmidtteleskope bestellt worden: Einer von der Sternwarte und einer für Swinemünde. Bei den Arbeiten in Swinemünde plante man nun, den von der Marine bei Zeiss bestellten Hauptspiegel durchbohren zu lassen. Da der Hamburger Spiegel jedoch schon kurz vor der Auslieferung stand, wurden die Prioritäten vertauscht. Der fast fertige Hamburger Spiegel sollte durchbohrt werden und an die Marine gehen. Hamburg müßte dann noch einige Monate auf den anderen Spiegel warten. Heckmann, der inzwischen die Amtsgeschäfte der Sternwarte übernommen hatte, stimmte zwar zu, warnte aber nachdrücklich davor, daß der Original-Schmidt, der immer noch leihweise in Swinemünde war, durchbohrt würde. Das Vertrauen in das Militär war nicht allzu groß:
| ... drücke ich die sichere Erwartung aus, daß Spiegel und Korrektionsplatte mit äußerster Schonung behandelt und geschützt werden..." |
Beller versicherte:
| Mir ist ja persönlich sehr gut bekannt, ein wie wertvolles historisches Objekt der Bergedorfer Spiegel darstellt, und Sie können daher versichert sein, daß er in der Marine entsprechend behandelt wird." |
Nachdem sich die Rückgabe immer weiter verzögerte, ursprünglich war nur von wenigen Tagen die Rede, kam Mitte September 1941 die Meldung, der Spiegel könne wieder abgeholt werden, er müsse jedoch wieder von Paul Schmidt demontiert werden.
| Wegen des historischen Wertes ist eine Rücksendung ... mit der Bahn unzweckmäßig" |
Paul Schmidt kam am 22. September in Swinemünde an - und traute seinen Augen kaum. Der neue vergoldete Spiegel saß längst in der Fassung, ohne jedoch ein scharfes Bild zu produzieren. Man hatte die Justierschrauben derart fest zugezogen, daß das gesamte System verzogen war. Mit ein paar Handgriffen regulierte Schmidt das Teleskop. Und der alte, so historisch wertvolle Spiegel, den die Marine so vorsichtig behandeln wollte? Paul Schmidt berichtete:
| In der Zwischenzeit seit April ist der alte Spiegel von Zeiß versilbert worden. Nach Aussage von Beller haben vor etwa 2 Monaten die Swinemünder Leute ... versucht, den Spiegel wieder einzusetzen und zu justieren. Dabei ist durch übermäßiges Drehen der Justierschrauben auf der planen Rückseite des Spiegels ein etwa faustgroßes Stück herausgebrochen. Der Bruch geht auch noch etwa 1 cm auf die Vorderseite über." |
Die Prüfung in der Sternwarte ergab: Kaum noch zu gebrauchen. Um sicher zu gehen, wurde eine Expertise von Zeiss angefordert, doch das Ergebnis lautete:
| im gegenwärtigen Zustand unbrauchbar, wenigstens für astronomische Zwecke". |
Im November kam der neue Spiegel von Zeiss an die Sternwarte. Auch den hatten sich die Militärs ausgeliehen gehabt und dann zum Neuversilbern an Zeiss zurückgeschickt. Zeiss mokierte sich in einem Begleitschreiben an die Sternwarte, daß die sechs kleinen Einsprünge vorher mit Sicherheit nicht vorhanden gewesen seien.
Die Sternwarte erhielt später auf Kosten der Militärs zwei Ersatzspiegel
von Zeiss, einen Schmidtspiegel und einen Planspiegel. Bernhard Schmidt hatte
sein Original nämlich auf der Rückseite plan geschliffen, so daß
er auch als Coelostaten-Spiegel zu verwenden war.
Schmidtspiegel2 |
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