Opportunismus oder Aufklärung ?
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Doch 1939 wendete sich das Blatt erneut, als die Zuständigkeiten für das Fach Astronomie im Ministerium an den neuen Reichsdozentenbundführer Wilhelm Führer übergingen. Führer, ehemals Münchner Gaudozentenbundführer, war ein Intrigant ersten Ranges, ein harter Verfechter der Deutschen Physik" und somit ein erklärter Gegner Heckmanns. Alle ihm möglichen Hindernisse, innerhalb und außerhalb des Dienstweges, wurden von Führer gegen Heckmann ins Feld gerollt; bis hin zur Wiedereröffnung der Kandidatenliste.
So wurde, wie schon erwähnt, Bruno Thüring erneut auf die Liste gesetzt, ein Wunschkandidat Führers. Thüring war ein begeisterter Anhänger des Nobelpreisträgers Philip Lenard, der sich schon seit den 20'er Jahren zum eingefleischten Antisemiten und verbissenen Gegner Einsteins entwickelt hatte. Lenard war der Begründer der arischen Physik", deren Thesen er 1936 im Buch Deutsche Physik" veröffentlichte.
Thüring stand diesen Theorien nicht fern und veröffentlichte Schriften mit Titeln wie:Albert Einsteins Umsturzversuch der Physik und seine inneren Möglichkeiten und Ursachen".
Im Hamburger Berufungsverfahren war man mittlerweile wachsam geworden und Freunde machten Schorr auf die Komplikationen aus München aufmerksam. Die Situation wurde um so verworrener, als nun auch in Göttingen ein Direktor gesucht wurde, auf deren Berufungsliste die nun schon bekannten Namen Heckmann, Siedentopf und ten Bruggencate erschienen. Hans Kienle aus Potsdam schrieb im Dezember 1939 an Schorr:
| Nur rasches und kräftiges Eingreifen von Hamburg" könne Heckmann noch helfen, die Gegenspieler in München sind zu mächtig". |
In einem Brief an Baade berichtete Schorr:
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Führer will absolut für Hellerich sorgen. Er hat daher außer den politischen Bedenken, die er noch immer in den Vordergrund schiebt, obgleich sie von parteilicher Seite, Reichsstatthalter etc. abgelehnt sind, jetzt folgende Stellung eingenommen: 1. Heckmann paßt absolut nicht nach Hamburg, besonders auch in wissenschaftlicher Hinsicht. Heckmann sei reiner Theoretiker, gar kein Praktiker. In Hamburg müsse aber gerade wegen der Beziehungen zur Schiffahrt ein Praktiker Direktor der Sternwarte werden. 2. Hellerich sei in politischer und wissenschaftlicher Beziehung gerade für Hamburg hervorragend geeignet. Beides ist natürlich Unsinn, ..." |
Baade sollte, so Schorr, doch noch eine Stellungnahme zu Hellerich schreiben, die dieser nun widerwillig lieferte::
| Ich schätze Hellerich als Freund sehr hoch; das macht mich aber nicht blind in der Frage, um die es sich hier handelt. Hellerich ist physisch und geistig weitgehend verbraucht und es wäre eine Katastrophe, wenn ihm die Leitung der Sternwarte übertragen würde. Dass er die Verwaltung und den Vorlesungsbetrieb schmeissen würde, bezweifel ich nicht; aber darüber hinaus wäre Vakuum anstatt frischer Initiative und für solche Lethargie ist Bergedorf nicht nur zu schade, es wäre eine Sünde. Und wenn sich gleichzeitig der völlig unfähige aber dabei grössenwahnsinnige Stobbe auf die freiwerdende Observatorenstelle spitzt, anscheinend nicht ohne gute, parteipolitische Gründe, kann man das Granzen kriegen." |
Weitere Referenzen von einflußreichen Persönlichkeiten erhielt Schorr beim Reichsstatthalter Hamburgs und bei dem, schon bei den Baade-Verhandlungen wichtigen Leiter des Amtes Wissenschaft im REM, Rudolf Mentzel. Einen der wichtigsten Verbündeten fand Schorr schließlich in P. Guthnick von der Berliner Universitätssternwarte Babelsberg:
| Professor Schorr und ich sahen uns vor einigen Wochen gezwungen, in der Angelegenheit der Nachfolge Schorr in Hamburg eine Unterredung beim Amtschef der Abteilung Wissenschaft im Ministerium nachzusuchen. Dabei wurde beschlossen, Heckmann nach Hamburg zu berufen, Dr. Führer erhielt eine entsprechende Anweisung. Er sagte mir sogar, er hätte den Befehl" erhalten, die Berufung Heckmanns nach Hamburg, die die Fakultät übrigens einstimmig wünscht, durchzuführen. Weder Schorr noch ich verstehen, weshalb die Angelegenheit bisher noch nicht weiter gekommen ist." |
Bereits am folgenden Tag legte Guthnick nach:
| Heute war ich im Ministerium und erfuhr folgendes. Die Ernennung Heckmanns zum Nachfolger von Schorr liegt bereits beim Führer zur Unterschrift." |
Kienle, Heckmanns Freund, erfuhr darüberhinaus noch weitere Einzelheiten:
| F. hat eine Niederlage erlitten in einem Kampf gegen die Hamburger Behörde durch den Vorstoß Schorr-Guthnick bei M. Er mußte auf dienstlichen Befehl von M." den Antrag auf die Berufung Heckmanns nach Hamburg - der, wie sich dabei herausstellte, überhaupt nie F.'s Zimmer noch nicht verlassen hatte, d.h. überhaupt noch nicht dem Stellvertreter des Führers vorgelegen hatte (!!) - bearbeiten." |
Doch Führer gab noch immer nicht auf, jetzt wolle er seine Erhebungen" machen, teilte er Kienle mit.
| Meine Frage, welche Erhebungen gemacht werden müßten, wurde beantwortet: Alle, vor allem beim Kreisleiter und den Stellen, wo H. politisch tätig war, also NSFK, NSV usw." Wie lange das denn nun wieder dauern könne? Darüber könne man unter den gegenwärtigen Verhältnissen gar nichts sagen. - ..." |
Nicht nur Einstein war Ziel der Angriffe der Deutschen Physiker", sondern auch Heisenberg und viele andere, denn Kernphysik und Quantentheorie basierten ebenfalls auf der Relativitätstheorie. 1938 sah es so aus, als stünden die Nazis in München auf verlorenem Posten, denn auf einer Tagung im März 1938 konnte Ludwig Prandtl, ein bekannter deutscher Physiker, Heinrich Himmler davon überzeugen, die Angriffe gegen Heisenberg einzustellen. Dies hatte somit auch unmittelbare Bedeutung für Heckmanns Berufungsverfahren.
Um die leidigen Fragen grundlegend zu klären welche Theorie denn nun richtiger sei, fand am 15.11.1940 in München das sog. Münchner Religionsgespräch" statt. Dort trafen sich die Vertreter der Deutschen Physik" mit ihren Gegnern. Doch der erwartete Erfolg der Nazis blieb aus und die Diskussion endete für sie kläglich. Den sechs Vertretern der Gegenseite, zu der auch Otto Heckmann gehörte, konnten die sechs Deutschen Physiker" schon nach einem halben Verhandlungstag nichts mehr entgegensetzen. Carl Friedrich v. Weizsäcker, der mit Heckmann am Verhandlungstisch saß, schrieb 1946 für ihn, welche Bedeutungs dieses Treffen hatte:
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Eine der schwersten Belastungen der exakten Wissenschaften, zumal ihrer theoretischen Zweige, in den letzten anderthalb Jahrzehnten war der Kampf prominenter Stellen der NSDAP gegen die Relativithätstheorie, die sich in mehreren Fällen zu einem Kampf gegen die gesamte moderne theoretische Physik und Astronomie steigerte. Eine starke Stellung hatten die Gegner der modernen theoretischen Physik und Astronomie eine Zeit lang in der Führung des NS Dozentenbundes. Dies konnte besonders verhängnisvoll werden wegen des Einflusses dieser Stelle auf akademische Stellenbesetzungen. Es war deshalb sehr wichtig, daß es Prof. Finkelnburg gelang, im Winter 1940/41 eine Sitzung in der Reichsdozentenführung in München über diese Fragen durchzusetzen. Bei dieser Sitzung wurden 6 Vertreter jeder der beiden Richtungen" von einem Vertreter der Dozentenführung zu einer Diskussion zusammengebracht. Zu den Vertretern der von der Partei aus angegriffenen Seite gehörte Herr Heckmann und ich. Unsere Ausgangsposition war sehr schwierig. Denn wir konnten den weltanschaulichen", rassischen und ähnlichen Argumenten der Gegenseite nur die schlichte wissenschaftliche Wahrheit der von uns vertretenen Ansichten entgegenstellen; eben diese aber wurde bestritten und der Vertreter der Dozentenführung war kein Fachmann. Es war die besondere Leistung von Herrn Heckmann, daß er in der Debatte den Gegner zu einer rein sachlichen Diskussion der Einwände gegen die Relativitätstheorie zwang. Der menschliche und sachliche Eindruck dieser Diskussion war so, daß unsere Gruppe auch bei dem Vertreter der Dozentenführung ein moralisches Übergewicht gewann. In der schriftlichen Formulierung, auf die man sich am Schluß der Sitzung einigte, waren die hauptsächlichsten Angriffspunkte der Gegenseite fortgefallen. Dieses Dokument wurde eben deshalb von der Gegenseite bald darauf fallengelassen und heftig angegriffen. Aber es war erreicht, daß in der Dozentenführung nicht mehr wie vorher einseitige Informationen über diese Fragen vorherrschte". Zwei Jahre später wurde von der Dozentenführung in Seefeld eine größere Zusammenkunft von Physikern veranstaltet, welche dieselben Fragen behandelte. Auch an dieser Zusammenkunft nahm Herr Heckmann in derselben sachlichen und entschiedenen Weise teil. Das Ergebnis war, daß den Angriffen der Boden soweit entzogen war, daß sie seitdem keine Gefahr mehr darstellt." |
Nach dem Münchner Religionsgespräch" begann sich der Widerstand gegen Heckmanns Ernennung zu lockern, und im April 1941 erhielt Heckmann seine Berufung an die Hamburger Sternwarte und übernahm die Stellung des Direktors - zunächst jedoch nur vertretungsweise. Seine offizielle Ernennung erhielt Heckmann im Januar 1942.
Die Bemühungen Führers um Hellerich waren ebenfalls erfolgreich. Noch vor Heckmann erhielt Hellerich im August 1941 seine Ernennung als Leiter der Straßburger Universitätssternwarte, denn Straßburg stand zu der Zeit unter deutscher Besatzung. ten Bruggencate erhielt den Göttinger Posten, Siedentopf wurde Leiter der Jenaer Sternwarte und die arme Wiener Sternwarte bekam Bruno Thüring.
Es sei erlaubt, an dieser Stelle leicht vorzugreifen, denn sogleich nach dem Zusammenbruch der NS-Diktatur interpretierte Heckmann seine Haltung zur Relativitätstheorie während der NS-Zeit neu. Im Juni 1945 schrieb Heckmann in seinen Personalfragebogen der britischen Militärverwaltung:
| Ich war der erste deutsche Autor, der seit 1933 wieder eine geschlossene und positive Darstellung der Relativitätstheorie gab in meinem Buch Theorien der Kosmologie (Springer 1942)". |
Später, 1976, in einer Autobiografie verfeinerte Heckmann diese Darstellung noch dahingehend:
| Die Arbeiten von Milne und McCrea erkannte ich sofort als ausgezeichnete Waffe, mit der man in unserem Lande jede Polemik gegen die relativistische Kosmologie kompensieren konnte". |
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