Die Nazis und die Relativitätstheorie

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Die Relativitätstheoretische Weltanschauung

Im Juli 1937, als der Kandidatenreigen um die Besetzung der Direktorenstelle in Hamburg erneut begann, war Heckmann zwar der Wunschkandidat von Schorr, Baade und einigen anderen Astronomen, doch eine mächtige Gegenstelle begann emsig dagegen anzusteuern: Die Reichsdozentenführung in München. Hier saßen die Vertreter der „Deutschen Physik", die eingefleischten Antisemiten und fanatischen Gegner Einsteins und hier war nun wieder jedes Belastungsmaterial gegen Heckmann von Bedeutung. Das Gutachten aus München lautete:

Ich halte Heckmann, der nach den hier vorliegenden Gutachten durchaus auf dem Boden relativitätstheoretischer Weltbetrachtungen steht, für Hamburg nicht geeignet, wenn er sich auch heute korrekt verhält....

...doch gilt es als zweifelhaft, ob er wirklich innerlich von seinen früheren ultramontanen Bindungen losgekommen ist."

Dies war das Feindbild der entscheidenden Nazigremien gegenüber Heckmann. Und trotzdem erhielt er später den Direktorenposten an der Sternwarte. Wie war dies möglich? Einerseits war es sicherlich den geduldvollen Bemühungen Schorrs und anderer Gutachter zu verdanken, die die Nazis davon überzeugen mußten, daß die Kosmologie nicht von der Gestapo verfolgt werden mußte. Andererseits lag es allerdings auch an Heckmanns Verhalten im NS-Staat. Die mühevolle Hingabe in Göttingen zahlte sich nun aus. Die Autoren Monika Renneberg und Klaus Hentschel erkennen in Heckmann den typischen Aufstieg eines Wissenschaftlers im Nationalsozialismus: Immer bereit zu opportunistischem Verhalten, ohne jedoch ständig eindeutige und dümmliche Ergebenheitsbezeugungen zu demonstrieren.

Heckmanns Reaktionen auf die Vorwürfe durch die Nazis waren von ähnlicher Natur, wie sie bereits an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Hamburger Universität oder durch Pascual Jordan erfolgreich angewandt wurden, wenn es um die Relativitätstheorie ging: Man versuchte die Theorie von der Person Einsteins zu entkoppeln und suchte nach geeigneten „rassisch einwandfreien" Wissenschaftlern, denen zumindest Teilaspekte eigenständig zugeschoben werden konnten. Heckmann fand seine „Abschwörformel" (Renneberg, Hentschel) in den Arbeiten von Edward Arthur Milne und W. McCrea. Deren Theorien versuchten, kosmologische Phänomene nach wie vor mit klassischen „nichtrelativistischen" Methoden zu beschreiben. Für Heckmann waren diese Theorien deshalb ein willkommenes Versteck, um auch im Nazi-Deutschland im Bereich der Kosmologie arbeiten zu können.

Als aber ... die Kosmologie der allgemeinen Relativitätstheorie in Wechselwirkung mit der Beobachtung trat, da glaubte man irrtümlich, die einzigartige Leistungsfähigkeit dieser Theorie an einem der klassischen Mechanik unzugänglichen Problem schlagend demonstriert zu haben. Um der Gerechtigkeit willen verdient jetzt, nachdem im Felde der Kosmologie die weitgehende Gleichwertigkeit des älteren mit dem jüngeren Lehrgebäude erkannt ist, die „klassische" oder „dynamische" Kosmologie eine breite Darstellung. Zwar sind nämlich die beiden grundlegenden Arbeiten von Milne und McCrea von diesen Autoren später gelegentlich erwähnt worden. Doch haben sie weder in Deutschland, wo die Polemik gegen die Relativitätstheorie eigentlich eine günstige Atmosphäre hätte schaffen müssen, noch auch in anderen Ländern Resonanz in weiteren Arbeiten gefunden. "

so Heckmann später. Mit der Entwicklung der „Dynamische Kosmologie" baute Heckmann in den folgenden Jahren die Theorien von Milne und McCrea deutlich aus. Hierdurch konnte er nun gegenüber den Nazis anführen, daß die Milneschen Ideen „der Relativitätstheorie ihre einzigartige Stellung streitig machen". In Heckmanns Stellungnahme zu den Vorwürfen des Dozentenbundes gegen ihn lautete folglich sein Schlußsatz:

Die Ansicht, ich stünde durchaus auf dem Boden relativitätstheoretischer Weltanschauung ist damit nicht in Übereinstimmung zu bringen."

Auch wenn Heckmann nach 1945 eine Interpretation lieferte, wonach er derjenige gewesen sei, der sich auch zu Nazizeiten mit der Relativitätstheorie beschäftigt und sie verteidigt hätte, so wurden seine Ausführungen zu Zeiten seiner Berufungsverhandlung von den Nazioberen richtig interpretiert.
Der Göttinger NSDAP-Kreisleiter Gengler, der Promoter Heckmanns, verstand die Ausführungen so, daß

neben der absoluten weltanschaulichen Ablehnung des Einsteinschen Machwerkes auch in wissenschaftlicher Hinsicht die Überflüssigkeit relativitätstheoretischer Formulierungen erneut bekräftigt werden kann."

Und der Direktor des Astrophysikalischen Observatoriums in Potsdam, Hans Kienle, führte noch aus:

Wenn Wert darauf gelegt wird, daß der Nachwuchs nicht durch eine Irrlehre - die m i ß v e r- s t a n d e n e Relativitätstheorie - gefährdet wird, dann kann man ihn an keine bessere Schule geben als in die Heckmanns".

Heckmanns Erscheinungsbild in Fragen relativistischer Kosmologietheorien war der eines Nazi-Felsens in der Brandung.

Andererseits:

Eine konkrete Absage an die Relativitätstheorie hat Heckmann nie abgegeben und im Innern seines Buches ist die Relativitätstheorie korrekt und nicht abwertend behandelt. Ein Gegner der "Deutschen Physik" war Heckmann allemal. Gelegentlich griff er sogar offen Thesen an, die von anderen Nazi-Wissenschaftlern gegen die Relativitätstheorie vorgebracht wurden. So z.B. 1942, als er zu Bruno Thürings längst überholten „Äthertheorien" in den Astronomischen Nachrichten Stellung nahm.

Nicht nur Einstein war Ziel der Angriffe der „Deutschen Physiker", sondern auch Heisenberg, denn Kernphysik und Quantentheorie basierten ebenfalls auf der Relativitätstheorie. 1938 sah es so aus, als stünden die Nazis in München auf verlorenem Posten, denn auf einer Tagung im März 1938 konnte der Physiker Ludwig Prandtl Heinrich Himmler davon überzeugen, die Angriffe gegen Heisenberg einzustellen. Dies hatte somit auch unmittelbare Bedeutung für Heckmanns Berufungsverfahren. Prandtl selbst stellte Heckmann den Briefwechsel mit Himmler zur Verfügung.

Mitte 1938 war das gesamte Berufungsmaterial an das Reichserziehungsministerium (REM) gegangen, woraufhin 14 Tage vor dem Himmlerbrief an Prandtl die oben erwähnte Ablehnung aus München in Hamburg einging. Schorr glaubte sich jedoch aufgrund seiner Beziehungen ins Ministerium den Angriffen gewappnet und legte lediglich im November 1938 das Gutachten Hans Kienles nach.

Zusammenfassend muß gesagt werden, daß der Einspruch des Herrn Reichsdozentenbundführers gegen die Berufung Heckmanns ... sich auf eine völlig falsche Information stützt über das, was Heckmann ist, arbeitet und lehrt. Dem Berichterstatter, der für diese Information verantwortlich ist, kann der Vorwurf zumindest grober Fahrlässigkeit nicht erspart bleiben."

Das war starker Tobak zu Nazi-Zeiten und Gengler aus Göttingen warnte vor der Veröffentlichung:

... enthält im letzten Absatz Bemerkungen, von deren Zweckdienlichkeit für die Förderung der ganzen Angelegenheit ich nicht überzeugt bin."

Schorr sagte deshalb eine Kürzung des Kienle-Gutachtens zu und versprach, den Vorwurf Kienles gegen den Reichsdozentenbundsführer ganz zu streichen.

Positive Eingaben von Göttingen (Gengler) beim Reichsdozentenbund, das Gutachten zu Heckmann doch einer Revision zu unterziehen, schienen erfolgreich und am 8. Februar 1939 kam das Berufungsmaterial mit dem Auftrag nach Hamburg zurück, nun endgültige Berufungsverhandlungen mit Heckmann zu führen.

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