Die Berufung Heckmanns

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Nachdem Baade 1937 seine Ablehnung geschickt hatte, wurde die Liste der Kandidaten für den Direktor der Hamburger Sternwarte neu eröffnet.


Otto Heckmann am 27.2.1947

Zu den Kandidaten gehörte ab Januar 1938 nun wieder Otto Heckmann. Er stand zwar bei Schorr an erster Stelle des Interesses, doch wollte sich die Universität und die politische Führung nicht erneut auf einen einzigen Kandidaten einlassen. In die Berufungsliste wurden daher auch Kohlschütter, Hellerich, Ludendorff, Bohrmann und Siedentopf einbezogen, sie waren allerdings keine wirklich ernsthaften Konkurrenten. Der Nazi-Dozentenbund fügte weitere linientreue Namen hinzu, u.a. Bruno Thüring.

Heckmann war unzweifelhaft der befähigste Kandidat und auch Baade wurde wieder einmal um eine Stellungnahme gebeten:

Ich wüßte jedenfalls keinen unter der jungen Astronomengeneration in Deutschland, der an Umfang der Fähigkeiten an Heckmann heranreicht; er allein sollte in Frage kommen."

Zu den übrigen Kandidaten schrieb Baade:

Daß Leute wie Thüring ... für einen solchen Posten überhaupt vorgeschlagen werden, ist wohl ein schlechter Witz."

Dennoch wurde Thüring vom NS-Dozentenbund erneut auf die Kandidatenliste gesetzt.

Mit der Berufung Heckmanns bauten sich nun eine Anzahl großer Schwierigkeiten auf, die sich als sehr hartnäckig erwiesen.

Der neue Direktor der Hamburger Sternwarte, an der u.a. viele militärische Rechnungen und Arbeiten durchgeführt wurden, mußte zu diesem Zeitpunkt eine blütenweiße Parteikarriere bei der NSDAP oder den angeschlossenen Verbänden aufweisen können. Bei Baade hatte man sich scheinbar noch mit dem Prestigegewinn zufrieden gegeben, einen angesehenen Wissenschaftler aus den amerikanischen Superinstituten abgeworben zu haben. Nun, nach der Ablehnung, bestand die politische Führung auf strenge Parteizugehörigkeit. Hier gab es bei Heckmann einige Probleme. Seit Mai 1937 war Heckmann zwar Parteigenosse („Pg.") und sein Ortsgruppenleiter bescheinigte ihm:

Nach meinen Beobachtungen bemüht sich Pg. Heckmann, ein guter Nationalsozialist zu werden."

Die Reichsdozentenfuehrung lehnte Heckmann dennoch wegen

„wissenschaftlicher und politischer Qualitäten"

ab. Der Vorwurf lautete Heckmann stehe

„auf dem Boden der relativitätstheoretischen Weltanschauung"

und zähle

„zu den Verfechtern dieser im wesentlichen jüdischen Wissenschaftshaltung"

Einstein war jüdischen Glaubens und der Vater der Relativitätstheorie, die die Basis der modernen Kosmologie wurde und Heckmann beschäftigte sich mit der Kosmologie - das Weltbild der Nazis war komplett.

Besonders Walter Schultze und Wilhelm Führer, die Führer der Reichsdozentenfachschaft, bauten kräftig am Feindbild gegen Heckmann. Es ist, um die damalige Zeit zu charakterisieren, notwendig, zunächst noch einmal zum Jahr 1933 zurückzukehren, um Heckmanns Werdegang in Göttingen nachzuzeichnen.


Heckmann in Göttingen

Bereits im Jahr 1933 erhielt Heckmann von der Frankfurter Universität das Angebot einer Professur. Im August 1933, die Machtübernahme der Nazis war knapp ein halbes Jahr alt, erging eine Anfrage der Frankfurter Uni an die Kreisleitung der NSDAP in Göttingen bezüglich einer politischen Stellungnahme über Heckmann. Kreisleiter Gengler antwortete:

Der Privatdozent Dr. O. Heckmann, z. Zt. Assistent der hiesigen Univ. Sternwarte ist seit Jahren Anhänger des linken Zentrumsflügels. Sein persönlicher Verkehr erstreckt sich fast ausschliesslich auf Juden. Auch die ganze heutige Einstellung des Dr. H. ist durchaus judenfreundlich."

Dieses im Sinne der Nazis vernichtende Urteil bekam Heckmann im weiteren Verlauf seiner Karriere nun immer wieder zu spüren. Und damit nicht genug, der Spitzelapparat der Nazis hatte nun Verdacht geschöpft und ermittelte gegen Heckmann. Es folgte im Januar 1934 ein weiteres Urteil und die Fortsetzung des Karriereknicks: Der Chef der Badischen Landessternwarte auf dem Königstuhl in Heidelberg, Prof. Heinrich Vogt, dem Nationalsozialismus tief ergeben, schrieb, daß er

Heckmann auf keinen Fall für politisch zuverlässig halte. Wenn er jetzt der N.S.-Dozentenschaft beizutreten versucht, so tut er es meiner Überzeugung nach, weil er es in seinem Interesse für zweckmäßig hält, aber nicht aus innerer Überzeugung heraus."

Nun allerdings gab es inmitten des Naziterrors zwei Kollegen im Bekanntenkreis Heckmanns, die Zivilcourage besaßen. Ihre auf privaten Treffen geäußerten Bemerkungen über Heckmann waren nämlich die eigentliche Ursache der Verdächtigungswelle, die über Heckmann hereingebrochen war. Beide entschlossen sich zu einer Richtigstellung gegenüber den Naziorganisationen. Der Erfolg war anfangs allerdings eher mäßig.

Diese Situation änderte sich allmählich, als Heckmann mit Macht um die Aufnahme in die NSDAP und angeschlossener Organisationen nachsuchte. Im September 1934 wurde Heckmann Mitglied des NS-Lehrerbundes, seit Januar 1934 gehörte er zum „Fliegersturm der Fliegerortsgruppe Göttingen" und war damit Mitglied des NS-Fliegerkorps (NSFK). Aus allen Ecken trafen nun Anfragen zur „politischen Zuverlässigkeit" Heckmanns beim NS-Kreisleiter ein. Bei Rückfragen konnte kaum eine der anfragenden Organisationen angeben, warum die Anfragen erfolgten.

Der Zweck, der damit verfolgt wird, ist mir selber unbekannt"

antwortete die Dozentenschaft in Göttingen. Das Denunziantengeschäft blühte. NS-Kreisleiter Gengler beispielsweise forderte ein „Gutachten" bei einem Freund Heckmanns an (Einstellung zum Nationalsozialismus, zur Regierung, zu seinem Beruf, zu seinen Studenten):

Da das Urteil für mich persönlich bestimmt sein soll, können Sie sich völlig frei aussprechen."

Kaum war die Antwort da, wurde sie in Kopie an weitere Dienststellen der Nazis geschickt.

Langsam wandelte sich die ablehnende Haltung der Nazis gegenüber Heckmann:

Heute, nachdem der Nationalsozialismus mehr als zwei Jahre an der Macht ist, muss dieses Urteil positivere Formen annehmen. Es unterliegt kein Zweifel, dass Herr Dr. Heckmann sich eifrigst bemüht hat, sich das Wesensgefüge des Nationalsozialismus in seiner ganzen Einstellung zu eigen zu machen, und an dem Aufbau des dritten Reiches durch seinen persönlichen Einsatz mitzuwirken."

Mitte 1935 durfte ihn die Universität Göttingen zum außerordentlichen Professor ernennen und da Gengler ihn mehr und mehr stützte, wurde Heckmann im Dezember 1936 als Kandidat für den Direktorenposten der Sternwarte in Istanbul vorgeschlagen. Dorthin wollte Heckmann aber nur gehen, wenn er

als Vertreter deutscher Wissenschaft einen aussenpolitisch wichtigen Posten übernehmen" sollte. „...Andernfalls bleibe ich lieber Assistent in Deutschland."

Das Reich wollte zwar, aber die Türken wollten nicht, so blieb Heckmann in Göttingen.

Heckmanns Karriereaussichten hatten sich nun scheinbar wieder gebessert und mit seinem Parteieintritt am 1.5.1937 sahen sie noch besser aus. Später, nach dem Krieg, gibt Heckmann an, er sei in die NSDAP eingetreten, weil ihm vertraulich zugetragen worden sei, Schorr wolle ihn als Nachfolger nach Hamburg holen. Aus den Akten kann dies nicht nachvollzogen werden. Heckmann hat den Weg des „guten Nationalsozialisten" bereits deutlich früher beschritten und seit 1933/34 bemühte er sich, mit der NS-Führung konform zu gehen.

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