Ein Großer Schmidtspiegel für Hamburg
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Walter Baade ahnte die Haltung Schorrs, als er in den Forderungen bei seiner Berufungsverhandlung zum neuen Sternwartendirektor den Umbau des 1m-Spiegelteleskops zur Schmidtkamera forderte und nahm Schorrs Antwort vorweg:
| Sie werden nicht sehr enthusiastisch über die doppelte Optik für das Spiegel Teleskop sein und würden lieber - auch aus Konstruktionsgründen - ein zweites Instrument sehen. Aber in der Not frisst der Teufel Fliegen! Es wird auch sicherlich das Maximum sein, was man herausschlagen kann, selbst mit dem Appell an das nationale Interesse, so sehr letzteres zutrifft." |
Widerwillig begann Schorr, Baades Umbau durchzukalkulieren. Die Änderung des 1 m-Spiegels zum notdürftigen Schmidt-Teleskop würde 70.000 Mark kosten, ein neues System käme auf etwa 200.000 Mark - knapp das 3fache an Kosten, mit dafür eindeutig besseren Leistungen und ohne auf den erfolgreichen 1m-Spiegel verzichten zu müssen. Seine deutliche Empfehlung lautete daher: Neubau. Schorr überzeugte schließlich auch Baade, der am 16. April 1937 ebenfalls auf eine Neukonstruktion umschwang. Auch an dieser Stelle bleibt festzuhalten, daß Baade bereits über den Bau des großen Palomar Schmidt berichtet hatte, während man in Hamburg gerade über erste Baupläne nachdachte.
1937 reichte Schorr eine ähnliche Denkschrift für ein neues Schmidt-Teleskop, wie sie Hubble in den USA erstellt hatte, bei der Hochschulbehörde ein: Denkschrift betreffend eine zur Aufrechterhaltung der wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit der Hamburger Sternwarte in Bergedorf notwendige Ergänzung ihrer instrumentellen und baulichen Einrichtungen". Zur Köderung der Nazibehörden empfahl Schorr, dieses Instrument als eine in sachlicher Hinsicht notwendige Blutauffrischung".
Mittlerweile war auch das amerikanische Schmidtspiegel-Projekt vorangeschritten, und es war dem deutschen immer noch eine Nasenlänge voraus. Baade teilte dies Schorr mit:
| Der mystische Satz in meinem ersten Telegramm war »Mt. Wilson is building sixty inch Schmidt F two« und soll besagen, dass man hier aufs Ganze geht. Falls die Finanzbehörde willig ist, auf das Projekt einzugehen, machen Sie bitte die 6 stellige Zahl gross genug, damit ganze Arbeit getan werden kann.... Nur soviel möchte ich schon jetzt bemerken, dass man im Falle eines neuen Instruments ruhig auf eine Korrektionsplatte von 1m mit einem Spiegel von 1.20m gehen sollte, wenn nicht auf die Mt. Wilson Dimensionen: 50 inch Platte und 60 inch- Spiegel, da diese Dimensionen auch in unserem Klima infolge der kurzen Brennweite voll ausgenutzt werden können." |
Doch in Hamburg war noch keine Entscheidung gefallen. Schorr drängte auch Baade, doch dem kamen mittlerweile die ersten Bedenken, nach Bergedorf zu gehen, und er deutete vorsichtig seinen Rückzug an:
| Trotzdem mir manchmal Zweifel kommen bei dieser lang samen Entwicklung der ganzen Geschichte, ob das Ziel wirklich erreicht werden wird, bin ich immer noch Optimist, da eine Ablehnung durch die Behörde schwer zu verantworten wäre. Eine solche Chance, mit durchaus bescheidenen Mitteln an die vorderste Front zu kommen, wird sich so leicht nicht wieder bieten und wenn man das Projekt auf sogenannte bessere Zeiten verschieben will, so muß man sich klar darüber sein, dass man die Trümpfe, die man jetzt in der Hand hat, einfach verschenkt. Selbst wenn das Projekt nur um 5 Jahre verschoben würde, würden wir absolut im Hintertreffen sein und bleiben, da bis dahin die Amerikaner hier in Kalifornien im Gang sind und auf Grund der günstigeren Wetterbedingungen uns ein Problem nach dem anderen vor der Nase wegschnappen werden." |
Mit dieser Formulierung hatte Baade für die später tatsächlich eintretenden Bedingungen voll ins Schwarze getroffen. Als die Sternwarte 1951 endlich ihren Schmidt" erhielt, hatten die Amerikaner mit dem Schmidt auf dem Palomar Mountain bereits ein weites Feld abgegrast. Der Palomar-Himmelsatlas hätte ebenso der Bergedorfer Himmelsatlas" sein können. Nur, dazu hätte, wie Baade schon damals erkannte, das Schmidt-Teleskop 1937 in die Fertigung gehen müssen.
Baade war das zu diesem Zeitpunkt noch egal. Er ahnte freilich nicht, daß aus der prognostizierten 5-jährigen Verzögerung in Wirklichkeit 14 Jahre werden sollte. Im Mai 1937 schrieb er noch:
| Soweit meine eigenen Arbeitsmöglichkeiten in Frage kommen, so könnte es mir schliesslich gleichgültig sein, ob wir das Instrument für Hamburg bekommen, da ich einen 60 inch-Schmidt, wenn ich hier bleibe, in den nächsten Jahren zur Verfügung haben werde. Aber mir liegt alles daran, dass die grossen Möglichkeiten und Erfolge, die wir von diesem Instrument erwarten können, Deutschland und speziell der Hamburger Sternwarte zu Gute kommen und es täte mir bitter leid, wenn ich das schöne Programm, das ich für das Instrument ausgearbeitet habe (Hubble hat in seiner Denkschrift eine ganze Reihe der interessantesten Probleme übersehen) schliesslich hier zum Glanz der Yankees durchführen müsste." |
Im Juni trat der Fall ein, mit dem wohl kaum jemand gerechnet hatte: Hamburg war bereit, die Mittel für ein neues Schmidt-Teleskop freizugeben. Die erste Rate von 70.000 Mark sollte bereits im Haushalt des Jahres 1938 verankert werden. Glücklich kabelte Schorr die Meldung an Baade:
| GROSSES PROJEKT ZWEIHUNDERT TAUSEND AUF 3 JAHRE VERTEILT NEARLY CERTAIN STOP FINANZBEHÖRDE ZUSTIMMIG STOP ENDGÜLTIGE ENTSCHEIDUNG BEVORSTEHEND." |
Nun wurde es für Baade jedoch sehr heiß. Er, der in den letzten Monaten vorsichtig den Rückzug vorbereitete, war urplötzlich vor vollendete Tatsachen gestellt worden. Heckmanns Einschätzung, daß Hamburg kaum eine Chance gegen die kalifornischen Möglichkeiten gehabt hätte, traf zu diesem Zeitpunkt nun uneingeschränkt zu. Baade war klar geworden, daß er auch mit einem Hamburger Schmidtspiegel nur den Bruchteil der astrophysikalischen Untersuchungsmöglichkeiten des Mt. Wilson oder des Palomars in der Hand gehabt hätte.
Die Entscheidung mußte zwangsläufig zu diesem Zeitpunkt fallen: Hamburg oder Mt. Wilson. Für Baade war die Entscheidung schon seit langem klar:
| HABE MICH SCHWEREN HERZENS FUER MT WILSON ENTSCHIEDEN STOP HOFFE DASS DIE HEIMAT MICH VERSTEHT." |
Schorr war zutiefst enttäuscht und konnte lediglich ein
| SCHADE, SCHADE |
zurücksenden.
Bis in die zweite Augusthälfte brauchte er, um Baade endlich wieder ein paar Zeilen zu schreiben. Der Schock saß tief. Kein schönes Geschenk zu Schorrs 70. Geburtstag.
Und dennoch hatte Schorr nur eine kurze Zeit mit seinem Groll gegenüber Baade zu kämpfen. Er war bald schon wieder in engem Briefkontakt mit Kalifornien und erkundigte sich nach dem Fortgang am Palomar-Observatorium. 1938, als der Direktorenposten der Potsdamer Sternwarte neu zu besetzen war und Schorr zu den Gutachtern gehörte, schlug er erneut Baade als Kandidaten vor. Dieser bedankte sich artig, wollte aber nicht schon wieder die Pferde wechseln".
1938 war im übrigen das zukünftige Mekka der Astronomie in Kalifornien schon weit fortgeschritten.
| Ende des Sommers soll der Rohbau des Fernrohrs fix und fertig dastehen. Wenn auch das Schleifen des großen Spiegels so programmäßig wie bisher weitergeht, kann man mit der Fertigstellung Ende 1940 rechnen. In diesem Sommer fängt auch der Bau des Grossen Schmidt an. Korrektionsplatte 58 inch, Spiegel 72 inch, Öffnungsverhältnis f/2.5. Gleichzeitig ist ein Schmidt für Mt. Wilson im Bau. Korrektionsplatte 24 inch, Spiegel 36 inch, f2.5. Der seelige Bernhard würde seine Freude gehabt haben!" |
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Primärfokuskabine des 5m-Palomar
Teleskops
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48 Inch "Big Schmidt" am
Palomar
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| Baade1 | |||
| Baade3 | |||
| Baade4 | |||
| Grosser Schmidt | |||