Der geplante Umbau des 1m-Spiegels

Fortsetzung der Berufungsverhandlungen mit Walter Baade zum Direktor der Hamburger Sternwarte.

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Ein Ruf an eine andere Universität stellt für den Gerufenen immer eine besondere Gelegenheit dar, entweder die eigenen Bezüge aufzubessern, meistens jedoch die materiellen Voraussetzungen der eigenen Arbeit anzuheben. Mehr Geräte oder Personalstellen werden häufig bei den Berufungsgesprächen mit dem rufendem Institut oder bei Bleibeverhandlungen mit dem Heimatinstitut herausgehandelt. Walter Baade besaß den Vorteil, daß er nicht nur als Professor gerufen wurde, sondern gleich Direktor eines großen Observatoriums werden sollte. Schon gleich in den ersten Briefen mit Schorr ließ Baade deshalb durchblicken, an was er dachte, herauszuhandeln:

Sehr interessiert hat mich im kürzlich angekommenen Bergedorfer Jahresbericht Schmidts neuer Spiegel. Das Instrument macht einen ausgezeichneten Eindruck und wurde hier gleich gründlich diskutiert."

Auch ein anderer, in den Vereinigten Staaten arbeitender Astronom, Fritz Zwicky, hatte an diesem Instrument Interesse. Zwicky plante einen 45 cm-Schmidtspiegel zu bauen - „für das Fischen nach Supernovae im Virgo-Haufen", wie Baade an Schorr schrieb. Die Idee dazu war Zwicky anläßlich eines Besuchs bei Bernhard Schmidt in Hamburg gekommen.

Anfang 1936 fuhr Baade dann selber nach Deutschland. Zwei Monate reiste er umher, größtenteils aus privaten Interessen. Im Februar 1936 traf Baade in Bergedorf ein. Das Kultusministerium hatte kein Interesse, Baade zu sehen und mit ihm zu sprechen. Schorrs entsprechende Anfrage blieb unbeantwortet. Andererseits fand Baade bei seiner Rückkehr in die Staaten einen Brief vom 8. Januar 1936 vor, aus dem hervorging, daß das Kultusministerium lediglich an Logenzugehörigkeiten und dem Nachweis der arischen Abstammung interessiert war.

Im Juni '36 fand in Berlin eine andere Sitzung des Kultusministeriums in Neubabelsberg statt, auf der mit einigen führenden deutschen Astronomen über die deutsche Astronomie und über eine geplante Außenstelle in Südafrika gesprochen wurde. Auf der Rückreise von Berlin wurde Schorr von Prof. Mentzel, dem Vertreter des Ministeriums, begleitet. Schorr schrieb an Baade:

Als wir an Hamburg kamen, erklärte Mentzel zu mir gewandt: „Ihr Nachfolger wird Prof. Baade aus Pasadena". Was ich natürlichst dankbarst quittierte. Damit ist also die Sache definitiv beschlossen."

Daraufhin folgten noch einige gute Tips von Schorr für Baades Verhandlungen mit Berlin:

Also in jedem Fall seien Sie von vornherein nicht zu schüchtern !
... Unsere Finanzen sind in der Tat hier in Hamburg sehr schlecht, aber vielleicht kann Berlin auch etwas tun, obgleich im allgemeinen Berlin wohl bewilligt aber Hamburg nicht das Geld erhält, um es zu bezahlen!
"

In Pasadena entstand unterdessen mit Fritz Zwickys Hilfe das erste professionelle amerikanische Schmidt-Teleskop. Dieser 45 cm-Schmidt war jedoch auf Probleme gestoßen. Baade schrieb:

Der Schmidt-Spiegel, der hier aus dem Fonds für den 200 inch gebaut wird und zum Juli fertig sein sollte, macht arges Kopfzerbrechen, da man anscheinend mit der Korrektionsplatte nicht zu Rande kommt; dabei schleifen die Brüder schon 7 Monate daran herum, ohne daß das Verfahren konvergiert. Ich habe meine stille Freude daran, da ich, als das Projekt vor 2 Jahren auftauchte, mit aller Energie dafür eintrat, die Optik bei Schmidt zu bestellen. Jetzt geben auch die damaligen Schreier, die alles besser konnten als Schmidt, zu, daß es billiger und besser gewesen wäre, die Optik zu kaufen."

Die Berufungsinstanz plagten unterdessen weder Schmidtspiegel noch Spiralsysteme. Ihre Probleme waren immer noch Nazigefolgschaft und Parteizugehörigkeit, und letzteres fehlte nach wie vor bei Baade. Also versuchten sie einen erneuten Vorstoß über Schorr:

Lieber Baade, Prof. Klatt, der noch Dekan ist, bittet mich Ihnen mitzuteilen, dass es, nach Ansicht hiesiger Schriftgelehrten (Rektor Claussen u.a.) sehr gut wäre, wenn Sie doch noch als Mitglied in die N.S.d.A.P eintreten würden. Es würde Ihnen hier vieles erleichtert werden, wenn Sie als Parteimitglied vom Ausland hierher kämen. Also halten Sie Ratschlag mit sich selbst. Herzliche Grüsse, Heil Hitler, Ihr R. Schorr."

Doch da Baade in seinem nächsten Brief mit keiner Silbe auf dieses Ansinnen einging, beschwichtigte Schorr:

Was ich Ihnen neulich im Auftrage von Klatt und Claussen schrieb, ist nicht so ernst zu nehmen. Meines Erachtens
brauchen Sie keine Rücksicht auf den Vorschlag zu nehmen, wenn Sie es nicht sowieso tun wollen
."

Baade antwortete nun:

Es freut mich, dass auch Sie die Angelegenheit als nicht so wesentlich betrachten. Mir persönlich widerstrebt es, aus opportunistischen Gründen einen solchen Schritt zu tun, der aus freier Entschließung kommen muß, wenn er moralischen Wert haben soll. Wenn ich komme, so zeige ich - glaube ich - hinreichend, dass ich gewillt bin, mitzuarbeiten."

Inzwischen waren auch die Amerikaner aufgewacht und betrachteten Baades Rückkehrabsichten mit Sorge. Das Carnegie-Institut setzte alles daran, Baade zum Bleiben zu bewegen. Eines Tages lud Humason seinen Kollegen Baade zu einer Fahrt durch die Landschaft ein. Er habe mit Baade im Auftrag von Adams, dem Direktor von Mt. Wilson, etwas zu besprechen. Zunächst einmal solle Baade doch die Gedanken an Bergedorf begraben und ein großzügiges Angebot des Carnegie-Instituts annehmen, das wenigstens alle zwei Jahre eine Heimreise nach Deutschland einschloß. Dann sollte Baade die amerikanische Staatsbürgerschaft annehmen, denn wichtige Änderungen stünden bevor: Der Bau des 5 m-Spiegel schreite schnell voran und schon bald sollte ein Leiter berufen werden. Dieser Posten sollte während der Bauphase von Adams übernommen werden. Da dieser die Altersgrenze erreichen würde, wenn das Instrument fertiggestellt sei, war Hubble als dessen Nachfolger auserkoren. Adams Nachfolger auf Mt. Wilson würde Seares werden. Doch auch diesem blieben nur noch 3 Jahre bis zur Altersgrenze, der Nachfolger sollte Walter Baade heißen.


Edwin Hubble vor dem Neubau des 5m-Palomar Teleskops.

Sie können sich denken, dass ich aus vollem Halse gelacht habe ob solcher Phantasiegeschichten. Humasson erklärte daraufhin, dass ich bereits viel tiefer in diesen Sachen steckte als ich anscheinend selber ahnte, und daß die beiden Vorträge, die ich auf meiner Rückreise in der Carnegie Institution in Washington zu halten hatte, nichts anderes gewesen wären als die Probe, ob ich der richtige Mann wäre. Später hat Adams des öfteren mit großem Nachdruck auf mich einzuwirken versucht."

Aufgrund dieser Entwicklung wurde Baade von Schorr nun schon mehrfach in Entscheidungen der Sternwarte miteinbezogen und Schorr drängte auf eine Entscheidung.

Am 3. März 1937 traf ein Telegramm aus Pasadena bei Schorr ein:

ACCEPT DEFINETLY IF FUNDE PROVIDED TO GET SCHMIDT SYSTEM FOR SPIEGELTELESKOP - GRUESSE BAADE"

In einem Brief präzisierte Baade seine Forderungen nach einem Schmidt-System. Dieser Brief widerlegt die später von Heckmann gebrauchte Formulierung, Baade sei in Kalifornien geblieben, weil die Amerikaner ihm einen größeren Schmidtspiegel als Bergedorf bieten konnten. Baade war vielmehr bereits vorzeitig an den Plänen des „Big-Schmidt" des Palomar-Observatoriums beteiligt gewesen. Trotzdem war Baade zu diesem Zeitpunkt sogar schon bei einem Umbau des 1 m-Spiegels zum Schmidt-System bereit, nach Hamburg zu kommen.

Sie werden aus dem Telegramm selbst wohl schon geschlossen haben, wie ich mir die Geschichte im Prinzip denke: einen zweiten Spiegel (sphärisch) in Fassung, so dass er gegen den Parabolspiegel ausgewechselt werden kann, ein neues Oberteil mit der Platte, Brennweite des Systems »2 m, evtl. etwas darunter, wenn sonst die Rohrlänge zu groß für die Kuppel werden sollte. Die Kassetteneinrichtung könnte wohl in der Werkstatt gebaut werden. Dass es praktisch möglich ist, Korrektionsplatten bis zu 50 inch Durchmesser herzustellen, hat mir B. Schmidt mehrfach versichert. .... Es ist genau das Instrument, welches man braucht, um eine überraschend große Zahl von Problemen, die heute im Vordergrund stehen, aber mit den kleinen Feldern der gewöhnlichen Spiegel schwer angreifbar sind, zu lösen. Ich habe mit Hubble vor einiger Zeit eine Denkschrift ausgearbeitet. Dieselbe war als Unterlage für die Verhandlungen betr. eines 60" Schmidt (Korrektionsplatte 50") gewünscht, der als Nebeninstrument für den 200" gedacht ist. Die Denkschrift hat so durchschlagend gewirkt, dass die Carnegie Institution ihrerseits die Mittel bewilligt hat, um an der Spitze zu bleiben. Es wäre sicher kurzsichtig, wenn man die Ausnutzung des Schmidt-Spiegels den Amerikanern überliesse, bis das Feld so abgegrast ist, dass wir nur kümmerlichen Nachlass halten können. Es handelt sich um ein Projekt, zu dem keine amerikanischen Millionen nötig sind, sondern das ganz in den üblichen Rahmen europäischer Finanzen fällt. Last not least, die Idee ist von Bergedorf ausgegangen und es wäre mehr als kurzsichtig, tatenlos zuzusehen, wie andere die Früchte einsammeln."

Wenig später klagte Baade:

Es ist jammerschade, dass der Bernhard nicht mehr lebt; es würde alles einfacher sein."

Schorr war vom Umbau des 1 m-Spiegels nicht begeistert und schlug statt dessen einen Neubau vor.

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