Ein neuer Direktor für die Hamburger Sternwarte

Navigation

 

Als Schorr einsah, daß ihn die Nazis nicht über die Altersgrenze hinaus als Sternwartendirektor dulden würden, mußte er sich nach einem geeigneten Kandidaten umsehen. Die Besetzung des Direktoriums der Hamburger Sternwarte fand also unter den Vorzeichen des NS-Regimes statt und sollte folglich auch nicht ohne entsprechende Komplikationen ablaufen.

Schorrs Wunschkandidat war Walter Baade, den er 1934 bat, als sein Nachfolger an die Hamburger Sternwarte zurück zu kommen.

Baade, dessen größter Wunsch schon in den zwanziger Jahren war, an einer der großen amerikanischen Sternwarten arbeiten zu können, wurde vor ernsthafte Gewissensfragen gestellt. Nach wie vor war die Hamburger Sternwarte eines der angesehendsten Observatorien der Welt und eine Berufung als Direktor eine ehrenvolle Auszeichnung. Andererseits wurde in den USA der Bau des 5 m-Spiegelteleskops auf dem Palomar Mountain vorbereitet - das größte Fernrohr der Welt. Viermal so groß wie das bis dahin Größte, der 2,5 m-Spiegel (100 Inch) auf dem Mt. Wilson und 25 mal so groß wie Bergedorfs 1 m-Spiegel. Und Baade gehörte zum Kreis derer, die mit diesen Instrumenten arbeiten konnten bzw. arbeiten sollten.
Mt. Wilson Observatory. Links: 100 Inch Teleskop

Link

Der Verlauf Baades Berufungsverhandlung ist unter diesen Umständen ein aufregendes Kapitel und ist eng verbunden mit der Beschaffung des großen Schmidtspiegels in Bergedorf. Heckmann vertrat später die These, Bade sei auf Mt. Wilson geblieben, weil ihm das große Schmidt-Teleskop des Palomar-Observatoriums zugesagt worden sei, falls er in Kalifornien bliebe.

Heckmann, „Sterne, Kosmos, Weltmodelle", München 1976, S. 206:

Im Jahre 1937 erreichte R. Schorr die Altersgrenze. Die Fakultät berief als seinen Nachfolger W. Baade. Er verhandelte in Hamburg und verlangte einen Schmidt-Spiegel von 80 cm freier Öffnung, ein Instrument von großer Lichtstärke. Man sagte ihm in Hamburg den nötigen Betrag zu. Die Summe wurde in den Haushalt eingesetzt und ein Liefervertrag mit Zeiss-Jena abgeschlossen. Baade telegrafierte das Ergebnis an seine amerikanischen Freunde, die umgehend antworteten, er möge baldigst zurückkommen; man werde ihm einen um 50% größeren Schmidt-Spiegel zur Verfügung stellen. Da ging Baade, der nie Amerikaner wurde, angesichts der düsteren Zukunft Europas zurück nach Mt. Wilson."

Diese These ist anhand des persönlichen Briefwechsels zwischen Baade und Schorr nicht zutreffend. Eher trifft eine andere Formulierung Heckmanns zu:

Das im Bau befindliche 200"-Hale-Teleskop und der 48"-Schmidt-Spiegel mußten in absehbarer Zeit zur Verfügung stehen und boten im kalifornischen Klima Möglichkeiten, denen gegenüber alle Bergedorfer Entwicklungen uninteressant bleiben mußten."

Dies jedenfalls mag der Hintergrund bei Baades Ablehnung gewesen sein. Zu Beginn, bei Schorrs Mitteilung, Baade solle neuer Direktor in Bergedorf werden, war Baade noch sehr unentschlossen. An Schorr schrieb er:

Ganz besonders möchte ich Ihnen aber für Ihre liebenswürdigen Bemühungen danken, mich, wenn möglich, in die Heimat zurückzubringen. Die Hauptfrage, die Sie mir stellten, habe ich in diesen Wochen gründlich überlegt (in den ersten schlaflosen Nächten in meinem Leben!). Meine Antwort deckt sich wohl mit dem, was Sie erwartet haben: nur in einem Fall würde ich meine gegenwärtige Stellung hier am Mt. Wilson aufgeben: Wenn mir die große Ehre zuteil würde, zu Ihrem Nachfolger in Bergedorf berufen zu werden. Die Gründe dafür im Einzelnen aufzuzählen, erübrigt sich, da sie alle unter die Rubrik fallen: die Liebe zur Hamburger Sternwarte. Ich weiß selbst am besten, was ich drangeben würde, wenn ich von hier fortginge. Aber ich gäbe es gern für meine alte Sternwarte, der ich alles verdanke."

Die physikalische Fakultät der Universität setzte daraufhin Baade als einzigen Kandidaten für das Direktorenamt fest. Doch bereits jetzt verlangten Übereifrige des Nationalsozialismus einen entsprechenden Gesinnungsnachweis. Schorr schrieb an Baade:

„Ich habe die Verantwortung dafür übernommen, daß Sie national gesinnt und auch sonst in politischer Beziehung vollkommen unbedenklich seien, und ferner, daß Sie und Ihre Frau arischer Abkunft seien."

Baade wurde zwar als einziger Kandidat behandelt, die Universität wollte dennoch auf Nummer Sicher gehen, um für den Fall einer Ablehnung Baades schon Vorsorge getroffen zu haben. Schorr mußte deshalb Gutachten zu Ersatzkandidaten erstellen. Genannt wurden Hellerich, Becker, ten Bruggencate und Heckmann. Geschickt bat Schorr zunächst Baade selbst um Stellungnahmen zu diesen Personen. Dieser antwortete im Juni 1935, allerdings unter Ausklammerung von Hellerich, mit dem er zusammen in Hamburg gearbeitet hatte. Über einen Freund wollte er kein Urteil abgeben.

Zu den anderen 3 Kandidaten antwortete Baade:

Von den übrigen 3 Herren gehört Heckmann zweifellos an die erste Stelle. Meiner Ansicht nach ist er nicht nur der weitaus Beste unter den jungen deutschen Astronomen, sondern einer der fähigsten Köpfe unter den heranwachsenden Astronomen überhaupt."

Becker und ten Bruggencate hielten Baade hingegen für ungeeignet.

Baade war sehr wohl bewußt, warum Schorr ihn auf die Nummer Eins gesetzt hatte: Baade arbeitete ebenfalls an einem größeren, nicht abgeschlossenem Projekt auf Mt. Wilson und hatte es deshalb nicht besonders eilig nach Bergedorf zu gelangen, Schorr hatte somit noch eine Gnadenfrist. Andererseits war Baade bestens mit den Bergedorfer Verhältnissen vertraut und würde Schorrs Projekte weiterführen.


Gruppenaufnahme des Mt. Wilson-Observatoriums 8. März 1939.

vordere Reihe v. links: J.O. Hickox, A. v.Maanen, G. Strömberg, H.D. Babcock, F.H. Seares, J.A. Anderson, W.S. Adams, P.W. Merrill, A.H. Joy

hintere Reihe v. links: R.E. Wilson, M.L. Humason, R.S. Richardson, S.B. Nicholson, W.H. Christie, A.S. King, T. Dunham jr, E.P. Hubble, R.B. King, R. Minkowski, W. Baade, E. Pettit, O.C. Wilson, E.R. Hoge, R.F. Sanford (Foto: The Huntington Library, California)

 
   
   
  Baade1
 
Walter Bade
  Baade3
  Baade4