Johann Beyer und die Sternwarte am Baumwall

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Die Person von Johann Beyer (25. November 1673 - 10. Mai 1751) fällt im Ablauf der Geschichte der hamburgischen Astronomie etwas aus dem Rahmen. Einerseits fand Beyer just zu dem Zeitpunkt Gefallen an dieser Wissenschaft, als sich überall sonst ein wachsendes Desinteresse gegenüber den Naturwissenschaften abzeichnete. Kaum jemand anderes beschäftigte sich in Hamburg zu Anfang des 18. Jahrhunderts ernsthaft mit der Astronomie, von Hermann Wahn einmal abgesehen - aber der war auch Beyers enger Freund. Zum anderen war Johann Beyer kein gelernter, geschweige denn studierter Wissenschaftler, sondern eigentlich Tischler. Und trotzdem war Beyer bald so etwas wie eine astronomische Institution in Hamburg mit eigener Sternwarte. Sogar der Senat dachte darüber nach, ob diese nicht die erste Hamburger Sternwarte werden könnte.

Leider sind Material und Unterlagen zu Beyers Observatorium nur noch bruchstückhaft erhalten. Das historische Material aus dieser Zeit hat ganz besonders unter dem Hamburger Brand 1842 und unter den Bombennächten 1943 gelitten. Die Senatsakten, in denen es um die städtische Übernahme ging, sind verbrannt. Andere Unterlagen, die Richard Schorr noch 1901 im Staatsarchiv fand, sind verschwunden. Auch von den mechanischen Kunstwerken und Erfindungen nur wenige bis heute erhalten geblieben.

Ein Freund bei der Zeitung

Johann Beyer war Tischler mit eigener Werkstatt am Baumwall. Zur damaligen Berufsausübung gehörte nicht nur das Arbeiten mit Holz, sondern auch Metallarbeiten, wie das Anfertigen von Beschlägen, Scharnieren, Hülsen usw.. Da die Möbelstücke des Barocks sehr feine, detailreiche Strukturen verlangten, entwickelte sich bei Beyer ein besonderes Interesse für die Fertigung kleiner, präziser Kunstwerke. Auch Mathematik im weitesten Sinne gehörte zu seinen Vorlieben, so daß er sich mit mathematischen Instrumenten und den Dingen, die man damit beobachten konnte, beschäftigte; er besaß zumindest ab 1722 mehrere Armillarsphären und Mauerquadranten zur Beobachtung des Himmels. In seinem 1721 gebauten Haus am Baumwall hatte Beyer diese Instrumente aufgestellt und war eifrig dabei, astronomische Beobachtungen anzustellen. Da er in seinen Schriften sein Observatorium auf dem Haus am Baumwall erwähnte, muß man sich eine Beobachtungsmöglichkeit in den oberen Stockwerken vorstellen, von wo er durch die Fenster observierte.

Johann Beyers Observatorium ist auf diesem Stich von Iohann Vendler aus dem Jahr 1721 mit der Nummer 18 verzeichnet. Die Nummer 17 zeigt das Baumhaus. (Staatsarchiv Hamburg)

Bei besonderen Anlässen wurden diese „Observationen" in der Zeitung, dem „Holsteinischen" oder später „Hamburgischen Correspondenten" vermeldet. Beyer muß einen sehr engen Kontakt zum Herausgeber Hermann Heinrich Hollen in Schiffbek gehabt haben, denn ab August 1722 erschien eine außergewöhnliche Serie schmeichelhafter Artikel über Beyers Produkte, die „unter seinem Observatorium zu bekommen" waren.

Das Globo Terrestri

Die Serie begann am 18. August 1722 und behandelte das Erscheinen von Beyers erstem Buch:
Allhier ist gantz neulich gedruckt: Ausführliche Beschreibung eines neuen Globi Terrestris oder Erd-Kugel, welcher nach der neusten und besten Eintheilung der Geographie itziger Zeit eingerichtet; nebst einem kurtzen und deutlichen Unterricht von der Eintheilung, Nutzen und Gebrauch dieses Globi,&c. Verfertigt und hervorgebracht von Johann Beyer. Eben dieser brave und so fleißige Mechanicus hat vor einigen Jahren einen Globum Coelestem concavum mit dem Terrestri in centro auf gar curieuse Art verfertigt, und nachgehends einige Sphaerae armillares nach verschiedenen Systemtibus ausgearbeitet, wobei er auch so gar die unterschiedliche Distanz der Planeten von einander gantz genau wahrgenommen. Weil nun diese Wercke, nach ihrer Würdigkeit, verschiedene Liebhaber gefunden, so hat er ebenfalls, wie man aus obigem sehet, einen accuraten Globum terrestrem zu Stande gebracht, welcher einen Rheinländischen Schuh6 im Diameter hält, und nebst gemeldeter Beschreibung dem Herrn Jobst von Overbeke decidiret worden. Die Beschreibung von diesem Globo, so aus 8 Bogen und einem nöhtigen Kupfer bestehet, ist bei ihm selbst auf dem Baum-Wall unter dem neuen Observatorio zu bekommen, woselbst er auch einem jeden sehr gern so wohl seine Globos, als andere schöne Erfindungen zeigen wird. Ich werde von denen selben in der Suite einige umständliche Beschreibungen mittheilen."

Aus dem Vorwort des Buches geht hervor, daß Jobst v. Overbeke der Gönner und Financier dieses Werks war. Overbeke selbst muß eine schöne Sammlung geographischer und astronomischer Instrumente besessen haben, die Beyer wohl zur Verfügung standen, so daß er schließlich das Buch Overbeke widmete.

 
Die schönen Geographischen und Astronomischen Curiosa, die kostbaren Geschichtsbücher, welche Sie besitzen und rühmlich gebrauchen, sind Zeugnisse, daß Sie wohl betrachten, wie die Welt gemacht sei und was darinnen gemacht werde."

Dieser Gönner Beyers war vermutlich ein Mitglied der Kaufmannsfamilie Overbeck, der vor den Toren Hamburgs Prachtgärten gehörten, die zu den größten der Umgebung zählten.

Eine Himmels- und Erd-Kugel von gantz neuer Invention

Drei Tage nach dem Erscheinen des ersten Correspondenten-Artikels wurde die Beschreibung der Beyerschen Instrumente fortgesetzt:

 
Da neulich von Hn. Johann Beyers neu verfertigten Globo terrestri Nachricht gegeben worden: so folget nun auch diejenige von seinem Globo coelesti concavo. Er hat selbst vormals einen Tractat hiervon herausgegeben, unter dem Titel: Beschreibung einer Himmels- und Erd-Kugel von gantz neuer Invention, darin die Sterne und deren Bilder, nicht wie auf den gewöhnlichen convexen Globis verkehrt, sondern recht natürlich, wie dieselben am Himmel in der Concavitaet erscheinen, zu sehen und zu erlernen sind.... Bey eben diesem Hn. Beyer ist sonst auch eine neu-erfundene Vorstellung des Systematis Copernicani zu haben, darin die Planeten nicht nur allein um ihre Achse, sondern auch so wohl nach der Länge als Breite können beweget werden, und endlich ein jeder in gehöriger Distanz seinen Platz bekommen."

Die originalen Beschreibungen dieses Himmelsglobus und des Miniplanetariums sind leider nicht erhalten geblieben. Allerdings hat Beyer das Planetarium 1724 noch einmal beschrieben und den Himmelsglobus in verbesserter Form 1730 nachgedruckt. Vom Himmelsglobus ist ein Exemplar erhalten geblieben und befindet sich in der Orangerie des naturhistorischen Museums in Kassel.

Beyers Himmelskugel im Museum Kassel

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Museum Kassel

 

Das Beyersche Planetarium war in einem kleinen Kästchen zusammengeschoben und konnte bis auf 1.5 m auseinandergezogen werden. In der Mitte stand die Sonne als vergoldete Kugel. Mit zunehmendem Abstand folgten Merkur, Venus, Erde und Mond, Mars und der Jupiter mit vier Monden. Ganz außen kreiste der Saturn, um ihn herum fünf Monde und ein kleiner beweglicher Ring.

Während Beyer dieses „System Copernici" vorstellte, herrschten andererorts noch sehr diffuse Vorstellungen vom Planetensystem. Von einem gefestigten Glauben an das kopernikanische Weltsystem kann Anfang des 18. Jahrhunderts noch keine Rede gewesen sein. Johann Beyer hatte seine Ideen zur Produktion von Planetarien vermutlich von holländischen Künstlern erhalten, die dort bereits im 17. Jahrhundert solche Geräte herstellten.

In seinem Laden unter seiner Sternwarte verkaufte Beyer seine mechanischen Wunderwerke für 3 Reichstaler. In seinen Planetarien kreisten die Planeten an korrekten Positionen, Beyer zweifelte nicht am kopernikanischen System.

Beyers Sonnenuhren

Der Herausgeber des Correspondenten hatte mit Beyers Werkstatt geradezu einen Fortsetzungsroman gefunden. Am 25. August 1722 erschien eine ganze Seite über Beyer. Diesesmal ging es um die Universalsonnenuhr. Beyers Titel der Gebrauchsanleitung lautete:

 
Beschreibung einer neu-erfundenen Universal Sonnen-Uhr, in einer hohlen Kugel. Die nicht allein durch den Sonnen-Schein Stunden und Minuten zeiget, sondern auch zu einer jeden Zeit, wann die Sonne scheinet, ohne eintzige Mühe eine accurate Mittagslinie andeutet; Man kan mit derselben gleichfalls des Tages bey Sonnen-Schein und des Nachts bey Mond-Schein der Sonnen und des Mondes Höhe, wie imgleichen der Sonnen und des Mondes Azimuth abmessen, und lässet sich in der gantzen Welt gebrauchen."

Diese Sonnenuhr bestand aus einer Halbkugel; in ihrem Inneren lief auf halber Höhe die Äquinoktialline mit der anzuzeigenden Uhrzeit. Die Kugel ruhte in einem Gestell, in dem sie entsprechend der geographischen Breite (Polhöhe) justiert werden konnte. Zur Ermittlung der Polhöhe lag der Sonnenuhr ein kleiner Quadrant bei. Von Pol zu Pol lief ein Justierbrett für einen Diopter aus Messing, der in der Kugel bei Sonnenschein einen kleinen Lichtpunkt bei der entsprechenden Uhrzeit setzte. Zur Verzierung der Uhr gehörten Angaben über die Polhöhen mehrerer deutscher Städte, Bilder der 12 Tierkreiszeichen, Tag- und Monatseinteilungen sowie Angaben zu den vorherrschenden Winden und dem Klima - es war eben eine Universaluhr.


28.9.1735

Drei Tage später, am 28. August 1722 war Beyer erneut mit einer ganzen Seite im Correspondenten. Sein Titel war nun schon zu „unser bekannter Mechanicus, Herr Johann Beyer" herangewachsen. Es ging diesmal um eine andere Sonnenuhr, die mit einem Quadranten gekoppelt war. Sie kostete 3 Reichstaler. Die Billigversion für einen Reichstaler wurde wiederum zwei Tage später im Correspondenten beschrieben mit einem Hinweis:

 
Wer auch ein Liebhaber von einer Camera Obscura, und von Armilar-Sphären, kan solche unter hiesigem Observatorio bey ihm haben und sehen."

Das war der vorläufige Abschluß dieser Artikelserie über Beyers Erzeugnisse. Sie muß geholfen haben, denn Beyer legte diese Instrumente immer wieder neu, z.T. mit kleinen Verbesserungen, auf. Andere astronomisch tätige Buchautoren waren nicht so glücklich dran (z.B. Paul. Halcke), sie mußten sich die Werbezeilen im Correspondenten unter der Rubrik „Avertissement" kaufen.

Hermann Wahns Beobachtungen auf Beyers Observatorium

Beyers Sternwarte, ausgerüstet mit Quadranten, Armillarsphären und mindestens einem Fernrohr, wurde auch von seinem Freund, dem Schulmeister Hermann Wahn, gern und oft genutzt, um interessante Himmelserscheinungen genauer zu verfolgen. Es ist anzunehmen, daß Veröffentlichungen, wie die folgende, auf dieser Freundschaft zu Beyer beruhen:

 
Bey Hermann Wahn, Schulhalter in der Fuhlentwieten, ist zu bekommen eine curieuse und deutliche Vorstellung der Erscheinung des Mercurii in der Sonne den 9. Nov. nebst dessen sonderbaren Lauff um die Sonne dieses Jahrs, in Kupfer abgebildet, samt dessen Beschreibung."

Tanz der Jupitermonde beobachtet von Hermann Wahn auf Johann Beyers Sternwarte
zwischen März und Mai 1730

Auf Beyers Sternwarte, im „Steerenkiekerhus", trafen sich folglich immer öfter die an der Astronomie interessierten Bürger Hamburgs, und in regelmäßigen Abständen erschienen im Correspondenten Meldungen darüber:

 
Hamburg. Am verwichenen Montag, den 22. dieses, wurde auch allhier auf dem Beyerschen Observatorio in 2en Cameris obscuris die große Sonnen-Finsterniß observiret, und nach einer richtig gestellten Cycloiden-Uhr16, der Anfang befunden, um 6. Uhr 22.M. unten im 189. Grad der Sonnen-Scheibe. Um 6.Uhr 49.Minuten war die Finsternis auf 6.Zoll17; um 7.Uhr 7. Minuten standen die beyden stumpffen Spitzen des Sonnen-Randes Horizontal. Um 7.Uhr 16.Minuten war die grösseste Finsterniß bis auf 10¼ Zoll, darauf drehet sich der Sonnen Rand weiter zur rechten und stunden um 7.Uhr 23.Minuten 30.Sec. die beyden Spitzen vertical, um 7.Uhr 26.Minuten 15.Sec. war die Finsterniß schon bis an den 9.Zoll abgenommen, und trat die Sonne in das am Horizont stehende Gewölcke und kam nicht wieder zum Vorschein, daß man also den Ausgang nicht observiren können, und würde man das Ende grade mit Untergang der Sonnen befunden haben."

Auch eine Sonnenfinsternis am 28.September 1726 hielt der Correspondent für berichtenswert, und am 15.Oktober 1726 vermerkte er eine Mondfinsternis, die allerdings nicht unbedingt zur vollen Zufriedenheit beobachtet werden konnte.

 
Hamburg. Die am 11 Octobr. des Morgens eingefallene partiale Mond-Finsterniß, welche in der Berechnung sehr different heraus gekommen, aber nach den teutsch-edirten Tabulis des Frantzösischen Astronomie de la Hire19, welche nunmehro wol für die accurateste passiren müssen, allhier ihren Anfang nehmen sollen um 4 Uhr 20 Min. das Mittel 5 Uhr 37 Min. das Ende 6 Uhr 54 Min. nach des Mondes Untergang, und die Grösse 6 Zoll, hat bey trüben sehr regenhaften Himmel nicht genau observiret werden können. Der Anfang wahr ohngefehr gegen die obbenannte Zeit; um 4 Uhr 27 Min. war schon ein guter Zoll verfinstert, um 4 Uhr 53. war pars lucida20 18 Min. 10 Sec. um 5 Uhr 17 Min. waren beyde Theile gleich, und also die Finsterniß gerade auf 6 Zoll, oder zur Helffte; ob dieselbe nun noch zugenommen, kan man nicht eigentlich sagen (vermuthlich aber nicht) weil der Mond mit dickem Gewölcke bedecket wurde, und sich der Schatten schon untenwärts gedrehet. Was ander Orten davon observiret, möchten geneigte Liebhaber zum Nutz der Astronomie auch communiciren."

Solche dicken Gewölke sind auch für die heutigen Astronomen nach wie vor unangenehme Begleiterscheinungen der Beobachtungen. Sie treten merkwürdigerweise meist dann auf, wenn die Messung am interessantesten wird.

Die geographische Koordinate Hamburgs

Im Jahr 1727 konnte Beyer einen neuen großen Quadranten aufstellen, den er unverzüglich nutzte, um die Angaben zur geographischen Breite Hamburgs zu verbessern. Die Ungenauigkeit dieser Daten waren seit langem ein bekanntes Ärgernis, immer wieder wurde von vielen Astronomen Versuche unternommen, sie zu verbessern, und immer wieder lag der ermittelte Ort weit ab von der Wirklichkeit. So versuchte es also auch Beyer.

 
Unser berühmter Mechanicus, Hr. Beyer, hat am 22. Junii, als am Tage des höchsten Sonnen Standes, auf seinem Observatorio bey gar hellen klahren Himmel, mit seinem neuen grossen Quadranten die hiesige Polus-Höhe gemessen, davon er folgendes communiciret: Am 22. Junii habe die Mittags-Höhe der Sonne aufs genauste gemessen, und dieselbe befunden 59.gr.53.min. dazu die gehörige Parallaxin 5. secund. addirt und die Refraktion 56.secund. subtr. bleibt 59.gr.52'.9". für die wahre Sonnen-Höhe. Wann nun die Sonnen Morgens um 3. Uhr schon im Krebs getreten, so habe 4". weniger genommen als ihre decl.maxima, von 23.gr. 29.min. 54.secund. beträgt also dieselbe 23°:29':50". solche von vorgefundener Sonnen-Höhe, bleibt für die Höhe des Aequatoris 36°:22':13". Diese von 90.gr. bleibt für die wahre hiesige Polus Höhe 53.gr.37.min.41". Diese kommt also gantz nahe der Observat. des Hoch-Edl. Tycho Brahen, welche derselbe auf dem Schloß Wandesbeck Anno 1598. gehalten, und die Polus Höhe zu Hamburg gefunden 53.gr.35.min. und wird gedachter Beyer nicht unterlassen, solches noch näher nachzuforschen; unterdessen beweiset dieses schon die Accuratesse seines Quadranten."

Leider lag auch Johann Beyer mit seiner Messung um gute 8,7km zu weit nördlich, ungefähr in Fuhlsbüttel, damals eine halbe Tagesreise entfernt. Dem genauen heutigen Wert kam Tycho Brahes Ergebnis immerhin deutlich näher. Dessen Fehler war nur halb so groß - und das 130 Jahre früher. Die genaue Ortsbestimmung mußte noch weitere 100 Jahre warten, bis eine einigermaßen gesicherte Polhöhe für Hamburg vorlag.

Unser fleißiger Mechanico

Die astronomischen Aktivitäten Beyers hatten seit dem ersten Schub um 1722/23 etwas nachgelassen, jedenfalls soweit das an der Artikelzahl im Correspondenten ablesbar ist. Erst ab 1730 widmete sich Beyer erneut seinen astronomischen Erfindungen. In der Zwischenzeit stand sein eigentliches Handwerk, die Tischlerei, im Vordergrund. Für eine Verlosung oder Versteigerung im oft besuchten Gesellschaftshaus am Hafen, der Schiffer-Gesellschaft, fand sich deshalb die folgende Anzeige im Blatt:

 
Weil Johann Beyer mit den 10. schönen kostbaren Gewinnen von ungemein schöner Tischler-Arbeit, die er auf der Schiffer-Gesellschaft gedencket verspielen zu lassen, schon ziemlich avanciret ist, so werden diejenigen, so noch Belieben haben, sich einzeichnen zu lassen, hiermit dienstfreundlich ersuchet, sich mit ehesten zu resolviren, so wird man bald den Tag, wenn geworfen soll werden, kund tuhn. Die Einzeichnung geschiehet noch alle Tage auf der Schiffer-Gesellschaft, allwo die Arbeit auch noch zu sehen ist."

Ab 1730 steigerten sich Beyers astronomische Aktivitäten erneut, vielleicht angeregt durch die Artikel seines Freundes Hermann Wahn, der in die Kalenderproduktion eingestiegen war. In den von ihm seit 1726 herausgegebenen „Hamburgischen Staats-Calendern" fand sich am Ende stets eine Rubrik, in der Wahn über verschiedene astronomische Phänomene informierte. Bisweilen waren es die Monde des Jupiter, mal die Sonnenflecken, und gelegentlich wurde auch die Sternwarte seines Freundes Beyer darin erwähnt. Wahn berichtete, daß Beyer nun auch Fernrohre fertigte, denn die Sonnenflecken („Sonnen-Maculn") habe er in Hamburg durch „einen guten Tubo oder Helioscopio (dergleichen itz und bey unsern berühmten und sehr fleißigen Mechanico, Johan. Beyern, auf curieuse Art gemacht, zu bekommen)" beobachtet. Dieses Fernrohr sei ein „zwölff-Schuhichter Tubo" gewesen, d.h. ein Teleskop von immerhin 3.6m Brennweite!


Bericht Hermann Wahns über Sonnenfleckenbeobachtungen auf Johann Beyers Sternwarte (Staatskalender 1731)

Beyer war in den zwanziger Jahren des 18. Jahrhunderts ein eifriger Bastler von allerhand optischen oder astronomischen Geräten gewesen. Ein Verzeichnis um das Jahr 1730 listete immerhin 13 der „vornehmsten Modellen, Machinen und Instrumenten die bey Beyer in Hamburg unter dem neuen Observatorio zu bekommen sind" auf. Darunter die erwähnten Planetarien und Sonnenuhren sowie Erdkugeln, einen Meßtisch, eine Camera obscura, einen Kompaß und folgende astronomische Beobachtungsinstrumente:

 

„Eine Sphera Armillaris28 oder Ring-Kugel, die auch einen Rheinländischen Fuß im Diametro hält. Kostet 5 Rthlr29.

Ein Astronomischer höltzerner Quadrant von anderthalb Fuß im Radio, der in Gradus und Minuten getheilet ist. Kostet 5 Rthlr.

Ein Tubus oder Helioscopiis, womit man die Sonnen-Finsternisse und Sonnen-Flecken gantz compendiös in einem jeden Fenster, wo nur die Sonne hinscheinet, mit der größten Bequemlichkeit gantz genau observiren und abzeichnen kan. Kostet 6 Rthlr."

Als besonderen Clou hielt Beyer das Modell eines menschlichen Auges parat (4 Rthlr). Dieses Modell war aus Pappe angefertigt und 8 Zoll (20 cm) groß. Es besaß im wesentlichen eine Linse, die hinten auf dem Augapfel, auf einer Mattscheibe, das Bild projizierte. Vorne am Modell klimperte ein Häutchen als Augenlid auf und zu.

Viele der Erfindungen wurden von Beyer zwischen 1730 und 1732 neu aufgelegt, teilweise unter Hinzufügung so mancher Verbesserungen. Sein Sinn für das Geschäftliche ließ ihn selbst solche Geräte verkaufen, die er sich eigentlich nur aus Anschauungsgründen gefertigt hatte, so beispielsweise eine Hilfskonstruktion, mit der er sich die sphärische Trigonometrie begreiflich machen wollte. Da ihm das Modell offenbar aber recht gut geglückt war („ja ich wäre auch nimmermehr zum rechten gründlichen Verstand derselben gelanget, wofern ich mir nicht ein cörperliches Bild gemacht hätte") beschloß er, dieses Modell für 3 Reichstaler ebenfalls anzubieten. Versehen mit einer 50seitigen Beschreibung war dieses Gerät es wieder wert, im Correspondent beschrieben zu werden. Das Handbuch verkaufte sich allerdings deutlich besser als das Gerät, so daß der Correspondent deshalb das Messingmodell auch nur als Anschauungsobjekt zur Besichtigung bei Beyer empfahl.

Diese Abbildung des Baumhauses zeigt im links im Hintergrund ebenfalls Beyers Observatorium. (Staatsarchiv Hamburg)

 

Initiative für Hamburgs erste öffentliche Sternwarte

1735 berichtete der Correspondent zum letzten Mal über eine neue Sonnenuhr Beyers, danach wurde es ruhiger um den nun schon 62jährigen Tischlermeister. Doch noch einmal muß es um Beyers Sternwarte sehr lebhaft zugegangen sein, nämlich zu dem Zeitpunkt, als im Senat Überlegungen laut wurden, das Observatorium in den öffentlichen Besitz zu übernehmen. Leider sind die Dokumente zu diesen Absichten alle ein Opfer der späteren Brände geworden. Richard Schorr hatte 1901 noch die Gelegenheit, Senatsakten einzusehen, die in den Bombennächten 1943 dann verloren gingen. Der spätere Direktor der Hamburger Sternwarte, Richard Schorr, zitierte eine Schrift Hermann Wahns:

 
Hamburg will nunmehro, gleich andern berühmten Städten, mit einem wohlgelegenen Astronomischen Observatorio prangen, welches zwar der Besitzer mit eigenen Kosten unterhalten und zum Stande bringen muß, doch ist zu wünschen, daß solches durch Unterstützung geneigter Kunst-Beförderer möchte zur völligen Perfection gelangen, als wozu es einem Privato zu bringen nicht wohl thunlich. Der gantzen Astronomie ist an genauer Observation, als worauf sich dieselbe hauptsächlich gründet, gelegen, und diese hinwieder die unentbehrliche und höchst-nöthige Schiffahrt erhält.... Es möchte hiebey gefraget werden, was solche accurate Observationes nützen? Die der Astronomie erfahren, denen ist solches zur Genüge bekandt, denen andern dienet kürtzlich zur Antwort, erstlich, damit zu beweisen, daß die Astronomische Rechnung nicht triegen muß, ob zwar dieselbe noch nicht zur Vollkommenheit gebracht, und die Autores um ein Geringes von einander differiren; daher also die unsichtbaren Begebenheiten am Himmel ebenso unfehlbar seyn, als die sichtbaren. Zweytens ist bekandt, daß die gantze Navigation und grosse Schiffahrt hauptsächlich auff die Astronomie beruhet, je näher nun die Zeit dadurch kan abgemessen, und die Astronomischen Tabellen darnach eingerichtet werden können, je näher kommt man der so lang gesuchten Longitude, oder sogenandten Ost und West, und je genauer kan ein Schiffer auff der grossen See, da er nichts ausser seinem Schiff, als Himmel und Wasser vor sich hat, seinen Cours richten, wenn er sich nach dem Himmel zu reguliren weiß, und sich nach dessen Spuren genau zu richten gelernet hat, andere Ursachen voritzo zu geschweigen. Daher einem Staat und Republic höchst daran gelegen, daß Leute unterhalten und unterstützet werden, welche der astronomie, wovon so vieles dependiret, obliegen."

Damit war ohne Frage das Beyersche Observatorium gemeint. Und auch Johann Elert Bode erinnerte sich 77jährig an die Gründungsabsichten:

 
Zu meiner Zeit äußerte im Jahre 1770 der seel. Büsch den Wunsch, daß ich, auf Kosten des Magistrats, in dem beym Baumhause stehenden mit einer Sphaera armillari gezierten Gebäude, welches vor Alters her dat Steerenkiker-Huus genannt wurde, eine Wohnung erhalten möchte, um dort mit seinen Instrumenten Beobachtungen am Himmel anstellen zu können. Allein der Eigenthümer des Hauses wollte den Durchgang durch seine Wohnung nicht erlauben, und nicht einmal zugeben, daß von außen eine Wendeltreppe bis zum obern Stock angelegt werden durfte."

So scheiterte denn der schöne Plan von Hamburgs erster öffentlichen Sternwarte.