Kometenangst

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Die überwiegende Zahl der astronomischen Ereignisse, über die bis weit ins 18. Jahrhundert hinein in den Chroniken berichtet wurde, galten als unheilvolle Vorboten eines gerade zuvor oder kurz darauf eingetretenen Unglücks für Hamburg. Besonders „böse" Himmelserscheinungen waren Kometen, deren „Zornruten" als von Gott gesandte Mahnzeichen angesehen wurden. Als zur Zeit der Pestwelle in Hamburg 1664/65 gleich zwei Kometen erschienen, zweifelte kaum jemand an der göttlichen Mahnfunktion der Himmelskörper und die Hamburger Chronisten erinnerten sich an den Komet von 1618, der als Symbol des Dreißigjährigen Krieges angesehen wurde:

 

Übrigens soll auch er ein sehr unheimlicher Gast gewesen sein, dieser Comet, dessen Ansehen Jedem ein eigenes Entsetzen einjagte. So wunderbar bleich, so gespensterhaft stand er da!"

Aber" (sagt der Chronist Wolfgang Adelungk) „ich erschrecke mich annoch von Herzen, so ich daran denke, in was für einer gefährlichen Gestalt ich ihn plötzlich am 18. December am Himmel stehen sah."

Viele Himmelsphänomene, die über Hamburg bemerkt wurden, wurden unter diesen Vorzeichen bewertet

 

Der Kometenaberglaube existierte selbstverständlich nicht nur in Hamburg, sondern war ein seit der Antike tiefsitzendes Angstgefühl. In der Regel wurde der Aberglaube durch Chronisten bestärkt, die hauptsächlich die Kometen vermeldeten und durch die zeitliche Nähe zu Pest und Unglücksfällen die scheinbare Wirkung bestätigten. In den meisten Schilderungen waren die Folgen der Kometen negative Ereignisse und laut Wolf (Geschichte der Astronomie, 1877) gab es nur einen einzigen Fall, wo ein Komet mit positiven Geschehnissen in Zusammenhang gebracht wurde. 1472 soll, nachdem ein Komet erschienen sei, in den Schneeberger Silbergruben ein Stück Silber ausgegraben worden sein, auf dem die Worte gestanden haben sollen „Ecce cui cometa luxit".

Die Ängste, die beim Erscheinen eines Kometen einsetzten, erhielten sich bis in unser 20. Jahrhundert und erlebten eine zweite Blüte beim Wiedererscheinen des Halleyschen Kometen im Jahr 1911.

Cometa, Propheta

Im 17. Jahrhundert, zu der Zeit also, als Kometen noch die Pest in die Stadt trugen, wurden in Hamburg vor allem drei Kometen besonders eindrucksvoll gesehen: Die Kometen 1664, 1665 und 1682 (Halley). Ausführlich beschrieben wurden sie von Johann Henrich Voigt, der in Stade wohnte und sich dort „Philo-Mathematico & Arithmetico" nannte. Auch in Hamburg war Johann Henrich Voigt kein Unbekannter, denn er war ein eifriger Herausgeber aller Arten von Kalendern. Seine Kometenbeobachtungen führte er gelegentlich von den Türmen der Hamburger Kirchen aus durch. Darüber hinaus verfaßte Voigt kleine Büchlein, um einige Kometen eingehender zu beschreiben. Bereits beim Erscheinen des Kometen von 1664 war Voigt zutiefst erschrocken und berichtete das Gesehene in einer, in Hamburg erschienenen Schrift „Stadischer vermehrter Kometenspiegel".

Zu Voigts Zeiten, im 17. Jahrhundert, wurden Menschen, die sich mit so merkwürdigen Dingen wie der Mathematik und den Himmelserscheinungen beschäftigten, eher mit Mißtrauen betrachtet, so daß sich Voigt in seinen Schriften zuerst vom öffentlichen Spott freischreiben mußte:

Gottfürchtende und Kunstgünstige Leser !

Nachdeme der Allerhöchste und erzürnete Gott und Vater, uns, seinen ungehorsamen Kindern, abermahl ein Straff-Zeichen und Zorn-Feuer, das ist, einen ungeheuren, langgeschwänzten Comet Stern, eben zu der Zeit, da von den Zeichen und Vorboten des Jüngsten Tages gepredigt wird, vor Augen stellt ...

Weil aber etwan einige sich gefunden, welche die, so unförmliche Judicia und Lügengespräche hinterrückens mir zueignen, und andere dadurch zu Argwohn verleiten, meine Mißgünstige sich damit belustigen, unzeitig urtheilen, und das Kind, ehe denn es gebohren, baden wollen:

Als bin ich verursachet, durch wahrhafftes eröffnen meiner Meynung, der Lügen unter Augen zu treten."

Seine Beobachtungsbeschreibungen gehören zu den frühesten astronomischen Berichten im Hamburger Raum, die erhalten gebliebenen sind. So schrieb er, daß ihm am Advents-Sonntag, dem 4.Dezember 1664, jemand von einem großen Kometen berichtet habe. Also schickte er sich an, diesen zu beobachten.

 

Solches zuerfahren, war ich folgende Nächte bereit und wach, konte aber wegen dicker Lufft und Schneewetters Montags- und Dienstags-Nacht nichts sehen: Am Mittwoch

frühe aber, den 7. (alten Stylt) Decembris, war es Sternenblanck, da sahe ich aus den Südfenstern meiner Wohnung, umb 3. Uhr, im Südosten, bey dem Ostgiebel des Königl. Kornhauses12 den Cometen herauff steigen, stehende unweit von den Sternen in rostro & oculo Corvi Westwerts, im 4. Grad der Wage, und ab Ecliptica 22. Grad Australis; umb halb 6. Uhr nahet er der Mittagslinie, da ich ihn auß erwehnten Fenstern, über der obern Dachlinie dem Augenmaß nach 2. Fuß erhoben, wohl anschauen könte: Seinen Schweiff streckte er in medium Crateris bey 10. Grad weit ins Nordwesten, doch bisweilen schiene es, als wenn er sich in etwas zusammen zöge und wieder außreckete."

Voigt veröffentlichte in dieser Schrift auch seine astrologische Interpretation dieses Kometen. Krieg war zu erwarten, und zwar entweder von „Heydnischen oder Türckischen Völckern" oder aber vom „Päbstlichen Hauffen denen rechtgläubigen Evangelischen, gar gewaltsamerweise beygebracht und auffgedrungen werden dörffte." Weil der Komet einen besonders langen Schwanz besaß, wäre dies ein besonders heftiger aber nicht besonders lange dauernder Krieg.

Damit jedoch nicht genug

 

Es ist bekannt, daß die Cometen, sonderlich wenn sie so lange geschwänzt, in Ruthen Gestalt,erschienen, gemeiniglich schwere und harte Straffen nach sich ziehen: Und dahero im Sprichwort heist: Cometa, Propheta: So gibts auch die Vernunfft, daß wo Krieg ist, da sind weit und breit viele Verzehrer, Verheerer und Verwüster; da wird viel durchbracht, aber wenig gebauet, und muß also dann aus dem Mangel die Theuerung und der Hunger, Verschmachtung und allerhand Seuchen folgen."

Schließlich befürchtet er weitere Folgeerscheinungen, verursacht durch den Kometen: „Hochschädliche Räuber zu Wasser und zu Lande", „Absterben der Könige", „Heftige Ergieß und Überlaufungen der Wasserströme", „Ausruckung des Erdreichs", „Feuersbrünste" - eben alles, was Schlimmes vorstellbar war.

Und die damaligen Kometen hatten es in sich, denn noch 12 Jahre danach, 1676, schrieb Johann Henrich Voigt, daß noch immer nicht alles vorbei sei und sich vieles so zugetragen hätte, wie die Herren „Astrologi" prophezeit hätten: Die Türken hätten sich mit Ungarn angelegt, die Engländer hätten erfahren müssen, daß sich Ost- und Westindien nicht so einfach besetzen ließen und Seeräuber waren auch sehr aktiv gewesen. Um es mit Voigt zu sagen:

 
Dieses ist über alle Maße nachdenklich."

1677 erschien erneut ein Komet, von dem Johann Henrich Voigt wieder durch die Nachbarschaft erfuhr. Erneut erschwerten Wolken einen Blick auf das Himmelsereignis. In seiner Schrift „Christmäßige Betrachtung des Cometen im April 1677 auff dem Cometischen Sammelplatze im Tauro oder Stier. Zu Hamburg observiret, abgezeichnet, fürgebildet und beschrieben von Johann Henrich Voigt" beschrieb er seine Beobachtungen und erwähnte auch einen anderen, uns jedoch verborgen gebliebenen Betrachter, der von einem Kirchturm aus beobachtete:

Ein Wohlerfahrener Mathematicus aber, hat dennoch auff einem hohen Thurme, bey weniger Öffnung der Wolcken, denselben observiret, und seinen Locum untern lincken Fusse der Andromedae gefunden."

Dann, drei Tage später, hatte Voigt dann selber Glück:

 
Nach kurzem Verlauff kam er oben mehr und mehr wieder herfür, biß er endlich umb 3. Schläge von den Wolcken befreyet, bloß und sichtbar im Nord Osten am klaren Himmel stund, im 12. Grad des Stiers recht über der Sonne, 16. Grad von der Ecliptic oder Sonnen-Straße gegen Norden, zwischen dem Triangulo und Vespae, machte mit dem Algol und Pedefinistro Andromedae beynahe ein Triangulum. Das Corpus erschiene (weil er so niedrig) etwas grösser als ein Stern der ersten Grösse, wie ein grosser Apfel, der Strahl war etwas breiter als der Cörper anzusehen, in der Länge 1. 2. bey 3. Elen; Und zielet recht auffwerts zwischen der Andromeda und dem Perseo, auff die Cassiopejam, woselbst vor 105 Jahren, Anno 1572. der überaus wundersame, ungeschwänzte, frembde Stern gestanden, zur Zeit, als die blutige Hochzeit zu Pariß ergangen"

Johann Henrich Voigt entwickelte nicht nur phantastische Interpretationen für die Wirkungen von Kometen, sondern besaß auch eine wache Beobachtungsgabe.

Diese Abbildung zeigt nämlich sehr genau die Beziehung der Richtung des Kometenschweifes mit dem Stand der Sonne, eine für den damaligen Stand des Wissens über das Sonnensystem keine selbstverständliche Tatsache. Häufig wurde von den Astrologen die Ausrichtung des Schweifes auf ein bestimmtes Sternbild mit mythologischen Bedeutungen verbunden.

Zu dieser Grafik gab Voigt im übrigen eine kleine Gebrauchsanleitung für Leute, denen symbolische Darstellungen fremd waren:

 

Hierauff betrachtet die Figur.

An derselben sehet ihr einige der himmlischen Sternbilder, man soll aber nicht meynen, als wenn solche Bilder Ochsen, Schaafe, Ziegenböcke, streitbare Männer und dergleichen Bilder, wahrhafftig am Himmel wären, Nein: Es sind nur durch Kunst und der Kunst zu Hülffe erdichtete Bildungen, womit man das, so am Firmament wahrhafftig stehet, nemlich die Gestirne unterscheidet, bemercket, nennet und dem menschlichen Verstande einbildet...

Von der Andromeda oben scharf gegen der Lincken herunter, sehet ihr biß zum Stierkopffe, elffmal den geschwänzten Cometen gebildet. Da soll nun der Einfältige berichtet seyn (andere wissens doch wohl) daß es nicht elff Cometen bedeute, sondern es sind nur so viel unterschiedliche Bildungen, wie der Comet in unterschiedenen Tagen, nach der Länge und Breite seinen Stand verändert, wie er seines eigenen Lauffs, sich immer niedriger herab der Sonnen-Straße näher gelassen, und zugleich auch von der Rechten zur Lincken, vom Resier des Widders, durch die Resier des Stiers, zur Resier der Zwillinge fortgewandert."

Beim Jahreswechsel 1680/81 sah Voigt seinen dritten Kometen. Seine Schrift zu diesem Komet hieß:

 

Cometa Mautinus & Vespertinus, der Anfangs in den Frühstunden der Sonnen vorgehend und hernach in den Abendstunden der Sonnen nachgehend erschienene, und der Gottlosen Welt zum Schrecken, am Himmel strahlende Comet- oder Schwantz-Stern, Anno 1680 und 1681".

Und schliesslich im Jahr 1682 erschien der „Nordische Comet, so Anno 1682 im Augustmonat erschienen". Dieses war der Halley'sche Komet, dessen Natur Voigt damals allerdings unbekannt war.

Eben in der Nacht, zwischen dem 16. 17. Augusti, da der Himmlische (Blut- und Feuer-Farbige) Reichs- Feldherr MARS, in dem Löwen, (in der Sonnen Hauß) sich einstellte, daß er noch vor der grossen Conjunction Saturni und Jovis, auch mit deren jedweden besonders sich conjugiren möchte,

Sehet, eben in derselben Nacht, da erscheinet uns auch zugleich ein neuer Comet-Stern, ein (gleichsam) besonders abgefertigter Reichs Herold, der muß da bey seiner Erscheinung recht über den Martem stehen, als eine, von demselben (vom Mars) dahin gesteckter Fahne, Als ein besonder Kennzeichen der Ankunft und Einzugs Martis in Löwen, zum Sammel-Platze der Himmlischen Stern-Magnaten".

Ich frage aber:

Sind die Cometen natürlich? (ich sage Ja) so werden sie ja auch natürliche Eigenschaften, Kräfte, Wirckungen und Bedeutungen haben. Sind sie natürlich, so sind sie doch nicht allgemein bekannt, nicht vorher außzurechnen, Sondern sie sind sonderbar, seltsam, ungemein und ungewöhnlich."

Viele astronomische Gedanken und Vorstellungen hat Voigt in seinen unzähligen Kalendern veröffentlicht. Diese Schriften haben eine große Bedeutung für die Verbreitung naturwissenschaftlicher Grundideen gehabt, da sie auch in viele Gesellschaftsgruppen hineinwirkten, die sonst von dieser Thematik kaum Notiz nahmen. Solche Kalender wurden nach Voigt von andere Astronomen, wie z.B. Paul Halcke, Wolfgang Heinrich Adelungk oder Hermann Wahn weitergeführt.

Die Kometenfurcht bleibt

Obwohl in den Jahren nach Voigt bis hinein in unsere Zeit die wissenschaftliche Forschung immer tiefere Erkenntnisse über die Himmelskörper und deren Natur erbrachten, blieben ungewöhnliche Erscheinungen eine Quelle vielfältiger Phantasien. Wenn eine Sternschnuppe (da darf man sich etwas wünschen) oder ein in unseren Breiten seltenes Nordlicht auftauchten, erwachten Spekulationen erneut, für welche Vorkommen im alltäglichen oder global politischen Leben diese Erscheinungen verantwortlich zu machen sein könnten. Stanislaw Lubienecki veröffentlichte 1667 in Hamburg ein beträchtliches Werk von über 800 Seiten Stärke, das „Theatrum Cometicum". Es enthält alles verfügbare Wissen der Zeit über Kometen und deren angebliche Wirkungen. Für jeden Kometen erhielt Lubienecki meist genau so viel gute wie schlechte Angaben, so daß er zu dem Schluß kam, es sei eigentlich egal, ob ein Komet erschiene oder nicht.

Einen neuen Höhepunkt erreichte die Kometenangst noch einmal viel später, Anfang des 20. Jahrhunderts, als sich der Halleysche Komet der Erde sehr stark näherte.

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