Stanislaw Lubieniecki

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Ein Mann, der den Widerspruch zwischen Religion und Wissenschaft ganz besonders verkörperte, war Stanislaw Lubieniecki. Als Unitarier glaubte er nicht an die christliche Dreifaltigkeit (Vater, Sohn, Heiliger Geist) sondern nur an deren Verkörperung in Gott allein (Unitarismus). Um 1600 war das Bekenntnis zu einem, von der herrschenden katholischen Lehre abweichenden Glauben mit sehr viel Mut und Aufopferungsbereitschaft verbunden. In Polen hatte Jan Sienienski die Stadt Raków als Zentrum einer kleinen Unitariergemeinde gegründet. Der Gemeinde standen bald zwei Brüder, Stanislaw und Krzysztof Lubieniecki, vor. 1623 wurde Stanislaw Lubieniecki, „der Jüngere", als Sohn Krzysztofs geboren. Stanislaws Vater war ein gebildeter Mann und ließ seinem Sohn eine umfassende Ausbildung zukommen, zunächst an der Akademie von Raków. Raków entwickelte sich zum Zentrum der unitarischen Gemeinde, doch die Gegnerschaft wuchs immer schneller, die 1638 die Stadt sogar zerstörten. Stanislaw erhielt seinen Schulunterricht nun von seinem Vater, häufig auf Fahrten zu den Reichstagen und den Versammlungen des polnischen Adels.

Auf diesen Reisen wurde auch Stanislaw Lubieniecki aktiv in die polnischen Glaubensdiskussionen hineingezogen, etwa beim „liebreichen Religionsgespräch" 1645 in Thorn. Es fand auf Einladung des polnischen Königs statt und brachte viele der damaligen religiösen Strömungen zusammen. Die Vielfalt der sich damals herausgebildeten Glaubensrichtungen hatte ihre Ursache nicht zuletzt in der Entwicklung der Wissenschaften.

 
Das 16. und 17. Jahrhundert konnte eine gewaltige Entwicklung der Astronomie aufweisen, und der Einfluß, den sie auf das Weltbild, die Philosophie und Theologie nahm, brachte bahnbrechende Gedanken mit sich. Es war auch eine Folge der Entwicklung der Astronomie in diesem Jahrhundert, daß die Vernunft einen Ehrenplatz einnahm, und daß es nun die Aufgabe der Vernunft sein sollte, eine Erklärung des Menschenlebens und seines Verhältnisses zu Gott zu geben. Diese Auffassung wurde bezeichnend für Lubienieckis Theologie."
aus:K.E. Jordt Jörgensen, „Stanislaw Lubieniecki", Göttingen 1968

Auf seinen Auslandsreisen nach Holland und Frankreich hatte Lubieniecki die sich daraus ergebenden Fragen (Astronomie, Jura, Politik, Ethik und Religion) mit zahlreichen Freunden diskutiert und diese Diskussionen in späterer Korrespondenz weiterverfolgt.

Zurück in Polen (1650) wurde Lubieniecki Hilfsprediger in Thorn (1652), dann Pfarrer in Czarków. Doch schon ein Jahr später, im Jahr 1655, brach der Krieg zwischen Polen und Schweden aus. Polen wurde von den Truppen des schwedischen Königs Karl Gustav regelrecht überrollt und schwer verwüstet. Mit dem Tod Karl Gustavs fand der Dreißigjährige Krieg 1660 sein Ende . Den Unitariern wurde von den übrigen Glaubensrichtungen in Polen vorgeworfen, mit den Schweden gemeinsame Sache gemacht zu haben und wurden aufgrund dieser Gerüchte aus den polnischen Städten vertrieben. Ihnen blieb nun gar nichts anderes übrig, als tatsächlich den Schutz des schwedischen Heeres zu suchen. Lubieniecki war auf der Seite der Unitarier aktiv und teilweise federführend an den Friedensverhandlungen beteiligt. Wäre mit Karl Gustav noch ein positives Ergebnis erzielbar gewesen, so sah die Situation nach dessen Tod wesentlich ungünstiger aus. Ein großer Teil der Unitarier hatte Polen bereits verlassen und da Lubieniecki selbst an den Friedensverhandlungen beteiligt war, warf man ihm nun ebenfalls Verrat vor, so daß er Polen so schnell wie möglich verlassen mußte.

Er flüchtete nach Kopenhagen. Da sich der dänische König verpflichtet hatte, niemand anzustellen, der einer fremden Religion angehörte, mußte sich Lubieniecki mehrtägigen Verhandlungen zwischen Kirchenvertretern und dem König Friedrich III. stellen. Der war ihm immerhin wohlgesonnen, so daß Lubieniecki einstweilen bleiben durfte.

1661 hatte Lubieniecki einen Abstecher nach Hamburg gemacht und war von der Stadt so eingenommen, daß er beschloß, hier einige Zeit zu bleiben.

Das Theatrum Cometicum

Hier in Hamburg, wo er am 29. Mai 1662 eintraf, kam seine Leidenschaft zur Korrespondenz, zur vollen Blüte.

 

Die Bahn des Kometen von 1664/65 durch das Sternbild Walfisch (Cetus)
in einer Abbildung aus dem Theatrum Cometicum.

Seine Korrespondenz mit den Freunden versuchte Lubieniecki seit Beginn seines Aufenthaltes in Hamburg in ein System zu bringen. Sie sollte Nachrichten von politischem Inhalt enthalten, damit er seinen Nachrichtendienst ausbauen könnte, von dem er zu leben hoffte, sich aber auch mit allgemein menschlichen, ethischen und theologischen Problemen befassen. Als er richtig in Gang gekommen war, stand eine Zeitlang besonders die Astronomie im Mittelpunkt."
aus:K.E. Jordt Jörgensen, „Stanislaw Lubieniecki", Göttingen 1968

 

Am 28. Januar 1664 erschreckte der bereits bei Johann Henrich Voigt erwähnte Komet die Stadt Hamburg. Dieses Himmelsphänomen diskutierte Lubieniecki mit Petrus van Brüssel und Bouilliau (Bullialdus) aus Paris. Dabei kam ihm die Idee, die Erfahrungen, Beobachtungen und Überlegungen zu Kometen in einem Buch zusammenzufassen. So entstand ein umfangreicher Foliant mit dem Namen „Theatrum Cometicum".

Er schrieb viele der ihm bekannten Astronomen und Naturwissenschaftler an und bat sie, ihm Berichte über Kometen zukommen zu lassen.

Beobachtung des Kometen von 1665 von Johann Müller (1611-1671) in einer Abbildung aus Stanislaw Lubienieckis Theatrum Cometicum. Müller war von 1660-1671 Mathematikprofessor am akademischen Gymnasium.

Das Werk bestand aus drei Teilen. Eine umfassende Korrespondenz zu dem Kometen von 1664 und dem Folgenden des Jahres 1665 füllte den ersten Teil. Im zweiten stellte er die bekannten Informationen zu früheren Kometen zusammen, und der dritte Teil behandelte die astrologischen Bedeutungen der Kometen für die Lebensweise des Menschen.
Die zweite Stadtansicht Hamburgs im Theatrum Cometicum. Der Blick geht hinaus über die Außenalster wie sie von der Wohnung Lubienieckis zu sehen war. Hoch darüber stand der Komet von 1665. Links brannten die Kalköfen am Dammtor, dann kamen die Felder von Eppendorf und über der eingezeichneten Windrose sind die Kirchtürme von Wandsbek zu sehen. Rechts im Bild die Kirchtürme von St. Gertrud und St. Jacobi .

Dieses Werk ist für Hamburg auch deshalb interessant, weil es zwei Stiche der Alster enthält, einen von der Außenalster und einen von der Lombardsbrücke in Richtung Jungfernstieg. In dieser letzten Darstellung ist der Komet hoch über der Stadt eingezeichnet und ein dünner Strich führt in die Dachkammer eines Hauses, in der Lubieniecki selbst wohnte.
Stich aus Stanislaw Lubienieckis Theatrum Cometicum mit einer Ansicht Hamburgs von der Alsterseite her. Im Vordergrund der heutige Jungfernstieg. Rechts oberhalb der Stadt ist der Komet von 1665 abgebildet. Eine feine Linie führt hinunter zu einem Dachfenster wohinter offenbar Lubienieckis Wohnung lag (Domus Authoris)( unten). Sein nächtlicher Blick auf den Kometen hatte offenbar das Werk des „Theatrum Cometicum" beflügelt. Rechts oben in der Ecke sind die Entwicklungsstufen des Kometen verzeichnet.

Das mächtige Werk verkaufte sich überaus schlecht, so daß sich die Unkosten des Buches durch die Verkaufseinnahmen nicht decken ließen. Ursprünglich waren keine Abbildungen vorgesehen, doch viele Freunde drängten ihn dazu, so daß ein Mathematiker angestellt wurde, der die vielen komplizierten Abbildungen in die damals üppigen Sternkarten einzuzeichnen hatte. Darüberhinaus schickte Lubieniecki mit handschriftlichen Huldigungen versehene Exemplare an die Fürstenhäuser Europas, jedoch ohne nennenswerten Erfolg. Kaum jemand bestellte weitere, manche zahlten nicht einmal den Preis des Ansichtsexemplars.

Abbildung aus dem Theatrum Cometicum. Die beobachteten Positionen des Kometen von 1665 durch Johann Müller sind in die damals übliche Form von Sternkarten, überschwenglich ausgeschmückt mit phantastischen Figuren, eingezeichnet worden. Lubieniecki mußte für diese Karten extra Zeichner und Mathematiker anstellen.

Der Irrlehre angeklagt

1667 begann sich das religiöse und politische Karussell um Lubieniecki erneut zu drehen. Viele, darunter auch der Senat, hatten angenommen, Lubieniecki sei mit einem dänischen Gesandschaftsmandat in Hamburg abgestiegen; seine umfangreiche Korrespondenz mit Fürsten- und Königshäusern verschaffte diesem Eindruck offensichtliche Bestätigung. Einigen seiner Gegner war es jedoch gelungen, dem dänischen Hof eine Stellungnahme zu entlocken. Darin wurde Lubieniecki als nichts weiter als ein „Avisen-Schreiber" tituliert. Damit stand seinen Gegnern wieder ein Weg offen ihn zu vertreiben. Eine Mitteilung beim polnischen Hof, Lubieniecki ,der Verbreiter der „Irrlehre", sei in Hamburg aktiv, veranlaßte die Polen in Hamburg vorstellig zu werden. Unverzüglich zog Hamburg seine schützende Hand von Lubieniecki ab. Und damit nicht genug, auch die umliegenden Städte wurden aktiv, etwa Lübeck oder Lüneburg, von wo diese Zeilen in Hamburg eingingen:

Wir haben aus zuverlässiger Quelle erfahren, daß sich ein Photinianer names Stanislaus Lubieniecki, ein polnischer Edelmann, bei Ihnen aufhält, und daß er nicht allein versucht, in Ihrer Stadt mit vornehmen Leuten bekanntzuwerden, sondern auch besonders eine sehr schädliche Irrlehre, sowohl mündlich als auch schriftlich unter den Leuten verbreitet ... und obendrein hinzugefügt, daß er es in Hamburg geschrieben habe."
aus:K.E. Jordt Jörgensen, „Stanislaw Lubieniecki", Göttingen 1968

Diese Aufforderungen, Lubieniecki in Hamburg zu ächten wurden vom Hamburger geistlichen Ministerium, der obersten Kirchenleitung, sofort aufgegriffen. Alle nur erreichbaren Gerüchte und Verdächtigungen wurden in einer 11 Punkte umfassenden Anklageschrift gesammelt und dem Senat vorgelegt. Auch wenn sich der Senat anfangs noch sträubte - das Ministerium legte unerbittlich nach: Gotteslästerung, Ketzerei, Verführung von Menschen wurde Lubieniecki zur Last gelegt und das Kometenbuch sei Schall und Rauch, um den einfältigen Leser zum Narren zu halten. Lubienieckis Versuche, seine vielfältigen höfischen Kontakte zu nutzen, schlugen größtenteils fehl, und so mußte er die in religiösen Dingen eher großzügige Stadt verlassen. Es gab nun nur noch eine Stadt, die größere Toleranz als Hamburg versprach: Altona. 1668 zog er in die dänische Nachbarstadt um.

In Altona genoß Lubieniecki zwar Freizügigkeit, jedoch vermißte er die guten Postverbindungen Hamburgs, so daß er 1674, nachdem sich der Sturm um seine Person etwas gelegt hatte, wieder nach Hamburg zurückzog. Dort waren jedoch seine Widersacher wachsam. Vor allem der Theologe L. Edzard erwirkte beim Senat erneut eine Ausweisung, die Lubieniecki im Dezember 1674 zugestellt wurde.

Doch wieder wollte Lubieniecki so schnell nicht aufgeben. Im Mai 1675 war er immer noch in der Stadt. Aus den Chroniken erfährt man:


Da der sehr edle Herr Stanislaw Lubieniecki die Geschichte nicht hat zu Ende führen können, nachdem er in Hamburg 1675 durch Gift, das ein Dienstmädchen von böswilligen Menschen erhielt, umkam ..."
aus:K.E. Jordt Jörgensen, „Stanislaw Lubieniecki", Göttingen 1968

Mit den „böswilligen Meschen" waren hier die lutherischen Pfaffen gemeint. J. Jörgensen (1968) nahm jedoch an, daß Lubieniecki an einer Mutterkornvergiftung starb, einer sehr gefährlichen Pilzvergiftung des Getreides, welche damals noch zu den häufigeren Todesarten zählte. Demnach wäre Lubieniecki nicht ermordet worden. Wie dem auch sei, Lubienieckis Gegner hatten obsiegt.