Die Kirche

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Einen sehr bestimmenden Einfluß auf die Geistesgeschichte Hamburgs hat die Kirche gehabt. Sie konnte aus traditionellen Gründen das Aufkommen neuer Ideen nicht zulassen und versuchte dem entgegenzuwirken. Anfeindungen, wie sie Galilei, Giordano Bruno, Kopernikus oder Kepler über sich ergehen lassen mußten, fanden in Hamburg auf niedrigerer Ebene ebenfalls statt. Joachim Jungius stand kurz vor dem Verlust seines Amtes, Stanislav Lubienecki war seines Lebens nicht sicher und Hermann Samuel Reimarus traute sich nicht, seine Gedanken über ein neues Weltbild zu veröffentlichen. Gotthold Ephraim Lessing, der Reimarus' Überlegungen nach dessen Tod als „Fragmente eines Unbekannten" veröffentlichte, erfuhr besonders vom Hamburger Hauptpastor Goeze die übelsten Angriffe.

Noch Anfang des 17. Jahrhunderts herrschte darüber hinaus eine dominierende Gläubigkeit. Nahezu alles war aus der Bibel zu errechnen oder zu deuten. Die Akzeptanz wissenschaftlicher Ergebnisse war durch ein derartiges Umfeld stark geprägt. Beide, Wissenschaft und Aberglaube, standen in enger Wechselbeziehung.

Da zweifelte niemand an der Tatsache, daß Kometen Pest und Cholera in die Stadt brächten und die Stadt tat gut daran, anläßlich des Kometen von 1680 einen außerordentlichen Buß- und Bettag zu verordnen, der die Gefahren des Schweifsterns für die Stadt bannen sollte.

Während des Mittelalters war die Kirche noch durchaus positiv gegenüber den Wissenschaften eingestellt. Doch mit dem Aufkommen neuer naturwissenschaftlicher Ideen und dem Verdrängen des alles überwuchernden Mystizismus und Wunderglaubens (J. von Pflugk-Harttung, 1908) veränderte sich die Haltung der Kirche. 1616 verbot die Kirche alle Bücher, die die Bewegung der Erde zur Grundlage hatten. Mit strengem Dogmatismus wurden die wenigen Freiräume des geistigen und des wissenschaftlichen Lebens eingegrenzt. Die neue Haltung in der Theologie wirkte sich nicht nur auf die Wissenschaft selbst aus, sondern hatte Konsequenzen auch auf das bürgerliche Leben. Nicht selten wurden Menschen mit abweichenden eigenen Gedanken auf dem Scheiterhaufen als Ketzer, Hexe oder mit dem Teufel im Bunde stehend verbrannt. Zum Höhepunkt des Hexenwahns wurden in Deutschland tausende von Frauen und Männern hingerichtet. In Hamburg wurde, wohl aufgrund seiner relativ liberalen Haltung, diesem religiösen Fanatismus nicht ganz so blindwütig nachgeeifert, obwohl auch hier zwischen 1444 und 1642 30 Frauen und 7 Männer ihr Leben auf dem Scheiterhaufen ließen. In einer Chronik schrieb W.L. Meeder 1839, daß oft allein körperliche Merkmale reichten (rötliche Augen, spitzes Kinn, spitze Nase, rote Haare, Magerkeit usw.), um jemand auf den Scheiterhaufen zu bringen:

Von dieser geistigen und moralischen Pest blieb auch Hamburg nicht verschont; am 13. Juli 1555 wurden hier 14 der Hexerei beschuldigte Weiber eingezogen, vier davon lebendig verbrannt und zwei zu Tode gefoltert; 1556 wurde ein Hexenmeister und sein Gehilfe verbrannt, 1581 sechs Hexen und ein Kristallengucker, 1583 fünf Zauberinnen, 1587 ein Kuhhirt nebst einem Manne aus Moorwerder und 1594 ein armes Weib. Diese wenigen Beispiele mögen genügen, eine Skizze jener finsteren Zeit zu entwerfen, die noch nach der Reformation auf den Völkern lastete, - sie war das Erbe einer finstern Priesterherrschaft, welche jeden klaren Gedanken, jedes freie Wort mit Feuer und Schwert verfolgte."

Es dürfte deshalb nicht abwegig sein, unter diesen hingerichteten Menschen auch eine Reihe von Personen zu vermuten, die auf dem Scheiterhaufen landeten, weil sie neue Gedankenansätze zum damaligen naturwissenschaftlichen oder astronomischen Weltbild äußerten. Manche von ihnen hätten vermutlich ebenfalls auf diesen Seiten ihren Platz gefunden. Die Verfolgung jedes freien Gedankens mit Feuer und Schwert verhinderte, daß Menschen sich überhaupt gedanklich mit kirchlichen Dogmen auseinandersetzten.

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Kein Wunder also, dass die Kirche das neue Weltbild des Kopernikus auf das Schärfste bekämpfte. Die scharfe Reaktion war auch eine Folge der theologischen Probleme, die sich seit der Reformation Anfang des 16. Jahrhunderts verstärkt auswirkten. In die darauffolgende Zeit, in der die Kirche eine Gegenreformation versuchte, geriet auch Giordano Bruno (1548 - 1600). Er war ein eifriger Verteidiger des kopernikanischen Weltbildes und legte weitergehend als Kopernikus auch die von Aristoteles (384 - 322 v. Chr.) geprägte Vorstellung der Endlichkeit des Sphärensystems ab. Er ging von einer unendlichen Vielfalt der Welten aus. Für die damalige Zeit war dies ein utopisches Gedankengebäude. 1600 wurde Giordano Bruno als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Eine der Anklagen gegen Bruno begründete sich zwar auf seine Anhängerschaft zum neuen Weltbild, doch wurde Bruno vornehmlich wegen seiner philosophischen und theologischen Häresien verfolgt. Der Tod auf dem Scheiterhaufen machte Giordano Bruno zum Märtyrer der kopernikanischen Lehre und infolge dessen traten auch in der katholischen Welt vermehrt Zweifel am alten System auf. 1616 und noch einmal 1633 verbot die Kirche das heliozentrische Weltbild und stellte den Glauben gegen physikalische Beweise. Und diese vermehrten sich ständig8.

Einer der bedeutendsten Verfechter des kopernikanischen Weltbildes war Galileo Galilei, der 1610 das astronomische Fernrohr erfand und damit immer neue Entdeckungen machte, die das alte Weltbild nicht erklären konnte. Dazu gehörten die Ringe des Saturn, das Spiel der Jupitermonde oder die Flecken auf der Sonne. Die neuen Tatsachen standen im Widerspruch zurr Unveränderlichkeit des Himmels.

1616 und 1633 wurde Galilei vor das Inquisitionsgericht gezerrt, wo er seine, im Widerspruch zur kirchlichen Deutung stehenden Behauptungen rechtfertigen sollte. Um nicht das Schicksal wie Giordano Bruno zu erfahren, mußte Galilei nach dem Urteil der Inquisition vom kopernikanischen Weltbild auf den Knien abschwören und wurde nach Siena verbannt, durfte später aber in seinem Landhaus wohnen.

Die Kirche versuchte zwar weiterhin, Gedanken über das neue System zu unterbinden, doch war das naturwissenschaftliche Interesse in Europa schon zu stark erwacht, als daß es hätte gebremst werden können.

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