Die Kalenderschreiber
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Die Kalender und astronomischen Almanache gehörten zu den ersten Erzeugnissen der durch Gutenberg 1440 erfundenen Buchdruckerkunst. Um 1475 fertigte der süddeutsche Astronom Regiomontanus die ersten über ein Druckverfahren produzierten Kalender. Zwar gab es auch vorher vereinzelte Kalender, doch waren diese meist handschriftlich erzeugt und kopiert worden und waren entsprechend teuer. Von Anfang an enthielten die Kalender mehrere Seiten weiterer nützlicher Informationen, zu medizinischen Fragen, über Pflanzen oder allgemein wissenswerten Dingen, vor allem jedoch enthielten sie astrologische Ratschläge. Auch die anderen Beiträge waren häufig von astrologischen Überlegungen durchsetzt.

Kalender dienten, anders als unsere heutigen Notizbücher und Wandkalender, hauptsächlich der Vermittlung des Himmelsbildes und waren kleine astronomische und vor allem astrologische Lesebücher, in denen je nach Thema auch Berichte über manche kuriose oder erwähnenswerte Dinge zu lesen waren. Die Kalender bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts waren eine Art Verbindungsglied zwischen Volkskunde, Astrologie und Astronomie. Durch diese Vielschichtigkeit der Kalender waren diese Druckerzeugnisse oft die einzigen Lesebücher, die für einen erschwinglichen Betrag zu bekommen waren. Entsprechend beliebt war die Nachfrage nach ihnen.
Auch in Hamburg erschienen gegen Ende des 15. Jahrhunderts die ersten Kalender, doch erst mit Johann Henrich Voigt erlebte die Kalenderproduktion in Hamburg einen ersten Höhepunkt. Er war einer der eifrigsten Kalenderproduzenten. Im Jahr 1665 begann er mit dem Christen-Calender". Ab 1675 folgte der Historien Calender", Kauffmanns-Calender", Krieg- und Friedens Calender", Curiositäten Calender" und der Christ- und Planeten Calender". Für manche Kalender erhielt er sogar ein königlich schwedisches Privileg. Dies war ein guter Schutz gegen Raubdrucker.

Die Kalender waren nicht nur Notizbücher, sondern enthielten ebenso wie die historischen Vorlagen Regiomontans eine Vielzahl praktischer Ratschläge und kurze Aufsätze. In Johann Henrich Voigts Kalendern gab es Informationen darüber, wann die Postkutsche abging, wann Feiertage waren. Es gab Auskünfte über Sonnenauf- und untergänge, allgemeine Witterungsempfehlungen sowie eine astronomisch-astrologische Vorausschau.
Johann Henrich Voigt hat diese Almanache in traditioneller Weise verfaßt. Als astronomisches Weltbild galt das geozentrische in der Form wie Tycho Brahe und Reimarus Ursus sie vertraten. Selbst die Rotation der Erde stand noch in Frage. Die Sonne zog ebenso wie die Planeten gleichmäßig ihre Bahn um die Erde. Die Sterne befanden sich auf einer gleich weit entfernten Sphäre, dem Firmament, im Abstand von 12 Millionen geographischen Meilen. Die hellsten waren nur knapp 100 mal so groß wie die Erde.
Mit dem Tode Johann Henrich Voigts im Jahre 1691 ging ein Teil der Kalenderproduktion 1696 an Wolfgang Heinrich Adelungk und später an Paul Halcke über, die auch die Tradition fortsetzten, in den Kalendern Aufsätze zu astronomischen Themen abzudrucken. In den nächsten 20 Jahren erschienen einige Kalender allerdings noch weiterhin unter dem Namen Voigts - ein guter Name wurde bei laufendem Geschäft auch damals schon ungern aufgegeben.
Bemerkenswert ist, daß alle vier Kalenderproduzenten (Voigt, Adelungk, Halcke und Hermann Wahn) so starrsinnig am geozentrischen Weltbild festhielten, obwohl zu dieser Zeit schon genügend Beweise existierten, die auch interessierten Laien in hinreichendem Maße zur Verfügung standen. Die Schriften von Galilei, Keppler, Cassini, Bianchi und Huygens waren auch in Hamburg nicht unbekannt.
T. Bieder glaubte den Grund zu kennen :"Entweder hat man die großen Zahlen (der Entfernungen von Sonne, Planeten und Sternen) für Phantasie und nicht erörterungsfähig gehalten, oder aber: man mußte sie verschweigen, um die Aufklärung zurückzuhalten und dem Kalender die geozentrisch-astrologische Grundlage zu sichern." Wahrscheinlich ist beides im Spiel gewesen, denn astrologische Deutungen gehörten zum Standardrepertoir der Kalender, und großen Zahlen glaubten selbst die Herren Wissenschaftler vom Johanneum in Hamburg nicht. Johann Hübner, Rektor dieser Eliteschule, glaubte noch im 18. Jahrhundert, daß dieSonne lediglich 140 mal größer als die Erde sei und schrieb:
| Wir halten es also mit Tychonis Meynung und glauben also, daß der Erdboden stille stehet, und daß sich hingegen das ganze Firmament kontinuirlich von Morgen gegen Abend um den Erdboden herum wälzet." |
1726 wurde in Hamburg der Staatskalender eingeführt. Er verdrängte die vielfältigen Varianten Vogts, Adelungks und Halckes. Die Form der Kalender änderte sich mit dem Staatskalender drastisch. Geschichten, die Astrologie, kuriose Bemerkungen und dergleichen verschwanden und ein rein sachlicher Kalender mit den wichtigsten Terminen blieb übrig. Informationen zur Astronomie und zur Zeitgeschichte sind, nachdem Hermann Wahn 1749 den letzten traditionellen Kalender veröffentlichte, nicht mehr zu finden, obwohl manche Autoren wie Nicolaus Rohlfs oder Johann Matthias Wahn sich nach wie vor astronomisch betätigten.