Joachim Jungius und das
Akademische Gymnasium

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Hamburgs wissenschaftliche Entwicklung hatte durch den Besuch Tycho Brahes in Wandsbek nur im geringen Maße Anteil nehmen können. Doch Anfang des 17. Jahrhunderts erwachte auch in der Hansestadt das eigene wissenschaftliche Leben. 1610 beschloß der Rat der Stadt die Gründung des akademischen Gymnasiums, das in seiner Funktion zwischen der Höheren Schule, dem Johanneum, und einer Universität, die es in Hamburg nicht gab, angesiedelt war. 1613 wurde die Schule eröffnet und bot Vorlesungen in Mathematik, Physik, Poetik, Rhetorik, Geschichte, Griechisch, Spanisch und orientalischen Sprachen an. Besonders die Lehrer der Mathematik und der Physik haben sich in der folgenden Zeit häufig und zum Teil sehr intensiv mit der Astronomie beschäftigt. Diese allgemeine Förderung der Wissenschaft war unbedingt notwendig, denn mit der allgemeinen Schulausbildung stand es im 17. Jahrhundert nicht zum allerbesten.

In Hamburg gab es nun zwei Interessengruppen, die die allgemeine astronomische Entwicklung trugen: Der eine tragende Block wurde von den Astrologen und Kalenderschreibern gebildet, aus dem sich bald die Rechenmeister und kunstrechnungsliebenden Hamburger als Vervielfältiger naturwissenschaftlicher Gedanken herausbildeten.

Der zweite Grundpfeiler wurde durch die exakte Wissenschaft im akademischen Gymnasium gesetzt. Zu Anfang durch Peter Lauremberg, dann aber durch den alles überragenden Joachim Jungius wurde das naturwissenschaftliche Interesse in Hamburg kräftig angeregt. Da Jungius' Freund Tassius nahezu gleiche Interessen verfolgte, trug Tassius zu der Blütezeit des akademischen Gymnasiums im 17. Jahrhundert einen verstärkten Anteil. Heinrich Sievers, Johann Müller, Vagetius und Varenius, die Schüler und Nachfolger hielten diese Entwicklung aufrecht. Erst später, Anfang des 18. Jahrhunderts verebbte dieser Enthusiasmus fast bis zum Stillstand. Nur die emsigen Kunstrechner und einige untentwegte Wissenschaftsbegeisterte hielten das astronomische Interesse in dieser Stadt wach.

Aus beiden tragenden Pfeilern der Wissenschaften gingen dann Mitte des 18. Jahrhunderts die fortschrittlichen Zirkel in der Zeit der Aufklärung hervor. Die treibenden Figuren dieser Zeit, Hermann Samuel Reimarus, Johann Albert Reimarus und Johann Georg Büsch konnten das naturwissenschaftliche Feuer schlagartig wieder mit Leben erfüllen. Dies war allerdings nur deshalb möglich, weil die wissenschaftliche Vorarbeit des 17. Jahrhunderts bei vielen Hamburgern noch im Verborgenen schlummerte.

Die erste Professur am akademischen Gymnasium für Mathematik und Physik erhielt Peter Lauremberg. Er wurde am 26. August 1585 in Rostock geboren. Sein Vater war Professor für Mathematik und Medizin an der Universität in Rostock. Bereits in seiner Jugend beschäftigte sich Lauremberg mit Poesie und Mathematik und besonders intensiv mit der aristotelischen Philosophie.

Anfang 1614 trat er in Hamburg seine neue Stelle an. Er hielt u.a. in Hamburg mehrere Vorlesungen und einige Disputationen über die Astronomie.

1624 erhielt er einen Ruf als Professor für Poesie in seine Heimatstadt Rostock. Lauremberg nahm an und bekleidete dieses Amt in Rostock bis zu seinem Tod am 13. Mai 1639.

Als Peter Lauremberg Hamburg verließ, tobte in Deutschland bereits der Dreißigjährige Krieg. Hamburg gehörte zu den wenigen Orten in Deutschland, die kaum Blessuren davontrugen. Ein Chronist schrieb:

 

Der dreißigjährige Krieg hatte zwar die Macht der Hansa gebrochen, noch zeigte sich aber in unserer Stadt eine geistige Regsamkeit und ein hoher Grad an Bildung, wie solche nur durch die Bedeutung welche Hamburg als Hansastadt damals noch besaß, geweckt werden konnte. Vermogte die gesinnungsvolle Thatkraft sich nicht mehr so wie früher nach Außen hin Geltung zu verschaffen, so zeigte sie um so mehr das Streben Kenntnisse und Ausbildung im Innern zu fördern. So ward denn auch von Seiten des Staats damals schon der Werth der Verbreitung naturwissenschaftlicher Kenntnisse erkannt."

Joachim Jungius

Nach dem Ausscheiden Laurembergs suchte der Hamburger Senat einen neuen Kandidaten für die Leitung des Akademischen Gymnasiums und fand ihn in Joachim Jungius. Sein Wirken in Hamburg hat das naturwissenschaftliche Leben der Stadt sehr stark bereichert und das Akademische Gymnasium in die bedeutendste Phase seiner Existenz geführt. Jungius, der am 19. März 1629 die Leitung des Akademischen Gymnasiums übernahm, brachte die eigentliche Initialzündung des naturwissenschaftlichen Denkens nach Hamburg. Er spielte für die wissenschaftliche Entwicklung in dieser Stadt, möglicherweise sogar für Deutschland, eine vergleichbare Rolle wie Kopernikus, Galilei oder Kepler sie für die gesamte Wissenschaft gespielt hatten. Mit ihm oder durch ihn angeregt, begann sich in Hamburg ein naturwissenschaftliches Fieber zu verbreiten, das bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts anhielt. J.F.Bubendey schrieb 1890:

 
„Hamburg wurde vor den Greueln des dreißigjährigen Krieges in wunderbarer Weise bewahrt. Wie der Handel Hamburgs in derselben Zeit, in welcher ein großer Teil des Vaterlandes der Verwüstung anheimfiel, durch stetiges Wachstum gesegnet wurde, so bot die Stadt in ihren gesicherten Mauern auch der Wissenschaft eine Stätte glänzender Entwicklung. Das im Jahre 1611 als ein Mittelglied zwischen der Gelehrtenschule des Johanneums und den Universitäten begründete akademische Gymnasium war unter Joachim Jungius' Leitung (1629 - 1657) zu einer Bedeutung erwachsen, mit welcher sich keine philosophische Fakultät Deutschlands messen konnte."

Jungius wurde am 22. Oktober 1587 in Lübeck geboren. Sein Vater war Lehrer am Katharineum in Lübeck. Die Logik, ein damals unabhängiges Fach, wurde von Jungius' Lehrern am Katharineum besonders gefördert - eine Grundlage für sein späteres Wirken. Mit 18 wechselte Jungius zur Universität nach Rostock, zunächst noch ohne konkreten Studienwunsch. Nachdem er sich anfangs mit philosophischen Fragen beschäftigt hatte, begann er mit dem Studium der Mathematik. Die Fachrichtungen, Mathematik, Logik, Philosophie, Physik und Metaphysik waren in der damaligen Zeit eng verwandt, und es hatten sich noch keine Abgrenzungen zwischen den Fächern herausgebildet, so wie wir sie heute kennen. Es existierten fließende Übergänge und Überlappungen zwischen den Fakultäten. 1608 wechselte Jungius zur neu eingerichteten Universität nach Gießen, weil er glaubte, hier mehr geistige Anregungen zu finden als in Rostock. Am 22. Dezember erlangte er die Würde eines Magisters der Philosophie und kurz darauf, nach dem Tod des Mathematikprofessors Nicolaus Hermann im Sommer 1609, wurde ihm in Gießen dessen Professur angeboten, die Jungius ohne Zögern annahm.

In Gießen blieb Jungius nur drei Jahre. Zunächst wieder Lübeck, dann Rostock, Padua, Rostock und Braunschweig waren die Stationen der folgenden 16 Jahre. Bei seinem Aufenthalt in Padua 1618/19 ist anzunehmen, daß er auch mit Galilei zusammengetroffen ist, der dort mit Fernrohren Planetenbewegungen untersuchte. 1628 wurde Jungius auf Veranlassung eines Jugendfreundes in Hamburg, des Senatssyndicus Johann Garmers, das Amt des Rektors des akademischen Gymnasiums zusammen mit der Leitung des Johanneums angeboten.

Gegen die kritiklose Annahme der aristotelischen Naturlehre

Noch kurz vor seiner Anstellung war das Entstehen des akademischen Gymnasiums noch äußerst fraglich. Syndikus Garmers war sogar der Meinung, daß „das Gymnasium scheinbar seinen Geist aufgeben wollte und auf ein anständiges Begräbnis warten würde". Am 19. März 1629 wurde Jungius dann doch in dieses neue Amt eingeführt. In Hamburg wurde Jungius nun seßhaft und verbrachte hier 28 Jahre bis zu seinem Tod im Jahr 1657. Während dieser Zeit entwickelte sich das akademische Gymnasium zu seiner Höchstform, und durch Jungius initiiert oder durch ihn und seine Schüler angeregt erhielt Hamburg seinen Antriebsmotor der naturwissenschaftlichen Entwicklung. Jungius' Wirken ist jedoch auch in Hamburg nicht widerstandslos hingenommen worden. Seine eigenständigen und neuen Denkansätze zu philosophischen und naturwissenschaftlichen Fragen erregten besonders die Geistlichkeit in Hamburg. Bubendey skizziert Jungius folgendermaßen:

 
„Jungius war einer der ersten und mutigsten Kämpfer gegen die kritiklose Annahme der aristotelischen Naturlehre und für die freie Forschung auf dem Gebiete der Naturwissenschaften."

Dieses neue Gedankengebäude faßte Jungius in seinem einzigen großen, zu Lebzeiten erschienen Werk „Logica Hamburgensis" zusammen, welches heftig diskutiert wurde. Das Buch wurde weit über Hamburgs Grenzen hinaus bekannt und später besonders von Leibniz gerühmt.

Als Jungius dann sogar damit begann, für den griechischen Schulunterricht nicht nur das bisher ausschließlich benutzte neue Testament zu verwenden, sondern zusätzlich Werke griechischer Schriftsteller heranzuziehen, forderten erboste Kirchenvertreter den Rat der Stadt auf, einzugreifen. 1635 stand Jungius kurz davor, „in den Bann zu geraten", als er obendrein die Freiheit besaß, eine Tote der reformierten Kirche in Begleitung seiner Schüler zu Grabe zu tragen.

Als der geistliche Widerstand gegen ihn zu groß wurde, mußte er doch zurückstecken und arrangierte sich mit dem Rat in der Weise, daß er im Juli 1640 das Amt als Rektor des Johanneums niederlegte und nur das Rektorenamt des akademischen Gymnasiums behielt.

Die Veränderlichkeit des Himmels

Jungius war einer der ersten Wissenschaftler in Hamburg, die sich aktiv mit der Astronomie beschäftigten. Zusammen mit seinen Schülern Tassius, Vagetius, Georg Schumacher, Christian Westenhofer und J. Birnberg führte er auch nächtliche Beobachtungen am Fernrohr durch.

Er ermunterte die Hörer seiner Vorlesungen, ihm alle Neuigkeiten zu melden, die am Nachthimmel beobachtet würden. Anfang Februar 1647 machten ihn deshalb Freunde und Zuhörer seiner Vorlesung auf einen ungewöhnlichen Stern aufmerksam, der in keiner Sternkarte verzeichnet war. Dieser Stern war 1610 schon von dem ostfriesischen Astronomen David Fabricius entdeckt worden. Danach war der Stern jedoch wieder verschwunden. Nun, da er wieder erschienen war, schrieb Jungius an seinen Freund Caspar Westermann in Helmstedt:

 
Als ich im vergangenen Jahr am 18. Februar diesen Stern zuerst erblickte, und ihn weder in irgendwelchen Sternkarten noch Katalogen fand, ich sah auch in Baiers35 Himmelskarte und als ich ihn mit eigenen Augen zum 4. Mal am gleichen Ort fand, wo ich ihn dreimal gesehen hatte, zeigte ich ihn dem anwesenden Tassio. Deshalb schrieb ich Dir auch, dass Holward, der zuerst die wundersame seltene Natur dieses Sterns bemerkt hätte, diesen Stern nicht als erster beobachtet hätte, und den Hörern und Freunden habe ich oft gesagt, dass sich dieser Stern schon mehr als 40 Jahre am Himmel zeigt, und dennoch nur wenigen seine Natur offenbar ist. In diesem Jahr, als ich ihn erstmals mit kaum 6.Grösse36 sah, wurde er nach zwei Tagen schon mit 3. Grösse, am nächsten Tag mit mehr als 3. und nach 2 Tagen in 2. Grösse beobachtet. Baier gab seinen Himmelsatlas 1603 heraus, Tycho starb 1601, Fabricius erblickte 1600 einen neuen Stern zuerst in der Brust des Schwans. Tycho, da er doch überall Fixsterne 5. und 6. Grösse suchte, um die Tausend von ihnen voll zu machen, hätte sicherlich weder diesen im Walfisch noch jenen neuen im Schwan ausgelassen, wenn sie damals, als er sich mit der Vervollständigung des Fixsternkataloges beschäftigte, am Himmel gewesen wären. Und diese Tatsache greift am meisten die Aristotelesanhäger an, dass derselbe Fixstern am selben Ort bleibend, mal 4.,mal 3., mal 2. Grösse hat und dann für ein halbes Jahr oder länger unabhängig vom Kreislauf der Sonne sich verbirgt."

Dieser Stern Mira ist, wie wir heute wissen, ein pulsierender Überriese mit einer Periode von 335 Tagen. Er ist der hellste Vertreter einer ganzen Klasse solcher veränderlicher Sterne: der „Mira-Veränderlichen". Da Miras Helligkeit sich um mehrere Größenklassen verändert, ist es nicht verwunderlich, daß Tycho Brahe oder Johann Bayer aus Nürnberg diesen Stern früher nicht gesehen hatten. Für Jungius war Mira jedoch wie ein Geschenk des Himmels, denn damit konnte er ein weiteres Argument gegen die lethargische Wissenschaftsfeindlichkeit der damaligen Zeit liefern:

Dieses Phänomen des Himmels widerlegt nämlich die Meinung der Schule des Aristoteles, daß man das Fremde lieber fallen lassen und nicht erforschen sollte."

An einer anderen Stelle des Briefes heißt es:

Ausserdem ist dieser Stern eine grössere Neuigkeit als die in der Kassiopeia, im Schwan oder in der Schlange erschienen sein mögen, weil er jedes Jahr neu erscheint, mal im Oktober, mal im November, mal im Dezember. Gib Dir Mühe, dass Dich die Peripatetiker39 nicht vom Ziel abhalten und beobachte weiter den Stern, zuerst ob er kleiner wird, zweitens ob er die Farbe wechselt, drittens ob er verschwindet vor dem Untergang des Heliakus40 und 4, ob er sich nach dem Aufgang des Heliakus wieder zeigt."

Diese beiden Passagen verdeutlichen die Schwierigkeit, in der sich Jungius befand. Einerseits gab es noch die Geisteshaltung des Mittelalters. Naturwissenschaftliche Phänomene wurden nicht untersucht, weil die Kirche mit ihrer Interpretation auf die griechische Philosophie fixiert war und glaubte, daß andere Ideen unweigerlich als religiöser Frevel zu gelten hätten. Auch 1648 gab es, vor allem im geistlichen Bereich, genügend Personen, die die beginnenden Entwicklungen zurückdrehen wollten. Andererseits erkennt man anhand dieser Briefe in Jungius den modernen Wissenschaftler, der lange Daten der unterschiedlichsten Art sammeln möchte, bis sich verbesserte Rückschlüsse auf die Natur des beobachteten Phänomens ziehen lassen.

Die Entdeckung der Variabilität Miras gestattete es Jungius, all denen ein gewichtiges Gegenargument zu liefern, die behaupteten, der Sternenhimmel sei unveränderlich, so daß es sich nicht lohne, hier Arbeit zu investieren.

Voller Freude verbreitete Jungius deshalb die Veränderlichkeit am nächtlichen Hamburger Himmel:

 

Dann habe ich ihn Freunden und Zuhörern im Haus aus der Öffentlichkeit gezeigt, und der Pastor der Katharinenkirche hat die Sache von der Kanzel verbreitet."

In diesen Briefen an Westermann berichtete Jungius, daß Mira im übrigen nicht die einzige astronomische Entdeckung war:

 
Ich habe noch andere neue Sterne, von denen einige nicht von Baier beobachtet wurden. (Darüber ein andermal.)"

Leider sind heute keine Aufzeichnungen mehr über diese Beobachtungen auffindbar.

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