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Der Hamburgische Correspondent war die erste, in Hamburg regelmäßig erscheinende Tageszeitung. Am 29. April 1721 kam die erste Ausgabe des zunächst Holsteinischer Correspondent" heissenden Zeitung heraus. 1724 erschien parallel dazu, mit nahezu gleichem Inhalt, der Hamburgischer Correspondent". Der Verleger dieser Zeitungen war Hermann Heinrich Hollen aus Schiffbek, der 1712 eine Buchdruckerei eröffnete. Zumindest in den ersten 20 Jahren des Erscheinens des Correspondenten druckte Holle manchmal erstaunlich fachkundige astronomische Artikel.
Immer wieder erschienen Meldungen, die astronomischen Ereignissen galten, und der Correspondent war zuweilen schon so etwas wie ein lokales Fachblatt für Astronomie.
| Den Liebhabern der Astronomie wird hiermit benachrichtiget, daß
sie Montags, den 7. dieses, Morgens gegen 7. Uhr, etwa gegen Süd-Ost, wofern die Luft klahr, ein rahres Phaenomenon zu observiren haben werden, welches sich wenige gesehen zu haben werden rühmen können, nemlich den Mercurium nahe beym Mond zur Rechten; und werden diejenigen, so tüchtige Observationes halten können, freundlich ersuchet, zur Aufnahme der Kunst public zu machen, wie weit sie den Mercurium etwan von der unteren Mond-Spitze geobserviret, auch wie sich folgendes Tages die Sonnen-Finsterniß präsentiret." |
Die Angaben in manchen Beiträgen in dem vierseitigen Blättchen waren häufig erstaunlich präzise und enthielten für damalige Verhältnisse bemerkenswert genaue Zeiten und Messresultate. Da die Artikel zudem viele Fachausdrücke enthielten, ist anzunehmen, daß entweder Hollen selbst oder der Autor, der für ihn schrieb, in der Astronomie sehr bewandert war. Als sich beispielsweise am 3. Februar 1730 eine Mondfinsternis ereignete, erschien folgender Beitrag im Correspondenten:
| Am verwichenen Freytag Morgen, den 3ten Februar konte alhier die kleine Mond-Finsterniß, bey klarer Lufft schön gesehen werden, welches jedoch wider vermuhten erfolgte, indem es Abends und Nachts ein trübes und nasses Schnee-Wetter war; es heiterte sich aber der Himmel mit einem Nord-West-Wind gegen die Zeit auf, und erzeigete sich der antretende Erd-Schatten, mit einem mercklichem Vor-Schatten oder dicken Penumbra, welche oben zur lincken, da der Erd-Schatten eintreten solte, schon um 3.Uhr 15.Min. den Mond entröhtete, biß ein paar Min. vor halb 4 der rechte Schatten an den Mond trat, und zwar über dem sinu & mari hyperborco; Des Mondes Diameter wurde dabey befunden auf 30. Min.16.sec. das dunckele Theil näherte sich ferner dem Mari mediterraneo, welches derselbe auch um 3.Uhr 40.Min. erreichte, und stund das dunckele Theil sodan grade oberhalb horizontal; Es nam ferner zu biß an die Insel Cercinna & Sicilia, und so weiter biß 4.Uhr 27. a 28.Min. fast an den Berg Aetna, und oben durch den Pontum Euxinum, etwas über 3½ Zoll, da dasselbe allmählich wieder abnahm, und sich con dem mari mediterraneo abzog, und weiter zur Rechten über den Pontum Euxinum sich wendete, auch immer mehr und mehr abnahm, und sich um 5.Uhr 15.Min. über dem Monte ferrorum zum Ende neigte. Wie aber der völlige Austritt geschehen solte, überzog eine dicke Nebelichte Wolcke den Mond, kurtz vor halb 6. daß man weiter nichts observiren, doch den Austritt auf 28. oder 29. Min. schätzen kundte. Bey dieser Finsterniß ist sonderlich notable die starcke Penumbra oder Vor-Schatten, welcher auch beständig als ein Nebel dem rechten Schatten vorgieng, daß man dafür kaum den genauen Abschnitt des wahren Schattens bemercken kundte. Bey dem Mittel der Finsterniß stund Jupiter mit seinen Trabanten dem Monde zur Rechten auf 11.Gr. 20.Min. von dem Centro des Mondes entfernet." |
Solche ausführlichen Berichte sucht man in den heutigen Tageszeitungen vergeblich.
Vor allem über Johann Beyers Erfindungen wurden Artikel geschrieben aberes fanden sich im Correspondenten auch manch seltsame Anzeigen. So erschien immer einmal wieder eine Anzeige eines Astronomen, der Wettergläser verkaufte. Sein Name blieb unerwähnt, es mag sich aber um Balthasar Mentzer gehandelt haben, der eine Vorliebe für diese Geräte besaß.
| Es dienet denen Liebhabern zur freundlichen Nachricht, daß ein gewisser Astronomus subtile curieuse Wetter-Machinen verfertiget hat, welche ordentlich accurat seyn; Es sind selbige nicht grösser als ein Fingerlang, so man in der Tasche bey sich tragen kan. Es zeigen erwehnte Machinen des Sommers Trocken und Regen, des Winters Frost- und Dau-Wetter, auch ob das gute und regnigte Wetter lange anhält, oder bald nachlässet; das Stück 1. Marck 2.fl. Auch sind zu haben: subtile Thermometer-Gläser, welche des Sommers die Graden der Hitze, des Winters die Graden der Kälte accurat anzeigen, sind mit dem Futteral nicht grösser als ein Fingerlang, so man in der äussersten Tasche tragen kan. Das Stück 1. Marck 4.fl. Diese Curiosa sind in Hamburg in der Schiffer-Gesellschaft zu bekommen." |
Aus dieser skurrilen Meldung ist im astronomisch-historischen Zusammenhang zu entnehmen: neben Hermann Wahn, Johann Beyer und den bis heute namentlich bekannten Forschern gab es Anfang des 18. Jahrhunderts noch eine Reihe weiterer unbekannt gebliebener Astronomen. Nachrichten von ihnen oder über sie gab es sonst nicht.
Buchbesprechungen waren eine ständige Rubrik im Correspondenten, denn gute und interessante Bücher waren damals rar. Sobald neue Bücher in den Hamburger Buchhandlungen feilgeboten wurden, verdienten sie folglich eine Besprechung in der Zeitung. Immer wieder wurden astronomische Werke behandelt, ungeachtet der manchmal sehr merkwürdigen Vorstellungen der Autoren.
1732 erschien ein Bericht über das Buch des Helmstädtischen Physikers, Mediziners und Phiolosophico-Astronomium" Georg Siegesbeck. Dieser stand nach wie vor mit dem kopernikanischen Weltbild auf Kriegsfuß. In seinem Weltbild mischte er die Entfernungen zwischen Erde, Sonne, Mars und den anderen Planeten völlig neu und glaubte beweisen zu können, daß die Erde doch im Zentrum der Welt stehen müsse. Der Correspondent berichtete:
| So billigt er dann zwar an Copernico, daß er die Erde aus dem Centro der Welt herausgehoben und in die Peripherie gesetzet, und giebt hierin seinem Systemate vor dem Ptolemaischen und Tychonischen den Vorzug; Aber daß er die Sonne tieff unter die Erde in einer unermeßlichen Weite in den Mittel-Punct des Himmels gesetzet, damit ist er nicht zufrieden, weil es wider die wahre Beschaffenheit des Systematis Cosmici, und wider den Auspruch Salomonis in seinem Prediger ist, da ausdrücklich gesagt wird: die Erde sey infra Solem. Er rechnet hierauf nach dieser Weise die Grösse des Circuls aus, welchen die Erde in ihren jährlichen Lauf würde zu beschreiben haben, und ziehet daraus den Schluß, daß wenn ein so grosser Cörper als unsere Erd-Kugel ist, eine so weite Reise thun sollte, die tägliche Drehung um ihre Achse ohnmöglich so sanffte und unvermerckt geschehen, sondern wegen ihrer gewaltsamen Geschwindigkeit denen Einwohnern des Erdbodens unerträglich fallen würde." |
Nach Siegesbecks Vorstellungen hätte wohl die rasante Fahrt der Erde durch den Weltenäther alles Leben hinweggerissen - die unvorstellbar hohe Geschwindigkeit der Erde um die Sonne ließ den Geist verzweifeln, war doch die Pferdekutsche das schnellste Fortbewegungsmittel der damaligen Zeit. Siegesbecks alternative Erklärungen des Planetensystems waren allerdings auch nicht die ideale Lösung, mit ihr hatte nun wieder der Correspondent seine Schwierigkeit:
| Aus diesem Verhalt des Standes der Erden gegen der Sonnen ziehet er einen andern Schluß, der ad absurdum bringet, den wir aber, wegen Mangel der nöthigen Einsicht, nicht verstehen." |
Sigesbeck nämlich glaubte, die Sonne müsse viel kleiner sein, damit auf der rasanten Fahrt der Erde um die Sonne nicht ständig Sturm und Unheil auf der Erdoberfläche drohe. Er berechnete daher eine Sonnengröße, die der Erde entsprach. Damit wurden zwangsläufig die Abstände kleiner und, wie gewünscht, auch die Geschwindigkeiten. Da Siegesbeck zudem noch die Stellung der Planeten neu verteilte indem er den Mars zwischen die Erde und die Sonne setzte, war dem Correspondenten nach der Lektüre des Buches nichts mehr klar, so daß er zum Abschluß der Buchbesprechung einen Ausspruch des zeitgenössischen Dichter Canitz als Fazit abdruckte:
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Die Erde wird bewegt, im Himmel Lerm gemacht."
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Artikel mit den skurrilsten Inhalten waren überhaupt im Correspondenten nicht selten. Da erschienen Notizen über cabbalistische Rechnungen, und in einer anderen Buchbesprechung wird von der ehedem beschrieenen Materie der Vampyrs und denen seit einigen Jahren darüber ans Licht gegebenen Schriften" berichtet. Ein Diacon namens M. Michael Ranfft aus Nebra hatte nämlich 1734 ein Buch mit dem Titel Tractat von dem Kauen und Schmatzen der Todten in Gräbern, worin die wahre Beschaffenheit der Ungarischen Vampyrs und Blutsauger gezeiget" veröffentlicht.
Den Reiz solcher Schauergeschichten hatten also schon die frühen Tageszeitungen verstanden und sie absatzfördernd ins Blatt gehoben.