Johann Elert Bode
der erste Berufsastronom Hamburgs

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Auf eine öffentliche Schule ging Johann Elert Bode nicht, denn sein Vater, Johann Jacob Bode, unterhielt eine private Handelsschule für „Comtoir-Wissenschaften". Also erhielt auch Johann Elert, der am19. Januar 1747 geboren wurde, täglich fast 9 Stunden Unterricht in Buchhaltung, Kassenführung, Schreibarbeiten und Federzeichnen. Mit 17 Jahren mußte Johann Elert Bode selber in der Schule mithelfen, teils durch Beteiligung am Unterricht, teils durch Hausbesuche.

In seiner Freizeit vertiefte er sich in Mathematik- und Geographielehrbücher und zeichnete Landkarten. Seine Begeisterung schaffte die Grundlage dafür, daß Bode der erste Hamburger Astronom wurde, dem diese Wissenschaft zum ausschließlichen Beruf wurde - wenn auch nicht in Hamburg, sondern in Berlin. In einer Selbstbiographie erinnert sich Bode, was ihn für die Astronomie einnahm:

 
Genug, er erinnert sich noch froh der glückseligen Stunden seiner Jugendjahre, in welchen sein Auge und Nachdenken zuerst auf diese erhabensten unter allen Naturgegenständen geführt und sein Herz, ob ihrer und ihres Urhebers Größe und Trefflichkeit, Gefühle der Rührung und Anbetung empfand. Er hat oft geheime Ahnungen, daß diese Lieblingsbeschäftigung ihn in der Zukunft wohl noch zur Erreichung höherer Zwecke führen würden."

Um den Himmel besser beobachten zu können, kroch er auf den elterlichen Dachboden, denn dort hatte er aus der Dachluke ein freieres Gesichtsfeld.

 
.. weswegen er gewöhnlich von den Fenstern des Dachbodens aus, Sterne und Planeten aufsuchen, ja um über benachbarte Häuser völlig wegsehen zu können, zuweilen gar auf das Dach des väterlichen Hauses steigen mußte und sich deshalb Beschwerden und Vorwürfen aussetzte. Diese Schwierigkeiten nahmen zu, als er sich zuletzt ein blechernes, 14 Fuß langes Fernrohr zu den Beobachtungen des Firmaments anschaffte, denn es war ihm, bei dessen Gebrauch, kein Fenster hoch genug und überall Wände, Dächer und Schornsteine im Wege."

Bis zum Jahr 1756 war die Astronomie lediglich Bodes Freizeitbeschäftigung gewesen. Durch einen Zufall wurde sein mathematisches Interesse nun so gefördert, daß er sie später als Beruf ausführen konnte. Sein Vater war krank geworden und der Hausarzt mußte einen Fachkollegen zu Rate ziehen: Johann Albert Heinrich Reimarus. Auf einem dieser Besuche beobachtete Reimarus, wie der junge Bode auf einem Blatt Papier Daten und Skizzen über eine Sonnenfinsternis vor sich hin kritzelte. Er steckte das Papier ein und zeigte es bei nächster Gelegenheit dem Mathematikprofessor Büsch, der kurz darauf den jungen Bode zu sich rief und ihn ermutigte, mit diesen Arbeiten fortzufahren. Büschs Bibliothek und seine astronomischen Instrumente standen Bode fortan zur Benutzung frei.

1766 erschien Bodes erste Veröffentlichung über die Sonnenfinsternis, die sich am 5. August des Jahres ereignen sollte. Die Berechnungen hatte er mit Hilfe der Tafeln und Methoden des französischen Astronomen LaCaille selbst durchgeführt. Nach diesem gelungenen Einstieg als Astronom und auch dadurch, daß Bode immer häufiger über den Sternenhimmel ausgefragt wurde, forderte Büsch ihn auf, eine kleine Schrift zu verfertigen, worin jedermann sich über den Sternenhimmel informieren konnte. Diese zunächst monatlich erscheinenden Hefte wurden nach Ablauf eines Jahres zur Grundlage des 1768 herausgegebenen Buches „Deutliche Anleitung zur Kenntnis des gestirnten Himmels". Dieses bald äußerst populäre Astronomielehrbuch wurde später wiederholt nachgedruckt. In einem Vorwort schrieb Büsch:

 
Herr Bode, ein junger Liebhaber der Mathematik, welcher mit dem Triebe, der nur bey wenigen Menschen so lebhaft, als bei ihm, sich findet, von frühen Jahren an sich mit der Astronomie, insbesondere mit astronomischen Berechnungen beschäftigt hat, wovon im vorigen 1766sten Jahre ein Beweis in der Berechnung der Sonnenfinsterniß vom 5ten August im Druck hierselbst erschienen ist, bemühet sich, in diesen Blättern eine solche Anleitung zu geben, wodurch ein jeder, bloß durch Hülfe seiner Augen, und ohne weitere mündliche Belehrung, in den Stand gesetzt werden möge, den gestirnten Himmel, und das Merkwürdige, was ihm der Anblick desselben von Zeit zu Zeit darbietet, bekannt zu machen."

Bode führte seine Himmelsbeobachtungen auch in den nächsten Jahren fort und beschrieb sie anschließend in kleinen Publikationen. Am 3. Juni 1769 wanderte der Planet Venus vor der Sonnenscheibe vorbei und so bestieg Bode den Kirchturm in St. Georg, um dieses Ereignis besser verfolgen zu können. Zwar ging die Sonne kurz nach Beginn des Durchgangs unter, den Anfang des Ereignisses konnte er jedoch noch gut verfolgen.

Darstellung des Venusdurchgangs vor der Sonne am 3. Juni 1769.
Gezeichnet von J.D. Fritzsche. (Staatsarchiv Hamburg)

Viele wohlhabende Hamburger besaßen außerhalb der Stadtmauern ein kleines Stück Garten, oft auch mit einem Gartenhäuschen. Bode verbrachte häufig die Nächte im Garten seiner Eltern, um hier in Ruhe die Sternenwelt zu bewundern. Am 29. August 1769 entdeckte er bei dieser „nächtlichen Weile, den Schönheiten des Firmaments nachspähend" im Sternbild Stier seinen ersten Kometen. Noch im September erschien eine weitere Veröffentlichung Bodes, in der er die Wiederkehr des Kometen nach dem Passieren der Sonne ankündigte.

1770 war Johann Elert Bode nun schon stadtbekannt. Neben Büsch und Reimarus zählten vor allem die Dichter Matthias Claudius und Friedrich Gottlieb Klopstock zu seinen Freunden und Gönnern und die Vermutung liegt nahe, daß manche ihrer Gedichte durch Bodes Schwärmereien beeinflusst wurden. In seiner Selbstbiographie beschreibt Bode einen abendlichen Spaziergang mit Klopstock:

 
Als einst an einem heiter gestirnten Abend, in einer Allee am Ufer der Alster, Klopstock sich mit dem Jüngling, von den Gestirnen unterhielt, blickte der unsterbliche Dichter unverwandt zu den lichten Höhen des Firmaments, wurde stille - weinte - schluchzte - voll Empfindung der innigsten Rührung, über Gegenstände, deren Größe und Schönheit zu beschreiben, keine menschliche Sprache Worte hat. - Klopstocks Oden: Die Welten, die Gestirne kannte Bode schon im Manuskript."

Wie schön, und wie hehr war diese Sternennacht,
Eh ich des großen Gedankens Flug,
Eh ich es wagte, mich zu fragen:
Welche Taten täte dort oben der Herrliche?
"

Friedrich Gottlieb Klopstock; "Die Welten", 1764

1777 erschien eine neue Auflage der "Anleitung". Bereits mehrfach waren alle Bände der früheren Auflagen ausverkauft. In dieser neuen Auflage jedoch veröffentlichte Bode eine eigenartige mathematische Beziehung über den Abstand der Planeten zur Sonne. Diese Auffälligkeiten in den Entfernungsdaten der Planeten von der Sonne hatte zwar knapp fünf Jahre zuvor J.D. Titus erwähnt, doch nun wurde die Autorenschaft auch Bode zugeschrieben.

Die „Titus-Bode'sche Reihe", wie sie von nun an genannt wurde, zeigte bis auf Neptun eine erstaunliche Übereinstimmung mit den Meßdaten. Und noch mehr: sie gibt ebenfalls die Position der kleinen Planeten zwischen Mars und Jupiter wieder, die bis zu diesem Zeitpunkt noch unbekannt waren. Bode und Titus vermuteten folglich in einem Abstand von ca. 2,8 Erdbahnradien zur Sonne einen bis dahin unbekannten Planeten.

Als nun 1772 die zweite Auflage der „Anleitung zur Kenntnis des gestirnten Himmels" erschien, riet ihm ein Freund, Exemplare an einflußreiche Professoren in Berlin und Göttingen zu senden. Prof. Lambert in Berlin erkannte Bodes astronomische Fähigkeiten und verschaffte ihm unverzüglich eine Anstellung als Astronom. Im August 1772 verließ Bode Hamburg und blieb bis zu seinem Tod am 23. November 1826 in Berlin.

Bode veröffentlichte in Berlin ab 1774 in jährlichem Abstand ein astronomisches Jahrbuch, das „Bode's Jahrbuch" genannt wurde. Nach seinem Tod wurde dieses Korrespondenz-Sammelwerk als „Berliner Jahrbuch" fortgesetzt. Nach dem Tode Lamberts, 1777, mußte sich Bode eine Zeit lang unabhängig durchschlagen. Einnahmen hatte er lediglich aus dem Verkauf der Anleitungen. Dann jedoch wurde ihm 1787 die Leitung der Berliner Sternwarte angeboten, was er sofort annahm. Die Gunst seines Landesherren Friedrich II nutzend, konnte Bode die bis dahin eher drittklassige Sternwarte um ein drittes Beobachtungsstockwerk ergänzen. Dennoch bescherte auch dieser Ausbau der Sternwarte keine überragende Steigerung der Leistungsfähigkeit und erst Encke, Bodes Nachfolger, erhielt eine neue große Sternwarte, die außerhalb der Stadt neu errichtet wurde.

1801 erschien ein weiteres Hauptwerk Bodes, der Sternatlas „Uranographia" mit 17240 Sternen. Dies war der letzte der großen Sternkataloge „alten Stils". Bis zu Bodes Zeiten wurden die Sternbilder mit großzügigen und phantasievollen Bildern ausgeschmückt. Die späteren Atlanten zeigten Sterne nur noch als nüchterne, wesenlose schwarze Kleckse auf weißem Papier.

Als am 17. August 1786 Friedrich der Große in Berlin starb, glaubte Bode, die bestehenden Sternbilder durch ein weiteres ergänzen zu müssen: Am 25. Januar 1787 schlug er der Versammlung der Akademie der Wissenschaft vor, die Sternbilder Andromeda und Eidechse etwas zu verkleinern und in den freiwerdenden Rest Schwert, Feder und Lorbeerzweig hineinzulegen, und das neue Sternbild „Friedrichs Ehre" zu nennen. Die Versammlung nahm gerührt an. Wenige Jahre später wurde „Friedrichs Ehre" jedoch wieder in die alten Sternbilder zurückverpflanzt.

Am 1. Januar 1801 entdeckte der italienische Astronom Giuseppe Piazzi in Palermo ein sich bewegendes Objekt im Stier. Er glaubte zunächst, er habe einen Kometen gefunden. Aufgrund neuer Bahnbestimmungsmethoden, die von Gauß entwickelt worden waren, gelang es Wilhelm Olbers im Januar 1802, das Objekt erneut aufzufinden. Die ersten Berechnungen der Bahnelemente des Objektes ergaben Werte um 2.74 Erdbahnradien und lagen damit nahezu exakt an der durch die Titus-Bode-Reihe vorhergesagten Entfernung des unbekannten Planeten. Man nannte den ersten (und größten) Kleinplaneten Ceres. Bode wurde umjubelt. Doch schon bald fand Herschel heraus, daß Ceres nur einen verhältnismäßig kleinen Durchmesser besaß. Im März 1802 entdeckte Olbers einen weiteren Kleinplaneten, die Pallas, bei 2.8 Erdbahnradien, und 1804 fand Harding den Kleinplaneten Juno. Die Vesta wurde 1807 von Olbers entdeckt. Alle lagen sie bei etwa der gleichen Entfernung zur Sonne.

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Nach diesem wissenschaftlichen Triumph Bodes folgte nun ein stetiger Abstieg. Bode, der nicht mehr auf die Entwicklungen der Zeit eingehen wollte sondern an der alten Form der Astronomie festhielt, wurde immer weniger in die aktuelle Wissenschaft einbezogen. Die mathematischen Methoden von Gauß und Bessel oder die neuen Beobachtungsinstrumente von Reichenbach, Merz und Repsold gingen an Bode vorbei - er schrieb an seinen Jahrbüchern, die in der Korrespondenzform nun kaum noch jemand lesen wollte. Die mittlerweile existierenden Astronomischen Nachrichten aus Altona waren mit ihren speziellen Fachbeiträgen wesentlich informativer.

1825 übernahm Encke die Berliner Sternwarte, während Johann Elert Bode wie ein astronomisches Fossil fast manisch nur noch Jahrbücher bearbeitete. Am 23. November 1826 starb er bei Arbeiten zum 56. Band von „Bode's Jahrbüchern".

   
 
   
   
   
Venusdurchgang