Ernst Georg Sonnin
Der Baumeister

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Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Astronomie in Hamburg nun auch praktisch angewandt. Wurde sie bis dahin meist philosophisch, im Zusammenhang mit astrologischen Auswirkungen, in theoretischen Gedankengebäuden oder in Lehrbüchern diskutiert, so gewannen jetzt anwendungsbezogene Überlegungen an Bedeutung. Hintergrund war der gesteigerte Weltverkehr verbunden mit dem Bedürfnis einer verbesserten Navigation auf See und die Geographie hoffte auf verbesserte Ortsbestimmungsmethoden, denn Kartenpositionen besaßen oft Fehler von vielen Kilometern. Für die Seefahrt, besonders zur Bestimmung der geographischen Länge, war die Kenntnis der genauen Zeit von größter Wichtigkeit. Vorreiter dieser praktischen Astronomie waren Ingenieure, Landvermesser, Wasserbauer, Kanalaufseher und Feinmechaniker.

Ernst Georg Sonnin stammte ursprünglich aus Quitzow in der Nähe Perlebergs, wo er am 10. Juni 1713 geboren wurde. Seinen Vater, Pastor von Beruf, verlor er, als er 12 Jahre alt war. Seine Mutter brachte ihn nach Altona, wo ein Freund der Familie, der Conrector des Christianeums, Cruse, seit zwei Jahren arbeitete. Cruse kümmerte sich in der folgenden Zeit um die weitere Ausbildung des jungen Sonnins.

Sonnin wohnte im Haus des Töpfers Behn, und mit dessen Lehrburschen Cord Michael Möller schloß er schnell eine enge Freundschaft, die bis kurz vor dessen Tod anhielt. Beide hatten eigene Fähigkeiten, die sie sich untereinander beibrachten. Möller zeigte Sonnin das praktische Zeichnen, Sonnin unterrichtete Möller in Mathematik und im perspektivischen Zeichnen.

Von 1729 bis 1743 studierte Sonnin in Halle und Jena anfangs Theologie, dann Mathematik. Nach dem Studium zog Sonnin nach Hamburg in das Haus seines Freundes Möller. Beide führten einen gemeinsamen Hausstand, und beide blieben unverheiratet. In dieser Zeit versuchte Sonnin den Lebensunterhalt durch die Produktion und den Verkauf kunstfertiger Gerätschaften wie Wasser- und Pendeluhren, Erd- und Himmelskugeln, Nivelliergeräte und Winkelmesser zu verdienen. Ein achromatisches Objektiv konnte er sogar selbst schleifen. Sonnin hatte darüberhinaus ein ganz besonderes Instrument gefertigt:

Unter diesen Arbeiten zeichnete sich besonders ein Instrument aus, das eben die Dienste that, als das jetzt bekannte Theodolit. Man konnte damit Winkel in der Horizontal- und Vertical-Fläche messen. Das ganze Instrument war in einem Spazierstock gebracht, der zugleich das Stativ abgab. In der Krücke befand sich ein Sehrohr mit Filamenten, das in zweyerley Richtungen, in der horizontalen und verticalen, zu bewegen, auch mit einem Niveau versehen war. Der cylinderförmige Theil unter der Krücke enthielt inwendig ein sehr künstliches Räderwerk, welches durch beiderlei Bewegungen des Sehrohrs in Arbeit gesetzt wurde. An den Seiten dieses Cylinders waren Löcher angebracht, aus denen sich durch den Gang des Räderwerks Zahlen hervorschoben, welche die Grade und Minuten der gemessenen Winkel anzeigten."
J.T. Reinke, „Lebensbeschreibung des ehrenwerthen Ernst Georg Sonnin", Hamburg 1824

Auf den Rat seines Freundes Rahausen hin, eines wohlhabenden Hamburger Bürgers, studierte Sonnin zusätzlich Bauwissenschaften. Dieser Freund verschaffte ihm auch den ersten Bauauftrag: eine Bierbrauerei in Altona. Der zweite Auftrag war bereits sein berühmtestes Werk: der Neubau der am 10. März 1750 vom Blitz getroffenen Michaeliskirche.

Hamburg, den 11. März
Nachdem wir seit einigen Tagen solche Witterung gehabt haben, als man sie im Sommer nur wünschen kann, so brach sich dieselbe gestern Morgen mit einem heftigen Winde, worauf um 3/4 auf 11 Uhr ein unvermutheter Blitz, der von
einem ziemlichen Schlage nebst starken Regen und Schloffen begleitet war, erfolgte. Gegen 1 Uhr wurde darauf aus dem Thurm der hiesigen Neuen St. Michaelis-Kirche ein Dampf bemerket, welcher um 1/4 nach 1 in eine betrübte Flamme ausbrach, und darauf diese vortreffliche Spitze nebst der prächtigen Kirche, welche beyde mit von den schönsten öffentlichen Zierden dieser Stadt waren, in einer Zeit von 3/4 Stunden in die Asche legte."

Aus Mangel an zuverlässigen Baumeistern in der Stadt und aufgrund seines Gutachtens über die notwendigen Bauaufgaben an der Kirche erhielt Sonnin im Dezember 1750 den Auftrag für den Neubau. Zehn Jahre lang dauerte der Bau, und am 19. Oktober 1762 konnte der neue Michel in der Bauweise, wie er heute noch in Hamburg steht, eingeweiht werden. Der Turm war eine besondere architektonische Leistung. Er beeindruckte einerseits durch die offene Säulenkonstruktion der Turmspitze, andererseits war es ein aktives Bauwerk, das dem Winddruck teilweise nachgab. Viele andere Türme der damaligen Zeit wurden bei kräftigen Stürmen regelrecht vom Sockel abgedreht.

Nach dem Wiederaufbau der Michaeliskirche folgten noch viele Bauaufträge bis Sonnin am 8. Juni 1794 starb.

Sonnins Bemühungen, die geographische Lage von Hamburg zu bestimmen

Dies war die Überschrift, unter der J.T. Reinke, der Pflegesohn Sonnins, die astronomischen Aktivitäten dieses vielseitigen Mannes beschrieb.

Daß Sonnin mehr als gewöhnlicher Architekt war, darüber sind ... mehrere Fingerzeige gegeben worden. Insbesondere studierte er Astronomie, mathematische Geographie, Physik u.s.w., so viel es seine Hauptgeschäfte ihm nur erlauben wollten, aus den besten Schriften jener Zeit. Kein Wunder also, daß er sich bemühte, die damals noch so sehr verschiedenen Angaben der geographischen Länge von Hamburg, die in der Breite um mehr als 21, in der Länge sogar über 40 Bogenminuten von einander abwichen, näher zu beleuchten und zu mehrerer Gewißheit zu bringen."

Sonnin begab sich für dieses Unterfangen in einigen Wintern ab 1760 auf den damals noch unfertigen Turm des Michels. Das erste, was er dort kontrollierte war die geographische Breite, die Polhöhe Hamburgs. Das Resultat lautete 53°33'00", ein von der heutigen Position nur um knapp 200 Meter abweichendes Resultat - deutlich besser als alle Versuche vor ihm.

Erwägt man nun, daß Sonnin sich bei seinen Observationen gar keiner graduirten oder anderer kostbaren Instrumente, nicht einmal eines Fernrohrs, bediente, so erstaunt man, wie er zu einer solchen Genauigkeit hat gelangen können."

 

Michaeliskirche ohne Turm (um 1760). In diesem Zustand hatte Sonnin
die Plattform für seine astronomischen Beobachtungen genutzt. (Staatsarchiv Hamburg)

Nach diesen Messungen wagte sich Sonnin nun auch an die Bestimmung der geographischen Länge.

Er versuchte die Methoden der Mondsfinsternisse, der Jupiters-Trabanten u.s.w.; allein er fand immer noch zu viele Varianten, weswegen er auch dem Publikum das Resultat dieser Bemühungen nicht mittheilen mochte. Zuletzt trat er der Meinung bei: die Sonnenfinsternisse könnten hierzu vielleicht bessere Dienste leisten."

Am 1. April 1764 sollte in Hamburg eine große Sonnenfinsternis eintreten. Manche Rechnungen ergaben, daß es sich sogar um eine ringförmige Finsternis handeln sollte. Es wurde allerdings nur eine partielle Finsternis. Anläßlich dieses Ereignisses berichtete sogar der Hamburgische Correspondent:

Dieses vielen Tausenden so angenehme Schauspiel ist ... auch auf dem Thurm zu St. Michaelis von dem Herrn Baumeister Sonnin mit vielem Fleiß und Genauigkeit beobachtet worden."

Das Ergebnis war leider ein Fiasko und hatte den gegenteiligen Effekt: Sonnin beschloß nämlich, keine weiteren astronomischen Beobachtungen mehr zu machen. Wie es zu diesem Entschluß kam, erinnerte sich Reinke:

... muß ich ... leider hinzufügen, daß aus der ganzen Operation das beabsichtigte Resultat, eine Längen-Bestimmung daraus herzuleiten, nicht hervorgehen konnte. Warum nicht? Die Zeitbestimmung, das aller Hauptsächlichste was hier erforderlich, war zweifelhaft, das heißt: der Gang der beiden Pendeluhren, die bei der Observation gebraucht wurden, harmonirte schlecht, und es ging daraus hervor, daß die Beobachtungen der Culmination der Sonne, vor, bei und nach der Hauptobservation, nachläßig und fehlerhaft geschehen seyn mußten. Sonnin ließ diesen Theil der Arbeit von einem Manne besorgen, dem er zuviel Zutrauen geschenkt hatte. Sobald Sonnin von diesem Fehler sich überzeugt hatte, war er nicht mehr zu bewegen, irgend Etwas von dieser Sonnenfinsternis-Beobachtung bekannt zu machen. Zugleich verlor er allen Muth, wiewohl er damals erst 54 Jahre alt war, sich weiterhin mit der practischen Astronomie zu beschäftigen, und verwandte von nun an alle seine Kräfte und Talente auf Dinge, die ihm näher angingen".

Sonnin war ein Original der Stadt; in der Form seines Auftretens wie in Äußerlichkeiten.

Seine Kleidung schien für Einige etwas sonderbar zu seyn, war es aber nicht; ..."

So ging er bis ins hohe Alter hinein immer mit einem Degen an der Hüfte auf die Straße. Seine altmodischen Anzüge machten ihn mancherorts zur Witzfigur. Bekannt war vor allem sein stets abgegriffener Dreizackhut. Sonnin sah Kleiderfragen jedoch gelassen:

Laßt mich doch in meinen noch tauglichen Kleidern so lange in der Welt herumschleichen, als ich noch lebe. Wenn nun auch mancher sagt: seht, da kommt das Gespenst von Sonnin her, über mich lächeln oder lacht; was schadet es? ihr sollt sehen, daß ich noch eben so gut Lachen mit Lachen erwiedern kann, wie vormals Democritus es gekonnt hat."

Sonnin war ein Menschen- und vor allem ein Kinderfreund. Reinke, der nach dem Tod der Eltern zusammen mit seiner Schwester bei Sonnin aufwuchs, berichtete, wie ihm und seiner Schwester die Angst vor nächtlichen Gespenstern genommen wurde. Anläßlich einer Walpurgisnacht inszenierte Sonnin für die beiden ein nächtliches Schauspiel:

Nach dem Abendessen rief er uns zu sich, und eröffnete uns, er wolle in dieser schönen Nacht einmal den Hexenritt nach dem Blocksberg mitmachen, und fragte ob wir ihn begleiten wollten. ... Wir nahmen drei Bohnenstaken, setzten uns auf und der Ritt begann. Wir - Sonnin vorauf - gallopierten aus unserem Garten durch die Alsterhorststraße nach dem Pferdemarkt, wo wir um Mitternacht mit dem Schlage 12 ankamen. Dann ritten wir dreimal um die Pferdemarkt-Nachtwache herum. Die Nachtwächter hatten insgeheim einen Wink und ein Trinkgeld bekommen, um uns nicht zu stören. Nach jedem Umritt rief Sonnin laut: Alrune! (Dies sollte uns nach Ort und Stelle bringen) sie erschien aber nicht. Sonnin stellte sich ganz verwundert und gab zu verstehen: es müsse irgend ein Fehler von uns begangen seyn. Wir ritten darauf wieder nach Hause und der Spaß war vorbei."

Anschließende Gespräche besiegten dann endgültig die Gespensterfurcht. Solche Eigenwilligkeiten ließen Sonnin in Hamburg zum beliebten Sonderling werden.

Nach seinem Tod setzte ihm die Stadt ein Denkmal.

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J.T. Reinke