Johann Theodor Reinke
Der erste astronomische Arbeitsunfall

Navigation

Beim Tode seines Vaters wurde Johann Theodor Reinke (10.4.1749 - 30.1.1825) mit dreizehn Jahre zum Waisen. Schon zwei Jahre vorher war er in das Haus seines Onkels Cord Michael Möller gezogen, wo er nun bleiben konnte. Bald schon fühlte sich Reinke mehr zu Ernst Georg Sonnin hingezogen, der mit Möller den Hausstand teilte. Die Freundschaft zwischen Reinke und Sonnin erwies sich als so stark, daß später, als Sonnin und Möller sich entzweiten, Reinke zu Sonnin hielt.

Sonnin gab Reinke auch den bisher kaum genossenen Schulunterricht, besonders in Mathematik und lateinischer Sprache. Als Lohgerber war Reinkes Vater nicht in der Lage gewesen, seinen Kindern eine ausreichende Erziehung zu finanzieren. Seine Mutter hatte noch versucht, das Geschäft allein weiterzuführen, verschuldete sich aber so stark, daß sie es aufgeben mußte.

Reinke war bald selbst in der Lage, in theoretischer und angewandter Mathematik sowie im Planzeichnen Unterricht zu geben. Eine andere kleine Erwerbsquelle war das Anfertigen von Tambourinnadeln, ein damals häufig geforderter Gegenstand. Mit Zeichenarbeiten, dem Ausmessen und Anfertigen von Karten sowie deren gutachterliche Auslegung verschaffte er sich ab 1778 ein weiteres Zubrot.

Seinen Hauptverdienst bestritt er jedoch bis 1787 mit Arbeiten für den Kaufmann Olde, der in Poppenbüttel eine Kupferschmiede unterhielt. Als es aufkam, Schiffe an exponierten Stellen mit Kupferblechen auszukleiden, reiste Reinke für Olde nach England, um sich die dort üblichen Techniken anzueignen. Wieder in Hamburg entwarf er eine besondere Kupfermühle, die das Kupfer auf die notwendige Stärke auswalzen konnte. Diese Anlage war damals einzigartig im Hamburger Raum, und Olde hütete sie wie ein Staatsgeheimnis.

Diese Arbeiten mit Schiffen und das Anfertigen von Karten vertieften Reinkes Interesse an der Elbe. Am 27. Dezember 1785 legte er dem Senat den Vorschlag vor, man möge einen Mann beordern, der in regelmäßigen Abständen den Wasserstand der Elbe und die Wetterlage notieren sollte, um aus diesen Werten eine Vorhersage der Tiden für Hamburg berechnen zu können. Dies wurde vom Senat bereits eine Woche später angenommen und ein Unteroffizier las nun beim Blockhaus und beim Niederbaum die Pegelstände ab. Im Mai 1787 wurde ein neuer Flutmesser installiert. Aus den Pegelmessungen von über 15 Monaten konnte Reinke einen ersten Tidenkalender ausarbeiten, der um vieles genauer war als alle früheren Angaben. Die unmittelbare Folge war, daß ab einer gekennzeichneten Pegelmarke die Bevölkerung der Stadt durch Böllerschüsse auf die Überflutungsgefahr hingewiesen werden konnte.

1787 befreundete sich Reinke mit dem Stadtsyndikus Sillem. Sillem verschaffte ihm noch im selben Jahr eine öffentliche Anstellung als allgemeiner Grenzaufseher bei einem jährlichen Gehalt von 900 Mark. Da Reinke jedoch auf einige seiner vielen Nebeneinnahmen verzichten mußte, erhielt er Zulagen in gleicher Höhe sowie 300 Mark für einen „Gehülfen" und 300 Mark Reisekosten. Gleich im ersten Jahr seines Amtes konnte Reinke die erste brauchbare Karte der Elb- und Wesermündung vorlegen. Einer der ersten Gehilfen wurde Johann Georg Repsold, der ihm vom Elbkontrolleur Woltman in Ritzebüttel empfohlen worden war. Auch später holte Reinke häufig den Rat Woltmans ein, etwa bei der Begutachtung eines Deichbruchs bei Ochsenwerder im Jahr 1792. 1796 wurde Reinke zum „Strom- und Canalbau-Director" ernannt. Diesen Posten behielt er auch während der Besetzung durch die Franzosen 1811 -1815. 1815 wurde er jedoch wieder zum Grenzaufseher degradiert und die Direktion des Hamburgischen Strom- und Uferbauamtes übernahm Woltman.

Wo liegt Hamburg?

Im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts wurde es immer dringlicher, daß neue und exakte Karten zu erstellen waren. Die zuverlässigsten Ortsbestimmungsverfahren beruhten damals auf astronomischen Beobachtungen.

Auch Reinke führte seine astronomischen Beobachtungen hauptsächlich mit dem Ziel durch, Hamburgs geographische Lage zu verbessern. Von ihm mag der junge Repsold, der ab 1789 bei ihm arbeitete, astronomisch inspiriert worden sein. Ein anderer Schüler Reinkes, Gebauer, stellte seinen meßtechnischen Talenten allerdings kein überragendes Zeugnis aus.

Er versuchte sich in vielen Dingen, besonders nahm er sich solche vor, die ins Leben eingriffen und augenblicklich von Nutzen seyn konnten; aber in tiefsinnige Untersuchungen deren Nutzen etwa nur darin bestand, den Scharfsinn des Erfinders zu zeigen, ließ er sich nicht ein, und er konnte es auch nicht, theils wegen Mangel an Zeit, theils weil ihm die nöthigen Vorkenntnisse fehlten, die er in seiner Jugend sich nicht hatte aneignen können. In der Astronomie konnte er es daher, wie begreiflich, nicht weit bringen, obgleich er diese Wissenschaft mit Recht hoch erhob, sie liebte und zu seinen angenehmsten Beschäftigungen rechnete."

Gleich seine erste astronomische Veröffentlichung „Anweisung, aus einer beobachteten Distanz des Mondes von der Sonne oder einem Fixstern die geographische Länge zu finden, wobey der Gebrauch des Englischen Nautical-Almanac und der dazu gehörigen Tables requisite etc. erfordert wird"im Jahr 1803 erschütterte seinen Veröffentlichungseifer, denn Zach verriß dieses Werk in der „Monatlichen Correspondenz" als Plagiat einer englischen Veröffentlichung, die zwanzig Jahre früher erschienen war. Reinke hat sich später oft über diese Beurteilung beklagt, denn Literatur war ihm damals kaum zugänglich.

Mit der geographischen Ortsbestimmung hatte sich Reinke immer schon befaßt, und er berichtete über die Ergebnisse seiner Koordinatenbestimmung immer häufiger in Zachs Monatlicher Korrespondenz. So sehr sich Reinke auch bemühte, seine Resultate erfüllten nicht die Erwartungen. Obendrein büßte er durch einen Beobachtungsfehler die Hälfte seines Sehvermögens ein.

Er beobachtete aber auch und berechnete Sonnen- und Mondfinsternisse. Einst aber verlor er bei der Beobachtung einer Sonnenfinsternis, indem er einen künstlichen Horizont gebrauchte, sein rechtes Auge, welches wenige Tage nach der Beobachtung erblindete und ihm für immer seinen Dienst versagte."

Dementsprechend haben seine Sonnenfinsternisbeobachtungen keine sonderlich genauen Positionen geliefert. In Zachs geographischen Ephemeriden klagte 1799 ein Astronom über die unzureichende Ortsbestimmung Hamburgs. Die Beobachtungsdaten der Sonnenfinsternis vom 3. April 1791 (der Beobachter wurde nicht mitgeteilt, wahrscheinlich war es aber Reinke) seien sehr schwankend gewesen. Er schrieb:

All diese Resultate nöthigen uns den Wunsch ab, daß man doch in Hamburg einige Stern-Bedeckungen sicher beobachten, aber zu gleicher Zeit sich auch der Zeitbestimmung dabey versichern möge, um uns in den Stand zu setzen, die Länge der vorzüglichsten See-Stadt in Deutschland mit Zuverlässigkeit bestimmen zu können."

Die vielen Meßversuche Reinkes waren in der Tat nicht überragend. 1804 gab Reinke in den Hamburger Adress- Comptoir-Nachrichten beispielsweise folgende Resultate bekannt:

Länge: 28°15', Breite: 53°32'40''

Diese Angaben bezeichnen einen Punkt in der Nähe des Ortes Kankelau, südlich von Mölln und 40 km von der wahren Position, der Turmspitze des Michels, entfernt.

Dennoch ließ sich Reinke nie entmutigen. Er bestimmte weiterhin die Polhöhe und die Länge von Hamburg, und auch vor der Beobachtung weiterer Sonnenfinsternisse schreckte er nicht zurück.

Reinke beschäftigte sich auch mit der geographischen Triangulation. Gelegenheit bekam er dazu besonders zur Zeit der französischen Herrschaft über Hamburg. Gebauer zitierte Reinke selbst:
Die Wilhelmsburger Brücke, welche die Franzosen errichtet hatten, bot eine vortreffliche Gelegenheit dar, auf derselben, ganz nahe bei der Stadt ... eine Standlinie, beinahe achteinhalbtausend Fuß lang, ausmessen zu können. Hierzu gesellte sich ein anderer, für meine Operation sehr günstiger, in jeder anderen Rücksicht freilich höchst trauriger Umstand, nämlich dieser: Marschall Davoust hatte in der Nähe von Hamburg und unverzüglich in der Marschgegend, fast alle Bäume weggehauen, auch eine große Anzahl von Gebäuden demolieren lassen. Dadurch war der Gesichtskreis in der Nähe und Ferne ganz ungemein frei geworden."

Da ihm jedoch sein Theodolit zu ungenau war, und er von der Stadt trotz Stiftungsaufruf keinen besseren erhielt, konnte er lediglich eine geringee Anzahl trigonometrischer Punkte vermessen.

Häufig unterstützte ihn sein Schüler G.N. Harmsen bei seinen nächtlichen Beobachtungen. Beide standen dann an Reinkes „fünfzehnzolligen messingenen Sextanten von Nairne und Blunt" oder am „dreyfüßigen achromatischen Fernrohre, das im Durchmesser etwa dreyßigmahl vergrößert". Die Meßreihen wurden sorgfältig gemittelt.

Die aus den Höhen des Polar-Sterns gefundene Breite möchte wohl nicht sehr genau seyn, weil ein Unterschied von beynahe 3' darunter ist. Auch weiß ich gewiß, daß für Aberration und Nutation nichts in Rechnung gebracht worden ist. Läßt man nun diese Breite weg, so gibt das Mittel der vier letzten 53°34' 32'' für die Breite von Hamburg, welche der Wahrheit ziemlich nahe kommen dürfte."

Die Wahrheit lag wieder einmal etwa 2,8 km südlicher.

Trotz dieser großen Abweichungen muß Reinke zugute gehalten werden, daß er sich als einer von Wenigen überhaupt an diese schwierige Materie heranwagte.

Angesichts der Resultate Reinkes hoffte der Astronom Triesnecker 1799 auf genauere Ortsbestimmungen durch einen befähigten Astronomen:

Hierzu ist nunmehr Hoffnung, da sich Dr. Horner gegenwärtig in Hamburg befindet, und mit astronomisch-geographischen Bestimmungen beschäftigt ist."

Dies war in der Tat ein glücklicher Umstand für die Astronomie in Hamburg. Horner benötigte für seine vermessungstechnischen Aufgaben neue brauchbare Meßinstrumente. Um sich diese anzufertigen, suchte Horner nach gutausgerüsteten mechanischen Werkstätten und fand auf diesem Weg den jungen Spritzenmeister Repsold. Das Interesse, das Horner bei Repsold weckte,legte den Grundstein für die Entstehung der späteren Hamburger Sternwarte. An den Gründungsbemühungen war auch J.T. Reinke maßgeblich beteiligt.

home
zurück
   
 
   
Sonnin
   
Woltman
   
Polhöhe
   
J.G. Repsold