Aufklärung - Neubeginn im 18. Jahrhundert

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Die Astronomie war, wie auch die anderen Naturwissenschaften, am Anfang des 18. Jahrhunderts in einen Dornröschenschlaf versunken. So wie es sich bereits am akademischen Gymnasium gegen Ende des 17. Jahrhunderts abgezeichnet hatte, erschienen bald im gesamten Hamburg kaum noch naturwissenschaftliche Beiträge. Ausnahmen wie Johann Beyer oder Hermann Wahn waren selten. In einem Vortrag für die Naturwissenschaftliche Gesellschaft in Hamburg, gehalten 1885, beschrieb K.G. Zimmermann die Situation:

In der ersten Hälfte des 18ten Jahrhunderts scheint nun aller Sinn für Naturkunde aus Hamburg verschwunden zu sein, so wie überhaupt damals jedes wissenschaftliche Streben in den durch bürgerliche und kirchliche Streitigkeiten hervorgerufenen Unruhen untergegangen zu sein scheint. Selbst von den der Staatsbibliothek geschenkten Sammlungen existierte bei der Ankunft des Herren von Uffenbach in Hamburg im Jahre 1710 keine mehr. Schon gegen Ende des vorigen Jahrhunderts mußte die Naturgeschichte dazu dienen, den Wert und die Notwendigkeit der Gottesverehrung durch die Betrachtung und Bewunderung der Natur zu beweisen, und so entstand die physico-theologischen Dichtungen und Schriften von Senator Berthold Hinrich Brokes , Dr. Johann Albert Fabricius, K.L. Lesser u.a.m.
Gegen Ende der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts erschienen wieder einige wissenschaftliche Werke.
Der zweite Abschnitt mehr wissenschaftlichen Strebens in der Naturkunde beginnt aber eigentlich erst mit den beiden Reimarus, ungefähr um das Jahr 1760. Es war dieses überhaupt das Zeitalter der Entwicklung der mathematischen Wissenschaften, der Physik, Chemie und Astronomie. Es ist daher erklärlich, daß auch hier diese Wissenschaften, besonders aber Physik und Astronomie vorzugsweise kultiviert wurden. Der junge Reimarus, Büsch, Bode, Kirchhoff und Hipp waren die Hauptvertreter der mathematischen Wissenschaft."

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begann daher auch eine erneute Regsamkeit in der Astronomie. Zwei der bedeutendsten Astronomen dieser Zeit, Bode und Encke, stammen aus Hamburg und haben in ihrer Jugend dazu beigetragen, daß sich das astronomische Geschehen in ihrer Heimatstadt ausbreitete. Gegen Ende des Jahrhunderts wagten es dann selbst Amateure wie Georg Eimbcke, sich in der astronomischen Fachliteratur mit Aufsätzen zu melden.

Hamburger Gesprächszirkel

In Hamburg wurde das naturwissenschaftliche Interesse Mitte des 18. Jahrhunderts hauptsächlich durch drei angesehene Persönlichkeiten der Stadt wieder ins Leben zurückgerufen: Hermann Samuel Reimarus, sein Sohn Johann Albert Heinrich Reimarus und Johann Georg Büsch. Alle drei gehörten zur bürgerlichen Oberschicht der Stadt und waren bald führende Persönlichkeiten der Aufklärung.

 
Hermann Samuel Reimarus. (Staatsarchiv Hamburg) Johann Albert Reimarus (Staatsarchiv Hamburg)

Hermann Samuel Reimarus wurde am 22. Dezember 1694 in Hamburg geboren. Bereits kurz nach Abschluß seines Studiums schloß er sich 1722 dem Philosophen Christian Wolf an, der einer der führenden Köpfe der Aufklärung war.

Am 8.6. 1728 kam Reimarus zurück nach Hamburg, um die Mathematikprofessur am akademischen Gymnasium zu übernehmen, die vorher Balthasar Mentzer inne hatte.

In Reimarus' Haus trafen sich bald viele Naturwissenschaftler. Es galt als der Mittelpunkt eines Kreises, der sich mit aufklärerischen Fragen beschäftigte. Aus diesem Kreis entwickelte sich 1765 die Patriotische Gesellschaft.

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Gedanken über die Aufklärung veröffentlichte Reimarus in mehreren Werken. Seine Ideen, besonders seine Kritik an der Theologie, schrieb er zwar in einem Manuskript „Schutzschrift für die vernünftigen Verehrer Gottes" nieder, zögerte eine Veröffentlichung jedoch immer wieder hinaus. Daß seine Befürchtungen nicht unbegründet waren bekam Ephraim Lessing zu spüren, als er nach Reimarus' Tod Ausschnitte daraus unter dem Titel „Fragmente eines Unbekannten" veröffentlichte und sich den Zorn der Kirche, besonders des Hauptpastors an der St. Katharinenkirche, Johann Melchior Goeze, zuzog.

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Und dennoch, als Reimarus am 1. März 1768 starb, war er aufgrund seines Wirkens zur Kultfigur für die sich neu entwickelnden Naturwissenschaften in der Hansestadt geworden.

Reimarus' Sohn, Johann Albert Heinrich (11.11.1729-6.6.1814), führte die Gesprächszirkel seines Vaters weiter. Nachdem er 1757 sein Medizinstudium beendet hatte und in Hamburg eine Praxis eröffnet hatte, wurde auch sein Haus eines der Zentren des naturwissenschaftlichen Geschehens in Hamburg. Durch das Ansehen, das er auf diese Weise in der Stadt genoß, konnte er vielen naturwissenschaftlichen Talenten die Möglichkeit der Weiterbildung verschaffen.

Im Alter von 67 Jahren übernahm J.A.H. Reimarus das Amt eines Professors für Naturlehre am akademischen Gymnasium, weil ihn „insbesondere der Reiz dieser Wissenschaft bewog". Mit 84 Jahren mußte Reimarus wegen der französischen Besetzung Hamburgs nach Rantzau nördlich von Plön flüchten, dort starb er am 6. Juni 1814.

Johann Georg Büsch (Staatsarchiv Hamburg)

Der dritte Hamburger, der die Naturwissenschaften zu neuem Geist verhalf, war Johann Georg Büsch, der am 3.1.1728 in Alt-Medingen bei Lüneburg geboren wurde. Er besuchte das akademische Gymnasium und ging 1748 auf Wunsch seines Vaters nach Göttingen, um Theologie zu studieren. Sein theologisches Interesse war nicht das größte, er befaßte sich mehr mit Philosophie und Mathematik. Drei Jahre später kehrte er zurück nach Hamburg und bewarb sich als Kandidat beim geistlichen Ministerium, der Kirchenleitung, wo er am 22. November 1755 angenommen wurde. Zu Hause setzte er seine mathematischen Studien fort, und bereits ein Jahr später erhielt er unerwartet eine Professur für Mathematik am akademischen Gymnasium.

Büsch liebte es, längere Reisen zu unternehmen und sich über die Naturwissenschaften aller Art zu informieren. So wurde er bald zu einem geschätzten Gesprächspartner in Hamburg. Hinzu kam, daß seine Vorträge stets präzise formuliert waren und - anders als die damals üblichen langatmigen Darstellungen - ohne große Schnörkel sofort mit dem Hauptthema begannen.

Seine vielen Schriften spiegeln mit ihrer großen Anzahl von Themen die Vielfalt seiner Interessen wieder. Er veröffentlichte Beiträge über das Wetter, über seine Reiseerlebnisse, über Baumaschinen, über die Insektenvertilgung, über Ebbe und Flut, über die Rettung von Ertrunkenen, über Kindererziehung, viele Beiträge über Handel und Staatswirtschaft sowie auch über mathematische Probleme. Durch sein Engagement entstanden eine Reihe angesehener Hamburger Gesellschaften und Lehranstalten. 1767 gründete er die nach ihm benannte Büsch-Akademie. Diese Handelsakademie wurde der Vorläufer aller späteren Handelshochschulen. 1765 initiierte er die „Hamburgische Gesellschaft zur Beför
derung der Künste und der nützlichen Gewerbe" und wurde sogleich deren erster Vorsitzende. Zu den Gründungsmitgliedern zählten neben Büsch die beiden Reimarus und Ernst Georg Sonnin. Diese Gesellschaft wurde bald „Patriotische Gesellschaft" genannt. Unter ihrer Betreuung wurde ein regelmäßiger Navigationsunterricht für Seeleute eingerichtet, der von P.H.C. Brodhagen geleitet wurde.

Den guten Sitten der damaligen Zeit entsprach es, daß ein angesehener Naturwissenschaftler ein naturhistorisches Kabinett besaß. Dieses bestand entweder aus Mineralien, Schmetterlingen und gepreßten Pflanzen oder aus einer Sammlung technisch-physikalischer Gerätschaften. Folglich besaß Büsch ein technisches Kabinett, zu dem auch mehrere astronomische Instrumente gehörten. Da keine seiner vielen Veröffentlichungen sich mit astronomischen Themen befaßte, ist nicht anzunehmen, daß Büsch diese Geräte häufig genutzt hat. Messingblinkende Fernrohre paßten wohl besser in die gediegene Atmosphäre einer großen Privatbibliothek (3200 Bände), als daß sie nachts auf die kalte Terrasse geschleppt wurden. Die Instrumente stellte Büsch jedoch den von ihm geförderten Schützlingen großzügig zur Verfügung.

Mit einer unheilbaren Augenschwäche, die ihn nahezu vollständig erblinden ließ und nachdem ihm eine chronische Nierenentzündung stark zusetzte, starb Johann Georg Büsch am 5. August 1800.

Neben Brodhagen gelangte die Astronomen Johann Elert Bode und Johann Franz Encke, die beide Direktoren der Berliner Sternwarte wurden, in den Genuß der Büschschen Förderung.


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