Carl Rümkers Hamburger Sternverzeichnis
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Bereits kurz nach seiner Amtsübernahme als Direktor hatte Richard Schorr noch in der alten Sternwarte ein wichtiges Projekt übernommen: Er wollte die von Charles Rümker in den Jahren 1836 - 55 beobachteten 12.000 Sternpositionen völlig neu überarbeiten und die gemessenen Daten in Katalogpositionen umrechnen.

Die Mehrzahl dieser Positionsbestimmungen ist in dem Sternverzeichnis „Mittlere Oerter von 12 000 Fixsternen" und den Nachträgen „Neue Folge, Nullte bis Sechste Stunde" enthalten, jedoch existirt noch eine beträchtliche Anzahl von Beobachtungen, die überhaupt noch nicht reducirt und veröffentlicht sind. Die in den Sternverzeichnissen publicirten Fixsternörter haben sich indessen in sehr vielen Fällen nicht als zuverlässig erwiesen, da sie durch Fehler entstellt sind, die zumeist nicht den Beobachtungen, sondern der sehr eilig und wenig kritisch durchgeführten Reduction zuzuschreiben sind. Eine neue Reduction des gesamten Materials nach richtigen Principien und in kritischer Weise ist daher ein dringendes Bedürfnis geworden."

schrieb Schorr. Die Leitung dieses Projektes hatte Franz Dolberg.

Obwohl Ende des vergangenen Jahrhunderts immer wieder Stimmen laut wurden, den Sternkatalog von Carl Rümker zu überarbeiten, hatte George Rümker stets eine große Abscheu gegenüber diesen Arbeiten gezeigt. Schließlich, nachdem in Berlin durch Auwers der erste „Catalog der Astronomischen Gesellschaft" herauskam, und bei vielen Sternen erhebliche Abweichungen festgestellt wurden, mußte auch George Rümker einlenken. Er übergab die Nachforschungen nach den Fehlerursachen seinem damaligen Observator Richard Schorr, der sich begierig auf das Datenmaterial stürzte.

Schorr dehnte die Nachforschungen über die Auwersche Mängelliste auch auf die Beschwerden anderer Beobachter (C.H.F. Peters, Kreutz in Kiel, Schroeter in Christiania und Argelander in Bonn) aus, denn die Stimmen, die laut wurden, waren kein gutes Markenzeichen für Hamburg. So bemerkte Argelander, der Vater der „Bonner Durchmusterung":

 
man kann ziemlich sicher sein, dass wenn ein Rümker'scher Stern in der Durchmusterung nicht vorkommt, seine Position durch irgend einen Fehler der Beobachtung oder Reduktion entstanden ist."

Deshalb begann Schorr 1901 mit der

 
Ausführung einer der Hamburger Sternwarte noch obliegenden Ehrenpflicht, nämlich der Neureduction der von Carl Rümker in den Jahren 1836 - 55 auf der hiesigen Sternwarte ausgeführten Fixsternbeobachtungen."

Diese Neureduktion zog sich länger als erwartet hin und bei der Einweihung der neuen Sternwarte dauerten die Arbeiten schon über 10 Jahre, und es war immer noch kein Ende abzusehen, im Gegenteil, viele Sterne mußten mit dem 26 cm-Äquatorial und mit dem neuen Meridiankreis nachbeobachtet werden.

1922 war die Arbeit soweit beendet, daß der Katalog hätte in Druck gehen können - hätten nicht die knappen Haushaltsmittel der Sternwarte dem Projekt bremsend gegenüber gestanden. Aus eigenem Etat konnte die Sternwarte den Druck nicht finanzieren. Zu dieser Zeit bewegte sich die deutsche
Wirtschaft schon auf das Inflationschaos Ende 1923 zu. Die „Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft" gab zwar einen geringen Zuschuß zur Veröffentlichung des Katalogs, doch reichten diese Mittel nicht.

Benno Messow war einer der Observatoren am Meridiankreis und ein Mann mit preussischer Ehre, akkurat, kaisertreu, aufopferungsbereit und - ein Mann mit gestochener Handschrift. Ein wenig Überredung mag geholfen haben, jedenfalls fand sich Messow bereit, die Druckvorlage handschriftlich anzufertigen. Das 1922 fertiggestellte Werk enthielt 488 eng geschriebene Seiten mit Daten für 17.739 Sterne.

Diese Leistung Messows wurde voller Anerkennung von den Kollegen der Sternwarte gefeiert. Anläßlich seines 47. Geburtstages am 29. März 1923 wurden ihm mehrere Gedichte (anonym) gewidmet, die des Lobes voll waren:

Schwassmann dichtete:

Weisst Du, wieviel Sternlein stehen
an dem blauen Himmelszelt,
Weisst Du, wieviel Zahlen gehen
Unterm Messow durch die Welt?
Gott der Herr hat sie gezählet
Rümkern haben sie gefehlet
Ach in ganzer großer Zahl.

Solche erbaulichen Zeilen mögen ganz im Sinne Messows gewesen sein, denn er selbst, als er noch in Berlin Mitglied des Akademischen Vereins für Astronomie und Physik war, dichtete einst zum Weihnachtsfest 1898 ein Mammutgedicht „Das Lied vom Refraktor", ein Epos von 368 Zeilen Umfang - ein typisches Messow-Werk.

Am 15. Juni 1930 starb Benno Messow unerwartet. Fünf Tage vor seinem Tod entschuldigte er sich noch bei Schorr, ein starker Hexenschuß habe ihn am Aufstehen gehindert.


Benno Messow

Das Programm zur Nachbeobachtung der Rümkersterne dauerte noch bis 1926 an. Es handelte sich hauptsächlich um solche Sterne, die in Rümkers Katalog starke Abweichungen zeigten, entweder fehlerhaft gemessen oder starken Eigenbewegungen unterworfen waren. Bei der Überprüfung der Daten mussten 4983 Sterne am Meridiankreis nachgemessen werden. Sie wurden zwischen 1913 und 1926 an 860 Abenden beobachtet. Einschließlich einer ausführlichen Beschreibung des Meridiankreises wurden die Daten im „Ersten Bergedorfer Sternverzeichnis" zusammengefaßt und veröffentlicht.

   
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