Verzettelt - Der Rechendienst
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Der Rechendienst der Sternwarte war kein Beobachtungsprojekt der Sternwarte, aber dennoch ebenso erfolgreich wie manches nächtliche Teleskopunternehmen.

Da leistungsfähige Computer damals nicht zur Verfügung standen, beschäftigte die Sternwarte stets eine mehr oder minder große Gruppe von Personen, die an mechanischen Rechenmaschinen die Reduktionsformeln auf jede einzelne Sternkoordinate anwendeten. Dies war die Gruppe der „Rechner".

1921 war der Rümkerkatalog erfolgreich beendet worden. Willy Kruse und der Rechner Carl Vick nutzten das erhaltene Datenmaterial, um für 355 Sterne des Rümkerschen Katalogs Eigenbewegungen abzuleiten. Dies war ein erster Beitrag zu Schorrs späterem Lieblingsprojekt: dem „Eigenbewegungslexikon" (EBL). In diesem Werk, das 1923 mit ersten Daten erschien, waren alle veröffentlichten Eigenbewegungen für Sterne der Bonner-Durchmusterung (BD), der Cordoba-Durchmusterung (CD) und de Cape-Photographischen Durchmusterung (CPD) zusammengefaßt. Zu diesem Eigenbewegungslexikon erschienen in den folgenden Jahren immer wieder Ergänzungen, meist aus lokalen Meßprogrammen der Sternwarte abgeleitet.

Willy Kruse
Carl Vick

Schorr hatte jedoch ein noch größeres Projekt im Kopf. Er wollte für die „Geschichte des Fixsternhimmels" (GFH) alle zur Verfügung stehenden Eigenbewegungen in einem umfangreichen Katalog veröffentlichen. Die Geschichte des Fixsternhimmels kann als ein Ergänzungskatalog zum Fundamentalkatalog (NFK) angesehen werden. Der NFK wurde von Auwers in Berlin erstellt und enthält Sternörter von ca. 170.000 Sternen, die im 18. und 19. Jahrhundert beobachtet wurden. Schorr wollte die Aufarbeitung der GFH-Eigenbewegungen systematisch nach Rektaszensionen geordnet abarbeiten. Zur Bearbeitung wurde zunächst ein „Zettelkatalog" erstellt in dem jeder Stern mit bekannten Eigenbewegungen eine Karteikarte (Zettel) erhielt. Aus diesem Katalog wurden dann Stunde für Stunde die eigentlichen Eigenbewegungen abgearbeitet. Dies war eine Aufgabe für Carl Vick.

1923 waren die ersten beiden Bände für die Rektaszensionen 0h und 1h als „Ergänzungen zum Eigenbewegungslexikon" erschienen. Bei diesem Mammutprojekt stellte sich aber nach und nach heraus, daß dieses auch für die neue Hamburger Sternwarte eine Nummer zu groß war. Da die Berechnungen aus dem Zettelkatalog neben den eigentlichen Rechnertätigkeiten zu erledigen waren, schleppten sich die Tätigkeiten um so zäher dahin, je besser es mit den anderen Beobachtungsprojekten voranging, die um so umfassendere Berechnungstätigkeiten benötigten.

Die Arbeiten zur GFH hatten aber schon bald ein positives Nebenergebnis vorzuweisen, nämlich zwei Bände mit dem Titel „Index der Sternörter 1900 - 1925".


Es handelte sich dabei um eine Verweisliste, um die individuellen Katalogbezeichnungen verschiedener Observatorien miteinander vergleichen zu können. Ein Stern besaß meist mehrere Katalognummern, die nur Eingeweihten bekannt waren. Andere waren erst mühsamer langwieriger Bibliotheksrecherche ausgesetzt. Ursprünglich war der Index lediglich eine Art Arbeitsbeschaffungsmaßnahme in der Zeit der Wirtschaftskrise Mitte der 20'er Jahre gewesen:

 
Es wurde von der Notstandskommission des Hamburgischen Staates zur Minderung der allgemein herrschenden Arbeitslosigkeit im Rahmen der Erwerbslosenfürsorge eine große Anzahl von kaufmännischen und technischen Angestellten aus der Zahl der Erwerbslosen an verschiedene staatliche Behörden und Institutionen zur vorübergehenden Beschäftigung mit statistischen und Kartothekarbeiten aller Art überwiesen. Auf meinen Antrag wurde auch der Hamburger Sternwarte in Bergedorf eine Anzahl solcher Erwerbslosen für die Fertigstellung des Sternindexes zur Verfügung gestellt. Um möglichst vielen Personen eine vorübergehende Beschäftigung zuteil werden zu lassen, mußte vorschriftsmäßig ein monatlicher Wechsel der eingestellten Hilfskräfte eintreten; trotz dieses erschwerenden Umstandes gelang es, diese Arbeiten unter tätiger Mitwirkung der Angehörigen der Sternwarte im wesentlichen bis Ende 1926 durchzuführen, wenigstens soweit es sich um die Auszüge aus den Sternkatalogen handelte."

Auch dieses Werk wurde nun in die Reihe der Sternwartenprojekte eingegliedert, die ständig aktualisiert wurden. 1932 waren die Sternkataloge für die GFH bis zur Rektaszension 14h „verzettelt" und die 5h-Zone war gerade als 7. Nachtrag zum Eigenbewegungslexikon veröffentlicht worden. Doch ab 1932 mußten die Index- und GFH-Arbeiten aufgrund akuten Personalmangels unterbrochen werden. Auch in den nächsten Jahren hielt dieser Zustand an. Lediglich 1935 konnte unter viel Mühen eine neu zusammengestellte aktualisierte Version des inzwischen restlos vergriffenen Eigenbewegungslexikons erstellt werden. Doch damit waren die Möglichkeiten des Rechendienstes erschöpft. Es erschienen keine weiteren Fassungen der GFH und es wurde auch kein Index der Sternörter für spätere Kataloge als 1925 veröffentlicht. Mit Schorrs Ausscheiden aus der Sternwarte im Jahr 1941 war der unplanmäßige Tod dieses Rechner-Projektes endgültig besiegelt und beide Projekte wurden eingestellt.

 
Eine Auswahl von Hilfstafeln, die von der Sternwarte teils aus eigenem Bedarf, teils als Nebenprodukt des Rechendienstes erstellt und veröffentlicht wurden.


   
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