Der Herr ist sehr tüchtig und fleissig
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Am 1 m-Spiegelteleskop beobachtete anfangs Schorr selbst. Im April 1920 stellte er einen Assistenten ein, der sich im August des Vorjahres bei ihm beworben hatte:

Durch meinen Freund Rauschelbach erfahre ich, dass die an Ihrer Sternwarte ausgeschriebene Assistentenstelle noch nicht besetzt ist. Da Herr Rauschelbach, wie er mir mitteilte, zur Zeit nicht mehr besonders an dieser Stelle interessiert ist und mich zur Bewerbung aufforderte, glaubte ich das hiermit tun zu dürfen, ohne ihm damit im Wege zu stehen. Ich tue das um so lieber, als meine hiesigen Lehrer meine ursprüngliche Absicht, nach Abschluß meines Studiums an eine der grossen amerikanischen Sternwarten zu gehen, infolge der inzwischen eingetretenen Verhältnisse für unzweckmässig und aussichtslos halten."

Dies war der Beginn des Bewerbungsschreibens von Walter Baade. Die Erkundigungen Schorrs bei Baades Lehrern Hartmann und Ambronn in Göttingen waren erfolgreich gewesen („Der Herr ist sehr tüchtig und fleissig"), so daß Baade eingestellt wurde.


Walter Baade

Baades großes Ziel war es gewesen, später einmal an einer der großen amerikanischen Sternwarten zu arbeiten; ein Ziel, das unter den damaligen politischen und wirtschaftlichen Bedingungen nicht sehr einfach war. Schon während der Gründung der Internationalen Astronomischen Union (IAU) wurde gefordert, deutsche Astronomen von der Mitgliedschaft kategorisch auszuschließen. Begründet wurde dies mit der Bedingungslosigkeit, mit der sich deutsche Wissenschaftler in den Dienst des Militärs gestellt hatten und deshalb für die Giftgaseinsätze in Belgien und Frankreich im Ersten Weltkrieg mitverantwortlich gemacht wurden. Astronomen wie George Ellery Hale in den USA weigerten sich, mit Deutschen zusammenzuarbeiten. Obwohl sich die IAU auf ihrer ersten Generalversammlung 1919 auch für Wissenschaftler aus den "Zentrumsmächten" öffnete, blieb auf deutscher Seite ein Ressentiment gegenüber der IAU bestehen. Für Baade gab es wenig Hoffnung, ein Auslandsstipendium für die Vereinigten Staaten zu erhalten und die Anstellung in der Hamburger Sternwarte war für Baade eigentlich nur die beste Notlösung die er bekommen konnte.


Walter Baade am 1m-Spiegelteleskop. (Hamburger Sternwarte)

Anfangs war Baade Schorrs Assistent am 1 m-Spiegelteleskop, doch bald schon war er der alleinige Beobachter. Seine ursprüngliche Aufgabe, nach Kometen und Kleinplaneten zur Bahnbestimmung zu suchen, wurde bald durch die eigenen Interessen stark erweitert.

Baade beobachtete in allen Teilbereichen der Astronomie: Kleinplaneten, Kometen, veränderliche Sterne, Sternhaufen und mit besonderer Vorliebe Nebel. Bei den veränderlichen Sternen galt sein Interesse der Systematik der Prozesse und deren möglicher Verwendbarkeit als Entfernungsindikatoren zu extragalaktischen Sternnebeln.


Spektrographenansatz am Spiegelteleskop (Hamburger Sternwarte)

Baade hatte sich zu Beginn seiner Arbeiten an der Sternwarte durch die Arbeiten Harlow Shapleys über die Milchstraße und Sternennebel inspirieren lassen, und es war ausgerechnet Harlow Shapley, der als Vorsitzender des Rockefeller Fellowship Komitees Walter Baade im März 1925 ein einjähriges Stipendium für die USA zubilligte. Baade war der erste Deutsche nach dem Ersten Weltkrieg, der ein solches Stipendium erhielt. Shapley selbst wollte Baades „Sponsor" sein. Baades Traum ging in Erfüllung. 1926 reiste er in die Vereinigten Staaten und besuchte u.a. die Yerkes-Sternwarte und das Mt. Wilson Observatorium.

Baade war nun ein gefragter Mann und nicht ganz ein Jahr später, am 27. Dezember 1927, wurde ihm eine Professur und die Leitung der Jenaer Universitätssternwarte angeboten. Nach eingehender Überlegung entschied Baade sich gegen Jena und blieb zur Freude Schorrs in Hamburg.

 
... gebe ich der Freude Ausdruck, dass Herr Dr. Baade unserer Sternwarte erhalten geblieben ist. Dr. Baade ist einer der tüchtigsten jüngeren Astronomen, der sowohl auf theoretischem Gebiete, insbesondere in der Entwicklung der modernen Astronomie so wichtigen theoretischen Physik und Mathematik, als auch in der praktischen Beobachtungskunst hervorragend begabt ist."

Schorr war begeistert und kaum war Baades Ablehnung an Jena im September 1928 durch eine Gehaltsaufbesserung honoriert worden, reichte Baade auf Drängen Schorrs sein Habilitationsgesuch an die Hochschulbehörde ein - er mußte neben seinen bisherigen Veröffentlichungen kaum ein weiteres Schriftstück einreichen, einzig seine Antrittsvorlesung blieb. Die hielt Baade am 30. Januar 1929 mit seinem Thema, Heckmann schrieb „... mit dem Thema seines Lebens": „Die extragalaktischen Nebel als Sternsysteme".


Baade 1935

Wenige Tage nach dieser Vorlesung veränderten sich auch Baades privaten Verhältnisse - er heiratete Johanna Bohlmann, die seit 1920 an der Sternwarte als technische Assistentin arbeitete. Noch ein Jahr zuvor hatte es um Baades Beziehungen zu "Hanni" wegen Schorrs strenger Sternwartenordnung einige Turbulenzen gegeben. Am Sonnabend dem 21. Januar, gegen 10 Uhr abends, kam Schorr nämlich mit der Bahn in Bergedorf an, stieg in ein Taxi und fuhr in Richtung Sternwarte.

 

  „Vor mir fuhr am Bahnhof ein anderes Auto ab, das ich am Jungfernstieg überholte. Das 2. Auto kam unmittelbar nach mir, ca. 10¼ Uhr zur Sternwarte. Aus demselben stieg Frl. Bohlmann allein aus, sagte nur `Guten Abend' und ging zur Sternwarte hinein. Ich sagte nun: `Na, Na?'
Heute Vormittag ließ ich Frl. Bohlmann zu mir kommen und fragte sie, wohin sie Sonnabend Nacht gegangen sei, als sie zur Sternwarte gekommen wäre. Sie erwiderte: `Zu Dr. Baade!'
Ich sagte hierauf:
`Ich erkläre Ihnen, daß ich, sofern ich noch einmal Kenntnis davon erhalte, daß Sie während oder außerhalb der Dienststunden die Wohnung von Dr. Baade, oder außerhalb der Dienststunden die Räume des Spiegelteleskops betreten haben, ich Ihnen Ihre Stellung bei der Sternwarte kündigen werde.'
Frl. Bohlmann nahm die Erklärung ohne Entgegnung entgegen."

Die Sitten waren damals an der Sternwarte noch streng und Schorr sorgte sich darum, daß die Beobachtungstätigkeit seiner Observatoren nicht durch Damenbesuche geschwächt würde.

Im Januar 1930 beantragte Schorr bei der Hochschulbehörde für Baade den Professorentitel und eine weitere Gehaltsaufbesserung. Die Behörde reagierte jedoch nicht. Bereits jetzt schon mag Schorr Baade als Kronprinz für die spätere Leitung der Sternwarte im Kopf gehabt haben, doch alle Anstrengungen, ihn in Hamburg zu halten waren vergebens, denn 1931 erhielt Baade das Angebot, worauf er sein ganzes Leben gewartet hatte: Das Mt. Wilson Observatorium bot ihm eine feste Stelle in Kalifornien an. Eine Chance, bei der Baade nicht im Traum daran dachte, sie auszuschlagen.


Baade (Mitte) mit Minkowski (rechts), Hubble (links neben Baade) und Milton L. Humason (links) im Gespräch im Mt. Wilson Observatorium. (ca. 1940) Im Hintergrund das Bild von George Ellery Hale.(Hamburger Sternwarte).

Nach Baades Entlassungsgesuch aus dem Hamburger Staatsdienst zum 31. August 1931 wurde Schorrs Gesuch positiv bewilligt. Baade wurde Professor und bekam im letzten Monat seiner Hamburger Tätigkeit eine „ruhegehaltsfähige" Aufbesserung des Gehalts. Doch nichts in der Welt, auch das Mehrfache dieser Aufbesserung hätte Baade jetzt noch in Hamburg gehalten.

   
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