Wenn ich träume, bin ich in der Sternwarte
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Kindheitserinnerungen von Hilde Ritz

Hilde Ritz ist eine Tochter von Henry Beyermann, Werkführer der Hamburger Sternwarte bis 1944. Beyermann war bereits unter George Rümker um 1898 als Famulus in der Sternwarte am Millerntor eingestellt worden, 1900 wurde er „Anstaltsdiener". Seine mechanischen Fähigkeiten und sein Sinn für technische Feinheiten auch unter astronomischen Gesichtspunkten befähigten ihn, wichtige Meßaufgaben eigenverantwortlich zu übernehmen. 1905 und 1907 begleitete er Schorr auf zwei Sonnenfinsternisexpeditionen nach Algerien und Zentralasien. An der neuen Sternwarte war er verantwortlich für die mechanischen Belange aller Uhren der Sternwarte, einschließlich des Zeitballs im Hafen und der Normaluhren an der Börse und an der alten Sternwarte. Im Juni 1944 wurde die Normaluhr an der Börse durch einen Fliegerangriff beschädigt. Beim Versuch, die Uhr zu reparieren, stürzte Beyermann schwer. An den Folgen des Sturzes verstarb er am 29. März 1945.

1992 berichtete die Bergedorfer Lokalpresse über das Buchprojekt "Sterne über Hamburg". Nachdem ein Bild aus der Bauphase der Bergedorfer Sternwarte in der Zeitung veröffentlicht worden war, bekam ich Kontakt zu Hilde Ritz. Auf dem Bild war, was ich damals nicht wußte, H. Beyermann abgebildet, ihr Vater. Hilde Ritz, geb. Beyermann, ist 1911 auf der Sternwarte geboren und ist dort groß geworden. Sie ist keine Wissenschaftlerin gewesen und ist nach ihrer Heirat 1941 nach Lohbrügge gezogen. Sie konnte sich an viele Details des damaligen Sternwartenlebens erinnern, hauptsächlich aus der Zeit ihrer Kindheit. Sie erzählte mir dieses bei einem Besuch bei ihr am 1. Juli 1992. Die folgenden Passagen sind Auszüge des mitgeschnittenen Gesprächs bei Kaffee und Kuchen.


Am Geesthang hinter der Sternwarte, 1908 (Hamburger Sternwarte)

Frau Ritz berichtete:

 

„Ich bin auf der Sternwarte geboren, 1911, im März. Vorher sind meine Eltern von Hamburg nach Bergedorf umgezogen. Meine Schwester ist noch in Hamburg geboren.

Wir waren 9 Kinder und Professor Schorr hatte 7. Ich bin die Jüngste von den Mädchen, und der Älteste von Professor Schorr, der war in meinem Alter. Nachmittags, wenn wir frei hatten, dann haben wir auf der Sternwarte gespielt, da haben wir dumm' Zeug gemacht - recht viel. Schorrs waren noch schlimmer als wir. Ach, wir hatten damals auch viel Spaß gehabt.

Wir hatten damals, im Ersten Weltkrieg, alle auch noch eigenes Land und auch noch selber unser Gemüse angebaut, Kartoffeln und anderes. Da oben, am Friedhofsrand, das war unser Stück. Das letzte Stück war unseres, dann kam das Stück von Rohde, der wohnte unter uns. Und dann kam Graffs Land, Professor Graff, und dann Professor Schwaßmann, die hatten auch noch ihren Garten. Im Ersten Weltkrieg bekamen wir dann noch Kriegsland dazu. Die ganze Ecke am Friedhof war alles Land und dann wurde da geackert. Professor Schorr hatte auch noch eine Kuh gehabt und wir hatten Ziegen, zwei Ziegen, und Hühner hatten wir, und Gänse, und Kaninchen. Alle hatten wir sonst Tiere. Bis auf Professor Schwaßmann und Professor Graff, die hatten ja die große Wohnung. Da hinten, bei der kleinen Kuppel, da war unser Hühnerstall.

Wir wohnten im ersten Haus, gegenüber vom Hauptgebäude. Oben wohnten wir und unten wohnte Rohde. Der war Maschinist. Wissen Sie, 9 Kinder wollen alle untergebracht sein. In der Wohnung war ja kaum Platz. Wir hatten kein Bad und nichts. Im Sommer wurde in der Waschküche angeheizt, so ein großer Badeofen, und dann wurde einmal in der Woche gebadet. Einmal hatte Rohde ihn und einmal wir. - Die ganzen Kinder dann rin.

Beim Eingang zur Sternwarte, da mußte man am Hauptgebäude klingeln und dann war da Herr Köhn, der machte dann die Tür auf und ließ die Leute rein. Er hatte vorne sein Büro, da auf der linken Seite. Da wenn man die Treppe hochkommt, dann links, da war das Büro. Ja, und wenn man dann die Treppe hoch kam, rechts, da saßen dann alle die fotografierten Leute. Und vorne vor, da saß ein Fräulein Imgart, die hatte uns immer bei den Schularbeiten geholfen. Und auch Fräulein Rühl saß da, die habe ich noch später oft hier oben in Lohbrügge getroffen, da war sie schon über 90. Die hat sich immer gefreut, wenn man sie traf.

Ach, dann gab es noch Hein Evers, und Schornstein - nee - Bornstein. Wir haben immer Schornstein gesagt (lacht). Der kam immer mit seinem Hut auf einem Stock. Den Hut hat er darauf immer so gedreht.

Und vor dem Hauptgebäude, da ging es immer so einen Berg runter, mit Rasen, und da haben wir uns immer so runtergetrudelt, bis auf den Fußweg runter. Und von oben, vom Hauptgebäude, da durften wir manchmal zusehen, wenn Silvester Feuerwerk war - oh, da konnte man ja weit kucken.

Im Zaun zum Hang da war so eine kleine Pforte. Wir haben dann immer Blumen gepflückt und da verkauft, an die Friedhofsleute, die da vorbeigingen (lacht herzlich). Und das haben Schorrs genauso gemacht. Die hatten ja so hübsche Büsche.

Ja, da haben wir Blumen verkauft - manchmal übers Gitter weg.

(Ich hole das Foto vom Hang mit Kindern und frage, ob Sie es kennt.)

Das war am Hang zur Sternwarte. Da sind wir immer runter, wenn wir Dummheiten gemacht haben. Da war Rohde immer hinter uns her, dann sind wir immer den Berg hinuntergerutscht und haben gedacht, da sind wir in Sicherheit. - Und nachher kriegten wir `nen Arsch voll. Ja jetzt ist das so bewachsen.

Auch da hinten, bei diesem runden Kasten. Da konnten wir immer so schön aus der Veranda rausklettern. Es waren mal alle Schlösser kaputt - und wir alle da rein, alle Kinder. Sonst mußte man erst einmal andere Schuhe anziehen, so Filzschuhe - große Latschen. Wir dann alle auf diese Wagen, die da rum fuhren ... und dann kam Rohde! Und wir raus, aus der anderen Seite, und weg. Ja da haben wir viele Dummheiten gemacht, und keiner hat uns beim Spielen gestört.

Dann gab es das Haus von Professor Schorr. Ach was war das schön da. Da saß immer so ein großer Hund aus Porzellan. Ach, den fanden wir zu schön. Die hatten auch so einen schönen Garten dahinten. Die hatten ja auch Ackerbau und sowas gehabt. Frau Professor Schorr, die war `ne ganz vornehme Frau. Er war ja so `n bischen klein und pummelig. Sie war aber immer so eine ganz elegante. Aber sie durfte nichts ohne sein Wissen machen, das war damals noch strenger.

Und Weihnachten haben wir Kinder dann viele Aufführungen gemacht. Da kamen die ganzen Professoren und alle. Ach, wir hatten viel Spaß. Das ist komisch, ich wohne nun schon beinah 50 Jahre hier in Lohbrügge, aber wenn ich etwas träume, bin ich immer in der Wohnung in der Sternwarte. Nie habe ich von unserer jetzigen Wohnung hier geträumt.

Wie ich jetzt das Bild in der Zeitung sah dachte ich, Gott, das ist ja Papa. Ich habe immer alles ausgeschnitten, alles was über die Sternwarte in der Zeitung war.

Mein Vater konnte eigentlich so ziemlich alles früher. Er konnte jedes Musikinstrument spielen, der konnte singen. Ja, im Gesangsverein war er ja auch.

Ach, wie das erst mit dem Radio anfing. Wir selber hatten ja noch kein Radio, aber im Hauptgebäude, da konnten sie mit ihrem Apparat Radio empfangen, und dann hat mein Vater uns Sonntags mit rüber genommen ins Hauptgebäude und dann durften wir Märchen hören - mit den Kopfhörern. Mein Vater konnte das auch so einstellen, daß man auch Musik hören konnte. Ja, und Sonntags hat er uns dann mitgenommen. Später hatte er sich dann einen Apparat alleine gebaut. Ja, so ein großer Apparat war das. Unten war ein Akku, der mußte immer gefüllt werden, denn der ging immer leer. Das hat mein Vater dann immer im Hauptgebäude gemacht, dort wurden die dann wieder aufgefüllt.

Mein Vater mußte auch immer das Thermometer ablesen. Das war in der Erde und ein anderes war auf der Erde und auch eins über der Erde. Die mußte er jeden Morgen um 7 ablesen. Und dann nahm er uns manchmal mit. Da war so ein kleines Gitter in weiß herum. Das war immer unsere „kleine Sternwarte". Da durften wir auch mal mit rein. So früh war ja sonst auch noch keiner unterwegs.

Und nachts auf der Sternwarte, da hatte jeder seinen Bereich und wenn es sternenklar war, dann wurde überall gearbeitet.

Gibt es eigentlich jetzt auch noch solche fahrbaren Stühle? So ein großes Ding, das so ganz rumfährt, auf Schienen? Ja? Ja! Das war toll.

Wir mußten damals auch noch immer diese Filzpantoffeln anziehen, wenn wir in die Kuppeln gingen. Da war der Fußboden so blank wie zum Schlittschuh laufen. Jeden Sonnabend war Besichtigung. Einmal mußte Rohde sie führen und einmal mein Vater. Und dann ging das in alle Kuppeln. Damals ging es noch in alle Kuppeln. Das hat immer so eineinhalb Stunden gedauert.

Ja und einmal durfte ich mir durch ein Fernrohr die Mondfinsternis ansehen, das war ja interessant. Mit Dr. Larink zusammen.

Ein anderes Mal, da hat unser Vater uns das Nordlicht gezeigt. Ein Nordlicht! Von unserem Balkon aus, der war ja nach Norden, und dann an einem Abend, da war Nordlicht da. Und da hat er uns extra geholt, daß wir das sehen sollten. Aber so was hübsches. Das haben wir nie wieder gesehen. Und das hat so hübsch gestrahlt, so richtig mit vielen Farben. Das war wunderhübsch. Aber das hat nicht lange gedauert, vielleicht nur 10 Minuten.

Noch ein Stück Kuchen? Kaffee?

Ach ja, Schmidt, der hat ja damals diese Spiegel gemacht. So lange war der ja nicht auf der Sternwarte. Naja, vielleicht 5 bis 6 Jahre, so lange war er wohl da. Wie alt kann er denn wohl gewesen sein? 35 so, in dem Alter. Wir waren damals ja noch ganz jung. Mein Bruder mußte ihn einmal vom Zaun befreien, als sie von einer Gaststätte kamen. Sie gingen zusammen nach Hause, mein Bruder und Schmidt. Und weil es schon spät war, da mußten sie wohl über die Pforte klettern. Schmidt hatte es mit einem Arm ja auch schwer. Deshalb ging er nicht bei der Pforte rüber, sondern dahinten, wo es den Berg hochging, denn bei dem Berg kam man besser hoch wie bei der Pforte. Da ist er dann wohl abgerutscht und da hing er denn. Und mein Bruder mußte ihn befreien.

Ja und wie oft sind wir rübergeklettert, wenn wir keinen Schlüssel hatten. Da war allerdings eine Hupe. Da kam dann der Nachtwächter und hat aufgemacht - aber das sollte dann ja auch keiner wissen wenn man nach Hause kam.

Schmidt war ziemlich verschlossen, ganz und gar. Er hat kaum mit jemand gesprochen. Vielleicht kommt das, weil er Einsiedler war. Er muß irgendwo eine Werkstatt gehabt haben, in der Sternwarte. Wir haben ihn ja kaum zu Gesicht bekommen. Das muß wohl irgendwo im Hauptgebäude gewesen sein, im Keller. Da hatten alle irgendwie einen Raum. Mein Vater hatte einen Raum und der Rohde hatte einen. Jeder hatte einen Raum, wo er privat was bauen konnte, denn im Haus bei uns selber war ja kein Platz mehr. Da war die Waschküche unten und wir hatten ja auch Kohlen im Keller und dann war das aus. Zum Basteln hatte mein Vater sonst nichts. Das hatte er alles im Hauptgebäude drüben gemacht. Auch das Radio. Wie er das brachte, da waren wir ja froh.

Schmidt muß ja wohl ein kluger Kopf gewesen sein. Aber warum hat er sich denn das Leben genommen?

Ach, und wenn Beerdigungen waren, dann kamen die immer mit Musik. Die kamen von der Stadt. Alles noch mit dem Pferdewagen. Es gab ja noch keine Droschken. Anfangs ging es noch durch die Sternwarte, das wurde aber nachher zugemacht. Dann kamen die hübschen Pferde, ganz schwarz, mit Troddeln. Die Wagen, alle mit Troddeln, und dann die ganze Sippschaft hinterher. Rauf, zum Friedhof, da spielten sie immer Trauermärsche und runter ging es mit Bum-Bum. Bis zur Wirtschaft bei Land.


Luftaufnahme der Sternwarte um 1928

Früher war in der Umgebung hier alles Wald. Die Häuser wurden erst später gebaut. Land, die Wirtschaft, war das einzige, was da stand. Und bei der Schule Birkenhain waren zwei Häuser. Sonst gab es da nur Gärten und Bäume. Wenn wir abends spät nach Hause kamen, dann hatte ich immer Angst, an dem Wald vorbeizugehen. Dann sind wir bei Land reingegangen, der hatte zwei Söhne und einen Hund. Die haben uns dann bis zur Pforte gebracht und sind dann umgekehrt.

Nach dem ersten Krieg, da wohnten fremde Leute in den Gärten vor der Sternwarte. Da haben wir uns immer Äppel und Birnen geklaut, obwohl wir ja nun selber was hatten...

Noch eine Tasse Kaffee?

Mein Vater ist ja richtig mit Platt aufgewachsen. Und er konnte so schön Plattdeutsch, Fritz Reuter, vorlesen. Sonnabends, dann hat er uns dann vorgelesen. Er kam ursprünglich aus der Peterstraße in Hamburg. Da mußten wir drei Jüngsten ja ab und zu mit, zum Zeitball, zur Großmutter. Ja, jede Woche einmal, bis zum sechsten Lebensjahr. Und da mußten wir immer so lange warten, bis er wieder kam. Nee, zum Zeitball durften wir nicht mit hoch!

Die Peterstraße gibt es jetzt nicht mehr. Das war früher so eine Gasse in Hamburg. Da waren dahinter Häuser und davor Häuser und aus dem Fenster konnten wir nur die Füße sehen. Wenn wir die richtigen Füße sahen: „Jetzt kommt Papa, jetzt kommt Papa!". Das war eine ganz dunkle Wohnung von meiner Großmutter. Da haben wir immer auf Vater gewartet, und auf die Füße, wenn er dann kam.

An und für sich war das früher auf der Sternwarte eine gemütliche Sache. Die verstanden sich alle auch so gut. Das war so eine Gemeinschaft, kann man sagen.

Ach, wir hatten viel Spaß."


Henry Beyermann vor der Normaluhr an der Börse.
Mit freundlicher Genehmigung von Frau Hilde Ritz.