Umzugsabsichten der Hamburger Sternwarte nach Bergedorf

 

Navigation

 

George Rümker starb am 3.März 1900 nach einem achtjährigen schweren Gichtleiden. Richard Schorr, der 1892 in Hamburg Observator wurde, fiel nun die volle Last der Sternwartenverlegung zu, die Rümker begonnen hatte. Die Aufgabe, das bisher kleine und relativ unbedeutende Observatorium unbeschadet an einen brauchbaren Standort zu verlegen, hatte durch Schorrs Unerfahrenheit im Umgang mit der illustren Hamburger Oberschicht mehrere starke Schlingerbewegungen auszuhalten. So dauerte es zwölf Jahre bis die Sternwarte 1912 in Bergedorf neu erglänzen konnte.


Richard Schorr, 1903

Richard Reinhard Emil Schorr wurde am 20. August 1867 in Kassel geboren. Nach einem Studium in Berlin und München erhielt Schorr 1889 eine Assistentenstelle in Kiel bei der Redaktion der Astronomischen Nachrichten. Danach schlossen sich Assistenzzeiten in Karlsruhe und Berlin an. 1892 holte ihn Rümker als Observator nach Hamburg. Sehr bald mußte Schorr George Rümker aufgrund dessen Krankheit in Verwaltungsdingen vertreten. Gegen Ende des Jahrhunderts leitete Schorr faktisch die Sternwarte. Als die Verlegung der Sternwarte heraus aus der Stadt zum wichtigsten Institutsthema wurde, suchte die Oberschulbehörde formal zwar einen neuen Direktor, war dann aber doch mit dem jungen Schorr zufrieden.


Das Rumpeln der Strassenbahnen ...

Daß mit der Sternwarte etwas geschehen musste, um im wissenschaftlichen Wettbewerb mitzuhalten war nur zu deutlich. Hermann Struve, Professor an der Sternwarte in Königsberg schilderte in einer Senatsbeilage die Situation:

Meiner Überzeugung nach, die gewiß auch von anderen Astronomen getheilt wird, steht demnach Hamburg jetzt vor der Alternative, entweder mit den alten ruhmvollen Traditionen zu brechen und auf den Besitz einer Sternwarte, deren Fortführung in der bisherigen Weise bedeutende Mittel erfordert, ohne entsprechende Leistungen zu gewähren, ganz zu verzichten, oder eine neue Sternwarte, ausgerüstet mit vollkommeneren Instrumenten auf einem anderen geeigneteren Grundstück ins Leben zu rufen."

 


... und Licht und Rauch aus dem Hafen liessen kaum eine Beobachtung unbeeinflusst.

Für das neue Sternwartengelände kamen eine Reihe von „abgelegenen" Grundstücken im Umkreis der Stadt in Frage. Mehrere gewichtige Persönlichkeiten wurden um ihre Stellungnahme zur Verlegung der Sternwarte gebeten. Der Direktor der Bonner Sternwarte F. Küstner schilderte die in Erwägung gezogenen Orte zu denen Harvestehude, Eppendorf, Winterhude oder gar Fuhlsbüttel zählten. Von diesem letzten Standort wollte aber niemand etwas wissen:

"Man wird aber kaum ernstlich daran denken können, ein Institut wie eine Sternwarte in diese abgelegene Gegend zwischen Centralgefängnis und Kirchhof zu verlegen, von wo die Stadt, selbst mit der elektrischen Bahn, erst in einer Stunde zu erreichen ist."

Als aussichtsreichster Ort galt deshalb ein Platz in Bergedorf:

"Es ist dies ein jetzt wüstes Stück Land von 1½ bis 2 Hectar Fläche, mit Resten alter Kiesgruben, am Südrande des Bergedorfer Gehölzes dominirend in 45 m Höhe, im Osten von den Anlagen des Hotel Fernsicht. An und für sich ziemlich werthlos erscheint dieser Platz in jeder Hinsicht außerordentlich geeignet für ein Observatorium. Der Blick ist völlig frei, nur im Norden, und diese Richtung ist von geringer Bedeutung, wird er ein wenig vom Horizont durch das Gehölz verdeckt. "

Schorr beantragte nun im Auftrag der Oberschulbehörde die Verlegung der Sternwarte nach Bergedorf. Die ersten Pläne sahen noch eine ganz andere Sternwarte vor als sie später tatsächlich realisiert wurde.


Erste Konzeption der Bergedorfer Sternwarte um 1902

Der ursprüngliche Plan sah eine Sternwarte in traditioneller Bauweise vor, jedoch mit ca. 80m Länge deutlich größer als die alte am Millerntor. Es sollte ein zentrales Kuppeldach über den Wohn- und Arbeitsräumen erhalten. Zwei langgestreckte Flügel sollten wie bisher den Meridiankreis und das alte Passageninstrument aufnehmen. Das Äquatorial sollte in einer der beiden Seitenkuppeln aufgestellt werden. Die zweite Seitenkuppel war für das einzige neu zu beschaffende Instrument, einen Refraktor von 7 m Brennweite, vorgesehen- die Maße deutlich kleiner, als am später beschafften „Großen Refraktor" mit 9 m Brennweite realisiert wurde. Ein Jahr später war in den Anträgen der Refraktor gegen ein Spiegelteleskop ausgetauscht. Die Flügelgebäude-Bauweise blieb noch unverändert.

Das Gelände am Doktorberg (1) war nach kurzer Zeit als nicht brauchbar verworfen worden. Kurz wurde das alternde Hotel Fernsicht (2), das zum Verkauf stand, in Betracht gezogen doch bald verworfen, denn die herannahende Bebauung Bergedorfs hätte die Situation der Sternwarte sofort wieder verschlechtert. Um die Mitte des Jahres 1900 fand sich dann westlich der Bergedorfer Sandwiesen das Gelände am Gojenberg (3). Auf der 40 m hohen Anhöhe direkt am Geesthang der Elbe bestand freie Sicht nach Süden und eine Bebauung der Umgebung stand nicht bevor.

Im Juli 1900 entsprach der Senat dem Antrag Schorrs und die Finanzdeputation kaufte am 29. November 1900 das Gelände am Ende des Gojenbergs zur Errichtung einer neuen Sternwarte.

Meine Herren! Ihnen werden noch die Augen übergehen

Der Kauf des Geländes war für den Senat zunächst ein Immobiliengeschäft. Ob darauf später tatsächlich die Sternwarte entstehen sollte, war eine ganz andere Frage, denn dazu mußten der Kauf und die Nutzungsbestimmung durch die Bürgerschaft abgesegnet werden. Am 21. Dezember 1900 lag deshalb den Abgeordneten eine entsprechende Drucksache auf dem Schreibtisch, die am 9. und 23. Januar 1901 verhandelt wurde.

Schon gleich zu Beginn der Bürgerschaftssitzung wehte dem Senat mit Schorr's Antrag ein eisiger Wind entgegen. Der Abgeordnete Arthur Lutheroth hielt mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg:

„Die Motivierung des Senats ist in meinen Augen eine etwas recht dürftige.
Von einer Sternwarte kann man kaum reden, denn wir haben eigentlich gar keine Sternwarte. Es ist nur ein Gebäude, welches für eine Sternwarte eingerichtet ist, welche an einem Platz liegt, der sich nicht mehr dazu eignet, um meteorologische Beobachtungen zu machen. Eine Sternwarte, die keinen Director hat und keinen finden kann, ist eigentlich keine Sternwarte und wenn Sie eine neue aufbauen wollen in einer passenden Gegend, bei Gesthacht, so kommt das einer Neugründung einer Sternwarte gleich. Wir müssen den Platz kaufen, das Gebäude einrichten, müssen neue Instrumente, welche der Wissenschaft entsprechen, in großer Anzahl anschaffen, einen Director wählen, Assistenten, Beamte, Famulus usw. Alles kommt dazu und es wird ein sehr weitläufiger Apparat, der im Interesse der Wissenschaft sehr wünschenswert wäre, ob aber für uns noch die practische Seite damit verbunden ist, welche früher vorhanden war, möchte ich sehr bezweifeln."

Und der Abgeordnete Dr. Roth setzte noch eins drauf:

Ich lese aus der Begründung nur das eine heraus, daß die Verlegung der Sternwarte nichts weiter ist, als ein Akt der Pietät! "

Das was uns die Sternwarte wert ist, was sie uns leistet, ist die Bestimmung der Zeit. Das ist das Praktische! Die Bestimmung der Zeit hat sie aber bis auf den heutigen Tag leisten können mit den Instrumenten, die sie besitzt. In wissenschaftlicher Beziehung hat die Sternwarte, soweit ich das übersehen kann, garnichts geleistet und in den früheren Jahren auch nichts Hervorragendes."

Widerspruch im Publikum.

In den allerfrühesten Jahren, kurz nach der Begründung, ja, aber dann flaut es mehr und mehr ab und in den letzten Jahren hat man nichts mehr von ihr gehört."

Kein Widerspruch im Publikum.

Der Abgeordnete Roth kannte sich aber vor allem im Finanzdschungel aus und warnte vehement:

Lesen Sie doch den Antrag durch, da werden Sie finden, daß ganz lose gesagt ist, nach oberflächlicher Schätzung beläuft sich die Neuorganisation respective der Verlegung auf 500 000 Mark.

Meine Herren! Wir sind ja allmählig in der Bürgerschaft gewitzigt genug, daß wir wissen, wenn schon 500 000 Mark gesagt wird, es nicht 400 000 Mark oder 300 000 Mark werden, sondern dann werden es mindestens 600 000 oder 700 000 Mark."

 
"Meine Herren! Ihnen werden noch die Augen übergehen über das, was an nothwendigen Ausgaben finanziell von Ihnen gefordert werden wird."

Der Senat überstand die Sitzung mit Mühe konnte aber die Wahl eines neunköpfigen Ausschusses initiieren, der die weiteren Fragen klären und von Zeit zu Zeit der Bürgerschaft berichten sollte. Den Vorsitz erhielt - ausgerechnet - der Abgeordnete Lutheroth.

Zu diesem Ausschuß wurde auch Schorr hinzugezogen.

Immerhin kam es im Januar 1901 trotz erneuter Widerstände einiger Abgeordneter zu einer positiven Absegnung des Geländeankaufs zugunsten der Sternwarte. Dieser Beschluß kam nicht zuletzt dadurch zustande, daß Senator Dr. von Melle persönlich einschritt und pathetisch für die Sternwarte warb:

Können wir jetzt wirklich nicht das finanzielle Opfer auf uns nehmen, um als große reichgewordene Stadt das fortzuführen, was unsere Vorväter in der Bedrängnis einer sehr schweren Zeit für nothwendig und möglich hielten?"

Die Kritiker des Sternwartenprojektes verstanden es, in der Presse mehrere Beiträge über die träge Arbeit der Sternwarte zu plazieren. Schorr, immer noch vertretungsweise Direktor, wurde nicht müde, jedem Artikel und jeder Bürgerschaftskritik durch umfangreiche Erläuterungen seines Senatsantrages entgegenzutreten.

Bis zum Jahr 1904 hielt Schorr unbeirrbar an seiner These einer schlichten Verlegung nach Bergedorf fest, wobei der Ankauf eines großen Refraktors für 100.000 Mark das teuerste sei, die Sternwarte jedoch schlagartig vom Rang 200 unter den Sternwarten der Welt auf Rang 3 bis 4 unter den Deutschen Observatorien schnellen würde. Schorrs Argumente wirkten dabei immer ein wenig hausbacken:

Umsomehr muß es daher für Hamburg eine Ehrenpflicht sein, auch seine älteste wissenschaftliche Anstalt, die Sternwarte, auf der Höhe der Zeit zu halten."

Die Aufgaben der Sternwarte wurden lediglich über die Positionsastronomie bzw. die Bestimmung der Zeit definiert. Astronomische Forschung wurde von Schorr nicht als brauchbares Argument verwendet.

home
zurück
   
 
   
J.G. Repsold
   
Charles Rümker
   
Millerntor
   
George Rümker
   
Umzugsabsichten
   
Senatsvorlage
   
Neue Pläne
   
Gebälk
   
Baubeginn