Der große Refraktor
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Montierung des Großen Refraktors in Hamburg-Bergedorf

1906 wurde der Auftrag für den Refraktor an die Hamburger Traditionsfirma A. Repsold & Söhne vergeben. Der Unterauftrag für das Objektiv ging an die Münchner Firma C.A. Steinheil & Söhne. Diese wiederum gab den Auftrag für den Glasrohling an die Firma Schott & Genossen in Jena. Dort verzögerte sich die Herstellung des Objektives jedoch erheblich, denn der Glasrohling in optischer Reinheit wollte nicht gelingen. Jahr für Jahr berichtete Schorr nun in den Jahresberichten über den Fortgang.

1907 ... während für das 60 cm-Objektiv des großen Refraktors die Herstellung geeigneter Glasscheiben in Jena bisher noch nicht gelungen ist.
1908 Die Fertigstellung der Montierung zum 60 cm-Refraktor wird voraussichtlich auch noch vor Ablauf des Jahres 1909 erfolgen; dagegen wird die Herstellung des großen 60 cm-Objektivs sich noch weiter verzögern, da auch während des Berichtsjahres geeignete Glasscheiben noch nicht geliefert werden konnten.
1909 Viel weniger günstig liegen die Verhältnisse für die optische Ausrüstung dieser Instrumente. Es läßt sich zurzeit leider noch immer nicht mit einiger Sicherheit übersehen, wann das 60 cm-Objektiv, sowie die Objektive des Lippert-Astrographen zur Ablieferung gelangen, da es bisher noch nicht gelungen ist, die hierfür erforderlichen Glasscheiben tadellos zu erhalten.
1910 Der große Refraktor von 60 cm Öffnung wurde in der Werkstätte von A. Repsold & Söhne fertiggestellt und abgenommen. Seine Säule und sein Achsensystem wurde, wie bereits erwähnt, noch im Berichtsjahre auf der Sternwarte aufmontiert. Die vollständige Aufstellung des Instruments wird im Laufe des kommenden Frühjahrs erfolgen. Von den beiden für das große Objektiv bestimmten Scheiben wurde kurz vor Schluß des Berichtsjahres die Flintscheibe in guter Qualität und gutein Kühlungszustande von der optischen Werkstätte von Schott & Gen. in Jena geliefert und abgenommen. Die Fertigstellung der Kronscheibe kam im Berichtsjahre noch nicht zum Abschluß, sie ist jedoch erfreulicherweise inzwischen gelungen, so daß die Firma C. A. Steinheil Söhne in München nunmehr an die Herstellung des Objektivs gehen kann. Das für das Leitrohr des Refraktors bestimmte Objektiv von 180 mm Öffnung und 8.43 m Brennweite ist bereits im Berichtsjahre von Steinheil geliefert worden.
1911 Nachdem im März des Berichtsjahres auch die Kronglasscheibe vom Schottschen Glaswerk in gutem Spannungszustand abgeliefert wurde, hat die Firma Steinheil mit dem Schleifen des Objektives begonnen und dasselbe bis Ende des Jahres soweit gefördert, daß das fertige Objektiv voraussichtlich Mitte 1912 zur Ablieferung kommen wird.
1912 Die im vorjährigen Berichte ausgesprochene Hoffnung, daß die Instrumentenausrüstung der Sternwarte im Jahre 1912 vollständig fertiggestellt und abgeliefert sein würde, hat sich leider nicht ganz erfüllt; weder das 60 cm-Objektiv für den Großen Refraktor noch die beiden kurzbrennweitigen photographischen Objektive von 30 cm Öffnung für den Lippert-Astrographen gelangten im Berichtsjahre zur Ablieferung, da die Herstellung derselben in den optischen Werkstätten von Steinheil und Zeiß noch nicht beendigt wurde.
1913 Keine Eintragung
1914 Das Objektiv des Großen Refraktors wurde im März 1914 in der Steinheilschen Werkstätte fertiggestellt. Nachdem eine von Prof. Steinheil und dem Direktor dort vorgenommene Prüfung nach der Hartmannschen Methode und an künstlichen Sternen ergeben hatte, daß die Ausführung des Objektivs den gestellten Bedingungen entsprach, wurde es nach Bergedorf gebracht und am 23. April in das Fernrohr eingesetzt. Die ausführliche Untersuchung des Objektivs am Instrument konnte im Berichtsjahre noch nicht zum Abschluß gebracht werden, doch darf es nach den angestellten Prüfungen, namentlich hinsichtlich der Beseitigung der sphärischen Aberration, zu den besten der vorhandenen großen astronomischen Objektive gezählt werden. Im Brennpunkt sind die Bilder vollständig rund und auch die Definition auf Planetenscheiben ist sehr gut. Eine Prüfung an Doppelsternen hat bisher eine einwandfreie Trennbarkeit bis 0".35 ergeben. Das Objektiv hat eine freie Öffnung von 600 mm und eine Brennweite von 9.06m.

 

Im September 1906 hatte es zwischenzeitlich Aufregung in Schorrs Arbeitszimmer gegeben, als ein Brief des Senats eintraf, der die Möglichkeit einer neuen, viel kleineren Kuppel als vorgesehen zum Inhalt hatte.

Die Senatsabteilung III hatte nämlich einer soziologischen Sachverständigengruppe den Auftrag erteilt, sich um verbesserte Arbeiter-Wohlfahrtseinrichtungen zu kümmern. Die Gruppe fuhr dabei auch zu einem Treffen mehrerer solcher Initiativen am 7. September 1906 nach Jena. Einmal in Jena, besichtigte man auch die Werkstätten von Zeiss, um „ihre Arbeitsverfassung näher kennen zu lernen". Diese Besichtigungstour, auf der statt Wohlfahrtseinrichtungen die Produkte von Zeiss vorgeführt wurden, Mikroskope, Feldstecher, Entfernungsmesser für die Marine, Kameras, Episkope usw, führte der Weg, wie es der Zufall wollte, auch an einer neuen Kuppelkonstruktion des Zeiss-Ingenieurs Meyer vorbei. Zurück in Hamburg schrieb Dr. Bötzow, der Leiter dieser Sachverständigengruppe, sogleich eine Eingabe an den Senat, man möge die neuen Kuppeln wohlwollend prüfen und fügte eine Beschreibung des Neuartigen bei:

Die Kuppel ist dabei wesentlich kleiner, weil sie nicht mehr das ganze Fernrohr überspannt, sondern dieses sich teilweise in einem aus der Kuppel heraustretenden viereckigen Fortsatze befindet. Das Fernrohr ist in diesem Fortsatze an einer Stelle mit einem aus Draht gefertigten Gestell umgeben. Bewegt sich das Fernrohr und berührt das Gestell auf einer Seite den Fortsatz, so wird die Kuppel der Sternwarte selbsttätig auf elektrischem Wege in der selben Richtung wie das Fernrohr bewegt."

Dieser Antrag landete nun auf Schorrs Schreibtisch, der die Mühe hatte, dem Senat diese Konstruktion wieder auszureden, da Schorr „sie nicht als eine Verbesserung, sondern als eine Verschlechterung der sonst üblichen Konstruktion" ansah. Unter Beilegung einer Skizze führte Schorr aus:

Während bei der allgemein üblichen Konstruktion das Fernrohr vollkommen von einer Kuppel überdacht wird und innerhalb des Kuppelraums ganz frei beweglich ist, ist bei der Meyerschen Konstruktion die Kuppel K wesentlich kleiner gehalten und ein großer Teil des Fernrohrs F ragt aus der eigentlichen Kuppel heraus und wird gegen Wind und Wetter durch ein Aufsatzrohr N, das auf der Kuppel befestigt ist, geschützt. Da das Fernrohr bei der Beobachtung verschiedene Stellungen gegen den Horizont annimmt, so muß der Aufsatz N auf der Kuppel und diese selbst verschoben werden. Dieses geschieht auf elektrischem Wege dadurch, daß das Fernrohr gegen das Aufsatzrohr selbst anstößt (!!) und dabei elektrische Kontakte cc schließt, welche das Aufsatzrohr und die Kuppel dann ein Stück fortbewegen lassen.

Die Konstruktion ist jedoch deshalb verfehlt, weil sie gegen zwei Grundprinzipien für den astronomischen Instrumentenbau verstößt:

1. absolute Ruhe und Erschütterungsfreiheit des Fernrohrs. Dieselbe ist bei dem beständigen Anstoßen des Fernrohrs an die Kontakte niemals vorhanden.

2. vollkommene Gleichmäßigkeit der das Fernrohr umgebenden Luft. Auch hiergegen verstößt die Konstruktion, da bei dieser ein beständiger Luftaufstieg durch den Aufsatz, ähnlich einem Schornstein, eintreten wird, wodurch die Ruhe der Bilder der beobachteten Objekte beeinflußt wird."

Es blieb daher bei der geplanten Kuppel. Das Instrument selbst wurde in traditioneller Refraktorbauweise als sog. „Deutsche Montierung" ausgeführt. Diese äquatoriale Montierung besitzt zwei nahe beieinander drehende Achsen auf einer hohen zentralen Säule. Der Refraktor war das drittgrößte Instrument in Deutschland nach dem 80 cm Refraktor in Potsdam und dem 65 cm Refraktor von Babelsberg.

Großer Refraktor
Fernrohr Brennweite Öffnung
Hauptrohr 9,06 m 600 mm
  Leitrohr 9,00 m 180 mm

Neubau des Großen Refraktors in Bergedorf.

Über dem Hamburger Instrument wölbt sich eine Stahlkuppel von 13 m Durchmesser. Der runde Unterbau hat einen Durchmesser von 14 m. Innen ist die Kuppel mit Holz verschalt, um Kondenswasser zu verhindern.

Aufgrund der großen Brennweite des Instrumentes mußten besondere Konstruktionen verwendet werden um den Beobachter bei jeder Einstellung zum Okular zu bringen, ohne daß er eine 4½ m hohe schwankende Leiter zu besteigen hätte, auf der er wohlmöglich noch Stunden verharren sollte. Adolph Repsold hatte deswegen am großen Refraktor von Pulkowa seine berühmten „Fahrstühle" eingebaut. Solch einen Beobachterstuhl gab es auch am Äquatorial. Schorr konnte sich

aber nicht mit einem solchen Gefährt anfreunden und vergab den Auftrag an die Firma Zeiss, die den gesamten Beobachtungsboden von 12.5 m Durchmesser als große Hebebühne ausgelegt hatte. Eine kräftige Eisenkonstruktion war nun in der Lage, 30 t Nutzlast um 4½ m in die Höhe zu hieven. Drei große Spindelmuttern werden von Elektromotoren angetrieben; die ganze Hebebühne ruht auf drei eisernen Spindeln, die in der Wand des Rundbaus verankert wurden.

---> Schott-Steinheil Verzögerungen


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