Das Passageinstrument

 

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J.G. Repsolds Passageinstrument von 1829 wurde in einem neuen
Gebäude in Bergedorf wieder aufgestellt.

Das alte Passageinstrument vom Millerntor war das älteste Fernrohr der neuen Sternwarte in Bergedorf. Es war ursprünglich noch von J.G. Repsold für die erste Ausstattung der Sternwarte am Millerntor im Jahr 1829 gebaut worden. Das Objektiv hatte einen Durchmesser von 110 mm und eine Brennweite von 1630 mm und selbst stammte vermutlich aus der Münchner Werkstatt von Utzschneider und Fraunhofer.


Das Passageinstrument in der alten Sternwarte am Millerntor um 1890

 
Passageinstrument
Fernrohr Brennweite Öffnung
Fernrohr 1,6 m 110 mm

Das Instrument sollte in einer eigenen kleinen Beobachtungshütte auf dem gleichen Längenkreis wie der neue Meridiankreis errichtet werden. Die Mire, d.h. der feste Kontrollpunkt auf dem Sternwartengelände, konnte somit von beiden Instrumenten genutzt werden. Für die Wiederaufstellung des Instrumentes mußten allerdings einige Restaurierungsarbeiten durchgeführt werden. So wurde das Objektiv bei C.A. Steinheil&Söhne aufpoliert, und A. Repsold & Söhne lieferten einen neuen Okularkopf. Hauptsächlich mußte aber für eine präzise Aufstellung gesorgt werden.

Bei Passageinstrumenten anderer Sternwarten war oft ein ungleichmäßiges „Arbeiten" der tragenden Pfeilerblöcke bei Temperatur- und Klimaänderungen beobachtet worden. In Bergedorf sollten solche Probleme vermieden werden, denn dieses Instrument sollte überwiegend für die Zeitbestimmung eingesetzt werden. Dieses astronomische Arbeitsgebiet war ja gerade eines der Hauptargumente, warum die Sternwarte in Hamburg zu erhalten sei. Ungenauigkeiten in der Zeitbestimmung mußten also von vornherein auf ein Minimum reduziert werden. Doch gerade bei diesem Instrument tauchten unerwartete Schwierigkeiten mit den beiden tragenden Pfeiler auf.

 
Für die Aufstellung des Passageinstrumentes ... handelte es sich darum, zwei gleichgroße Sandsteinpfeiler von 2.6m Höhe und je 1qm Grundfläche zu beschaffen, welche in ihrer inneren Beschaffenheit einander völlig gleich sind, da es bei diesem Instrument in allererster Linie auf eine durch Temperatur- und Feuchtigkeitsänderung der Atmosphäre tunlichst gänzlich unbeeinflusste Unterlage desselben ankommt. ... Ich stellte deshalb bei der Erbauung des Gebäudes für das Passageinstrumentes und seiner Fundamente von vornherein die Bedingung auf, daß die beiden Pfeiler auf der Sternwarte so stehen sollten, wie sie in der Natur unmittelbar nebeneinander gestanden haben, daß sie zu diesem Zwecke aus einem einzigen grossen Sandsteinblock bester Qualität gewonnen werden."

Diese Bedingungen waren leichter zu formulieren als tatsächlich zu realisieren. Die meisten Steinbrüche winkten bezüglich der Homogenität und der Lage ab. Nur ein Steinbruch am Main, in Miltenberg, sagte zu. Dort gab es oben über dem Städtchen eine Stelle mit außerordentlich gleichmäßigem Sandstein in dem sich ein so großer Block finden ließ, wie die Sternwarte ihn wünschte. Über eine Hamburger Firma „Norden" ließ Schorr die Maße an den Steinbruchbetrieb Eyrich übermitteln, der Anfang Juli 1908 mitteilte, daß der Block erfolgreich gebrochen sei. Da sich die Sternwarte ausgebeten hatte, vor Ansetzen der Säge noch einen Blick auf den Stein zu werfen, reiste Schwaßmann an den Main.

Was er dort vorfand, schilderte Schwassmann folgendermaßen:

 

„Also gestern Abend 7 Uhr bin ich wohlbehalten in dem wirklich reizenden Städtchen Miltenberg eingetroffen und von Herrn Eyrich am Bahnhof in Empfang genommen worden, was mir insofern gleich sehr angenehm war, als das Gasthaus zum Engel nicht mehr existierte. Ich habe dann den Abend noch mit Herrn E. verbracht, der sich mir in liebenswürdigster Weise zur Verfügung stellte... Auf Grund dieses Abends sah ich der ganzen Sache vertrauensvoll entgegen. Um so größer war aber mein Erstaunen und Entsetzen, wie ich heute Vormittag den Tatbestand constatierte.

Um 8 Uhr kam Herr E. zu mir und wir verglichen in der Wohnung gleich alle Zahlenwerte für die Dimensionen, die ich in Ordnung fand, legten auch die Dimensionen für das Loch zum Uhrenhaken fest. Kurz vor 9 Uhr brachen wir dann zum Steinbruch auf, wo der große Block liegt, und waren nach fast 1½ stündigem Aufstieg bei glücklicherweise bedecktem Himmel oben im Bruch. Da lag nun das Koloss vor mir, in der Mitte bereits ca 40 cm tief durchgemeisselt und mit eingetriebenen Eisenkeilen in den Fugen, so daß der Block binnen weniger als 1 Minuten durchgeschlagen werden konnte. Herr E. rief sogleich mehrere Leute herbei, die auf die Keile schlagen sollten, worauf ich sagte, na warten Sie erst einmal, erklären Sie mir erst einmal, wie der Stein hier gelegen hat, denn der Stein lag nur ½ Meter von seinem Ursprungsplatz entfernt. Aber während Herr E. mir die Lage auseinandersetzte, hieben die Leute doch los und im Handumdrehen sprang der große Block entzwei. Das schien nun im ersten Augenblick sehr vorteilhaft, da sich in der Mitte des Kolosses eine ebenso großartig gleichmäßige Struktur zeigte, wie außen, und ich fühlte mich sehr befriedigt über diesen Sachverhalt. Nun kam aber das dicke Ende nach; es stellte sich nämlich heraus, daß der Block so in der Natur gesessen hatte, wie unsere Form „Riese", d.h. also nur mit 1 Meter Schichtdicke. Der Block hatte also die Form

nicht von der Seite gesehen, sondern von oben her gesehen, war aber nicht etwa nachträglich auf die Seite gefallen. Die gestrichelte Trennungsfläche hatte also in der Natur nicht horizontal, sondern vertikal gelegen. Als ich Herrn E. nun auf diese Disharmonie aufmerksam machte, sagte er, ja das habe er doch so auf seiner Karte geschrieben."

Aus diesem Block ließen sich also keine zwei gleichen Pfeiler herstellen, so wie es sich Schorr vorgestellt hatte. Eigentlich wäre es weiter kein Problem gewesen, dem Herrn Eyrich mitzuteilen, daß zwar viel Arbeit in diesem schönen Block steckte, er jedoch nicht den Spezifikationen genügte und folglich ein zweiter zu brechen sei.

 
Diesen schwerwiegenden Bedenken standen aber die bereits erwähnte Tatsache gegenüber, daß das Material des ganzen Blockes ein besonders guter war. Auch die nach der erfolgten Durchteilung zu Tage tretende Bruchfläche des Steins gab für eine durchaus homogene Beschaffenheit des ganzen Blocks volle Bürgschaft."

Schorr war durch Schwaßmanns Bericht in arge Gewissenskonflikte geraten: Einen neuen Block fordern, der nach dem Bruch vielleicht eine deutlich schlechtere Homogenität aufwies, oder diesen Block aus bestem Material nehmen, der jedoch gegensätzliche gewachsene Schichtfolgen und mögliche ungeahnte Spätfolgen enthielt.

Also reiste Schorr ebenfalls an den Main und kletterte zum Steinbruch hinauf. Zum Glück für die Sternwarte stellte sich heraus, daß sich gleich in der Nähe zur Bruchstelle des Blocks eine weitere Möglichkeit für einen Block auftat, so daß Schorr an den Ausgangsforderungen festhielt und einen neuen Bruch forderte.

Im Schriftwechsel des Steinbruchbesitzers stellte sich schließlich heraus, daß der Fehler beim Hamburger Unternehmen A. Norden & Sohn lag, das im guten Glauben eigenmächtig entschieden hatte, eine solche Trennung würde doch wohl nichts ausmachen.

Im Oktober 1909 konnte der neue Block dann endlich gebrochen werden. Wieder reiste Schwassmann nach Miltenberg und konnte von dort ein freudiges Telegramm absetzen:

 

Hurrah! Alles gut gegangen, Block groß und gut zersprungen. Block OK aber eine Ecke fehlt."

 

Auf diese fehlende Ecke konnte glücklicherweise verzichtet werden.


Gebäude des Passageinstrumentes 1909 im Bau

Im Mai 1910 wurde das Passageinstrument vom Millerntor nach Bergedorf transportiert und neu einjustiert. Nach einer Umänderung der Okularmeßfäden im November 1910 lief das Instrument dann fehlerfrei.

Die Häufigkeit der Zeitbestimmungen ließ jedoch sehr schnell nach.

 
Jahr
Anzahl Zeitmessungen
1911
64
1912
64
1913
55
1914
19
1915
9
1916
18
1917
14
1918
10

Danach wurde das Passageinstrument nicht mehr erwähnt und wahrscheinlich auch nicht mehr benutzt. Irgendwann in den nächsten Jahren wurde es abmontiert und in den Keller gelegt. Erst Ende der 30er Jahre, als Görings Bomberflotte genaue Ephemeriden benötigte, wurde das Instrument in einer neuen Hütte wieder aufgestellt.

 

 

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