Die Sonne und der Kaufmann retten die Sternwarte

 

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Im August 1903 kalkulierte Schorr einen alternativen Bauplan durch. Der große Flügelbau war gegen ein Hauptdienstgebäude ausgetauscht und die Instrumente aus den Flügeln in eigenständige Gebäude verlegt worden. In der früheren Version sollten die Instrumente mit sehr massiven und relativ hohen Sockeln aus dem Hauptgebäude heraus gebaut werden. Nun jedoch zeichnete Schorr die Fundamente nur noch so hoch, wie es die Instrumente unbedingt erforderten. Die Kuppelgebäude konnten so deutlich sparsamer ausgelegt werden und mußten nicht mehr auf das Gesamtkonzept der Sternwarte Rücksicht nehmen.

Zweiter Entwurf des Sternwartengeländes von 1903. Der „Große Refraktor" war noch nicht vorgesehen. Dort, wo er heute steht, war das Spiegelteleskop eingeplant.

A: Hauptgebäude, B: Direktoren-Wohnhaus, C:Grosser-Meridiankreis, D: Spiegelteleskop, E: Hütte,
F: Portierhaus, G:Wohnhaus für Observatoren, H: Mire, J: Kleiner Refraktor,
K: Kleiner Meridiankreis, L: Heiz-Haus

 

 

Dieses neue Modell hatte zudem den Vorteil, daß mehr Instrumente als vorher aufgestellt werden konnten. Zwar sanken die Kosten nicht mehr unter die von Schorr angestrebten 500.000 Mark, doch wurde eine deutliche Kostenreduzierung gegenüber der letzten Variante erzielt. Rechnete die Baudeputation in ihrem ersten Kostenanschlag vom Oktober 1902 mit 950.000 Mark für Gebäude und Infrastruktur, so lag der zweite vom August 1903 bei 598.000 Mark. Hinzu kamen aber immer noch eine Summe von 250.000 - 280.000 Mark für die Instrumentierung, die sich sogar auf 328.000 im Januar 1904 steigerte. Allerdings war da schon das 1m-Spiegelteleskop in den Preisen enthalten.

1903 erhielt die Sternwarte unerwartet Unterstützung durch Eduard Lippert.


Eduard Lippert

Eduard Lippert war Kaufmann und in seiner Freizeit ein begeisterter Amateurastronom. In Hohenbuchen hatte er sich eine eigene Sternwarte gebaut. 1899 besuchte er die Hamburger Sternwarte, um sich Tips für die Wahl geeigneter Instrumente zu holen. Durch diesen Kontakt entwickelten sich freundschaftliche Beziehungen zu Schorr.

Die Gründungsphase der Hamburger Sternwarte verfolgte Lippert mit gespanntem Interesse. 1903 bot er der Sternwarte an, zur Beschaffung eines großen photographischen Fernrohrs die entsprechenden Mittel zur Verfügung zu stellen. Eigentlich hatte Lippert vorgehabt, ein solches Instrument in Hohenbuchen aufzustellen, doch änderte er nun seine Meinung:

Ich bin der Überzeugung, daß dieses Instrument für die astronomische Wissenschaft mehr leisten wird, wenn es auf der neuen Sternwarte in Bergedorf und nicht bei mir in Hohenbuchen zur Aufstellung gelangt."

So lautete zumindest die offizielle Begründung für die Lippertsche Schenkung. Schorr soll jedoch an dieser glücklichen Wendung seinen Anteil durch intensive Überzeugungsarbeit geleistet haben.

Während des Ersten Weltkriegs verlor Lippert sein gesamtes Vermögen. Die Sternwarte verschaffte ihm noch eine Zeit lang eine Existenzgrundlage, indem sie ihn als Hilfsrechner an die Rechenmaschinen zur Erstellung von Präzessionstafeln setzte. Am 19. November 1925 starb Eduard Lippert in Hamburg. Von der Sternwarte wurde das durch sein Geld angeschaffte Instrument seither „Lippert-Astrograph" oder kurz „der Lippert" genannt. Der erste Kleinplanet, der 1921 mit diesem Instrument entdeckt wurde (Nr. 846) wurde auf den Namen „Lipperta" getauft.

1903 brachten die 50.000 Mark für den Doppel-Astrographen der Sternwarte jedenfalls ein sehr willkommenes Finanzierungsargument gegenüber Senat, Baudeputation und Bürgerschaft:

Der Kostenvoranschlag ... hat nun inzwischen eine sehr wesentliche Änderung dadurch erfahren, daß ein für die astronomische Forschung sich interessierender Bürger unserer Stadt, Herr Eduard Lippert, in hochherziger Weise sich bereit erklärt hat ... den ... photographischen Doppelrefrak

tor der neuen Hamburger Sternwarte ohne jede Einschränkung als Geschenk darzubieten und die Kosten für die Herstellung desselben, die sich auf rund 50.000 Mark stellen werden, zu übernehmen."

Diese Gelder erhöhten den Eigenanteil der Sternwarte beträchtlich. In der Kasse des Observatoriums befanden sich sonst nur geringe Eigenmittel aus kleineren Nachlässen. All diese Gelder wußte Schorr nun als wirkungsvolles Argument einzusetzen. Hinzu kam, daß Schorr nun schon im damals noch überschaubaren Kreis der Hamburger Wirtschaftselite ein eingeführter Gast war. Sein Junggesellenleben verschaffte ihm obendrein entsprechende Einladungen in die besseren Häuser der Stadt, zumal dann, wenn dort unverheiratete Töchter lebten.


Schorr (Mitte) 1903 bei der Geodätischen Konferenz in Kopenhagen

Die Sonne rettet die Hamburger Sternwarte

Mit der totalen Sonnenfinsternis am 30. August 1905 stand ein aufsehenerregendes Ereignis bevor. Die photographische Emulsion hatte in der vergangenen Zeite die beobachtende Astronomie revolutioniert, und die Industrialisierungswelle in Europa hatte zu einer technologischen Euphorie geführt, die auch neue Impulse in den Naturwissenschaften setzte. Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich unter den Physikern zunächst die Meinung verbreitet, die Prinzipien der Naturwissenschaften seien weitgehend verstanden, und es gäbe kaum noch Neues zu entdecken. Doch dann setzte in den letzten Jahren des Jahrhunderts genau das Gegenteil ein: Konrad Röntgen entdeckte hochenergetische Strahlen, die den Körper durchleuchteten (1895), Henry Becquerel entdeckte die Radioaktivität (1896), in Californien begann 1888 das Lick-Observatorium mit dem damals größten Fernrohr der Welt (91cm Öffnung) zu arbeiten und lieferte phantastische Beobachtungen. 1905 schließlich veröffentlichte Albert Einstein die Arbeiten zur speziellen Relativitätstheorie.
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Lick

In der Astronomie begann man sich nun nicht mehr nur mit dem Katalogisieren der Himmelskörper und deren Eigenschaften zu begnügen, sondern man wollte auch deren Ursachen hinterfragen. Ein neues Fach, die Astrophysik, begann sich zu etablieren.

Diese Sonnenfinsternis wurde deshalb von vielen Sternwarten als ideale Möglichkeit angesehen, den uns am nächsten stehenden Stern, unsere Sonne, mit modernen Hilfsmitteln näher zu untersuchen.

Aus allen größeren Observatorien reisten daher Beobachtergruppen zu den Standorten, wo die Finsternis am besten zu beobachten war. Auch die Hamburger Sternwarte rüstete eine Expedition nach Algerien aus. In einer Entfernung von nur einer Tagesreise hatte dort auch eine Gruppe aus Göttingen unter der Leitung von Karl Schwarzschild ihre Zelte aufgeschlagen. Schorr nutzte die Zeit, ihm einen Besuch abzustatten. Schwarzschild gehört zweifelsohne zu den Vätern der Astrophysik. Es scheint daher so, daß diese Sonnenfinsternisexpedition die rettenden Argumente für die umfangreiche Neugründung der Sternwarte brachten.

In der Senatsdrucksache für die Bürgerschaftssitzung im Januar 1906, in der es über die Abstimmung über die endgültige Genehmigung des neuen Sternwartenkonzeptes gehen sollte, traten deshalb neue Töne in den Vordergrund:

In den letzten zwei Jahrzehnten ist ... durch die Anwendung der physikalischen Methoden in der Astronomie, der Photographie, der Spektralanalyse und der Photometrie, ein ganz neuer Zweig der Astronomie, die Astrophysik, entstanden, welche die Ermittlung der physischen Konstitution der Himmelskörper zur Aufgabe hat.

Bisher hat die Hamburger Sternwarte eine für diese Untersuchungen geeignete Ausrüstung noch nicht besessen, eine solche ist aber für die Sternwarte, wenn diese modernen Anforderungen entsprechen soll, unentbehrlich."

Die galoppierende Kostenentwicklung konnte mit diesem neuen Argument bestens begegnet werden. Dies war auch dringend notwendig, denn Schorrs Kostenvoranschlag lag nun bei 895.000 Mark.

Am 12. Februar 1906 legte der Senat der Bürgerschaft den Antrag über das Neubauprojekt der Sternwarte in Bergedorf endgültig zur Abstimmung vor. Die Abstimmung sollte am 21. Februar 1906 stattfinden. Ob ein positives Ergebnis zu erwarten war oder ob ähnliche Schwierigkeiten wie vor sechs Jahren eintreten würden, war nicht eindeutig vorherzusagen. Doch bereits am frühen Morgen schob Senator Westphal dem zuständigen Senator von Melle einen kurzen Brief zu:

Lieber Werner,

Die drei grossen Fractionen haben beschlossen, den Senatsantrag betreffend Einrichtung einer neuen Sternwarte ohne Ausschuss zu bewilligen. Natürlich kann ich Dir nicht dafür aufkommen, dass nicht der Eine oder Andere für sich persönliche Bedenken äussert oder dagegen spricht; die Sache selbst ist jedoch nach meiner eben gehaltenen Umfrage als gesichert anzusehen, und daher das Erscheinen von Senats-Commissaren meiner Meinung nach nicht rathsam."

Wie vorhergesagt, fand eine sehr kurze Beratung zu diesem Tagesordnungspunkt statt:

Ich eröffne die Beratung. - Es wünscht niemand das Wort. - Ich schließe die Beratung und ersuche die Herren, die den Senatsantrag annehmen wollen, sich zu erheben. (Alle stehen auf). - Der Senatsantrag ist endgültig angenommen."

   
 
   
   
   
   
   
   
   
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