Es rieselt im Gebälk
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Der alten Sternwarte, in der die Hamburger Astronomen nach wie vor arbeiteten, ging es unterdessen immer schlechter. Im Herbst 1902 wurde auf dem Millerntordamm kaum 100Meter von der Sternwarte und in St. Pauli elektrische Straßenbeleuchtung eingeführt. Die rötlichen Bogenlampen erhellten nun den Himmel nach Süden und Westen so stark, daß mit bloßem Auge kaum noch Sterne wahrgenommen werden konnten.

Auch die erforderlichen baulichen Maßnahmen wurden immer umfangreicher und immer dringlicher. 1906 waren bereits einige Tragbalken über den Arbeitsräumen gebrochen und in einem Raum öffnete sich ein großer Spalt. Ein Angestellter fand morgens auf seinem Arbeitsplatz ein großes Stück Putz von der Decke, das Nachts heruntergebrochen war.

Das Gebäude, je baufälliger es wurde, stand deswegen zunehmend im Interesse der Hamburger Stadtstreicher, die sich trotz Nachtwächter leicht Eingang verschaffen konnten.

In der Nacht vom 7. auf den 8. Juli 1906 schreckte der Gehilfe der Sternwarte, Beyermann, plötzlich in seinem Bett hoch. Unter seiner Wohnung im Sternwartengebäude konnte er Stimmen vernehmen - und er war allein. Vorsichtig tapste er die Kellertreppe hinunter und bemerkte Licht unter einer Tür. Leise schlich er sich heran, um dann - zack -Schlüssel rein, abschließen und nichts wie hoch, zurück in die Sternwartenräume, um eilig die Telefonkurbel zu strapazieren bis die Verbindung zur Hauptfeuerwache stand.

Beyermann mußte bangvoll warten, bis schließlich vier Polizisten erschienen. Mittlerweile waren auch Dolberg und Messow, die beiden Sternwartenassistenten, aufgeweckt worden. Zu siebt traute man sich nun wieder hinunter in den Keller, schloß auf und - nichts mehr: Alle schon vorher ausgeflogen. Einzige Verhaftung: eine halbvolle zurückgelassene Schnapsflasche.

  Die Hatz auf die Stadtstreicher wurde nun auf den Garten der Sternwarte ausgedehnt und endlich wurde man fündig: An einem Pfeiler für die tragbaren Passageinstrumente fand sich ein provisorisch errichtetes Zelt und darunter drei schlafende Männer, die jedoch bestritten, in die Sternwarte eingebrochen zu sein.

Solchen Besuch mußten die alten Gemäuer nun häufiger über sich ergehen lassen, auch kamen gelegentlich kleinere Gegenstände abhanden, wie etwa die „Beobachtungsuhr Krille", die im Juli 1907 gestohlen wurde.

Mit dieser Uhr, vom Uhrmacher Krille gebaut, hatte es eine besondere Bewandtnis: Um dem am Okular sitzenden Astronom ein Zeitgefühl zu geben, schlug diese Uhr im Sekundentakt eine kleine Glocke an, sie lief dafür auch nur 1½ Stunden. Diese Besonderheit brachte die Sternwarte glücklicherweise bald wieder in den Besitz dieser Uhr. Die Sternwarte nahm an, daß dem Dieb die kurze Laufzeit bald auffallen und er sie zum Uhrmacher bringen würde. Sie verschickte deshalb Handzettel an alle Uhrmacher Hamburgs, Altonas und Wandsbeks. Schon im August meldete sich ein Uhrmacher, der die Uhr von einem Seemann gekauft und an einen anderen Hamburger Uhrmacher weiterverkauft hatte, der allerdings mittlerweile nach Frankfurt umgezogen war. Dort konnte er jedoch ausfindig gemacht werden, und er stellte sie der Sternwarte kostenlos wieder zur Verfügung.


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