Senatsvorlage vom 4.Juli 1899 zur Lage der Hamburger Sternwarte

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Zur Untermauerung der Umzugsabsichten nach Bergedorf hatte Richard Schorr eine Senatseingabe vorbereitet, die zum ersten Mal am 4.Juli 1899 verhandelt wurde. Diese enthielt drei gutachterliche Stellungnahmen von F. Küstner, ehemalige Observator der Sternwarte und nun Direktor der Bonner Sternwarte, Hermann Struve, Professor an der Sternwarte in Königsberg sowie Adolf Repsold aus Hamburg.

 

„Dann muß also die Sternwarte verlegt werden und ich halte deren Verlegung auch aus dem Grunde für sehr empfehlenswerth, weil dann jenes werthvolle Terrain am Millernthor für andere öffentliche Zwecke, für Ausstellungen etc, wofür es sich vorzüglich eignet, verfügbar wird.

Wohin soll die Sternwarte verlegt werden ? Ich führe die überhaupt wegen ihrer Höhe und jetzt noch freien Lage in Betracht kommenden Punkte der Reihe nach an, von den inneren nach den äußeren Theilen des Stadtgebietes fortschreitend, mit kurzer Charakterisirung auf Grund der von mir bei wiederholter genauer Besichtigung am Tage und in der Nacht gemachten Wahrnehmungen.

  • Harvestehude, freies Terrain zwischen Eppendorfer Chaussee, Thurmweg und Heimhuder Straße, in der Nähe des Eisplatzes, Höhenlage 22 m. Ungünstig weil nach Süden sehr wenig geneigt, ferner durch die Nähe der Eisenbahn, die womöglich beseitigt werden müßte, und die langen sehr hell beleuchteten Straßenfluchten.
  • Ähnliches gilt von der nahe gelegenen Koppel (Höhe 21 m), Ecke Weberstraße und Hochallee, wo auch gerade im Süden, der wichtigsten Himmelsrichtung, sehr hohe Häuser an der Werderstraße stören.
  • Eppendorf, freies Feld an der Grenze des Stadtgebietes, südwestlich vom neuen Krankenhause. Günstige Höhenlage 23 m, stark geneigt nach Süden und deshalb mit freiem Blick in diese Richtung. Wäre ein günstiger Platz für eine Sternwarte gewesen, ist jedoch unmöglich gemacht durch den Neubau der Entbindungsanstalt auf der Höhe selbst, durch die Nähe der sehr großen Maschinenanlage des Krankenhauses einerseits und eines Dampfsägewerkes und anderer Fabriken an der Hoheluft-Chaussee andererseits.
  • Winterhude, Gehölz beim alten Pulvermagazin, Höhe 25 m. Liegt mitten zwischen der projectirten Bahnanlage und insbesondere so nahe der Güterumgehungsbahn, daß schon aus diesem Grunde eine Sternwarte wegen der zu befürchtenden Bodenschwankungen hier nicht errichtet werden kann. Außerdem liegen dicht im Süden zahlreiche Fabriken, im Südosten nach Barmbeck zu eine große Gasanstalt2 .
  • Weiter im Norden könnte man die Anhöhen (Höhe auch 25 m) bei Fuhlsbüttel in Aussicht nehmen. Man wird aber kaum ernstlich daran denken können, ein Institut wie eine Sternwarte in diese abgelegene Gegend zwischen Centralgefängnis und Kirchhof zu verlegen, von wo die Stadt, selbst mit der elektrischen Bahn, erst in einer Stunde zu erreichen ist.

All diese Punkte haben auch den Nachtheil, daß sie noch keineswegs ganz außerhalb des Bereiches der Rauchatmosphäre der Stadt liegen und daß diese von ihnen aus gesehen gerade den Südhimmel wie eine Wolke verschleiert. In noch höherem Grade gilt dies wegen der vorherrschenden Westwinde von den mehr östlich gelegenen Punkten in Barmbeck und Horn. Mit großen Kosten würde man also nur eine geringe Verbesserung, im Vergleich zu der ganz besonders üblen Lage am Millernthor, erreichen und auch die nur auf wenige Jahrzehnte, wegen der raschen Ausdehnung der Stadt und der starken Zunahme industrieller Anlagen gerade an den Grenzen derselben.

Mit Nothwendigkeit richtet sich nunmehr der Blick nach Bergedorf, welches durch seine Entfernung von 16 Kilometern der Rauchatmosphäre der Stadt vollständig entrückt und doch in 20 Minuten Eisenbahnfahrt rasch und bequem zu erreichen ist. Auch hier ist auf Hamburgischem Staatsgebiet die Bebauung im raschen Fortschreiten begriffen, es sind jedoch jetzt noch mehrere große freie und hoch gelegene Terrains vorhanden. Vornehmlich ist es ein Punkt, der wie von Natur für die Errichtung der Hamburgischen Sternwarte geschaffen erscheint. Es ist dies ein jetzt wüstes Stück Land von 1½ bis 2 Hectar Fläche, mit Resten alter Kiesgruben, am Südrande des Bergedorfer Gehölzes dominirend in 45 m Höhe, im Osten von den Anlagen des Hotel Fernsicht. An und für sich ziemlich werthlos erscheint dieser Platz in jeder Hinsicht außerordentlich geeignet für ein Observatorium. Der Blick ist völlig frei, nur im Norden, und diese Richtung ist von geringer Bedeutung, wird er ein wenig vom Horizont durch das Gehölz verdeckt. Letzteres braucht deshalb in keiner Weise angegriffen zu werden, es bietet vielmehr einen höchst erwünschten Schutz namentlich gegen die starken Nordwestwinde, die sonst empfindlich über die kalte Höhe fegen würden, und auch gegen etwaige Störungen durch den Rauch des nächsten größeren industriellen Etablissements, der Bergedorfer Brauerei, welche in 1 Kilometer Abstand tief unten an der Bille liegt. Die Bille selbst schützt zugleich vor Bodenerschütterungen, welche, von den zwischen Bergedorf und Reinbeck fahrenden Zügen verursacht, die Pfeiler der Instrumente sonst vielleicht noch erreichen könnten."

Struves legte in seinem Beitrag vor allem Wert auf die Beurteilung der Wissenschaft an der alten Sternwarte und wie dort gearbeitet wurde:

Was zunächst die Lage der Sternwarte anbetrifft, so halte ich sie für eine sehr ungünstige. Auf einer nur geringen Anhöhe gelegen, inmitten der großen Stadt, hat die Sternwarte nach keiner Richtung hin freien Horizont. Im Süden, derjenigen Richtung, die für astronomische Beobachtungen hauptsächlich in Betracht kommt, wird die Luft durch Dampfschiffe und große Fabriken (Steinwärder5) verunreinigt. Auch im Osten und Westen treten die Häuserreihen nahe an die Sternwarte heran, und die Ausdünstungen der Stadt, der Qualm der Fabriken und Dampfschiffe, der bedeutende Feuchtigkeitsgehalt der Luft müssen bewirken, daß ständig eine dicke Dunstschicht über der Sternwarte lagert und überdies die Luft nicht diejenige Ruhe hat, die für exacte astronomische Beobachtungen die erste Vorbedingung abgiebt. Dazu kommt noch, daß durch den regen Verkehr, der sich bis in die Nähe der Sternwarte hinzieht, Erschütterungen der Instrumente unvermeidlich auftreten müssen, wie auch zweifellos der dadurch verursachte Lärm Störungen in den Beobachtungen zur Folge haben wird. In der That muß ich von allen Dingen diesen Umstand es zur Last legen, daß die Hamburger Sternwarte in den letzten Deceunien in der practischen Astronomie nur geringe Leistungen aufzuweisen hat.

Was ferner die innere Einrichtung der Sternwarte anlangt, so sind die Instrumente und ihre Aufstellung größtentheils veraltet oder von den bequemeren und zweckmäßigeren Einrichtungen, die man auf anderen Sternwarten vorfindet, überholt. Ich will mich hier nur auf eine kurze Besprechung der Hauptinstrumente beschränken.

Der Repsold'sche 4 zöllige Meridiankreis hat noch im Wesentlichen die alte Reichenbach'sche Montirung, die schon in den dreißiger und vierziger Jahren beim Bau des Pulkowaer und Königsberger Meridiankreises von Repsold verlassen und durch geeignetere Einrichtung der Mikroskope ersetzt wurde. Um das Instrument den neueren Anforderungen entsprechend umzugestalten und ihm zugleich eine größere Lichtstärke zu geben, wären fundamentale Änderungen an demselben vorzunehmen, wobei von dem alten Instrument nur etwa der getheilte Kreis zur weiteren Benutzung übrig bleiben würde. Der Meridiansaal, in welchem das Instrument aufgestellt ist, hat ferner zwei große Übelstände, die eine Verwerthung des Instrumentes in erheblichem Maaße beeinträchtigen: Erstens, daß der Saal in der Richtung Nord-Süd eine zu geringe Ausdehnung hat, zweitens, daß er nach veralteten und längst aufgegebenen Principien mit viel zu engem Meridianspalt versehen ist. Es würde meines Erachtens ein vollständiger Neubau des Meridiansaales nöthig sein, um das Instrument leistungsfähig zu machen. Dieselben Ausstellungen lassen sich hinsichtlich der Montirung und des Beobachtungsraumes auch in Bezug auf das nebenanstehende Passageninstrument von Repsold machen, wobei noch hinzuzufügen wäre, daß das Instrument in seiner Construction noch älter als der Meridiankreis ist, daher schwerlich mehr mit neueren Instrumenten wird concuriren können.

Zur Bestimmung der relativen Sternörter besitzt die Sternwarte zwei Instrumente: Einen 9 zölligen Refractor von Repsold und ein 2½ zöl
liges Heliometer. Da ich nicht Gelegenheit gehabt habe, mit dem Refractor zu beobachten, so kann ich die Güte desselben als Sehwerkzeug nicht beurtheilen. Bei der Montirung desselben ist darauf Bedacht genommen, durch directe Kreisablesung die relativen Örter der Gestirne bestimmen zu können. Diese Methode hat gegenwärtig, wo die Photographie in ausgedehntem Maaße zu astronomischen Beobachtungen angewandt wird, kaum noch eine Bedeutung. Die complicirtere Einrichtung, welche sie erfordert, erschwert dagegen die Benutzung des Refractors zu exacten Mikrometermessungen, für welche derselbe in erster Linie bestimmt ist. Auch hier scheinen mir einige Abänderungen in der Construction geboten, um die Benutzung des Refractors zu erleichtern.

...

Meiner Überzeugung nach, die gewiß auch von anderen Astronomen getheilt wird, steht demnach Hamburg jetzt vor der Alternative, entweder mit den alten ruhmvollen Traditionen zu brechen und auf den Besitz einer Sternwarte, deren Fortführung in der bisherigen Weise bedeutende Mittel erfordert, ohne entsprechende Leistungen zu gewähren, ganz zu verzichten, oder eine neue Sternwarte, ausgerüstet mit vollkommeneren Instrumenten auf einem anderen geeigneteren Grundstück ins Leben zu rufen."

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