Baubeginn am Gojenberg

 

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Auf dem 33½ ha großen Gelände wurde noch im Jahr 1906 mit den Bauarbeiten begonnen. Das Gelände besaß in der ursprünglichen Form die Gestalt eines T. Später wurden auf der nördlichen Seite die angrenzenden Geländepartien dazu gekauft. Im Süden fällt das Gelände gleich hinter dem Sternwartengelände am Geesthang der Elbe von 40m auf 8m ab, auf die Höhe der damaligen Brunnenstraße (heute Holtenklinker Straße). Für die Sternwarte eröffnete sich daher ein idealer Blick nach Süden, wo in 25 km Entfernung die Türme von Lüneburg und Bardowick am Horizont standen. Auch nach Norden gab es immerhin ein noch 2 km weites offenes Feld.

Es entstanden nun vier Kuppelgebäude, zwei Meridianhäuser, eine Mire, eine Beobachtungshütte, das Hauptgebäude, drei Wohnhäuser, die Heizungsanlage und ein Schuppen.

Die Aufträge für die astronomischen Instrumente ging an die beiden Firmen Zeiss in Jena (1m-Spiegel, Doppel-Astrograph und Hebebühne des Refraktors) und A. Repsold & Söhne in Hamburg (Großer Refraktor und Meridiankreis).

Großer Refraktor

Der „Große Refraktor" erhielt ein Objektiv von 60 cm Durchmesser und 9 m Brennweite. Das Objektiv war für den visuellen Bereich des Lichts ausgelegt. Es war geplant, das Instrument hauptsächlich noch in der konventionellen Beobachtungstechnik, der Beobachtung mit dem Auge am Okular, zu betreiben. Planeten, Mond, Kometen und Nebelflecke waren die astronomischen Ziele. Die Fotografie, die im blauen Wellenlängenbereich arbeitete und eine andere Brennweiteneinstellung erforderte, war zwar vorgesehen, jedoch glaubte man, eine Korrektionslinse, in den Strahlengang hineingeschaltet, würde ausreichende Qualitäten liefern. Aufgrund des langen Tubus' war im Kuppelsaal des Refraktors eine durchgängige Hebebühne vorgesehen, die bequeme Beobachtungen in jeder Teleskopstellung ermöglichen sollte. Diese Bühne (12.50 m im Durchmesser) mußte um 4.50 m in die Höhe fahrbar sein - im Jahr 1906 eine beachtliche technische Leistung.

Montage des Tonnendaches füt den Meridiankreis (1908)

Gleich neben dem großen Refraktor, ebenfalls nahe am Geesthang, entstand der neue Meridiankreis für die Vermessung von Sternpositionen - dem klassischen Betätigungsfeld der Sternwarte seit J.G. Repsold. Das Gerät erhielt ein Objektiv von 19 cm Durchmesser und 2.30 m Brennweite. Bei diesem Instrument wurden die verwendeten Materialien besonders sorgfältig aufeinander abgestimmt. Die Gläser und die Metalle wurden so ausgesucht, daß bei veränderten Temperaturbedingungen das Ausdehnungsverhalten aller Materialien harmonierte. Für das Instrument wurde Nickelstahl und Eisen, für das Objektiv Borsilikatglas und Flintglas gewählt. Größte Sorgfalt mußte beim Meridiankreis auch auf die Überwachung der Fernrohrlagerung gelegt werden, um mit dem Instrument Sternpositionen mit höchstmöglicher Präzision gewinnen zu können. Mehrere Kontrollniveaus wurden installiert, und die Ablesung geschah über sehr große Teilkreise von 74 cm Durchmesser, die aufgesetzte Gradeinteilung (4 Bogenminuten Strichabstände) wurde aus Silber gefertigt. Um die Lage des Instruments gegenüber kleinen Ortsverschiebungen zu prüfen, wurden mehrere Miren installiert. Noch auf dem Gelände wurde die Nordmire in 105 m Entfernung gebaut, und zwei Fernmiren entstanden im Abstand von 1.2 km (nördlicher) und 4.5 km (südlicher) Entfernung. Die Mire auf dem Sternwartengelände wurde auch vom Passageinstrument, das auf dem gleichen Meridian des Meridiankreises stand, genutzt. Der Meridiankreis erhielt ein halbzylindrisches, tonnenförmiges Gewölbe, das in der Mitte auseinander gefahren werden konnte und den gesamten Meridian von Nord nach Süd freigab.

Das alte Passageinstrument aus der Sternwarte am Millerntor wurde in einer eigenen kleinen Beobachtungshütte mit abfahrbarem Dach aufgestellt. Dieses Gerät wurde im wesentlichen für die Zeitbestimmung eingesetzt. Der alte Meridiankreis aus dem Jahr 1827 genügte den Präzisionsansprüchen nicht mehr. In Ölpapier verpackt sollte er im Keller auf ein Museum warten.

Das 1m-Teleskop in der Montagehalle bei Zeiss (um 1910)

Über die Aufstellung der beiden Zeiss'schen Instrumente, den 1m-Spiegel und den Doppelastrographen mußte 1906 noch etwas länger nachgedacht werden. Die astrophysikalischen Argumente für den Neubau der Sternwarte waren noch zu frisch, um bereits endgültige Pläne vorrätig zu haben. Der 1m-Spiegel wurde als einer der wenigen großen Teleskope in der Bauweise des "Newton-Teleskops" gebaut. Während üblicherweise der Hauptspiegel eine zentrale Öffnung für den Strahlengang besitzt, bleibt der Hauptspiegel beim Newton komplett und der Strahlengang wird seitlich aus dem Teleskoprohr herausgeführt. Die Montierung unterschied sich stark von der des Refraktors. Im Gegensatz zur „Deutschen Montierung" des Refraktors erhielt der 1m-Spiegel eine Gabelmontierung mit einer sehr eigenwilligen Form der Ausgleichsgewichte. Diese Montierung war eine vielbeachtete Neuentwicklung des Zeiss-Konstrukteurs Meyer. Im Gegensatz zu der Methode, einfach alle Komponenten sehr stark zu versteifen, was wiederum das Gewicht erhöht und somit zu neuen Durchbiegungseffekten führt, wählte Meyer eine komplexe Kompensationsmechanik mit mehreren Hebeln, Achsen und Gegengewichten. 1911 wurde das Instrument eingeweiht.

Der Lippert-Astrograph (1913)

Der Doppelastrograph "Lippert" wurde als Kombination zweier Refraktoren auf beiden Seiten der Deklinationsachse ausgelegt. Die ursprünglich projektierte Version war schon bald um eine deutlich leistungsfähigere Variante ersetzt. Das als Hauptrohr vorgesehene „optische Fernrohr" war zum Leitrohr degradiert worden, und auf der anderen Deklinationsachse war ein 30cm Refraktor hinzu gekommen. Das ganze kostete schließlich 56.600 Mark, nur knapp mehr als Lippert gespendet hatte.

Die Repsoldschen Instrumente wurden sofort in Angriff genommen und der Meridiankreis konnte schon im Frühjahr 1909 fertiggestellt werden. Die Fertigstellung des Großen Refraktors machte allerdings große Schwierigkeiten, da Schott in Jena bei der Herstellung geeigneter Objektiv-Rohlinge schier verzweifelte. Jahr um Jahr verstrich und erst Ende 1910, also erst 4 Jahre später, konnte Schott die Rohlinge bei Steinheil in München zum Schleifen abliefern. Schorrs Hoffnung, das fertige Objektiv schon 1911 zu montieren, erfüllte sich nicht, denn beim Polieren der Gläser bei Steinheil in München entstanden immer wieder Schlieren und Zonenfehler. So verzögerte sich die Inbetriebnahme bis zum März 1914; weit über den offiziellen Einweihungstag der Sternwarte hinaus.

Als dann die Sternwarte 1912 fertiggestellt worden war, schaffte es Schorr, mehrere hochrangige Konferenzen nach Hamburg zu holen, die das neue astronomische Institut gebührend bewunderten und entsprechende Publicity in die Welt trugen.

So tagte vom 17. - 28. September 1912 die 17. Konferenz der internationalen Erdmessung. Vom 6. bis zum 9. August 1913 wählte die Astronomische Gesellschaft Hamburg zum Tagungsort für die AG-Hauptversammlung und vom 9. bis 12. August 1914 tagte die Hauptversammlung des Deutschen Geometervereins in Hamburg.

Dies war keine schlechte Werbung für Schorrs neues Institut.


Postkarte der neuen Sternwarte am Gojenberg.
Von Links: Beamtenwohnhaus (Observatoren), Pförtner- und Dienerwohnhaus,
Hauptdienstgebäude, Großer Refraktor.

   
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