Umweltschutzgruppe Physik-Geowissenschaften


KONKURSE 3

20 Jahre Hamburger Umweltbehörde - Nummer 3 Dezember 1998

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Inhalt

Wenn die Behörde erzählt

Als Tiger gestartet...

Maracujasaft

Mühlenberger Loch

5 Stunden Angst

Faul, Dreist, Geldgierig

Chronik

Sprachlasten

Wenn die Behörde erzählt...

...über Fischreichtum und Wasserqualität in der Elbe

Immer wieder geistert die Nachricht vom angeblichen Wiederaufleben der Unterelbfischerei durch die großdeutsche Medienlandschaft . Es sei mit der Wasserqualität der Elbe seit dem Ende der DDR so drastisch bergauf gegangen, daß das Geschäft der Fischer wieder richtig hoffnungsvoll sei, sogar dicke Zander werden wieder reichhaltig aus dem Fluß geholt.

Legende? Zweckoptimismus? Wiedervereinigungs - Gedöhns („die Oberlieger waren an allem schuld...")?

Meldungen dieser Art sind nun nicht unbedingt abhängig vom Zustand der Elbe, und schon gar nicht dürfen sie als zufällig angesehen werden. Der Sommerloch-Senator Fritz Vahrenholt bereitete solche Themen von langer Hand vor. So hatte er beispielsweise im Frühjahr 1994 seine Mitarbeiter ausdrücklich gebeten, sich Gedanken darüber zu machen, wie das Thema „Qualitätsverbesserung und die Rückkehr von Fischen" von der Umweltbehörde noch im Sommer 1994 besetzt werden könne. Irgendwer in der Behörde muß dann wohl in der Zentrale der Nachrichtenagentur dpa einen oder eine gekannt haben. Und, schwups, füllen Jubelmeldungen wie die von den vielen dicken Zandern und vom zurückgekehrten Artenreichtum bundesweit die Schlagzeilen.

Allerdings können die dicken Zander und der angebliche Artenreichtum kaum anzeigen, ob die Elbe nun saniert ist oder sich Fischbestand und Fischfang weiter positiv entwickeln. Die Zander-Bestände in der Elbe sind allgemeinen Schwankungen unterworfen. Anfang der achtziger Jahre hatte dieser einen höheren Bestand als 1994. Der Senator, beseelt von dem Gedanken zum erstenmal in seinem Leben Zander aus der Elbe zu essen, lud zum Schmause.

Seit in den Jahren 1980/81 bei einer umfangreichen Untersuchung festgestellt wurde, daß die Belastung mit Quecksilber und Hexachlorcyclohexan in Elbaalen und Brassen die Grenzwerte des Lebensmittelrechts zum Teil um ein Mehrfaches überschreiten, wurde bisher keine Entwarnung gegeben. Jüngste Untersuchungen bestätigen, daß die Elbfische auch heute noch erheblich mit Schadstoffen belastet sind.

Altenwerder einst ...

Im Süß- und Brackwasserbereich der Unterelbe leben etwa 28 Fischarten. Allerdings muß der mit 90 Prozent schon hohe Stintanteil als alarmierend gelten. Viele Fischbestände sind deutlich kleiner geworden. Die Ursache für die Gefährdung von Fischarten und des zahlenmäßigen Bestandes sind sowohl Schadstoffe als auch die Einengung der Lebensräume durch Elbausbau, Eindeichungen, Absperrungen von Nebenflüssen, Vernichtung von Flachwasserzonen und Laichplätzen. Die Elbe wird von der Stadt Hamburg als industrielle Transportstraße für Schiffe und Abwässer genutzt und ist dadurch als Lebensraum für viele Fischarten ungeeignet geworden. Das System Elbe ist aus dem Gleichgewicht geraten, denn trotz der seit 1989 verbesserten Sauerstoffgehalte ist die Flunder selten geblieben, tausend mal seltener als der Stint.

...über verschollene Fischarten

Daß z.B. die Fischarten Stör, Maifisch und Zährte unter Naturwissenschaftlern in der Elbe als ausgestorben gelten, stört die Umweltbehörde nicht. Auf einem Plakat dieser Behörde wird die Bevölkerung darüber informiert, daß diese Fische „zur Zeit verschollen" sind.

... über Elbvertiefung

Mitverantwortlich für den Zustand der Elbe ist ohne Zweifel die Umweltbehörde. Mit ihrer Zustimmung zur weiteren Vertiefung der Elbe auf 16 m folgt sie ergeben der Wirtschaftsbehörde und Hafenwirtschaft und nimmt so die weitere Verschlechterung des Flußsystems Elbe billigend hin.

... über Hafenerweiterung und „Öffnung der Alten Süderelbe"

Ihre Hafenwirtschafts-Freundlichkeit hat die Umweltbehörde auch in der Frage der Hafenerweiterung in Altenwerder bewiesen. Im Zuge der geplanten Hafenerweiterung in Altenwerder ist Senator Vahrenholt auf die Idee gekommen, die Zerstörung von Altenwerder - eines einmaligen Gebietes in der Niederelberegion - durch die „Öffnung" der Alten Süderelbe zu ersetzen.

Zuerst war von einer dreiseitigen „Öffnung" (Mühlenberger Loch, Finkenwerder Vorhafen, Köhlbrand) die Rede. Seine Senatskollegen haben ihm aber diese Variante aus Kostengründen ausgeredet. Dann war nur noch eine zweiseitige „Öffnung" (Mühlenberger Loch, Finkenwerder Vorhafen) vorgesehen.

Als eine Öffnung im herkömmlichen Sinne kann diese Maßnahme allerdings nicht bezeichnet werden. Sie bestünde lediglich in Form zweier Betonröhren, die unter der Airbus-Landebahn und in den Finkenwerder Vorhafen getrieben werden.

Durch diese Maßnahme sollte ein neues hochwertiges Biotop in und an der Alten Süderelbe entstehen. Daß die Alte Süderelbe bereits ein solches ist und zum Teil unter Naturschutz steht und nur durch ein anderes Biotop überprägt werden soll, ist den Planern dabei entgangen. Die Flächenbilanz ergab folgendes Bild: Biotopfläche Altenwerder (242 ha), Alte Süderelbe (227 ha). Nach der Zerstörung Altenwerders verbleibt nur noch die Hälfte („geöffnete" Alte Süderelbe) der Biotopfläche im Süderelberaum. Vahrenholt bezeichnete diese Lösung als „Jahrhundertwerk". Presseerklärung vom 27.8.1996:

... und jetzt.

Diejenigen, die versuchen die Hafenerweiterung in Altenwerder zu verhindern, muß ich daran erinnern, daß die Entscheidung für die Inanspruchnahme Altenwerders bereits vor Jahren gefallen ist. Die Öffnung der Alten Süderelbe zur Verbesserung des Naturschutzes ohne das Projekt „Altenwerder" war nicht im Angebot."

Es scheint ihm entgangen zu sein, daß er mit seinem Vorschlag erst die Hafenerweiterung planfähig gemacht und damit Altenwerder den Todesstoß versetzt hat.

Seit der erfolgreichen Planierung Altenwerders ist es um andere Ausgleichs- und/oder Ersatzmaßnahmen still geworden.

... über das Bad in der Elbe

Seit Anfang der achtziger Jahre, als das Thema Elbverschmutzung noch einen breiten Raum in der Öffentlichkeit einnahm, wurden immer wieder von den Umweltsenatoren Versprechungen gemacht, nach denen es in einigen Jahren wieder möglich sein sollte, in Elbe und Alster zu baden. Bei solchen Erklärungen ist es bisher geblieben. Weder Elbe noch Alster „laden zum Bade...". Selbst wenn eines Tages die Gewässerbelastung so reduziert sein sollte, daß eine gesundheitliche Gefährdung nicht mehr zu erwarten ist, werden immer noch andere Gefahren lauern. Durch den ständigen Ausbau der Elbe zum Schiffskanal hat sich die Wasserströmung derart erhöht, daß sich selbst gute Schwimmer in der Strömung nicht halten können. Hinzu kommt noch der von den vorbeifahrenden Schiffen erzeugte Wellenschlag, der zusätzlich einen starken Sog verursacht.

Im neuen "Nationalpark Hamburger Hafen"

... über Vorschläge für Maßnahmen zur Verbesserung der gewässerökologischen Situation im Hafen

Zuerst muß Mensch wissen, was der Hamburger Hafen ist: „Der Hafen ist nicht nur ein Schaufenster des Wirtschaftsraumes Hamburg, sondern er ist auch das Aushängeschild für die Lebensqualität in unserer Stadt an der Elbe" und „daß Hafenbecken mehr sind als bloße Transportwege für Schiffe: In den Hafenbecken steckt Leben!"1.

Um dieses Leben zu erhalten und gar zu verbessern, wurden in einem ersten Schritt umfangreiche Maßnahmen entwickelt. So wären z.B. ausgehängte Weihnachtsbäume Laichplätze für Plötzen und Barsche. Allerdings müßte diese Maßnahme jedes Jahr wiederholt werden. Wir sehen darin kein Problem, Weihnachten findet jedes Jahr statt und gleichzeitig wird die Entsorgung der Weihnachtsbäume gelöst. Die ökologisierung des Hafens bietet auch noch andere Vorteile. „Naturnahe Bereiche im Hafen können für die Hafenplaner als positive Vorzeigeobjekte für das Miteinander von Natur und Wirtschaft genutzt werden. Sie können Anlaufpunkt für Hafenrundfahrten und Staatsbesuche sein".2

Im zweiten Schritt wurden nun Renaturierungsmaßnahmen untersucht und gefunden.

Die praktische Umsetzung der gewässerökologischen Gestaltungsmaßnahmen soll im Guanofleet erfolgen. Nie gehört? Wir helfen gerne: Das Guanofleet befindet sich am Südufer der Norderelbe, gegenüber den Landungsbrücken. Es ist eine ca. 100 m lange und 50 m breite Fläche.

Nun kann die Umweltbehörde nicht einfach losbuddeln und ökologisieren. Die Gestaltung und die technische Ausführung müssen erst untersucht werden. Die ersten hunderttausend Mark sind weg. Die gesamte Umgestaltung für diese kleine Fläche wird dann dem Steuerzahler noch einmal ca. DM 400.000 kosten.

Und was haben wir davon, einen „ökologischen Stützpunkt" ohne Wert, der nur für Staatsbesuche geeignet ist.


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Januar 1999